06:24 24 Oktober 2020
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    Einen Corona-Test vor oder nach der Arie gefällig? Berlin werkelt an neuen Strategien für Bühnen, da etliche Theater straucheln. Die Deutsche Oper Berlin zeigt nun mitten in der Pandemie eine Neuproduktion vor Publikum. Wie geht das? Intendant Dietmar Schwarz zum „Verschiebebahnhof“ Opernhaus – zu Summen, Subventionen und tragischen Szenen.

    Am Freitag vor Pfingsten sei sie eingetroffen - die Genehmigung des Berliner Senats, unter Beachtung der Hygiene- und Abstandsregeln, Veranstaltungen für 200 Personen durchzuführen, erzählt Dietmar Schwarz. Er ist seit 2012 Chef des größten Opernhauses der Hauptstadt. Normalerweise bevölkern knapp 2.000 Kulturfreunde Parkett und Ränge des zweitgrößten Musiktheaters Deutschlands.

    „Wir wollen vor der offiziellen Sommerpause für unser Publikum noch etwas „Kleines“ machen“, so Schwarz. „Es wird ein „Open-Air“ und Spielstätte ist unser Parkhausdach. Das ist zufälligerweise akustisch sehr gut, obgleich so gar nicht für musikalische Zwecke errichtet.“  

    Die Sänger sind alle in Berlin, denn um diese Zeit wären zum Auftakt der Richard Wagner-Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ Proben unter der Regie des Norwegers Stefan Herheim gelaufen. Am Tag der ursprünglich geplanten Premiere des „Rheingolds“ im großen Haus am 12. Juni gibt es nun eine coronabedingt verschlankte halb-szenische Aufführung: „Das Rheingold auf dem Parkdeck“. Es handelt sich um eine 90-minütige Version des ersten Teils der normalerweise 16 Stunden umfassenden Wagner-Oper, die im Jahr 1990 von Jonathan Dove eigens für kleinere Spielstätten und Festivals arrangiert wurde. Gerade einmal 12 Sänger und 22 Musiker sind jetzt vorgesehen.

    Vor, auf und hinter der Bühne gibt es etliche Veränderungen.

    Abstände und Tests wegen der Ansteckungsgefahr

    Die sieben großen Berliner Orchester haben in Eigeninitiative Virologen der Charité gebeten, ein Orchesterkonzept zu erarbeiten. Es ist die Grundlage für die Aufstellung der Musiker. Plexiglas-Schutz vor Trompete, Posaune und Tuba gehört dazu.

    Da die Gesundheitsämter überlastet seien, liege der Schutz des Publikums im Verantwortungsbereich der Sicherheitsbeauftragten der Theater, so Schwarz. Die Absicherung des Konzepts wird mit Betriebsärzten, Personalrat und Geschäftsführung überwacht.

    Die Sänger selbst müssen anderthalb Meter Abstand wahren, dürfen einander nicht berühren und einander nicht vis-à-vis ins Gesicht singen. Küssen ohnehin nicht. Beim Staatsballett Berlin werden bei Liebesszenen Tanzpartner eingesetzt, die Paare sind oder in einer Wohngemeinschaft leben. Die neuen Regeln für Filmproduktionen sehen gar fünftägige Quarantänen vor, so eine intime Szene geplant ist.

    „Über Tests denken wir nach“, so Schwarz. Genau das hat jüngst Berlins Kultursenator Klaus Lederer vorgeschlagen in seiner Initiative „Kultur trotz(t) Corona“. Die Machbarkeit und Verlässlichkeit der Methode sei einmal dahingestellt. Als Option kämen diese ohnehin erst nach der Sommerpause zum Saisonstart im großen Haus in Betracht. 

    „Wir probieren es jetzt strikt nach dem aktuellen Stand der Hygiene-Regeln aus, ohne dass wir Experimente mit Corona-Tests oder dergleichen wagen“, so der Opern-Chef. Auch eine Quarantäne würde nur bei Verdachtsmomenten veranlasst. Selbstisolation als Regel bei der Einreise etwa aus Amerika müsse ohnehin beachtet werden - die Verantwortung dafür läge allerdings nicht beim Haus. Jeder Sänger soll eine Einzelgarderobe bekommen, um Ansteckungsgefahren zu minimieren, und wenn auf der Bühne Make-up oder eine Perücke vorgesehen ist, komme beim Maskenbildner ganz so wie beim herkömmlichen Friseurbesuch auch die Mund-Nasen-Schutzmaske zum Einsatz.

