14:04 25 September 2020
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    Zwischen Jubel und Boykott – Die Olympischen Sommerspiele von Moskau 1980 (21)
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    Der Druck seitens der Politik, den US-Boykott der Olympischen Spiele von Moskau mitzutragen, sei groß gewesen. Selbst Mitglieder des NOK-Präsidiums, die gegen den Boykott waren, hätten sich dem gebeugt. Doch das NOK hätte damals anders entscheiden können und sollen, sagt Sportfunktionär Walther Tröger im Interview mit Sputnik Deutschland.

    Kaum einer kennt das Innenleben der Olympischen Spiele so gut wie Walther Tröger. Der inzwischen 91-jährige Jurist und Sportfunktionär war in seiner sechs Jahrzehnte langen Laufbahn bei 26 Olympiaden und hatte unter anderem die Posten des Generalsekretärs und später des Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) sowie des Sportdirektors des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) inne. Als 1980 die Olympischen Sommerspiele in Moskau auf Druck der Amerikaner auch von der BRD boykottiert werden sollten, gehörte Tröger, der zu diesem Zeitpunkt Generalsekretär des NOK war, zu den Gegnern des Boykotts.

    Darüber, welche Faktoren damals zu der Entscheidung des NOK-Präsidiums geführt hatten, den Boykott trotz massiver Proteste seitens der Athleten mitzutragen, über den Sinn und die Auswirkungen dieser Entscheidung sowie über die Verbindung von Sport und Politik heute sprach Sputnik Deutschland mit Walther Tröger anlässlich des 40. Jubiläums der Spiele von Moskau.

    -   Herr Tröger, in diesem Sommer jähren sich die Olympischen Sommerspiele von Moskau zum 40. Mal. Diese sind nicht nur wegen der sportlichen Glanzleistungen und Rekorde in die Geschichte eingegangen, sondern leider auch wegen des durch die USA initiierten Boykotts, dem auch die Bundesrepublik gefolgt ist. Der Entscheidung, den Spielen aus politischen Gründen fernzubleiben, gingen hierzulande heftige Proteste der Athleten voraus, angeführt vom heutigen IOC-Präsidenten Thomas Bach. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit unmittelbar vor der Entscheidung und wie haben Sie selbst sich damals positioniert?

    - Thomas Bach war Mitglied des Präsidiums und hat mitgewirkt, angeführt hat er damals noch nichts. Er war Vertreter der Athleten im Präsidium, wo die Abstimmung war. Er hat dort mitabgestimmt und auch gesprochen. Ich selbst wusste schon länger von dem geplanten Boykott. Bei den Olympischen Winterspielen in Lake Placid gab es bereits das Gerücht unter den amerikanischen Sportlern, dass ihr Präsident die Absicht habe, sie wegen der Afghanistan-Geschichte zu boykottieren. Da gab es die witzige Geschichte, die von den amerikanischen Sportlern selbst belacht wurde, dass sein Sicherheitsberater in Lake Placid rumgelaufen sei und in den Geschäften dort nach der Olympic Charta, also nach dem Regelwerk gesucht habe. Schon daran sieht man, wie windig die ganze Geschichte eigentlich war. Daher wusste ich aber, dass etwas im Busch war, dass die Amerikaner darauf aus waren. Sie waren es dann ja auch, die es betrieben haben. 

     DDR-Vertretung bei Olympia 1980 in Moskau
    DDR-Vertretung bei Olympia 1980 in Moskau

    Ich war Generalsekretär des Präsidiums und hatte enge Verbindungen zu Moskau. Ich hatte mich schon über ein Jahr vorher mit dem Chef des Olympischen Dorfs angefreundet. Ich hatte ihn dabei beraten und mich persönlich da auch sehr darauf vorbereitet, in Moskau mit meiner Mannschaft zu sein und dort auch Aufgaben für das IOC wahrzunehmen.

    -   Die endgültige Entscheidung lag nicht bei der Bundesregierung, sondern beim Nationalen Olympischen Komitee, das den Boykott mit 59 zu 40 Stimmen beschlossen hat. Hätte das NOK, realistisch betrachtet, überhaupt anders entscheiden können?

