12:26 06 Juli 2020
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    Neue Normalität in der Corona-Pandemie: Lockerungen weltweit (50)
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    Russland hat offiziell bereits über 14 Millionen Corona-Tests durchgeführt – dreimal so viel wie in Deutschland und 74 Prozent mehr pro einer Million Einwohner. Stabil hoch sind mit fast 9.000 Fällen die täglichen Neuinfektionen – bei einer erstaunlich niedrigen Sterberate. Was zählt am Ende? Ein russischer Virologe bringt es auf den Punkt.

    Dabei nutzte Deutschland nicht einmal die Hälfte seiner Testkapazitäten, meldete kürzlich das Bundesministerium für Gesundheit. Es werden pro Woche lediglich bis zu 400.000 Menschen auf das Coronavirus getestet – bei einer maximal möglichen Kapazität von über einer Million. Aber auch die Anzahl von Neuinfektionen überschreitet in den letzten Tagen kaum 300 Menschen. 

    Es drängt sich die Frage auf: Waren es im Endeffekt bisher nur 186.867 registrierte  „deutsche“ Fälle, weil so relativ wenig getestet wurde? In Russland sind es zwar 511.423 Fälle (Stand Freitag) – um 2,7 Mal mehr, aber es wird ja dreimal so viel getestet. Ansonsten liegt die russische Corona-Sterberate, oder besser gesagt, die Mortalität, bei lediglich 6.715 Opfern – gegen 8.852 Tote in Deutschland. Auch wenn man annimmt – was die deutschen Medien öfter machen, dass die eigensinnigen Russen die Sterbestatistik etwas vertuscht hätten, sollte die Rate nicht höher liegen als die deutsche. Ist das Verhalten des Virus bei abweichenden politischen Maßnahmen am Ende nicht  identisch– wie die Zahlen suggerieren? Diese und weitere Fragen hat Sputnik mit dem erfahrenen russischen Virologen, Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften und Direktor des Instituts für Medizinische Parasitologie an der Medizinischen Setschenow-Universität Moskau, Prof. Alexander Lukaschew, diskutiert.

    Herr Lukaschew, kann man sagen, dass die Epidemie-Lage in Russland sich nach dem deutschen Szenario entwickelt? Noch vor einem Monat waren die Neuinfektionen in Deutschland ebenso stabil hoch. Sind die Gesamtzahlen der Infektionen tatsächlich identisch – wenn man bedenkt, dass Russland mehr testet und entsprechend mehr Fälle entdeckt ?

    Sie sind nicht identisch, weil die Inzidenzrate, also die Zahl der Neuerkrankungen, sich in Russland viel langsamer abflacht als es in Deutschland war. Die Mortalitätsraten sind aber tatsächlich identisch. In Russland liegt sie offiziell bei 1,3 Prozent. In Deutschland belaufen sich die Toten auf 4,7 Prozent der Infizierten. Sie sind unterschiedlich – und können doch verglichen werden. Warum? Erstens werden in Russland die „an“ Corona Gestorbenen getrennt von denen „mit“ Corona Gestorbenen betrachtet. Wenn unsere Gerichtsmediziner die Toten obduzierten und feststellten, dass die Todesursache etwa die durch das Coronavirus verursachte Lungenläsion – die häufigste – war, dann wurde der Tote zu den Corona-Opfern gezählt. In vielen anderen Ländern (auch in Deutschland - Anm. d. Red.) wurde angenommen, alle Toten „mit“ Corona seien Corona-Tote gewesen. 

    Welcher statistische Ansatz ist aus Ihrer Sicht der richtige?

    Ich kann es nicht einschätzen. Es ist aber klar, dass die Länder ihre Corona-Mortalität unterschiedlich berechnen. Die russischen Zahlen der „mit“ Corona Gestorbenen werden nicht im Detail veröffentlicht. Man bekommt sie aber manchmal zu hören – wie etwa von der stellvertretenden Ministerpräsidenten Tatjana Golikowa am 29. Mai. Sollten wir alle Fälle zusammen berechnen, hätten wir eineinhalb Mal so viele registrierte Corona-Opfer als jetzt. Darüber hinaus verzögert sich die Mortalität im Verhältnis zur Morbidität, da eine Person durchschnittlich am 20. Tag nach der Erkrankung stirbt. Deutschland hatte im März zunächst ebenfalls eine auffallend niedrige Sterberate, dann stieg die Zahl um ein Vielfaches. Der russische Infektionsausbruch ist noch nicht abgeflacht – und deswegen ist die Sterberate auch so niedrig. 

    Ein weiterer Faktor ist natürlich die große Anzahl der durchgeführten Tests. Diverse eigene Testsysteme anhand der sogenannten Polymerasekettenreaktion (PCR) wurden in Russland seit den 1990er Jahren ziemlich schnell entwickelt, da die US-amerikanischen und andere Patente noch nicht galten. Jetzt sind die PCR-Tests bei uns weit verbreitet, billig und werden überall eingesetzt. 

