07:17 21 Oktober 2020
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    Noch heute analysieren Historiker geheime Reizfaktoren, die Hitlerdeutschland zum Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 bewegten. Zu diesen Faktoren gehört auch das Geschacher von Berlin und London hinter den Kulissen, in dessen Zuge Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß im Mai 1941 auf die britische Insel flog.

    Welche Rolle Heß bei der Aufnahme der deutsch-britischen Kontakte spielte, wie sein Flug vorbereitete wurde, mit welchen Angeboten er sich auf den Weg machte, wer und warum die Mission des Hitler-Stellvertreters torpedierte und somit der Verlauf des Zweiten Weltkriegs kardinal geändert wurde - darüber spricht der  Historiker der Sicherheitsdienste Dr. phil. Wladimir Makarow auf der Grundlage von Dokumenten aus den Staats- und Dienstarchiven.

    Herr Makarow, welchen Platz hatte Rudolf Heß in der Hierarchie Nazi-Deutschlands? Wie bedeutend war er, so dass er von Interesse für ein geheimes Zusammenwirkens Londons und Berlins gewesen sein könnte?

    Der britische Historiker Peter Padfield charakterisierte Heß knapp als: „Idealist“. Mit diesem Wort wurde Heß im Laufe fast seiner gesamten Karriere beschrieben. Der Grund, aus dem er von den Ideen Hitlers besessen war, bestand wohl darin, dass die Gedanken des künftigen Diktators, die er vom politischen Geheimbund „Thule-Gesellschaft“ und von den alten Kameraden an der Front übernommen hatte, dem Idealisten Heß sehr nahe waren. Von diesen Ideen war die Atmosphäre seines Münchner Kreises beherrscht, die durch den von Illusionen befreiten Nationalismus und Schrecken des Bolschewismus belastet waren. Hitler zeigte sich als Verkörperung des Traums von Heß.

    Ausführlicher über die Rolle von Heß in der Führungsriege des Dritten Reichs schrieb am 23. Februar 1948 sein ehemaliger Adjutant, SA-Oberführer Karlheinz Pintsch. Heß beeinflusste maßgeblich die Entwicklung ihrer aggressiven Politik. Dieser Einfluss erfolgte praktisch über seinen Stab, der die oberste Instanz der NSDAP war, wie Pintsch damals ausführte.

    Heß waren Reichsleiter, Gauleiter und die Leiter der NSDAP-Massenorganisationen untergeordnet. Laut dem von Hitler im April 1934 verabschiedeten Gesetz war der Staat der Partei unterstellt. Damit konnte kein einziger Gesetzentwurf von einzelnen Ministern Hitler ohne Billigung von Heß vorgelegt werden. Ohne Zustimmung des Stabs von Heß konnte kein oberster Beamter ernannt bzw. befördert werden… Der Stab von Heß hatte auch Einfluss auf die Streitkräfte, wobei der nationalsozialistische Geist in die Armee implementiert und politisch unzuverlässige Kommandeure entfernt wurden.

    Der Einfluss des Stabs auf die Außenpolitik erfolgte über Joachim von Ribbentrop, der ab 1934 der ständige Referent für auswärtige Angelegenheiten in dem Stab war. Zudem erfolgte der Einfluss auf die Außenpolitik durch den Stab von Heß über den Außenpolitischen Dienst der NSDAP (geleitet von Rosenberg). Botschafter, Gesandte und höchste Beamte des Außenministeriums mussten erst vom Stab von Heß gebilligt werden.

    Dank des Umstandes, dass Himmler Heß unterstellt war, konnte sein Stab auch die Tätigkeit des Geheimdienstes in Deutschland und im Ausland kontrollieren und entsprechende Aufträge erteilen. Der Leiter der Abwehr, des militärischen Geheimdienstes der Wehrmacht, Admiral Canaris, musste Heß persönlich über alle wichtigen Materialien, die der Geheimdienst sich beschafft hatte, berichten.

    Zudem hatte der Stab von Heß Spezialagenten im Ausland, die ihn regelmäßig über die politische Lage in den entsprechenden Ländern informierten…

    Dem Stab von Heß waren auch der Aufklärungsdienst der Auslandsorganisation der NSDAP, die von Ernst Wilhelm Bohle geleitet wurde, sowie der Geheimdienst des Außenpolitischen Amtes der NSDAP, geleitet von Alfred Rosenberg, unterstellt.

    Pintsch nannte auch die Namen von ausländischen Journalisten, die als Agenten für Heß arbeiten,  darunter die britischen Journalisten George Ward Price, Major Cyril Falls, der US-Journalist Karl von Wiegand u.a.

    Zeigte die sowjetische Aufklärung Interesse an Heß und anderen Spitzenkräften  Nazi-Deutschlands? Sind die von ihr gesammelten Angaben dazu bekannt?

