06:44 21 Oktober 2020
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    Minneapolis, die größte Stadt im US-Bundesstaat Minnesota, wird schon seit drei Tagen von Massenunruhen erschüttert, die ausgebrochen sind, nachdem ein Afroamerikaner gestorben war, als vier Polizisten ihn gefasst und mit dem Hals zum Boden gedrückt hatten.

    Die Unruhen begannen, als der Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, die Nationalgarde beauftragte, die Situation unter Kontrolle zu bringen, weil die Proteste in zügellose Raubüberfälle und Auseinandersetzungen mit der Polizei in der ganzen Stadt ausuferten.

    David T. Jensen, ein Bürger aus Minneapolis-Saint Paul, findet, dass die Unruhen so lange anhalten könnten, bis die Polizeibeamten, die George Floyd getötet haben, festgenommen werden.

    - Sputnik: In den letzten Tagen kommen aus der Hauptstadt beunruhigende Nachrichten über Brandstiftungen und Plünderungen von Einkaufszentren. Was passiert gerade in Minneapolis?

    David T. Jensen: Es scheint gerade eine Pause bei diesen Unruhen gekommen zu sein, die vom Plündern begleitet werden, das vor allem gegen Target-Geschäfte (…) und mehrere Walmart-Supermärkte gerichtet ist. Auch Pfandstellen und Alkoholgeschäfte gehören zu den Zielen der Plünderer. Es ist tatsächlich zu einem Massenausbruch der Wut und Hysterie gekommen.

    - Hatte es vor dem Zwischenfall um George Floyd irgendwelche Anzeichen von Unruhen gegeben, der nach der Auseinandersetzung mit der Polizei von Minneapolis starb? Oder wurde nur dieser konkrete Fall zum Auslöser der Unruhen?

    Nein, es gab keine. Am Sonntag deutete noch nichts auf die Unruhen hin. Es geht nicht nur um George Floyd, und, ehrlich gesagt, denke ich, dass man nach der Kündigung der vier an dem Zwischenfall beteiligten Polizisten dachte, alles wäre schon in Ordnung. Aber wie könnte denn ihre Kündigung alles in Ordnung gebracht haben?! Denn vier Männer haben einen Mann getötet, und es wurde eine Videoaufnahme davon gemacht. Dafür wurden sie nur gefeuert – natürlich verlangt die Menschenmenge Gerechtigkeit. Der Generalstaatsanwalt Keith Ellison sagte, man sollte die Ergebnisse der Ermittlung abwarten, aber man sollte doch ehrlich sein: Auf dem Video war zu sehen, wie der Mann getötet wurde, und man verhaftet diese Männer und steckt sie in eine Gefängniszelle, und solange die Ermittlung läuft, werden sie angeklagt. Der einzige Grund, warum das nicht passiert, besteht darin, dass diese Männer Polizisten sind. Und das amerikanische Volk glaubt, dass das unfair ist. Man glaubt der Illusion, es würde die gleichen Regeln für alle geben. Aber wer die Geschichte kennt, weiß, dass es immer zwei Arten von Regeln gab.

    - Manche Amerikaner erinnern sich angesichts der Massenunruhen in Minnesota an die Unruhen in Los Angeles 1992, die ausgebrochen waren, nachdem Polizisten einen afroamerikanischen Autofahrer namens Rodney King überfallen hatten. Was denken Sie: Können diese zwei Fälle miteinander verglichen werden? Und wenn ja, warum haben dann die Ordnungskräfte aus dem damaligen Zwischenfall nichts gelernt?

    Wir lernen nun einmal nichts. Wenn es eine tobende Menschenmenge gibt, und man wird gegen sie Tränengas einsetzen und mit Gummikugeln auf sie schießen, dann wird das einem Bullenkampf ähneln: Wenn man den Bullen anrempelt, wird dieser dadurch noch wütender. Dadurch gießt man nur noch mehr Öl ins Feuer. Man könnte denken, in Minneapolis würde es klügere und vernünftigere Menschen geben, die die Situation entspannen könnten – doch sie haben offenbar nichts gelernt.

    - Der Polizeichef von Minneapolis, Medaria Arradondo, erklärte am Donnerstag, unter den Teilnehmern der Unruhen hätte es nicht nur Stadteinwohner, sondern auch Menschen aus der Umgebung gegeben. Kann man sagen, dass die Unruhen von außerhalb zusätzlich provoziert wurden?

    Das glaube ich nicht. Ich denke, vor dem Polizeirevier stand eine wütende Menschenmenge, die Polizisten haben sich versperrt. Als sie aber mit Steinen beworfen wurden, setzten sie Tränengas und Gummikugeln ein, und warfen zudem kleine Bomben mit Gummibällchen. Das waren alles aggressive Menschen, die von der Ungerechtigkeit enttäuscht und wütend waren und dachten: „Es ändert sich nichts!“ Ich weiß noch, wann ich zum letzten Mal so wütend war – als Philando Castile getötet wurde, der seinen Führerschein herauszog und zuvor dem Polizisten gesagt hatte, dass er eine Pistole im Auto habe. Er wollte seine Brieftasche herausziehen, und die Polizisten schossen auf ihn – sechs Mal. Und der Typ wurde damals freigesprochen. Und ein Jahr später schoss Mohammed Nur eine weiße Frau tot, die auf das Auto zukam; jene Frau, die die Polizei gerufen hatte, weil sie dachte, es wäre jemand in der Gasse nebenan vergewaltigt worden.

    Er erschoss sie, ohne jeden Befehl gehabt zu haben, und sagte, der einzige Grund, warum er zur Verantwortung gezogen worden sei, bestünde darin, weil er schwarz und die Frau weiß sei. Und jetzt wurden vier weiße Polizisten, die sechseinhalb Minuten lang das Knie auf dem Hals des Mannes in Anwesenheit von mehreren Augenzeugen gehalten hatten, die ihr Vorgehen live aufnahmen und zeigten und sie baten, damit aufzuhören, und sagten, dass der Mann nichts getan habe – jetzt wurden sie von der Verantwortung befreit. Auch die drei Beamten, die daneben standen, die sich da hätten einmischen müssen, wurden nicht angeklagt. Dieser Mann wurde festgenommen, hatte Handschellen an, und es war ihre Pflicht, sein Leben zu beschützen. Aber stattdessen drückte man ihm mit dem Knie auf den Hals – für sechs Minuten. Es ist ja unglaublich, dass das passiert ist! Aber noch mehr wundert mich, dass unsere Behörden, unter anderem auch Afroamerikaner und hochrangige Beamte, sagen, man sollte „die Ergebnisse der Ermittlung abwarten“, um zu bestimmen, ob die Polizisten angeklagt werden müssen. Das waren ja keine Polizisten, sondern Mörder, die hinter Gittern gehören! Und alle wissen, dass das Gewalt ist und dass die Unruhen kein Ende finden, solange das nicht passiert. Und wir sind immer noch hier – schon seit drei Tagen.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    USA, Polizeigewalt, Krawallen, Ausschreitungen, Minneapolis