13:23 25 Oktober 2020
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    DDR 1990 – Erste freie Wahl zur Volkskammer und mit Eiltempo zur deutschen Einheit (26)
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    Horst Teltschik, ehemaliger Chef der Münchner Sicherheitskonferenz und außenpolitischer Berater von Helmut Kohl bei der Wiedervereinigung, wird am 14. Juni 80 Jahre alt. Im Sputnik-Interview erzählt Teltschik von der Sternstunde seines Lebens und erklärt, warum er pessimistisch ist, dass sich die Weltführer heute so einigen wie vor 30 Jahren.

    - Herr Teltschik, Sie haben viele bedeutende, ja historische Ereignisse erlebt. Gibt es etwas, das Sie als „Sternstunde“ Ihres politischen Lebens bezeichnen würden? 

    Die Sternstunde meines politischen Lebens ist eindeutig die Wiedervereinigung Deutschlands, die Einheit Europas und der Beginn einer neuen Weltordnung 1989/90.

    - Voraussetzung für die Wiedervereinigung waren die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen, die vor 30 Jahren begannen. Wie war der Verlauf bis hin zur Unterzeichnung im September 1990? War gleich klar, was das Ziel ist und was herauskommen würde?

    Die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen begannen ja erst im Mai 1990.Die wichtigsten Gespräche dazu fanden schon im Vorfeld statt. Ich war im Bundeskanzleramt für die auswärtigen Beziehungen zuständig. Anfänglich waren die Gespräche mit der Sowjetunion schwierig. Dann wurde es aber auch vor allem mit London und abgestuft mit Paris schwierig. Bundeskanzler Kohl und Präsident Gorbatschow hatten dann im Mai aber schon den politischen Rahmen abgestimmt mit Präsident Bush in den USA, mit Mitterand in Paris und selbst mit Premierministerin Thatcher. Die Außenminister hatten dann die Aufgabe, das Ganze im Rahmen dieser Leitlinien in einen Prozess und am Ende in einen Vertrag umzusetzen.

    - Was könnte man für heute aus dem damaligen Umgang der Blöcke und Weltmachtvertreter miteinander lernen?

    Man kann daran sehen, wie wichtig das persönliche Vertrauen der Akteure ist. Präsident Gorbatschow hat mir später einmal selbst gesagt, wenn er das Vertrauen in Helmut Kohl und George Bush nicht gehabt hätte, wäre vieles anders gelaufen. Das gilt auch für das Verhältnis von Kohl zu Bush und Mitterand und letzten Endes auch zu Margaret Thatcher. Thatcher war immer am Ende der Liste, weil sie besondere Schwierigkeiten mit der deutschen Einheit hatte.

    Bundeskanzler Helmut Kohl (l.) und Horst Teltschik - Mitarbeiter der Abteilung Auswärtige und Innerdeutsche Beziehungen im Kanzleramt, 1986
    Bundeskanzler Helmut Kohl (l.) und Horst Teltschik - Mitarbeiter der Abteilung Auswärtige und Innerdeutsche Beziehungen im Kanzleramt, 1986

    Ein zweiter zentraler Punkt ist, sich immer auf Augenhöhe zu begegnen. So hat konkret der amerikanische Präsident George Bush Gorbatschow nie das Gefühl gegeben, du hast den Kalten Krieg verloren, wir sind die Gewinner und so machst du gefälligst, was wir sagen.

    - Wenn wir das auf heute übertragen: Johnson, Putin, Trump, Macron, Merkel - wie würden sie hier das Verhältnis charakterisieren?

    Das lässt sich nicht einheitlich charakterisieren. Wenn Sie sich an die erste Begegnung zwischen Präsident Putin und Präsident Trump in Hamburg erinnern (auf dem G20-Gipfel 2017, Anm. d. Red.), schien das ja atmosphärisch gut verlaufen zu sein. Außergewöhnlich war allerdings, dass inhaltlich nie etwas über das zweistündige Gespräch bekannt wurde. Es gab keine „Note-taker“ (deutsch: Notizenmacher) und Trump hat sogar den Dolmetschern nach dem Gespräch die Notizen abgenommen. Die Welt hat nie erfahren, was die Themen dieses ersten Gesprächs waren.

    Aber aus diesem zumindest hoffnungsvollen Beginn hat sich nichts weiterentwickelt. Man hat sich dann zwar immer mal wieder auf Gipfeln getroffen, aber substanziell ist bis heute zwischen den beiden nichts herausgekommen außer Streitigkeiten darüber, ob sich Russland in den amerikanischen Wahlkampf eingemischt hat. Es gibt keine strategische Linie in der Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Im Gegenteil, Sanktionen und anderes haben die Beziehungen weiter verschlechtert.

    - Woran krankt das russisch-amerikanische Verhältnis und was könnte es verbessern?

    Das ist eine berechtigte Frage. Themen für eine Zusammenarbeit gäbe es genug. Denken Sie nur an den Nahen und Mittleren Osten, an die Konflikte, die dort herrschen. Oder denken Sie an den Iran. Die USA haben einseitig das Atom-Abkommen gekündigt, Russland und die Europäer Gott sei Dank nicht. Aber es wurden Sanktionen verhängt und es geht nichts voran. Auch in der Ukraine gibt es Stagnation. Und nun kommt noch Corona dazu. Außerdem steht Trump vor Wahlen. So sehe ich in diesem Jahr wenig Chance, dass sich im amerikanisch-russischen Verhältnis Wesentliches ändert.

