18:24 04 Juli 2020
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    Die Proteste in Minneapolis nach dem Tod eines Afroamerikaners bei einem brutalen Polizeieinsatz scheinen nicht abzureißen. US-Präsident Donald Trump veranlasste eine Untersuchung dieses tragischen Vorfalls und versprach, dass die „Gerechtigkeit wiederhergestellt wird“.

    Der ehemalige US-Polizist Steven Howard schildert, warum es in den USA immer wieder zu Gewaltexzessen bei der Polizei kommt.

    - Es sind bei weitem nicht die ersten Proteste wegen polizeilicher Gewalt gegen unbewaffnete Menschen in den USA. Warum greifen einige Polizisten immer wieder zu dieser Taktik?

    Seit der Tragödie vom 11. September 2001 kommt es immer wieder zu solchen Fällen. Die Polizei wurde militarisierter – sie setzt häufig Militärtechnik und Waffen ein – mit diesen Waffen geht auch ihr Verhalten einher. Heute kommt so etwas überall vor, vor allem wenn man sich weigert, sich Handschellen anlegen zu lassen, nicht sofort ins Polizeiauto springt und nicht sagt „Yes Sir“ bzw. „ No Sir“, wenn man sie verflucht bzw. auf sie spuckt, ist ihre erste Reaktion anschließend – möglichstheftig gegen den Boden zu drücken und danach das Knie auf den Kopf bzw. Hals zu legen, um „das Verhalten zu korrigieren“.

    Sie dürfen das eigentlich nicht, doch sie machen das. Weil sie wissen, dass sie schlimmstenfalls den Job verlieren könnten. In South Carolina wurde einem Menschen in den Rücken geschossen, weil er floh. Warum handeln diese Polizisten so? Weil es für sie so am bequemsten ist. Sie wissen, dass ihre Chefs sie schützen werden, weil sie keine Gerichtsprozesse wollen. Der einzige Fall mit negativen Konsequenzen sind Videoaufnahmen wie in diesem Fall. Ansonsten können sie einfach behaupten, dass die Person bei der Festnahme Widerstand leistete, und man tat, was vernünftig und notwendig war.

    Zuerst zweifelt man stets an den Worten des Festgenommenen in der Gegenüberstellung mit dem Polizisten. Doch diesmal geschah alles vor einer Menschenmenge mit Handys und Kameras. Damit gehört das mittlerweile so ziemlichzum Standard in diesem Land, besonders in Großstädten.

    - Bezugnehmend auf Ihre Äußerungen: Was können die lokalen Behörden und die föderale Regierung machen, um diese Situation zu regeln?

    Man muss sie zur Verantwortung ziehen. Alles, was ein Zivilist tun kann, ist, vor Gericht zu gehen, und dann Geld zu bekommen. Polizisten fürchten diese nicht besonders, weil sie schon häufig Gerichtsprozesse zu ihren Gunsten drehen können, und sogar noch befördert werden. Ich arbeitete an Fällen, bei denen Polizisten in Rücken von unbewaffneten Menschen schossen, die nichts taten, und zum Ende des Gerichtsprozesses bekamen sie sogar eine dienstliche Beförderung. Doch wenn die föderale Regierung solche Leute wegen der Verletzung der Rechte anklagt, und sie ins Gefängnis kommen, dann könnten sie vielleicht denken: „Vielleicht habe ich mich falsch verhalten.“ Warum verhalten sich diese Polizisten so? Weil es für sie bequem ist. Sie wissen, dass sie geschützt werden. Sie wissen, dass ihr Chef sie schützen wird. Weil ihr Chef keine gerichtlichen Untersuchungen will. Und wenn sie so vorgehen und geschützt werden, denken sie, dass ein solches Vorgehen normal ist. Der Chef wird sie schützen. Deswegen ist das sehr bequem, so ständig zu agieren.