    Natürlich hatten die sowjetischen Geheimdienste auch Rudolf Heß im Visier. In einem Sammelbuch von Lew Sozkow mit dem Titel „Aggression. Freigegebene Dokumente des Auslandsgeheimdienstes SWR der Russischen Föderation 1939-1941“ gibt es ein Dokument „Hitlers Stellvertreter in der NSDAP – Heß“. Das Dokument wurde von der 5. Abteilung der Hauptverwaltung der sowjetischen Staatssicherheit NKWD am 10. Dezember 1940 auf Grundlage von Angaben des ehemaligen Mitarbeiters des britischen Secrete Intelligence Service der deutschen Abwehr, Alexander Nelidow, erstellt.

    Dort hieß es unter anderem:

    „Heß genießt nicht nur das Vertrauen Hitlers, sondern auch der Parteikollegen. Alle wissen, dass man ihm vertrauen kann – er wird niemanden im Stich lassen, keine Intrigen spinnen und vertraute Personen nicht zu deren Nachteil ausnutzen. Deswegen ist Heß unter den Parteikollegen sehr beliebt. Er zeigte sich bislang nicht als selbstständiger Täter… Heß machte einige Reisen ins Ausland, wo er über das Leben in Deutschland berichtete… Dieser unauffällige Mann (oder der sich bemüht, unauffällig zu sein) ist auf einem sehr angesehenen Posten. Nelidow“.

    Und wie war die Persönlichkeit von Karlheinz Pintsch? In welchem Umfang sind seine Angaben für das Verständnis der Gründe und Ziele der Missionen von Heß 1941 wichtig?

    Über Pintsch gibt es folgende Angaben: deutscher Offizier, Journalist, SS-Oberführer, Oberleutnant der Wehrmacht. Geboren 1909. NSDAP-Mitglied seit 1925. Von 1934 bis 10. Mai 1941 als Adjutant und Pressereferent von Heß tätig. Nach dem Flug von Heß am 13. Mai desselben Jahres wird Pintsch ins Gefängnis der Münchner Gestapo gesteckt. Am 18. Mai 1941 wird er zur Gestapo in Berlin gebracht. Im Februar 1942 ins KZ-Lager Oranienburg (Sachsenhausen) gebracht. Am 2. März 1943 wird er erneut nach Berlin verlegt. Er gab dem Leiter der 4. Verwaltung (Gestapo) der Hauptverwaltung für Reichsstaatssicherheit, SS-Gruppenführer Heinrich Müller, eine Vertraulichkeitserklärung und wird als einfacher Soldat in das 540. Strafbataillon der 23. Infanteriedivision der Wehrmacht entsendet. Im Dezember 1943 bekommt er auf persönliche Anweisung des Führers den Dienstgrad eines Leutnants.

    Am 9. Mai 1945 wird er in der Nähe von Danzig von sowjetischen Truppen gefangen genommen. Am 16. Dezember 1955 wird er freigelassen und in die Heimat repatriiert. Nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft macht der ehemalige Sekretär von Lord Beaverbrook und Auslandskorrespondent von Daily Express James Leasor ein Interview mit ihm. 1962 wurde das Buch „Rudolf Heß: The Uninvited Envoy“ veröffentlicht. Der Ort des Todes von Pintsch ist nicht bekannt.

    Was wussten Historiker über die Rolle von Pintsch bei der Vorbereitung von Heß’ Flug?

    Der „Heß-Mission“ wurden einige ernsthafte Geschichtsbücher gewidmet. Eines davon – das Buch „Double Standards: The Rudolf Heß cover-up“ von Picknet Lynn, Clive Prince und Stephen Prior. Auf Grundlage der Erforschung von vielen Archivmaterialien analysierten sie das Leben und das Schaffen eines der Anführer von Nazi-Deutschland.

    Bezüglich der Gestapo-Verhöre des persönlichen Stabs des Hitler-Stellvertreters nach dem Scheitern der „Heß-Mission“, kommen die Autoren des Buchs zu dem Schluss, dass es unter den Materialien zum Verfahren keine Protokolle des Verhörs von Karlheinz Pintsch gab. „Ein Schlaglicht auf die Tage unmittelbar vor dem Flug werfen die Berichte über die anschließenden Gestapo-Verhöre der Heß-Mitarbeiter. (Bemerkenswert ist, dass sie freigelassen wurden, und ihre Karrieren wegen ihrer Nähe zu Heß nicht davon Schaden nahm, außer durch Bormann 1943).

    Berichte über die Verhöre zwischen dem 18. und 22. Mai 1941 wurden in den USA entdeckt… Ihre Erzählung beeinflusst maßgeblich die bisherige Version zum Flug von Heß, weil sie Beweise vorlegt, dass ein weiterer Versuch, diesmal am 5. Mai 1941, unternommen wurde… Es wurden die Mitarbeiter des Heß-Sicherheitsdienstes befragt: Mitarbeiter von Kriminalrat Franz Lutz, Adjutant Günther Sorof und der Fahrer Rudolf Lippert – sie alle waren SS-Offiziere. Eventuell ist die Tatsache von Interesse, dass Karlheinz Pintsch nicht zu den Befragten gehörte - der  Adjutant, der besser von den Plänen Heß’ wusste, als die restlichen Mitglieder seines Stabs, und er war nach dem Krieg die wichtigste Quelle von Informationen über die Tage vor dem Flug.“

    Mit anderen Worten: Die Angaben Pintschs sind nur in russischen Archiven bewahrt worden. Ihre Wichtigkeit wurde von britischen Historikern bestätigt, wie oben zu sehen ist.