    Publikumsverkehr-Management wie in Geschäften

    Auf dem Parkdeck wird eine Spielstätte erschaffen. Der Publikumsbereich kann so vorschriftsmäßig-ideal in einer Mischung aus Paarsitzen und Einzelbestuhlung gestaltet werden. Im Theater selbst würden allerdings zwischen den Besuchern mehrere Plätze frei bleiben müssen – das reduziert das Platzangebot enorm. Wegen der Belüftungsanlage unter den Stühlen, könnten keine Sitzreihen entfernt werden. Und so hat das Sicherheitskonzept für den Saisonstart ab Herbst ergeben, dass die DOB gerade einmal 400 Zuschauer im Saal pro Vorstellung unterbringen könnte. Doch zunächst ist Schlange stehen geboten, denn der Publikums-Einlass selbst wird wie in Geschäften gehandhabt, so Schwarz – Warten im gebührenden Abstand zum Vordermann.

    Hunger nach dem Live-Event

    Das Opernpublikum hungert nach Live-Events. Nur wenige Minuten dauerte es, da waren alle fünf „Rheingold-Open-Airs“ ausverkauft.

    Im Shutdown ist die DOB auf Digitales ausgewichen: Mit Klassikern wie „Don Giovanni“ oder „Orpheus in der Unterwelt“ und Alexander Zemlinskys „Der Zwerg“. In intimer Atmosphäre gaben Künstler in der neuen Serie „Lieblingsstücke“ Arien zum Besten – teils begleitet von Generalmusikdirektor Donald Runnicles am Klavier.  

    „Am Anfang des Lockdowns erfreuten sich die Streaming-Angebote unglaublich hoher Beliebtheit. Doch all das ersetzt nicht das Live-Erlebnis. Der Wunsch danach wird immer größer“, stellt Schwarz fest. Es sei eine „schwierige Vorstellung“, weiter digital zu bleiben, sollten die Corona-Lockerungen wieder zurückgedreht werden. Selbst Opernhäuser, wie die „Metropolitan Opera“ in New York, die viel mehr Aufzeichnungen archiviert hätte, gehe langsam das Programm aus. Gegebenenfalls müssten andere digitale Formate her, so Schwarz. Eine unbefriedigende Aussicht.

    „Therapiestunden“ im Opernfoyer

    Denn auch die Sänger wollen wieder auf die Bühne und live vor ihr Publikum. Da ist die kleine „Rheingold“-Produktion wie ein Hoffnungsschimmer. Denn nicht alle steckten die Krise gut weg – Corona-Erkrankungen selbst habe es bei Mitarbeitern der DOB aber nur zwei gegeben. In den vergangenen Wochen hat Direktor Schwarz in den großen Foyers des Hauses in Zehnergruppen Treffen mit seinen Ensemblemitgliedern durchgeführt, um zu erfahren, wie seine Mitarbeiter die Situation erleben. Es sei bitter gelacht, aber auch geweint worden. Einige Sänger glaubten schon nicht mehr daran, jemals wieder vor Publikum singen zu können, als das Haus seine Pforten und Bühnen schloss. Die auch scherzhaft „Therapiestunde“ genannten Treffen hätten auch ihm viel Energie gegeben, die Situation zu meistern, so Schwarz über den Austausch.

    Ungeklärt ist allerdings noch die Situation des rund 80 Mitglieder umfassenden Chores. Chöre gelten als „Super-Spreader“: Noch im März gab es Meldungen über Infektionen beim Berliner Domchor: 60 der 80 Sänger hatten sich bei einer einzigen Probe angesteckt. Mittlerweile weiß man um Gefahren einer Übertragung des Virus´ über „Aerosole“ in geschlossenen Räumen. Und so herrsche derzeit eher schlechte Stimmung bei einigen Kolleginnen und Kollegen, deren Auftritte in weite Ferne gerückt scheinen. Der Intendant arbeitet an Lösungen: Abhilfe könnten eine medizinisch abgesicherte Freiburger Studie mit neuen Ergebnissen bringen, zudem erwarte er in den kommenden Tagen eine Studie des Bayerischen Rundfunkchores zur Begutachtung.

    Die einzigartige „Berliner Lösung“

    Wer fest im Ensemble angestellt ist, erhält Kurzarbeitergeld. Die weltweit eher von Freiberuflichkeit geprägte Szene, die nicht nur eine Anna Netrebko oder Placido Domingo in Einzelengagements bindet, kommt in Deutschland in den Genuss einer außergewöhnlichen Regelung: Freiberufliche Sänger mit Verträgen, die coronabedingt nicht erfüllt werden können, erhalten rund 25 Prozent der vereinbarten Gage. Das ist die einzigartige „Berliner Lösung“, die mit der „Komischen Oper“ und der „Staatsoper Unter den Linden“ entwickelt wurde. Nach diesem Modell richten sich auch andere Häuser, die Mitglieder der sogenannten deutschsprachigen Opernkonferenz.