    Warum sind denn die Neuinfektionen so hoch in Russland? Kommen die Lockerungen verfrüht?  

    Schwierige Frage. Erstens ist Russland nicht Deutschland. Wohlhabendere Menschen sind nicht weniger diszipliniert als in Deutschland, wobei die Ärmeren auf die einfachsten Schutzmaßnahmen wie den Mundschutz seltener achten. Insgesamt ist die russische Toleranz gegenüber antiepidemischen Maßnahmen sowohl aus emotionalen als auch aus wirtschaftlichen Gründen geringer. Wenn einer sein Brot verdienen muss, dann ist ihm auch das Infektionsrisiko einerlei. Man muss aber bedenken, dass bei uns bis Mitte Mai alle Infizierten als Erkrankte galten. Die neuen Empfehlungen des Gesundheitsministeriums, die Infizierten ohne Symptome und Beschwerden nicht in der Statistik zu berücksichtigen, kamen erst Ende Mai.

    Kann man trotzdem behaupten, dass Russland bei den Anti-Corona-Maßnahmen gescheitert ist?

    Ich teile diese Meinung nicht. Man hat sich nicht auf die komplette Abflachung der Kurve eingelassen, wollte nicht mit dem sogenannten Lockdown die Krankheit größtenteils besiegen. Im März schienen noch strikte Ausgangsbeschränkungen und die „Erstickung“ der Morbidität optimal, wie es in Deutschland der Fall war. Heute ist man sich aber nicht mehr so sicher, dass dies der allerbeste Weg war. Es gab genug Studien, nach denen die Anzahl der Menschen mit Antikörpern etwas schneller gewachsen ist als die der registrierten Corona-Fälle. Höchstwahrscheinlich waren die Infektionen ohne Symptome in unserem Land – und in anderen auch – nicht doppelt, sondern zehnmal so präsent wie die symptomatischen Infektionen. 

    Auch eine Studie des Charité-Virologen Christian Drosten zeigte im April, dass ungefähr 30 Prozent der Menschen aufgrund der früheren Infektionen die sogenannte Hintergrundimmunität hätten und daher weniger Corona-anfällig seien. Drittens: In Russland wurde die Ausgangssperre in erster Linie nicht zur Erstickung der Morbidität genutzt, sondern als Gelegenheit, die medizinischen Kapazitäten und Krankenhäuser auszubauen, damit es nicht zu einer Überlastung kommt. Zu einer hundertprozentigen Auslastung ist es auch nur sehr selten gekommen. Im Moment sind die Moskauer Kliniken etwa zu 40 Prozent mit Corona-Patienten ausgelastet, in den Regionen mag es höher sein. In diesen zwei Monaten wurden aber Behandlungsschemata für Patienten erarbeitet. Dies bezieht sich hauptsächlich auf die Rettungsprogramme für Schwerkranke. Es ist ein Verständnis dafür entwickelt worden, wie man schwere Fälle verhindert, es nicht so weit kommen lässt, dass der Erkrankte dann ein Beatmungsgerät braucht. Die Beatmungsgeräte gelten ja als umstritten. Selbst wenn sie die Lage nicht verschlimmern, sind die Rettungschancen in solchen Fällen sowieso niedrig.

    In Deutschland haben sich viele seinerzeit darüber beschwert, dass ein Testsystem ab einem bestimmten Moment fast unzugänglich wurde. Russland lieferte eher gegensätzliche Bilder – auch wenn wohl nur in den Großstädten.  Kann man in Russland trotz aller Kritik doch rechtzeitig eine Behandlung bekommen? 

    Im Großen und Ganzen ja. Es gibt allein sechs oder sieben PCR-Testsysteme aus russischer Produktion. Auch die sogenannte isotherme DNA-Amplifikation ist als eine moderne Version von PCR gängig. Sie sind weit verbreitet und werden nicht nur von der staatlichen Versicherung beglichen, sondern auch viele Unternehmen bestellen auf eigene Kosten solche Tests für die Mitarbeiter, um die Produktion aufrechtzuerhalten. In Moskau und in einigen Regionen wird nun regelmäßig auf Antikörper getestet – in Moskau waren es laut einer kürzlichen Studie unter einigen Tausenden Menschen etwa zwölf Prozent mit Immunität. Es gab zwar bis Ende April lokale Probleme mit den Tests, aber jetzt sind sie weitgehend zugänglich. 95 Prozent des Angebots dürfte für die Patienten kostenlos sein. Ein schwer Erkrankter kann die Klinik erst verlassen, nachdem er zwei negative PCR-Tests gemacht hat. In Moskau kriegen die Patienten in Hausquarantäne am 10. und 12. Tag nach dem ersten Test neue Testmöglichkeiten. 

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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