    Welche Rolle spielte Heß überhaupt bei der Aufnahme der Kontakte zwischen Berlin und London in den Vorkriegsjahren? Mit welchen Vertretern der britischen Elite hatte er Kontakte?

    Man kann sicher sagen, dass gerade Heß viel daran gelegen war, enge Kontakte mit Großbritannien zu knüpfen. Als Veteran des Ersten Weltkriegs erinnerte er sich sehr gut an seine Lektionen und zwar – mit allen Kräften einen Krieg an zwei Fronten vermeiden. Um sich Handlungsspielraum im Osten zu lassen, musste Deutschland ein stabiles Hinterland im Westen haben.

    Pintsch sagte dazu, dass Heß es als seine besondere Aufgabe betrachtet habe, mit zugänglichen Mitteln, wenn nicht ein Militärbündnis zwischen Deutschland und England gegen Russland, dann zumindest die Neutralisierung Englands zu erreichen. Zur Aufnahme von Kontakten mit einflussreichen politischen Kreisen Großbritanniens nutzte Heß bereits ab 1934 den bekannten deutschen Wissenschaftler, Generalmajor und Professor Karl Haushofer. Zudem war Heß früher einmal sein Student.

    1934 organisierte Haushofer in einer privaten Wohnung Heß’ in Berlin ein Treffen zwischen Heß und dem schottischen Aristokraten und Militärflieger Douglas Douglas-Hamilton. Nach dem Treffen sagte Heß im Beisein von Pintsch, dass einflussreiche politische Vertreter Englands sich wohlwollend zur Politik des nationalsozialistischen Deutschlands im Osten Europas verhielten. 1935 traf sich Heß laut Pintsch in Berlin mit dem englischen Zeitungsmagnaten Lord Rothermere, seit der Zeit gab es zwischen ihnen eine aktive Verbindung.

    1937 wurde Heß in München vom Adjutanten des Feldmarschalls Duke of Connaught, eines Onkels von König Georg VI., Major Fitzroy Fires besucht, der einige Tage in der Villa Heß´ blieb. 1938 begleitete Pintsch Heß auf dem Weg nach Hamburg, wo er sich mit dem Besitzer der englischen Bank „John Henry Schröder“ – Bruno von Schröder traf, der Heß zufolge „in den Finanz- und politischen Kreisen Englands erfolgreich um Unterstützung für Hitlers aggressive Politik gegen Sowjetrusslands warb“.

    Zu den Deutschland-freundlichen Kreisen in Großbritannien gehörten der Duke of Bedford, Sir Lloyd-George, der ehemalige Finanzminister Lord Simon, der berühmte Diplomat William Strang u.a. Unter Vermittlung von Bruno von Schröder fand in einer Münchner Villa ein Treffen zwischen Heß und dem Duke of Windsor (früherer König Eduard VIII) statt.

    Unter Vermittlung von Professor Haushofer begann Heß einen engen Kontakt mit dem ehemaligen Hochkommissar des Völkerbunds in Danzig und späteren Vorsitzenden des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, dem Schweizer Professor Carl Burckhardt, der einflussreiche Verbindungen in den britischen politischen Kreisen hatte.

    Bezüglich der proenglischen Sympathien von Heß schrieb Peter Padfield: „Das Hauptziel von Heß in der Außenpolitik, das von Anfang bis zum Ende mit der Strategie Hitlers übereinstimmte, bestand darin, eine Freundschaft mit Großbritannien anzuknüpfen. Das war zur Schaffung eines sicheren Hinterlandes und der Neutralisierung Frankreichs für die Zeit notwendig, in der die deutschen Armeen zur Eroberung des Lebensraums und Ausrottung des Bolschewismus in den Osten drängen werden“.

    Über die Rolle von Heß bei der Herstellung der Kontakte zwischen den deutschen und britischen politischen Kreisen in der Vorkriegszeit sprach am 21. Mai 1946 der deutsche Diplomat Carl Clodius in seinem Schreiben „Englisch-deutsche Beziehungen“. In Deutschland habe es unter den Leitern der nationalsozialistischen Partei auch Anhänger einer Annäherung an England gegeben. In erster Linie sei an dieser Stelle Heß zu nennen, der in Ägypten aufgewachsen sei und die englische Mentalität sehr gut gekannt und anschließend einflussreiche Verbindungen in London gehabt habe… Als Heß nach London flog, wurde sehr viel darüber diskutiert, ob ihm Hitler einen Geheimauftrag erteilt hatte. Doch habe Clodius davon nichts gehört. Im Gegenteil: Damals sei gesagt worden, dass die Adjutanten, die ihm bei der Flucht geholfen hätten, angeblich festgenommen und anscheinend sogar erschossen worden seien. Darüber wisse er auch nichts, ergänzte Clodius.

