02:43 14 Juli 2020
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    Der Ehrenpräsident des Dachverbands der Schwarzen-Organisationen in Frankreich, Louis-George Tin, zeigte sich in einem Interview für Sputnik überzeugt, dass es in Frankreich einen „systemischen Rassismus“ gibt, der vom Staat ausgeht.

    Er verurteilte dabei die Politik, bei der vor allem schwarze Zuwanderer zur „Zielscheibe“ werden, während Rassisten vom Gesetz geschützt werden. Gleichzeitig glaubt er nicht, dass es ein universales französisches Modell gibt, das Frankreich von den USA unterscheiden würde und von dem nur „weiße bürgerliche katholische und heterosexuelle Eliten reden“.

    Nach Auffassung Louis-George Tins, der 2005 mit einer Initiative zum Welttag der Bekämpfung von Homo- und Transphobie aufgetreten war, schauen die Eliten beim Problem des Rassismus bewusst weg.

    Sputnik France: Kann man sagen, dass manche Politiker, mediale Personen und Intellektuelle sich hinter dem Universalismus auf französische Art verstecken, um das Problem des Rassismus in Frankreich nicht zu lösen?

    Louis-George Tin: Das ist tatsächlich so. Ich bin selbst Anhänger des Universalismus, aber bei dem Universalismus, von dem manche reden, geht es in Wahrheit eher um einen gewissen Uniformismus. Die Eliten (und das sind vor allem weiße Menschen aus bürgerlichen Kreisen, Katholiken und Heterosexuelle) sagen: „Universalismus – das bin ich. Ihr solltet meinem Modell folgen, und falls Ihr nicht so seid wie ich, dann seit Ihr Kommunitaristen.“ Das ist der soziale Diskurs, den man hierzulande seit 30 Jahren hört. Das ist fast schon belustigend, und wenn die Situation nicht so ernsthaft wäre, dann würden wir jetzt darüber lachen.

    - Kann man heutzutage von einem „systemischen“ bzw. „systematischen Rassismus“ in Frankreich reden?

    - Man muss vom systemischen, aber nicht vom systematischen Rassismus reden. Man kann nicht sagen, alle Polizisten wären Rassisten, denn es geht nicht um eine Regelmäßigkeit, sondern um einen Systemcharakter in dem Sinne, dass eine Politik ausgeübt wird, die sie zwingt, Zuwanderer zu jagen, vor allem dunkelhäutige Zuwanderer. Diejenigen, die vom Rassismus in der Polizei reden, wird man los, und Rassisten werden dabei in Schutz genommen. Das ist auch an der Heuchelei der Generalinspektion der nationalen Polizei (Inspection Générale de la Police Nationale – IGPN) deutlich zu sehen. Aus dieser Sicht ist der Rassismus systemisch.

    Gerade darauf verwies übrigens vor einigen Jahren das Berufungsgericht, als es feststellte, dass die Behörden im Fall um die Überprüfung des äußeren Erscheinungsbildes einen groben Fehler begangen hatten. Dabei werden nicht nur Polizisten beschuldigt, sondern auch ihre Vorgesetzten, denn das Berufungsgericht hat sowohl die Polizisten als auch den Staat selbst für den groben Fehler verurteilt. Das Gericht sah nämlich ein, dass es ein System gibt, in das der Staat involviert ist, denn es geht um den staatlichen Rassismus – denn es ist nun einmal Rassismus, wenn Menschen nach ihrer äußeren Erscheinung beurteilt werden. Und diese Form des Rassismus wurde von den Behörden eingeführt – und wird auch geschützt. Das bedeutet nicht, dass alle Beamten, denen auch ich angehöre, Rassisten sind. Aber das bedeutet, dass es das System gibt, das Rassisten in Schutz nimmt.

    Laut dem Artikel 40 der Strafprozessordnung sind Beamte verpflichtet, Straftaten zu melden, deren Opfer oder Augenzeuge sie werden. Manche tun das nicht – sie sind also auch schuldig.

    - Welches Modell ist aus Ihrer Sicht besonders effizient, wenn es um den Kampf gegen Rassismus geht? Der französische Universalismus oder das eher kommunitaristische Modell in den USA, das ethnische Unterschiede anerkennt?

    - Diese Geschichte um das universalistische Modell in Frankreich ist voll und ganz scheinheilig. In Frankreich gibt es kein universalistisches Modell. Universalismus ist eine Hyperbel. Diejenigen, die von sich behaupten, Universalisten zu sein, halten sich für den „Mittelpunkt der Welt“. Aber niemand kann alle Menschen auf einmal verkörpern. Universalismus ohne Frauen, Schwarze, Ausländer, Behinderte, Arme ist kein Universalismus. Es gefällt uns, zu denken, dass wir in Frankreich die besten sind, aber wir sollten eigentlich nicht denken, wir wären besser als alle anderen.

    - Und was halten Sie vom amerikanischen Modell?

    - Wir denken nicht, dass die USA ein Modell für Frankreich sind. Was wir verlangen, ist im Grunde die Gleichheit. Die Gleichheit, der unser republikanisches Motto gilt und die im Artikel 1 unserer Verfassung verankert ist. Man muss nicht irgendwo anders nach einem Modell suchen. Es ist nun einmal so, dass wir uns an unsere eigenen Werte nicht halten – wir sind einfach primitiver geworden, als wir es selbst zuvor gewesen waren. Wir konterkarieren permanent die Realität und sollten eigentlich begreifen, dass es in Frankreich ein Problem gibt, das nicht nur Schwarze betrifft. Es geht auch um Gewalt gegen Frauen, um Pädophilie… Dabei sagt man den Opfern immer: „Haltet die Klappe, versteckt euch“ usw., weil wir unsere nationale Illusion bewahren müssen.

    - Wie schätzen Sie Frankreichs politische Antwort auf die Probleme ein, die in vielen Ländern nach dem Tod George Floyds aufgepoppt worden sind?

    - Wir haben gesehen, dass die Statements plötzlich ganz anders lauten – ob aber den Worten auch entsprechende Taten folgen werden? Das ist schwer zu sagen. Ein Optimist wird sagen, es werde positive Veränderungen geben, ein Pessimist sagt aber, das seien nichts als scheinheilige Worte, wobei Präsident Macron seine Meinung tagtäglich ändere.

    Ich persönlich glaube nicht, dass sich Macrons Politik über Nacht verändern wird. Ich vertraue eher der Volksbewegung und nicht den Politikern, besonders wenn es um eine Person geht, die schon häufiger gelogen hat, und zwar in Bezug auf ganz verschiedene Fragen.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    George Floyd, Dunkelhäutige, Rassismus, Frankreich