08:30 30 September 2020
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    Exklusiv-Interview: Sabine Bergmann-Pohl – letztes Staatsoberhaupt der DDR

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    DDR 1990 – Erste freie Wahl zur Volkskammer und mit Eiltempo zur deutschen Einheit (24)
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    Am 23. August 1990 wurde der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland verkündet. Den Beschluss der Volkskammer der DDR verlas damals deren letzte Präsidentin Sabine Bergmann-Pohl. Im Rückblick findet sie die Wiedervereinigung gelungen, meint aber, der Westen hätte mehr vom Osten übernehmen können.

    - Frau Bergmann-Pohl, wie war Ihr Leben in der DDR?

    Ich hatte eine schöne, freie Kindheit in Thüringen. Meine Ferien habe ich bei meinen Großeltern in West-Berlin verbracht. So war der Mauerbau 1961 für mich ein tragisches Ereignis. Ich habe meine Großeltern danach nur noch zweimal gesehen. Ich durfte auch nicht zu ihrer Beerdigung. Meine halbe Familie, auch meine Schwester, war ja im Westen. Ab 1961 wurde das Leben also schwieriger und für mich auch politischer.

    - Aber anscheinend nicht gleich, erst haben Sie ja noch gemodelt.

    Ja, mit 18. Damit konnte man damals richtig viel Geld verdienen. 70-80 Mark am Tag.

    - Und man sah dann Fotos von Ihnen in Zeitschriften?

    Ja, in der "Für Dich" oder im "Neuen Leben".

    - Sie haben aber dann in der DDR nicht als Model, sondern als Ärztin Kariere gemacht. Sie waren mit 34 bereits Leiterin einer Poliklinik. Das klingt jetzt nicht nach einer Systemfeindin. Haben Sie an den Sozialismus geglaubt?

    Als Schülerin auf jeden Fall. Das war auch die politische Indoktrination an der Schule. Später als Ärztin schon viel weniger, als ich die Mangelwirtschaft in der täglichen Arbeit erlebte. Oder, um mal ein Beispiel zu nennen, was ich so verlogen fand: wenn in West-Berlin Smog war, hatten wir im Osten keinen, obwohl bei mir an der Poliklinik die Asthmatiker anstanden. Oder als Aids aufkam, durften wir nicht darüber reden, weil es das bei uns nicht gab.

    - Gab es denn Aids in der DDR?

    Natürlich. Aber alles, was nicht erwünscht war, wurde auch totgeschwiegen.

    - Und wie kam es dann zu Ihrem politischen Engagement in der DDR-CDU?

    Ich war ja recht jung Poliklinik-Chefin geworden und die SED wollte mich werben. Ich war natürlich als junge Leitungspersönlichkeit für sie sehr gefragt als Aushängeschild. Für mich war das aber undenkbar. 

    - Warum?

    Weil das die staatstragende Partei war und ich mit dem Staat schon gedanklich im Clinch lag wegen der Mauer, der Verlogenheit, der fehlenden Meinungsfreiheit. Ich wollte mich auch nicht politisch betätigen, sondern einfach nur meinen Job machen. Und da riet mir jemand, stattdessen in eine Blockpartei einzutreten. Und da ich aus einem christlichen Elternhaus kam, konfirmiert war, war für mich die CDU das Naheliegende. Mir war schon klar, dass die auch nur Steigbügelhalter der SED waren. Aber so hat man mich in Ruhe gelassen und ich konnte meinen Job weiter ausführen.

    - Das ist doch aber schon ein Widerspruch, wenn Sie in einem Staat Karriere machen, den Sie eigentlich kritisieren. Haben Sie sich in der DDR unterdrückt gefühlt?

    Nein, ich habe mich nicht unterdrückt gefühlt. Ich habe eigentlich ein sehr ausgeprägtes Selbstwertgefühl und lass mir nicht viel bieten. Das stand schon in meinem Schulzeugnis. So habe ich oft den Finger in die Wunde gelegt. Als ich dann später Ärztliche Direktorin in der Bezirksstelle für Lungenkrankheiten in Ost-Berlin wurde, das war ja noch eine Stufe höher, habe ich auf den Dienstberatungen auch meine Meinung gesagt. Ich war schon kritisch, aber ich wollte auch meinen Job machen. Ich wollte auch nicht weg. Ich hatte meine Kinder, mir ging es gut. Aber der politische Druck hat mich gestört und das Eingesperrtsein.

    Dr. Sabine Bergmann-Pohl (i.d.Mitte) bei der ersten Sitzung des gesamtdeutschen Parlaments in Berlin am 4. Oktober 1990
    Dr. Sabine Bergmann-Pohl (i.d.Mitte) bei der ersten Sitzung des gesamtdeutschen Parlaments in Berlin am 4. Oktober 1990

    - Aber die Ost-CDU ist nicht zu vergleichen mit den Kirchenkreisen, die in der DDR quasi gegen den Staat arbeiteten?