    - Der SPD-Fraktionsvorsitzende Rolf Mützenich hatte vorgeschlagen, Deutschland aus der nuklearen Atomwaffen-Teilhabe der Nato herauszulösen, also beispielsweise keine US-Atomwaffen mehr in Deutschland zu stationieren. Was halten Sie davon?

    Von solch einer einseitigen Entscheidung halte ich nichts. Meine Erfahrung aus der Politik im Umgang mit anderen Staaten hat mich gelehrt, dass es immer beiderseitiger Schritte bedarf. Schritt für Schritt.
    Das von Mützenich angesprochene Problem der Atomwaffen in Deutschland ist nicht entscheidend. Besorgniserregender ist die weltweite Aufrüstungswelle. Trump kündigt ständig neue Waffensysteme an und Präsident Putin antwortet darauf. Die Volksrepublik China rüstet auch auf. Indien und Pakistan verfügen über Nuklearwaffen. Und auch kleinere Staaten sind inzwischen nuklear gerüstet, eventuell auch Nordkorea oder potentiell Iran. Wenn der Iran dann wirklich über Nuklearwaffen verfügen sollte, können wir davon ausgehen, dass auch Saudi-Arabien, Ägypten und andere Player in der Region diese wollen. Wir brauchen also eine generelle Strategie der weltweiten Abrüstung.

    - Was wäre ein geeignetes Forum dafür?

    Als beste Schlüssel dafür haben sich bisher in der Geschichte Verhandlungen zwischen den USA und der Sowjetunion beziehungsweise heute Russland erwiesen. Damit sollte es beginnen. Die Amerikaner bestehen ja darauf, dass die Chinesen einbezogen werden. Aber China wird sich auf keine Verhandlungen einlassen, wenn sie nicht vorher sehen, dass auch die USA bereit sind, substanziell abzurüsten.

    - Könnte da nicht gerade die Corona-Krise für einen Reset in den globalen Beziehungen sorgen?

    Ihr Wort in Gottes Ohr. Aber es ist zur Stunde noch zu früh für solche Prognosen. Noch versuchen alle Staaten sich abzuschotten, um die Verbreitung erst einmal zu stoppen. Aber Sie haben Recht, Corona zeigt, dass wir in einer Reihe von Bereichen globale Antworten brauchen. Und ausgerechnet jetzt beenden die USA die Beitragszahlungen an die WHO, die Weltgesundheitsorganisation. Das ist Wahnsinn.

    Wir haben im Moment keinen verlässlichen Partner in Washington.

    - Sind Sie noch Transatlantiker?

    Ja, unbedingt. Das hat mich auch die Zeit der deutschen Einheit gelehrt. Im Mai 1990 hatte mich Präsident Gorbatschow mal in einem Gespräch gefragt, warum wir denn noch die Nato bräuchten, wenn wir jetzt Partner und Freunde werden. Meine Antwort war: Wenn Deutschland geeint ist, ist es das größte und wirtschaftlich stärkste Land in Europa. Und unsere Nachbarn haben die Geschichte nicht vergessen. Für sie lässt es sich leichter mit uns zusammenleben, wenn wir im gleichen Bündnis sind und wenn die Amerikaner dabei sind. Ob uns das passt oder nicht, das ist das Ergebnis der europäischen Geschichte. Allerdings wäre mir eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsordnung unter Einschluss Russlands, wie wir es in der Charta von Paris unterzeichnet haben, lieber.

    Horst Teltschik und Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2006
    © AFP 2020 / JOHN MACDOUGALL
    Horst Teltschik und Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2006

    - Könnte der Impuls Richtung Russland nicht eher von Europa ausgehen, wenn Trump und die USA gelähmt sind?

    Im Augenblick bin ich da nicht sehr optimistisch, weil dank Corona alle bis zur Halskrause mit innenpolitischen Problemen beschäftigt sind. Da bleibt wenig Spielraum für große internationale Initiativen.

    - Was halten Sie eigentlich von Präsident Putin? 

    Ich habe ihn ja wiederholt erlebt. Er war auch mein Gast in München auf der Sicherheitskonferenz. Ich habe ihn als einen Gesprächspartner erlebt, mit dem man offen und direkt sprechen kann. Ich hatte den Eindruck, dass er durchaus jemand ist, mit dem man Vereinbarungen erzielen kann. Aber im Moment ist das schwierig. Wir wissen nicht, wie es in Russland weitergeht mit der Verfassungsreform. In der Bundesrepublik gibt es nächstes auch Wahlen. Das macht es außenpolitisch schwierig. Ich habe in meiner Zeit mit Helmut Kohl erlebt, dass man an der Spitze Politiker braucht, die sich ein Ziel setzen, für das sie arbeiten und kämpfen und entsprechend offensiv auf Partner zugehen. Im Augenblick sehe ich das auf allen Seiten leider nicht gegeben.

    Das Interview mit Horst Teltschik zum Nachhören:

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Helmut Kohl, DDR, Horst Teltschik, Wiedervereinigung