    Ein anderer deutscher Diplomat, SS-Oberführer Wilhelm Rodde, kannte Heß persönlich von der Schule, wie er später Ermittlern erzählte. Beim Verhör am 20. April 1945 sprach er über seine Tätigkeit Mitte der 1930er-Jahre in London zur Aufnahme von Verbindungen zwischen den Industriellen Großbritanniens und Deutschlands. So nannte Rodde auf die Frage des Ermittlers die Namen der Engländer, die ihm bei seiner Arbeit halfen: Dazu gehören Samuel Hoare, Redakteur der Zeitschrift Daily Mail, Price, Lord Rothermere, Lord Harewood, Industrielle – Lord Brand (Bankier), Rinex,  Franky Holleden, der Schriftsteller Fleming sowie Lord Hamilton, dem er Heß 1936 vorgestellt habe und mit dessen Hilfe Heß gerechnet habe, als er 1940 nach England geflogen sei, so Rodde.

    Der „Schriftsteller Fleming“ – Autor der berühmten James-Bond-Romane, war damals Offizier des britischen Geheimdienstes. Daraus kann man schlussfolgern, dass der Secrete Intelligence Service von der Heß-Mission wusste. Neben dem SIS gab es in Großbritannien den Geheimdienst Special Operations Executive COE, der auch eine Rolle in der Geschichte um Heß spielte. Beide Geheimdienste konkurrierten in einem gewissen Sinne miteinander.

    Bezüglich dieses Gesprächs über die britisch-deutschen Beziehungen sollte man auch einen Auszug aus den Angaben des Generalfeldmarschalls Ewald von Kleist vom 27. Januar 1951 über ein Gespräch mit Hitler gleich nach der Zerschlagung der britischen Armee bei Dünkirchen im Mai 1940 erwähnen.

    Der künftige Feldmarschall äußerte dem Führer gegenüber sein Erstaunen, weil ihm verweigert worden sei, die Engländer und ihre Verbündeten endgültig zu zerschlagen: Der Krieg mit England und Frankreich beginne am 10. Mai 1940. Am 20. Mai sei der Krieg operativ gewonnen worden. Es seien Pas de Calais, Boulogne und danach Dünkirchen eingenommen worden. Die belgische Armee habe kapituliert, die französische Armee, die im Norden Frankreichs den Rückzug der Engländer decken gesollt habe, sei gefangen genommen worden. Die Engländer würden fliehen. Die deutsche Armee habe sich umgruppiert, um an Somme und Ain zum Angriff im Rücken von Maginot und in den Südwesten vorzurücken. Hitler habe mit ihm am Flugplatz Cambrai sprechen wollen. Er komme von der 4. Armee, die in Arras stationiert sei. Von Kleist habe berichtet. Hitler habe gesagt, er drücke ihm, von Kleist, keine besondere Dankbarkeit aus. Von Kleist antwortete, er sei unzufrieden. Die Engländer sollten sich nicht retten dürfen. Darauf Hitler, er habe von Kleist am Albert-Kanal festgehalten, weil er die Panzer nicht in die Sümpfe von Flandern schicken gewollt habe. Die englische Armee habe sich mit ihren Schiffen beinahe nackt gerettet. In diesem Krieg könne sie „uns“ nichts mehr antun. Vielleicht wolle Hitler Frieden mit England schließen? In diesem Fall könne das vielleicht leichter vom stolzen England jetzt erreicht werden, als das nach einer schmachvollen Niederlage wäre,  habe von Kleist damals gedacht….

    Wie bedeutend war die Heß-Mission bezüglich der Verhältnisse im Mai 1941?

    Wie wir aus der Geschichte wissen, wurde das Datum des Angriffs auf die Sowjetunion durch Hitler mehrmals wegen objektiver Umstände (Ereignisse in Jugoslawien, Albanien und Griechenland) verschoben. Am 3. August 1939 erklärten Großbritannien und Frankreich Nazi-Deutschland den Krieg, es lief ein „merkwürdiger Krieg“ zwischen Großbritannien und Deutschland. Bombenangriffe der Luftwaffe auf britische Gebiete, der Eintritt der USA in den Krieg auf der Seite der Alliierten war zu erwarten.

    Wenn Hitler einen Krieg im Osten hätte beginnen wollen, wäre er mit der Gefahr konfrontiert worden, den Krieg gleich an zwei Fronten zu führen (so ist es später auch passiert). Angesichts dessen war der Versuch zu separaten Verhandlungen der Nazis mit den Briten durchaus logisch. Deshalb beauftragte Hitler seinen Vize in der NSDAP, eine Basis für ein Abkommen mit der britischen Regierung vorzubereiten.

    Wie lange bereitete sich Heß auf diese persönlichen Kontakte mit den prodeutschen Kreisen auf der Insel vor?

    Laut Pintsch bereitete sich Heß auf den Flug nach Schottland Anfang 1941 vor. Im Februar und März 1941 habe er intensiv an den politischen und wirtschaftlichen Angeboten gearbeitet, die die Basis der Verhandlungen mit den britischen Politikern bilden sollten. Neben Heß hätten an der Entwicklung dieses Dokuments auch Mitarbeiter des Wirtschaftsministeriums, der NSDAP-Auslandsorganisation (mit dem Gauleiter Ernst Bohle an der Spitze), Professor Karl Haushofer und Heß‘ Bruder Alfred, der Vizeleiter der NSDAP-Auslandsorganisation war, teilgenommen.

