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    In seinem Ende Mai erschienenen Buch „Russlands Botschafter: Meine Jahre in Berlin“ blickt der russische Diplomat Wladimir Grinin auf seine langjährige Karriere in Deutschland zurück. In einem Gespräch mit Sputnik sprach er auch über die für ihn schwersten Zeiten in diesem Land und über den deutschen Politiker, der ihn am meisten beeindruckte.

    Wladimir Grinins Karriere in Deutschland umspannt mehrere Jahrzehnte: Sein erster Posten führte ihn an die Botschaft der UdSSR in Bonn noch im Jahr 1973. Später war er auch Abteilungsleiter der Botschaft der UdSSR in der DDR und ab 1990 in der Bundesrepublik Deutschland. Von 2010 bis 2018 war er als Botschafter Russlands in Berlin tätig.

    Der Diplomat betont in seinem Buch die enge Bindung zwischen den Deutschen und Russen. „Es gibt eine gegenseitige Zuneigung  zwischen den Deutschen und den Russen, und heute wird sie immer stärker“, so Grinin.

    Doch womit ist diese Zuneigung zu erklären? Der ehemalige Botschafter verweist auf die langjährige gemeinsame Geschichte: Schon der Großfürst Jaroslaw der Weise habe im 11. Jahrhundert die Tradition von Eheschließungen zwischen den Vertretern der führenden Dynastien der Rus und Deutschlands begründet.

    Der erste russische Zar, Iwan der Schreckliche, habe viele ausländische Fachkräfte aus Europa nach Moskau eingeladen, die sich im Jahr 1570 in einem Vorort Moskaus ansiedelten. Dieses Ausländerquartier trug daher den Namen Nemezkaja Sloboda (Deutsche Vorstadt).

    Und im Jahr 1762 wurde die deutsche Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst zur russischen Zarin Katharina II. – oder Katharina die Große, wie sie auch bekannt ist.

    Auch trotz der Tragödie der faschistischen Aggression gegen die Sowjetunion versuche man heute, das Vertrauen zwischen den beiden Ländern wiederaufzubauen und dabei auch einen Fortschritt zu erzielen. Man solle auch nicht vergessen, dass derzeit viele Russen in Deutschland und umgekehrt viele Deutsche in Russland lebten.

    Und auch in weiteren Bereichen wie Wirtschaft und Kultur herrsche zwischen Russland und Deutschland „bei weitem kein Stillstand“, so Grinin. 

    Hinter den Kulissen

    Viele von uns interessiert das, was hinter den Kulissen passiert, wenn die Kameras aus sind. Ob sich die Politiker anders verhalten und sich auch zu verschiedenen Themen anders äußern? „Das ist mehrmals passiert. Das ist eine Besonderheit des politischen Lebens, die ich bei weitem nicht nur in Deutschland beobachtet habe“, antwortet der russische Diplomat.

    Als Beispiel führt Grinin in seinem Buch die Reden des ehemaligen deutschen Außenministers und jetzigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier an. Seine Beziehung zu Steinmeier ist dem Ex-Botschafter zufolge „von unschätzbarem Wert“. Grinin nennt Steinmeier einen „durchsetzungsfähigen Politiker, der an der Verbesserung der deutschen Beziehungen zu Russland interessiert war und ist.“

    In öffentlichen Reden habe sich Steinmeier diesbezüglich aber sehr zurückhaltend gezeigt. Nach den Ereignissen in der Ukraine im Februar 2014 „mischten sich auch kritische Töne an unsere Adresse in seine Äußerungen“.

    „Dies war und ist nicht überraschend für einen Diplomaten, insbesondere für hochrangige Beamte, die zunächst die Positionen ihres Landes und der internationalen Gemeinschaft vertreten müssen, wozu es gehört, manchmal die eigenen Wahrnehmungen und Gefühle nicht deutlich werden zu lassen.“

    „Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen“, zitiert Grinin die berühmte Aussage des französischen Außenministers Charles-Maurice de Talleyrand aus dem Jahr 1807.

    Egon Bahr

    Alle deutschen Politiker, die er in seiner Zeit als russischer Diplomat in Deutschland getroffen habe, hätten einen großen Eindruck auf ihn gemacht, so Grinin. Wenn er aber einen einzigen Politiker wählen müsste, der bei ihm den stärksten Eindruck hinterließ, dann wäre das laut Grinin der SPD-Politiker Egon Bahr – der Mann, der die Politik des „Wandels durch Annäherung“ in den sechziger Jahren begründet hatte. Diese habe wiederum zur neuen Ostpolitik der Bundesrepublik unter Willy Brandt geführt.

