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    „Technologie kann helfen – oder die Menschheit zerstören.“ Vor diesem möglichen Schreckensszenario in der Zukunft warnt der US-russische Buchautor Dmitry Orlov. In seinem neuen Buch nennt er negative Entwicklungen der aktuellen „Techno-Manie“. „Menschen streicheln liebevoll ihre Handys – und machen sich abhängig“, sagt er im Sputnik-Interview.

    Roboter, Computer, Künstliche Intelligenz (KI) und Smartphones: Die heutige Welt scheint ohne Technologie nicht zu laufen. Der US-russische Autor Dmitry Orlov warnt in seinem Buch jedoch auch vor Schattenseiten dieser Entwicklung. „Schrumpfen der Technosphäre: Technologien in den Griff bekommen, die unsere Autonomie, Selbstversorgung und Freiheit einschränken“, so kann das Buch (im englischen Original erschienen unter „Shrinking the Technosphere“, 2016) auf Deutsch übersetzt werden.

    Der Computer-Wissenschaftler und IT-Spezialist Orlov, in der Sowjetunion geboren und in jungen Jahren mit seiner Familie in die USA gegangen, beschreibt darin die technologische Abhängigkeit der Menschen. Sei es zu ihren Smartphones, zu Computern oder gar zu simplen Haushaltsgeräten wie der Mikrowelle. Wovor er genau warnt, schildert er im Sputnik-Gespräch.

    „Der Begriff ‚Techno-Sphäre‘ geht hauptsächlich zurück auf den russischen Wissenschaftler Wladimir Wernadski“, erklärte Orlov im Interview. „Er war ein großer Befürworter der Theorie über die Biosphäre. Also die Erde als einen gesamten Organismus zu sehen. Das geht zurück bis zur Gaia-Hypothese von James Lovelock.“

    „Technologie hat keine Moral“

    Das Hauptproblem bei Technologie ist für Orlov:

    „Die Technologie-Sphäre hat überhaupt keine Moral. Sie kann uns kurz gesagt glücklich machen – wenn das ihr Interesse ist. Oder sie kann uns töten – wenn das in ihrem Interesse liegt. Oder irgendetwas dazwischen.“ Es sei immer eine der großen Fragen in der Menschheitsgeschichte gewesen, ob Wissenschaft und Technik letztlich „dem Guten oder dem Bösen“ dienen.

    „Wir sind aktuell Zeuge der Entstehung einer globalen Techno-Sphäre. Ein einziger, integrierter technologischer Bereich, der den gesamten Globus umfasst, der die Fähigkeit des Verstandes übersteigt, diese Sphäre noch in ihrer Gesamtheit überblicken zu können.“ Diese Sphäre sei „eine eigene Entität, die vermutlich auch ein Bewusstsein oder zumindest eine eigene Agenda hat.“ Den Menschen, selbst Wissenschaftlern und Technikern, würde zunehmend der Zugriff auf diese entgleiten. Es existiere im Umgang mit der Techno-Sphäre keine klare politische, soziale oder ökonomische Strategie der Beteiligten.

    Wie das Coronavirus die „Techno-Sphäre“ noch stärker macht

    Die Corona-Krise, die viele Menschen ins Home Office brachte und zu Online-Konferenzen zwang, habe der Techno-Sphäre dabei sehr geholfen. Sie konnte laut dem US-russischen Autor dadurch mehr Kontrolle gewinnen.

    „Eine der Beweggründe dieser Sphäre ist es, sich immer weiter in menschliche Bereiche auszubreiten. Sie bevorzugt Roboter und Maschinen sowie Künstliche Intelligenz und will, dass sich auch Menschen wie Maschinen verhalten. Sie sollen durch diese automatisieren Prozesse ersetzt werden. Der Coronavirus zwingt die Menschen dazu, zueinander Abstand zu halten und mehr elektronische Geräte zur Kommunikation zu nutzen – anstelle von Angesicht zu Angesicht. So hat die Techno-Sphäre auch das Ziel, zwischenmenschliche Kommunikation zu beeinträchtigen. Sie nutzt das nun nicht gerade übermäßig tödliche Virus, um ihre Kontrolle weiter auszubauen.“

    Orlov schreibt in seinem neuen Buch: „Die meisten Menschen sind zufrieden mit den High-Tech-Ersatzprodukten – den Mikrowellenherden, verpackten Lebensmitteln, billigen Importtextilien und den allgegenwärtigen elektronischen Geräten, die die elegante Handschrift zu einer veralteten Belanglosigkeit reduziert haben.“ Was auf den ersten Blick „schön“ klingt, berge viele Risiken:

    „Diese Dinge funktionieren – für eine Weile. Eine Mikrowelle funktioniert vielleicht drei bis fünf Jahre. Danach geht sie kaputt. Und was machen Sie dann? Eine neue kaufen. Was, wenn bis dahin keine mehr produziert werden. Was, wenn Ihr Land keine Mikrowellen mehr importieren kann oder darf? Dann verhungern Sie, weil Sie nicht mehr kochen können – überspitzt gesagt.“

    Dies sei das Problem von Technologie: „Es ist, als ob man eine Leiter hochklettern würde – während man die unteren Stufen hinter sich abfackelt. Sie können also nur noch nach oben – aber nicht mehr nach unten. Sie können dann nur noch abstürzen und sterben – sinnbildlich gesprochen.“