    Hatte Heß Vorgespräche mit den Briten vor seinem Flug?

    Ja. Darüber sagte Pintsch aus: Im Dezember 1940 sei Heß auf seiner Reise an die Front zwecks Besichtigung von Feldflugplätzen bei Paris und am Cap Gris-Nez gewesen. Den Heiligabend hätten sie, Heß und Pintsch, im Pariser Ritz-Hotel verbracht. Nach der Radioansprache von Heß an das deutsche Volk, als er gesagt habe, 1941 könnte man den Frieden erwarten, habe Heß ihm später in einem persönlichen Gespräch gesagt, dass in Genf im August 1940 auf Initiative des Herzogs von Bedford und anderer einflussreichen englischen Politikern ein Treffen der britischen Beauftragten mit dem deutschen Beauftragten Albrecht Haushofer (dem Sohn des Generals Karl Haushofer) stattgefunden hätte. Und dabei hätten die Briten ihre Bereitschaft zu Friedensverhandlungen mit Deutschland gezeigt und nach den Bedingungen der Deutschen gefragt.

    Die Briten hätten ihre eigenen Vorbedingungen für die Friedensverhandlungen gestellt, und die erste von ihnen sei die Auflösung des Hitler-Stalin-Paktes von 1939 gewesen. Heß habe dabei gesagt, Hitler und er selbst seinen natürlich bereit, diese Bedingung der Briten zu erfüllen, aber Hitler wolle die Gespräche mit ihnen erst dann beginnen, wenn die deutsche Armee den Balkan besetzt habe.

    Ende Januar 1941 habe Heß ihm, Pintsch, mitgeteilt (habe aber zunächst gefordert, ihm zu schwören, dass er nichts verraten würde), dass er auf Hitlers Anweisung demnächst nach England fliegen würde, um die im August 1940 begonnenen Verhandlungen zu beenden. Dabei habe er sich überzeugt gezeigt, dass sein Eintreffen in England die Position der britischen Politiker festigen würde, die einen unverzüglichen Friedensschluss mit Deutschland gefordert hätten, und dass er dabei Erfolg haben würde.

    Darüber hinaus habe Heß kurz vor seinem Flug, und zwar Anfang 1941, Alfred Haushofer zum Professor Burkhardt nach Genf geschickt, um ihn den Briten den Inhalt dieser Angebote schildern zu lassen. Einige Tage später sei Alfred Haushofer aus der Schweiz zurückgekehrt und habe Heß, der in Berlin geweilt habe, gleich aus der ersten deutschen Stadt angerufen: aus Konstanz. Heß habe Haushofer Jr. zum Vortrag nach Augsburg bestellt und Pintsch mitgeteilt: Der Augenblick für seinen Flug zu den Verhandlungen in England sei gekommen.

    Pintsch ergänzte, dass an den technischen Vorbereitungen auf den Flug Großadmiral Raeder, Postminister Ohnesorge, Generaloberst Udet und Professor Messerschmitt teilgenommen hätten. Dabei habe Großadmiral Raeder Heß eine spezielle Koordinatenkarte der Nordsee zur Verfügung gestellt, und Minister Ohnesorge, der Erfinder auf dem Gebiet Funkmesstechnik gewesen sei, habe Heß erklärt, wie er mit der Strahlantenne umzugehen habe, und Generaloberst Udet habe dem Ingenieuroberst Beckmann im Ministerium für Flugwesen angeordnet, dass auf telefonische Forderung von Pintsch die Strahlantenne ‚Elektra‘ eingeschaltet werden sollte, welche die deutschen Bomber bei ihren Angriffen gegen England verwendet hätten. Professor Messerschmitt habe Heß ein Jagdflugzeug Me-110 zur Verfügung gestellt.

    Und welche Fakten zeugen davon, dass Heß tatsächlich nach Schottland kam, um für das Dritte Reich vorteilhafte Bedingungen für einen Krieg gegen die Sowjetunion auszuhandeln?

    Davon zeugen die Memoiren verschiedener Politiker der damaligen Zeit, zahlreiche Forschungen, unter anderem Forschungen britischer Historiker. Zudem gibt es Archivdokumente, die von diesem Ereignis berichten.

    Mit welchen konkreten Angeboten flog Heß nach Schottland?