    - Natürlich! Wir hätten das auch machen sollen. Es wäre schwierig geworden, weil wir damals auch finanziell noch sehr an der Strippe der Bundesregierung hingen und sie uns deutlich zu erkennen gegeben hat, dass eine Teilnahme gegen den Willen der Bundesregierung auch finanzielle Auswirkungen auf das NOK und seine Mannschaft gehabt hätte.

    -   Willi Daume, damals Chef des NOK, war ebenfalls gegen den Boykott, dennoch hat sich die Mehrheit der NOK-Mitglieder anders entschieden. Ich kann mir vorstellen, dass das einen tiefen Riss innerhalb des NOK hinterlassen hat…

    - Nein, das kann man so nicht sagen. Man muss davon ausgehen, dass viele Mitglieder des NOK, die wirtschaftliche oder politische Beziehungen zur Bundesregierung hatten, sich bedrängt gefühlt haben, auch wenn sie auf der Seite der Aktiven und des NOK waren. Ich denke da beispielsweise an Josef Neckermann, der Mitglied des Präsidiums war. Es waren politisch oder wirtschaftlich sehr engagierte Leute, die im Präsidium waren, und die sich sehr schwer damit getan haben, die Entscheidung des Boykotts mitzutragen, und die dafür von der Öffentlichkeit und auch von den Aktiven mitunter sehr hart angegriffen wurden. Die Entscheidung war ja auch relativ eng.

    -   Für manche Athleten ist mit dem Boykott die EINE Chance auf olympisches Gold vergangen. Zehnkämpfer Guido Kratschmer ist so ein prominentes Beispiel. Er war in der Form seines Lebens, hatte kurz vor den Spielen einen Weltrekord aufgestellt und musste dann zuschauen, wie ein anderer mit wesentlich weniger Punkten Olympiasieger wurde. Noch heute äußert er sich sehr verbittert über die vergebene Chance. Was kann man einem solchen Athleten als Rechtfertigung der Entscheidung sagen?

    - Gar nichts. Man kann ihnen nur sagen, dass leider der Sport auch bei uns im Lande von der Politik abhängt. Dass die Politik einen gravierenden Fehler gemacht hat – was wir damals schon wussten. Dass aber die deutsche Politik massiv unter dem Druck der Amerikaner stand. Und dass wir mitunter auch ein bisschen verwirrt worden sind. Ich will ihnen ein Beispiel nennen. Die Bundesregierung hat uns im NOK erklärt, die Amerikaner würden boykottieren, die Engländer und die Franzosen würden das auch tun. Daraufhin habe ich meine Kollegen in den beiden Ländern angerufen – die haben nur gelacht. Sie haben gesagt: „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass unsere Regierung uns vorschreibt, ob wir da hingehen oder nicht. Und das Geld kriegen wir schon irgendwo her.“ Sie haben dann eine Lösung gefunden, die auch für uns gut gewesen wäre. Sie haben den Fachverbänden der Sportarten die Freiheit gelassen, zu entscheiden, ob sie als Sportart antreten wollen. Das haben sie mit ihren Sportlern abgesprochen. Oder aber, ob sie jedem einzelnen Sportler überlassen wollen, ob er mitmacht oder nicht. In England haben die Reiter und auch andere gesagt, sie fühlten sich Afghanistan verbunden und würden nicht teilnehmen. Aber die beiden Länder sind als solche angetreten.

    -   Im Nachhinein musste selbst der damalige Kanzler Helmut Schmidt einräumen, dass der Boykott sinnlos gewesen ist. Nach dem Gegenboykott durch die Ostblockstaaten vier Jahre später hat es auch keine solchen Maßnahmen mehr gegeben. Bedeutet das, man hat aus der Geschichte gelernt und würde nicht mehr zu solchen Sanktionsmitteln greifen?

    - Ich denke doch, natürlich. Aber wer soll auch dazu greifen? Es ist ja den Ländern überlassen gewesen. Die Amerikaner haben das zur Politik gemacht, weil Afghanistan ihr eigener Kriegsschauplatz gewesen war und es in ihre Politik gegen die Russen passte. Aber eine solche Chance gibt es sicher nicht mehr. Da könnte ich mir andere Gründe denken, warum Druck von der Politik erfolgt, dass Olympische Spiele anders oder gar nicht gemacht werden. Aber aus diesem Grunde sicher nicht.