    Dazu käme ein fast schon „erotisches“ Abhängigkeitsverhältnis der Menschen zu ihren Handys. „Wenn Sie sich die Menschen heute mit ihren Smartphones anschauen, wie sie sanft über das Display streicheln und das Handy fast schon wie einen Talisman stolz vor sich hertragen. Das geht in schon in die Richtung eines sexuellen Fetisches.“

    Warum die „Techno-Sphäre“ Arbeitsplätze abschafft

    Technologie zerstöre Jobs und Arbeitsplätze. „Menschen pflanzen sich nun einmal fort. Maschinen tun das bekanntlich nicht. Auf der anderen Seite müssen Menschen, auch im Ruhestand, weiter versorgt und ernährt werden. Menschen kann man nach getaner Arbeit nicht einfach stilllegen wie Maschinen. Menschen brauchen Schlaf, Wochenend-, Feier- und Urlaubstage – Maschinen können 24/7 durcharbeiten. Wie gesagt: Die Technologie-Sphäre mag keine Menschen. Daher dieser Job-Abbau. Sie möchte uns am liebsten durch Roboter und KI ersetzen. Soweit es eben geht.“

    Er schreibt weiter:

    „Erstens wird die Frage, was genau an diesen neuen Einrichtungen so effizient ist, kaum untersucht. Wenn sie so effizient wären, müssten wir alle ein entspanntes, stressfreies und genussvolles Leben führen – ganz zu schweigen von häufigem Urlaub und dem Ruhestand (…). Die Tatsache, dass dies offensichtlich nicht der Fall ist, (…) sollte bereits Alarm auslösen.“

    Dieses Zitat erinnert an Rudi Dutschke, den linken Studenten-Führer im West-Berlin der 1960er Jahre, auf den später ein Attentat verübt wurde. In einem alten TV-Interview sagte Dutschke sinngemäß, irgendwann werde die Technik so weit sein, dass den Menschen viel Arbeit abgenommen werde. Sie würden dann mehr Freizeit haben und könnten sich daraufhin auf die „wesentlichen Dinge im Leben“ konzentrieren.

    Für Orlov scheint dies nicht logisch, weil das Ziel von Technologie nie gewesen sei, den Menschen zu helfen. „Die Techno-Sphäre nutzt die Menschen als bewegbare Objekte. Es gibt tatsächlich keine Hoffnung, dass wir durch Technologie einmal Freiheit erreichen werden. Wir können in manchen Bereichen sicherlich dadurch freier werden, aber wir können nicht das Programm der Techno-Sphäre verfolgen und dann hoffen, frei zu werden und dass sie für uns arbeitet.“

    Überwachung, Kontrolle und Internet „als Menschenrecht?“

    „Der Internetzugang wird als Menschenrecht betrachtet. Nun, vom Standpunkt der Techno-Sphäre gesehen, ist das perfekt. So kann man Menschen noch besser kontrollieren. Alles, was man in Zukunft tun muss, um Menschen in die gewohnte Richtung zu schubsen: Man droht ihnen einfach damit, das Internet abzuschalten. Keine Drohungen mehr mit Gefängnis, mit Gewalt oder ähnlichem. Einfach den Internetzugang ausschalten.“

    Wenn es um Technologie gehe, sagte Orlov mit Bezug auf Whistleblower wie Julian Assange oder Edward Snowden, „um Redefreiheit zu begrenzen, um Dissidenten und politisch unbequeme Menschen aufzuspüren, dann sind Überwachungs-Techniken der reinste Horror. Zum Beispiel: Diese ganze Zensur, die jetzt in den Sozialen Medien über Algorithmen stattfindet – jeder Beitrag, jeder Post, dem irgendjemanden nicht gefällt, kann als Hate Speech (oder Fake News, Anm. d. Red.) gebrandmarkt werden. Das ist eine äußerst gefährliche Entwicklung.“

    Alle Teilnehmer und maßgeblichen „Player“ der Techno-Sphäre würden von ihr profitieren. „Internet- und Technologie-Konzerne (wie Google oder Apple, Anm. d. Red.) wollen so das Internet auch immer weiter ausweiten. Menschen im Allgemeinen profitieren von dieser Sphäre, weil sie ihnen nützlich erscheint. Natürlich werden so auch Ingenieure und Techniker bevorzugt. Auch artverwandte Berufe. Selbst Arbeiter in technischen Berufen, die noch nicht durch Roboter ersetzt werden konnten, profitieren davon. Aber wenn sie einmal durch Roboter ersetzt werden, dann bedroht die Techno-Sphäre deren Existenzgrundlage. Danach kann die Techno-Sphäre diese mit Medikamenten, Alkohol oder Drogen versorgen. Bis diese sterben. Das ist ein ziemlich bekanntes Muster.“

    Dmitry Orlov: „Shrinking the Technosphere: Getting a Grip on Technologies that Limit our Autonomy, Self-Sufficiency and Freedom“, New Society Publishers, 1. Auflage 2016, etwa 12 US-Dollar. Das Buch wird vermutlich bald auf dem deutschsprachigen Büchermarkt erscheinen.

    Der 2. Teil des Interviews erscheint am Sonntag.

    Das komplette Radio-Interview mit Dmitry Orlov zum Nachhören:

    Das komplette Original-Interview mit Dmitry Orlov (englisch) zum Nachhören:

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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