    Die Arbeit an den Thesen, die die Basis der Verhandlungen bilden sollten, beendete Heß Anfang März 1941. Pintsch zufolge ging es dabei um folgendes: a) Deutschland würde die Ansprüche auf seine einstigen Kolonien in Afrika aufgeben; b) Deutschland wäre bereit, seine Kriegsmarine freiwillig zu reduzieren und Englands Herrschaft auf See zu akzeptieren; c) Deutschland wäre nicht an einer Niederlage des britischen Übersee-Imperiums interessiert; d) Deutschland wäre bereit, England bei der Aufrechterhaltung von dessen Position als Großmacht zu unterstützen; e) Deutschland wäre bereit, England bei der Vorbeugung einer Weltwirtschaftskrise nach dem Krieg zu helfen; f) Deutschland verlangte von England die Rückgabe der nach 1918 eingefrorenen deutschen privaten Aktiva, die nicht als Reparationen galten; g) auf Kosten dieser Aktiva sollte sich England verpflichten, nach dem Friedensschluss Deutschland mit Rohstoffen zu versorgen; h) Deutschland würde sich verpflichten, die von Russland ausgehende „Bolschewisierung“ Europas zu verhindern, und würde dafür die Handlungsfreiheit im Osten bekommen, was den Bedingungen der Briten entsprach, die sie schon bei den Gesprächen der Außenminister 1940 in Genf zum Ausdruck gebracht hatten…

    Der Sinn von Heß‘ Äußerungen habe darin bestanden, dass die ganze Politik der deutschen Regierung aktuell auf die Vorbereitung des Krieges gegen Russland ausgerichtet sei. Pintsch sagte weiter, er wisse noch genau, dass Heß in diesem Zusammenhang sagte, es würden Kräfte freigesetzt, die im Westen gebunden seien, die gegen Russland hätten eingesetzt werden können.

    Was sagen Sie vom Tag des Heß-Flugs? Wurde er zufällig gewählt oder gab es vielleicht einen geheimen Sinn? Es gibt ja die Version, dass Heß ein Anhänger der Astrologie und Mystik war.

    Was Heß‘ Neigung zur Astrologie angeht, so sagte Pintsch unter anderem aus: Am 18. Mai sei er von der Münchner Gestapo nach Berlin gebracht worden, in die Hauptverwaltung für Reichssicherheit, wo der SS-Gruppenführer Müller ihm mittgeilt habe, mit seinem Fall würden sich der Direktor der Kriminalpolizei, SS-Oberführer Stabe, und der Berater der Kriminalpolizei, SS-Standartenführer Sanders, beschäftigen. Bei den Verhören, die vom 19. Mai bis 15. Juni 1941 gedauert hätten, habe die Gestapo von ihm die Aussage bekommen wollen, dass er bei Heß im Vorfeld dessen Fluges Merkmale einer psychischen Störung erkannt hätte. Eine solche lügnerische Aussage habe er, Pintsch, nicht machen wollen und können. Dann habe man ihm das Horoskop gezeigt, das in Heß‘ Aktenkoffer entdeckt worden sei. Es habe als Beweis dienen sollen, dass Heß‘ psychischer Zustand nicht als normal gelten gedurft habe. Er, Pintsch, habe diese Beweise lächerlich gefunden, denn er habe ja gesehen, wie Heß ihn scherzhaft gebeten hätte, dieses Horoskop zu erstellen. Seine mündlichen Aussagen, dass von Heß‘ Flug Hitler und Bormann gewusst hätten, seien nicht protokolliert worden.

    Pintschs Aussagen zeugen davon, dass die Version über Heß‘ Vorliebe zur Astrologie genutzt wurde, damit der letztere als verrückt hätte erklärt werden können.

    War Heß selbst vom Erfolg seiner Mission überzeugt?

    Ja, natürlich. Er vermutete natürlich, dass sein „Besuch“ bei den Briten sich in die Länge ziehen könnte, aber er hatte keine Zweifel, und zwar schon lange vor dem Flug. In diesem Zusammenhang zitierte Pintsch Heß: Im Sommer 1939 habe Heß ihm bei einem Gespräch über Deutschlands Aufgaben im neuen Europa gesagt: „Wir“ werden mit dem Schwert in der Hand im Osten alles erobern, was „wir“ brauchen würden. Als er, Pintsch, darauf gesagt habe, ‚John Bull‘ würde dann nicht schweigen, habe Heß geantwortet, dass man „uns“ zugesichert hätte, dass die Engländer bei „unserem“ Zug in den Osten zwar im Westen mit Waffen in der Hand stehen, aber nichts gegen Deutschland unternehmen würden.

    Ist bekannt, wie Hitlers Reaktion auf Heß‘ Flug war?

    Ja. In Archiven gibt es Aussagen von Augenzeugen des Berichts von Pintsch für Hitler. Hitlers Adjutant und Kammerdiener, Otto Günsche und Heinz Linge, machten in sowjetischer Gefangenschaft Aussagen über die Ereignisse in Hitlers Residenz, wo Heß‘ persönlicher Adjutant zur Berichterstattung über dessen Flug erschien: Im Mai 1941 sei Hitler ins Schloss Berghof ausMönichkirchen südlich von Wien zurückgekehrt, wo er die Einsätze der deutschen Truppen gegen Jugoslawien und Griechenland beobachtet habe. Am 11. Mai sei um 10.00 Uhr morgens vor Hitlers Büro sein Adjutant Albert Bormann, der Bruder von Martin Bormann – gemeinsam mit Heß‘ Adjutanten, Oberführer Pintsch, erschienen. Pintsch habe ein weißes Paket bei sich gehabt, das noch geschlossen gewesen sei. Albert Bormann habe Linge gebeten, Hitler zu wecken und zu informieren, dass Pintsch mit einem dringenden Brief von Heß gekommen sei…