    -   Haben heute die Stimmen der Athleten mehr Gewicht und sind die NOKs in ihren Entscheidungen unabhängiger als früher?

    - Naja, mehr Gewicht… Es hat in der Tat eine große Zahl von Athleten gegeben, die selber gesagt haben, sie wären für den Boykott, weil sie sich aus welchen Gründen auch immer politisch verpflichtet fühlten. Ob sie dabei von der Politik oder von ihren Familien beeinflusst wurden, kann man gar nicht sagen. Die Athleten hatten damals unter der Verantwortung von Willi Daume und mir eine sehr gute Verbindung zum NOK. Sie wurden gehört, sie wurden gefragt.

    Was das NOK angeht, so hat nicht das NOK sich der Politik gebeugt, sondern einige seiner Mitglieder im Präsidium. Das NOK war geführt von Vertretern der Sportorganisationen, aber auch von Leuten wie Josef Neckermann, wie Willi Weyer und anderen, die selber Politiker waren. Oder eben Leuten aus der Wirtschaft, die dort eine Rolle spielten. Hier kann man nicht sagen: Politik und NOK. Man kann nur sagen: Die Politik hat mit ihren Möglichkeiten, ohne das NOK aufzufordern, die Spiele zu boykottieren, ihren Willen durchgesetzt. Das ist ja nicht der Fall gewesen. Die Politik hat Willi Daume und einigen anderen gedroht, es würde Folgen geben, wenn man antreten würde. Aber eine Erklärung der Bundesregierung, man dürfe da nicht hingehen, gab es nicht. Das war einfach der Druck, der auf die Einzelnen, die Sportler und die Mitglieder des Präsidiums ausgeübt wurde. Er war so stark, dass eine Mehrheit zustande kam.

    -   Heute haben wir aber das Phänomen, dass aufgrund von Dopingverdacht z.B. ganze russische Verbände, wie der Leichtathletikverband, ausgeschlossen werden. Aus Sicht der Athleten dürfte das ähnlich sein wie ein Boykott, denn es läuft auf das Gleiche hinaus: Sie haben möglicherweise ein Leben lang auf diese Spiele hingearbeitet und ihnen wird die Chance genommen, an ihnen teilzunehmen, ganz gleich, ob sie sauber sind oder nicht. Finden Sie es in diesem Zusammenhang  berechtigt, mit Ausschlüssen zu agieren?

    - Beim Beispiel Russland muss man sagen: Hier wird nicht der einzelne Sportler gezüchtigt, der gedopt ist, sondern hier wird das Land gezüchtigt, weil erkennbar und inzwischen auch bewiesen ist, dass das Doping in Russland vom Staat verordnet und betreut wird. Das ist etwas anderes, als wenn sie einen Schweizer oder Österreicher finden. Wir sind so weit, dass Doping, anerkannt von allen, auch den Sportlern, nicht erlaubt ist. Man sagt, die Entscheidungen müssen die treffen, die dafür verantwortlich sind. Wenn ein Fehler gemacht wird, wie bei dem Beispiel Claudia Pechstein, dann dürfen sie vor Gerichte gehen, die anerkannt werden. Das ist ein ganz anderer Zustand als 1980.

    -   Sie befürworten also das Sanktionsmittel des Ausschlusses ganzer Verbände, verstehe ich Sie richtig?

    - Wir haben davon gesprochen, dass die Athleten heute mehr und mehr Einfluss nehmen. Wir müssen von den russischen Sportlern auch erwarten, dass sie ihrem Staat sagen können: So geht das nicht. Wir wollen wieder teilnehmen können, also gebt ihr bitte nach und folgt den Dingen, die das IOC und der Sportgerichtshof von euch verlangen.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Thomas Bach, Boykott, BRD, NOK, Walther Tröger, IOC, Internationales Olympisches Komitee (IOC), Olympische Spiele in Moskau 1980, Olympische Spiele, Olympia, USA, Russland, Sowjetunion, Deutschland