    - Solche Situationen sorgen für ein bestimmtes Image der US-Polizei. Polizisten werden als Rassisten bezeichnet und verstärken entsprechende Klischees. Was sind die Folgen? Was können wir noch erwarten?

    Ein Zivilist kann nichts machen, außer Klage einreichen und Geld bekommen. Sie können sich beim Innenministerium beklagen, doch das Innenministerium, das eigentlich die Verfahren über grausamen Umgang und überzogene Gewaltanwendung untersuchen, Polizisten kündigen, die gegen das Recht verstoßen, und sie zur Verantwortung ziehen soll, schützt in Wahrheit nur die Polizeieinheiten vor gerichtlichen Klagen.

    Ich ertappte einen Officer bei einer Lüge vor Gericht, was ein Verbrechen ist. Ich legte alle dokumentierten Beweise vor, darunter Aufnahmen und Protokolle der Gerichtssitzungen, dem Innenministerium Lansings, dem Bundesstaat Michigan, und dem örtlichen Polizeichef. Im Innenministerium wurde nur eine Frage an mich gestellt, und danach versuchten sie, mich davon zu überzeugen, dass ich nicht Recht habe. Sie schützten eindeutig die Polizeieinheit vor einer Gerichtsklage. Ich verstand sehr schnell, dass ich damit nicht weiterkommen werde. Deswegen beschloss ich, mich beim nächsten Mal an die Medien zu wenden und zu sehen, was ich tun kann, um Polizisten und Bürgermeisterbloßzustellen, dann wird sich vielleicht etwas ändern. Doch ich hatte noch keine Möglichkeit, dies zu tun.

    Ein paar Worte über den Officer, der den Kerl bei der Flucht erschoss. Was hätte er mit dem Jungen gemacht – der Bursche war 17 bzw. 18 Jahre alt – dieser befand sich hinter Büschen auf der anderen Seite des Zauns und machte davon Aufnahmen, wie der dem Kerl in den Rücken schießt. Wie denken Sie, was er getan hätte, wenn er den Jungen gesehen hätte? Er hätte ihn sicher getötet. Er wollte den Typ nur aus dem Grund töten, dass er floh; er würde sicher jemanden töten, um sein Leben und seinen Job nicht zu verlieren. Der Junge, der die Fotos machte, machte alles richtig.

    Er wandte sich nicht an die Polizei in der Stadt bzw. Rechtsschutzorgane, weil sie die Indizien fallengelassen und gesagt hätten, dass nichts Schreckliches geschehen sei, und der Polizist wäre freigesprochen worden. Aber er ging sofort zur Presse. So verbreiteten sich diese Beweise im Fernsehen und Internet. Der Polizei sind dann die Hände gebunden. Sie kann sich nicht mehr einigeln.

    Der Polizeichef saß da und weinte: „Das war überflüssig …“. Wissen Sie, warum er weinte? Weil dies das Ende seiner Karriere war. Er ist dann nicht mehr Polizeichef, weil alles unter seiner Regentschaft passierte. Jetzt sehen wir das Gleiche, es wurde nur keine Waffe angewendet. Diesen Polizisten ist es egal, ob sie Menschen Schmerzen zufügen, weil sie wissen, dass sie davonkommen. Erst wenn sie ins Gefängnis kommen, werden sie sich wie Menschen verhalten.

    Ob sie erstaunt waren, dass jemand mit einer Kamera auftauchte? Das ist nicht verwunderlich. Die Polizei fragt sich, warum Menschen ihr nicht trauen, warum Menschen ihnen nicht erzählen, was geschah.

    Niemand will freiwillig Informationen preisgeben. Niemand will ihnen helfen. Weil sie keine guten Menschen sind. Es ist für sie viel einfacher, Gewalt anzuwenden, sie sehen darin nichts Schlimmes. Ihrer Meinung nach machen sie einfach ihren Job.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Afroamerikaner, Polizeigewalt, USA, Minneapolis