    Das Feedback der Künstler ist positiv, auch weil es so eine Lösung in anderen Ländern nicht gäbe. Es soll durchaus Künstler geben, die jetzt auf Geld verzichten - für die Aussicht eines Engagements in ein paar Jahren. Man kennt und hilft einander. Das betrifft auch die Star-Künstler. Das Abfedern der Verluste könne Schwarz durch die Kurzarbeiter-Regelung jedoch gerade einmal bis zum Sommer leisten, schließlich gehe es wegen der Ausfallhonorare und der mangelnden Einnahmen aus dem regulären Betrieb um Millionenbeträge: „Ein ganzes Jahr halten wir das nicht durch“, so Schwarz.

    „Beginn vom Ende“ - Finanzielles Dilemma rüttelt am Selbstverständnis der Oper 

    Ein subventionierter Betrieb wie die DOB mag dabei zwar nicht so sehr im Bestand gefährdet sein wie Privattheater. Die Hauptkompensation für den Millionenverlust wegen des Verdienstausfalls erfolgt derzeit durch das Arbeitsamt. Würde aber das Orchester spielen, fiele das Kurzarbeitergeld weg. Und wenn sich dann angesichts der logistisch extrem reduzierten Zuschauerzahlen die Einnahmen maximal auch nur noch auf ein Viertel des üblichen Volumens beliefen, sei die Verlustrechnung ganz einfach, so Schwarz:

    Dietmar Schwarz von der Deutschen Oper Berlin
    © Foto : JONAS HOLTHAUS PHOTOGRAPHY
    Dietmar Schwarz von der Deutschen Oper Berlin

    „Irgendwann würde die Oper vor dem Aus stehen, insbesondere was Neuinszenierungen anbelangt. Die würden wir uns nicht mehr leisten können.“ Er gehe zwar davon aus, dass der Staat das Haus selbst zunächst weiter unterstützen würde, aber eben nur mit dem bereits vorhandenen Repertoire: Doch „wenn man nichts Neues mehr machen kann, ist das doch eigentlich schon der Beginn vom Ende für ein Opernhaus.“

    Devise „Nerven behalten“ 

    Die heute positiv stimmende Devise laute aber: „Alle geplanten Neuinszenierungen werden zu gegebener Zeit nachgeholt. Wir produzieren nichts für die 'Tonne'! Es gilt nun, die Nerven zu behalten und den 'Verschiebebahnhof' immer neu zu überdenken.“  Denn bei Opern kommen viele Elemente  zusammen - Regie, Sänger, Musiker, Technik - und auch die Langfristigkeit in der Planung ist essentiell. Insbesondere was die Buchung der Sänger anbelangt. Es sei wie ein „Puzzle“ zuweilen, erzählt der Intendant, schließlich würden auch andere Opernhäuser die begehrten Stimmen engagieren wollen. „Dass nun solche Planungen kurzfristig über den Haufen geworfen werden, macht mich momentan am meisten nervös.“

    Die neue Spielzeit 2020/2021 beginnt schon am 14. August. Operndirektor Schwarz sieht über die Sommerpause hinweg einem Lernprozesses im Umgang mit Corona entgegen. Die DOB würde den Betrieb langsam „hochfahren“, so dass ab Oktober wieder „einigermaßen normal“ gearbeitet würde. Wenn das Orchester dann wegen der Abstandsregeln nicht im beengten Orchestergraben untergebracht werden kann, würde Wagners „Walküre“ dennoch szenisch geprobt. Er fahre wie die Politik „auf Sicht“.

    Für die Zukunft des Operntheaters befürchtet Schwarz, dass Berührungsängste noch lange bestehen bleiben. „Irgendwie will man es noch nicht so ganz wahrhaben, doch es muss sich grundlegend etwas ändern - wir werden uns etwas einfallen lassen.“ Von der Vorstellung, sich wie zuvor eng „aufeinandersitzend“ einem vereinenden Erlebnis und dem Gemeinschaftsgefühl eines Beethovenschen „Seid umschlungen Millionen“ hinzugeben, müsse man sich aber wohl verabschieden.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Coronavirus, Klaus Lederer, Deutsche Oper Berlin