    Högl, der Leiter des Polizeikommandos bei Hitlers Stab, sei sofort erschienen. Hitler habe ihm befohlen, Pintsch zu verhaften. Högl, der Pintsch gut gekannt habe, habe ihn zu sich geführt. Pintsch sei völlig überrumpelt gewesen. Später habe sich herausgestellt, dass Pintsch Högl erzählt habe: Er sei überzeugt, dass Heß nach England mit Hitlers Zustimmung geflogen wäre, und hätte deswegen die Gründe seiner Festnahme völlig nicht verstehen können. Heß habe noch Ende Januar 1941 Hitler vertrauensvoll erzählt, er wolle auf Hitlers Beschluss nach England fliegen, um die im April 1940 begonnenen Verhandlungen bis zu Ende zu führen. Heß zufolge wusste Pintsch, dass im August 1940 in Genf auf Initiative des Herzogs von Bedford und anderer einflussreicher britischer Politiker das Treffen der britischen Beauftragten mit dem deutschen Professor Albrecht Haushofer stattgefunden habe, den Heß zu Vorverhandlungen mit den Briten geschickt habe.

    Bei den Gesprächen zeigten sich die Engländer zu Friedensverhandlungen mit Deutschland bereit. Ihre Vorbedingung war die Auflösung des Hitler-Stalin-Paktes von 1939. Heß sagte zu Pintsch, Hitler und er selbst wären bereit, diese Bedingung der Briten zu erfüllen, aber Hitler wolle die Gespräche mit ihnen erst dann beginnen, wenn die deutsche Armee den Balkan besetzt habe. Der Sinn von Heß‘ Gespräch mit Pintsch bestand darin, dass die ganze Politik der deutschen Regierung aktuell auf die Vorbereitung des Kriegs gegen Russland ausgerichtet war. 

    Pintsch sagte zu den Umständen seiner Festnahme aus: Um 22.30 Uhr (am 10. Mai 1941) habe er sich in Begleitung der erwähnten Personen vom Flugplatz Augsburg nach München begeben, und in derselben Nacht habe er nach Obersalzberg losfahren sollen, um Hitler persönlich über Heß‘ Abflug zu informieren. Am 11. Mai 1941 gegen 12.00 Uhr sei er von Hitler empfangen worden. Hitler habe seinem Bericht ruhig zugehört und ihn gehen lassen, ohne eine einzige Bemerkung zu machen. Um 12.30 Uhr habe Hitlers Adjutant, Gruppenführer Albert Bormann, ihn zu Hitlers Tisch gebeten. Es seien Hitler, Eva Braun, Reichsleiter Martin Bormann, Feldmarschall Keitel, Pressechef Dr. Dietrich, General Bodenschatz, Hitlers Leibarzt, Dr. von Hasselbach samt Gattin, Hitlers Adjutant Albert Bormann und er, Pintsch, dabeigewesen. Während des Essens sei Reichsaußenminister von Ribbentrop erschienen. Nach dem Essen habe Hitler mit von Ribbentrop unter vier Augen sprechen wollen.

    Etwa eine halbe Stunde nach dem Essen habe Reichsleiter Martin Bormann Pintsch zu sich gerufen, und sie seien gemeinsam in eine Wohnung gegangen, die sich ebenfalls in Obersalzberg befunden habe. Dort habe Bormann gefordert, dass Pintsch alle Personen nenne, die beim Abflug von Heß zugegen gewesen sein sollen.

    Als er diese Personen genannt habe, sei Bormann wieder zu Hitler gegangen, und er im Vorzimmer geblieben. Um 16.00 Uhr sei Reichsleiter Bormann zurückgekommen und habe gesagt, dass er verhaftet sei, und habe ihn dem Chef der persönlichen Wache Hitlers, SS-Standartenführer Rattenhuber, überlassen. Am Abend sei er, schon als Gefangener, wieder zu Martin Bormann gebracht worden, der ihn gefragt habe, wo Heß‘ Aktenkoffer sei. Dann habe Bormann ihn wieder aufgefordert, die Personen aufzuzählen, die von Heß‘ Flug gewusst hätten. Er, Pintsch, habe mitgeteilt, wo Heß‘ Koffer sei.

    Und was die Politiker der damaligen Zeit angeht, wie haben sie darauf reagiert?

    Einige Tage nach Heß‘ Flug nach England veröffentlichten deutsche Medien die untaugliche Version, er wäre bei einem Flugzeugabsturz gestorben, dann die Version, er wäre „verrückt geworden“. Aber weder die erste noch die zweite Version haben die „Achsenverbündeten“ beeindruckt. Mussolinis Schwiegersohn, der damalige italienische Außenminister Graf Galeazzo Ciano, erwähnte das in seinem Tagebuch mehrmals:

    „12. Mai 1941… Laut einer merkwürdigen deutschen Pressemitteilung ist Heß bei einem Flugzeugabsturz gestorben. Ich kann meine Skepsis gegenüber dieser Version nicht verbergen. Ich bezweifle sogar, dass er tot ist. Da gibt es etwas Mysteriöses, obwohl Alfieri die Mitteilung über die Katastrophe bestätigt.