    „Diese prominente Persönlichkeit und dieser Politiker, mit dem ich mich sehr oft getroffen habe und der mich in der Botschaft regelmäßig besucht hat, auch mit seiner Frau Adelheid, hat einen starken Eindruck auf mich gemacht. Und zwar sowohl als Politiker als auch als Mensch. Ich werde das nie vergessen!“

    Seine letzte große Rede hielt Bahr interessanterweise in Moskau im Juli 2015. Wie Steinmeier in seiner Trauerrede bei Bahrs Beisetzung im September 2015 betonte, hatte dieser bei seiner Russland-Reise „erneut an sein Vermächtnis erinnert, bei dessen Inhalt er sich einig war mit Willy Brandt: Die Kraft des Verstandes ist letztlich stärker als die Kraft der Waffe.“

    Turbulente Zeiten

    In Deutschland habe er in der Tat vieles erlebt, was ihn tief beeindruckt habe, so der Ex-Botschafter. Als schwerste Periode bezeichnet Grinin Ende 2013. Genau damals sei es infolge der „entsprechenden Aktivitäten der USA“ zur sogenannten ukrainischen Krise gekommen – mit den darauffolgenden Vorwürfen gegen Russland.

    „Das ganze mündete folglich in einen tiefen Rückschlag und eine Depression für unsere Beziehungen mit Deutschland. Diese beginnen seit Kurzem aufgrund bekannter Umstände wieder zu heilen.“

    In seinem Buch nennt Grinin auch einen weiteren Zeitabschnitt, der sich für ihn als sehr schwierig erwiesen hatte: Das sei sein letztes Jahr im Amt des russischen Botschafters in Berlin gewesen. Dafür gab es laut Grinin unterschiedliche Gründe, vor allem der Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin sowie die Entscheidung des damaligen US-Präsidenten Barack Obama, 35 russische Diplomaten aus den Vereinigten Staaten auszuweisen – vor dem Hintergrund der Cyberangriffe während des US-Präsidentschaftswahlkampfes, für die er die russische Regierung verantwortlich machte.

    „Mein letztes Jahr in Deutschland war, wie man hierzulande zu sagen pflegt, sehr durchwachsen. Die offiziellen Beziehungen zu Russland waren nach wie vor angespannt, sie standen unverändert unter einem spürbar unfreundlichen Diskurs, der von einigen politischen Persönlichkeiten und hauptsächlich von den Medien bestimmt wurde“, schreibt Grinin.

    Diese „bis zur Russophobie gesteigerte Feindseligkeit habe natürlich unter dem amerikanischen Stern gestanden".

    „Die Staaten der EU, allen voran Deutschland, vermochten es nicht, sich aus der Vormundschaft der USA zu lösen und sich als eigenständiges Subjekt zu emanzipieren.“

    Deutsche Presse gefühlt prowestlich, aber …

    Während seiner Zeit in Deutschland habe er viel deutsche Presse gelesen und habe auch oft ihre Vertreter getroffen – auch die Chefredakteure. Das Thema deutscher Journalismus kommt auch in Grinins Buch vor.

    Er „lese und höre mitunter Aussagen und Kommentare, wie sie vor zehn Jahren undenkbar gewesen“ seien. „Nun kann man immer sagen: Das sind die Stimmen einzelner Journalisten, die man nicht überbewerten dürfe. Doch viele Stimmen sind ein Chor.“

    Zudem würden diejenigen, die sich für normale, vernünftige Beziehungen mit Russland aussprächen, als „Putin-„ oder „Russland-Versteher“ denunziert. „Für alle Probleme und Konflikte in der Welt wird Russland, wahlweise auch China, verantwortlich gemacht“, schreibt Grinin weiter.

    „Die Prowestlichkeit ist spürbar“, so Grinin. „Doch mir scheint es, dass manche Vertreter dieser Branche die Bereitschaft zeigen, richtige Schlüsse über die Zukunft zu ziehen.“ In letzter Zeit entwickle sich nach seiner Ansicht die Stimmung in den deutschen Medien in diese Richtung.  

    „Wir werden sehen, wie sich der Hergang der Ereignisse und diese Tendenz als Ganzes weiter manifestieren“, so Grinin weiter. 

    Wie sieht die Zukunft aus?

    Für alle, darunter auch für die deutsche Presse, wäre es laut Grinin derzeit sehr ratsam, sich genauer anzuschauen, in welche Richtung sich momentan die Welt bewege.

    „Das hat mit den USA, der EU sowie mit der Welt als Ganzes zu tun. Wenn wir in diesem Kontext unsere deutsch-russischen Beziehungen genauer anschauen, sie weiter wiederaufbauen und entwickeln, dann wird das eine richtige Schlussfolgerung und Entscheidung für die Zukunft sein.“

    In seinem Buch zeigt sich Grinin hinsichtlich der Zukunft der deutsch-russischen Beziehungen optimistisch: Eine große Rolle soll dabei kulturellen und wirtschaftlichen Projekten zukommen. „Und ich bin der Überzeugung, dass die deutsche Wirtschaft nicht nur die Kraft, sondern auch den Willen hat, die Zusammenarbeit mit Russland fortzusetzen und auszubauen.“

    Grinin erinnert sich an die Antwort des deutschen Altkanzlers Gerhard Schröder auf seine Frage, welchen Ausweg dieser aus der Krise in den Beziehungen zwischen Russland und Deutschland sehe.

    „Er meinte, es sei vor allem notwendig, die Handels- und Wirtschaftskomponenten zu stärken und die Kontakte zwischen kleinen und mittleren Unternehmen, Familienbetrieben und den Industrieverbänden umfassender und effektiver zu gestalten. Das Business sei wie Wasser, es findet immer seinen Weg.“

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Ex-Botschafter, Russland, Deutschland, Wladimir Grinin