    13. Mai 1941. Die Heß-Geschichte scheint eine Sensation für die Klatschpresse zu sein. Hitlers Stellvertreter, der zweite Mann im ganzen Reich, der 15 Jahre lang die mächtigste deutsche Organisation in seinen Händen hielt, sei in Schottland gelandet. Er flüchtete und hinterließ Hitler einen Brief. Ich denke, das ist eine sehr ernste Sache: der erste wahre Sieg der Briten. Am Anfang dachte der Duce, Heß wäre unterwegs nach Irland notgelandet, wo er möglicherweise einen Aufstand organisieren wollte; aber bald ließ der Duce schon von diese Deutung ab, und jetzt teilt er meine Meinung über die enorme Wichtigkeit dieses Ereignisses.

    Von Ribbentrop kam plötzlich nach Rom. Er ist in Verlegenheit geraten und ist nervös. Er will mit dem Duce und mit mir sprechen – gleich aus vielen Gründen; in Wahrheit steht dahinter ein wahrer Grund: Er will uns über die Heß-Geschichte informieren, die schon weltweit von den Medien kolportiert wurde. Die offizielle Version lautet, Heß wäre physisch und geistig krank, wäre Opfer von pazifistischen Halluzinationen geworden und wäre nach England geflogen in der Hoffnung, zum Start der Friedensverhandlungen beizutragen. Daraus folgt, dass er kein Verräter ist, und das bedeutet, dass er nicht plaudern wird; und daraus folgt, dass verschiedene andere mündliche oder schriftliche Erklärungen in seinem Namen falsch sein werden. Ribbentrops Erzählung ist ein herrliches Beispiel dafür, wie man versucht, Löcher zu stopfen. Die Deutschen wollen sich gegen den Fall absichern, dass Heß auf einmal singt und Dinge erzählt, die in Italien für großes Aufsehen sorgen könnten.

    Das Wrack des Flugzeugs Messerschmitt Bf 110 von Rudolf Heß in Schottland am 13. Mai 1941
    Das Wrack des Flugzeugs Messerschmitt Bf 110 von Rudolf Heß in Schottland am 13. Mai 1941

    Das Mittagessen mit Ribbentrop und seinen Mitarbeitern. Die Deutschen sind bedrückt. Von Ribbentrop wiederholt seine antibritischen Parolen so eintönig, dass Göring ihm den Spitznamen verpasst hat: ‚erster Papagei Deutschlands‘.“

    Herr Makarow, was denken Sie persönlich: Wer hat denn Heß bei der Erfüllung seiner Aufgabe zur Vorbereitung der separaten Verhandlungen zwischen Deutschland und Großbritannien behindert?

    Man kann ziemlich sicher sagen, dass Sir Winston Churchill die „Mission Heß“ zum Scheitern brachte, für den es sehr ungünstig gewesen wäre, wenn Deutschland seinen Einfluss auf dem europäischen Kontinent ausbauen würde. Im Gegenteil: Eine bewaffnete Konfrontation zwischen Nazi-Deutschland und Sowjetrussland hätte die Ambitionen des „Perfiden Albions” durchaus befriedigen können. Wenn die zwei kontinentalen Großmächte einander in einem gnadenlosen Kampf bluten lassen würden, hätte Großbritannien die Führungsrolle in Europa übernommen. Doch die Geschichte hat sich anders entwickelt.

    Wie vertraulich sind in Großbritannien die Dokumente, die mit Heß‘ Besuch verbunden sind?

    Anhand der Informationen unter spandau-prison.com sind „fast alle Unterlagen längst freigegeben“ worden, viele „lassen sich im Internet finden“. Die Autoren dieser Website führen auch die Worte des britischen Historikers Peter Padfield aus der jüngsten Fassung seines Buchs „Die geheime Mission von Rudolf Heß“ als Bestätigung an: „In den Jahren 1991 und 1992 wurden die bis 2017 vertraulich gemachten Dokumente zu Heß, auf die es Berufungen in diesem Buch gibt, freigegeben.“

    Was die Worte „fast alle Unterlagen“ zu bedeuten haben, ist schwer zu sagen. Aber ich würde von den Briten keine Sensationen zur „Mission Heß“ erwarten. Sie können einfach zu gut ihre Geheimnisse bewahren. Außerdem ist das im Grunde nicht gerade nötig. Der wahre Grund für Heß‘ Flug zu den Briten ist ohnehin klar – er wollte ihre Zustimmung für den deutschen Drang nach Osten bekommen. Ob Adolf Hitler von Heß‘ Plänen wusste? Natürlich wusste er Bescheid. Laut Pintschs Aussagen flog Heß nach Schottland auf Hitlers Anordnung.

    Zum Abschluss unseres Gesprächs möchte ich mich bei dem Mitarbeiter des Deutschen Forschungsinstituts in Moskau Dr. Matthias Uhl für die bereitgestellten Archivunterlagen bedanken.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Großbritannien, Drittes Reich, Zweiter Weltkrieg, Adolf Hitler, NSDAP, Rudolf Heß