    Es war zum Schluss schon klar, dass es zu Veränderungen kommen muss. Die Versorgungssituation wurde immer prekärer. Die Leute wurden immer unzufriedener. Und politisch hofften wir ja seit Gorbatschow auch auf mehr Freiheit und Demokratie. Aber dank Honecker und seinen alten Herren bewegte sich bei uns wenig. Und die Leute wurden auch unzufriedener aufgrund der Verlogenheit der Politik. Das ging durch alle Schichten der DDR, dass man unzufrieden war.

    - Sie waren Fachärztin für Lungenkrankheiten. So bietet es sich natürlich an, Sie auch zu fragen, wie Sie das neuartige Coronavirus einschätzen. 

    Ich bin froh, dass ich nicht mehr in der Politik bin und die Entscheidungen, die getroffen wurden, nicht selbst treffen musste. Ich glaube, Deutschland hat schon alles richtig gemacht, auch wenn es harte wirtschaftliche Einschnitte sind, die wir erleben. Ich kenne das natürlich aus meiner Arbeit in der DDR - Tuberkulose-Infektionsketten unterbrechen, usw. Aber hier war das Ausmaß natürlich viel größer und hinzu kam, dass man so wenig über das Virus wusste. Das war für die Politik ganz schwierig.

    - Wie hätte die kleine DDR auf so eine Pandemie reagiert?

    Die hätten alle Schotten dicht gemacht. Die DDR war zum Beispiel in der Tuberkulose-Bekämpfung sehr gut. Das ist eben auch wieder typisch für den Westen: als wir 1990 in den Bundestag kamen und von der Impfpflicht für Kinder in der DDR berichteten, wurde das erst einmal angeprangert als staatliche Bevormundung. Aber in der Tuberkulose-Bekämpfung, die bei uns streng überprüft wurde, hatten wir bessere Ergebnisse, als die Bundesrepublik sie jemals hatte. Wir hatten auch ein sehr gutes System der Kontrolle und Ermittlung von Kontaktpersonen des Infizierten. Das wurde im Westen laxer gehandhabt. Ich habe auch immer davor gewarnt, die Zahl der Gesundheitsämter zu reduzieren und so schlecht auszustatten. Dafür hat man jetzt die Quittung bekommen.

    - Nach der Wende wurde erst einmal so gut wie alles, was mit der DDR zu tun hatte, abgeschafft. Gab es Bereiche, in denen der Westen auch vom Osten etwas hätte übernehmen können oder sollen?

    Sie hätten uns einfach zuhören sollen. Das Meiste aus der DDR war für sie schlecht, weil unser Gesellschaftssystem für sie schlecht war. So war man auch an unseren Erfahrungen gar nicht interessiert. Das war schon eine harte Zeit für uns nach 1990, in der Politik auf offene Ohren zu stoßen.

    - Das Konzept der Poliklink ist ja so ein Beispiel für Erhaltenswertes.

    Ja, furchtbar. Die MVZs, also die Medizinischen Versorgungszentren heute sind ja nichts Anderes. Aber diese Erkenntnis kam im Westen erst sehr spät. Ein Abteilungsleiter im Gesundheitsministerium hat mir viele Jahre später einmal gesagt: "Ich gebe zu, auch wir waren politisch verblendet."

    - Wie sah es in der DDR mit der Gleichberechtigung aus, mit der Bildung? Gab es da möglicherweise auch Erhaltenswertes?

    Wir sind ja 1990 als Rabenmütter bezeichnet worden, weil wir unsere Kinder in die Krippe und in den Kindergarten gegeben haben. Später wurde dann die Kinderbetreuung auch in der gesamten Bundesrepublik durchgesetzt, übrigens von der CDU-Ministerin von der Leyen. Aber das hat fast zwanzig Jahre gedauert.

    Wir hatten Dinge, wie Kinderbetreuung oder auch bestimmte Organisationen im Gesundheitswesen, wie die Verbindung von ambulant und stationär. Wir hatten Einiges zu bieten, was in Westdeutschland durchaus hätte übernommen werden können. Aber das wollte man einfach nicht hören. Und das hat viel Frust hinterlassen bei den Ostdeutschen. Auf der anderen Seite hat die bittere Erkenntnis, sich neu berappeln und über sein Leben nachdenken zu müssen, auch viel Positives geschaffen.

    - Wie schätzen Sie im Nachhinein die Arbeit der Treuhand ein?

    Ich denke schon, dass die Treuhand ein richtiges Instrument war, die Wirtschaft in der DDR umzustellen. Aber es gab natürlich auch viele Hasardeure, die versuchten, daraus Kapital zu schlagen. Aber die harten Einschnitte waren notwendig, weil unsere Betriebe nun mal nicht konkurrenzfähig waren.

    - Alle?

    Nicht alle. Jena ist ja ein tolles Beispiel. Da gibt es Einige, die sich ganz toll entwickelt haben. Aber andere, wie Agfa (VEB Filmfabrik Agfa Wolfen, später umbenannt in ORWO, Anm. d. Red.) wurden aufgekauft und waren dann tot. Solche Fälle gab es auch. Ich weiß trotzdem nicht, wie man es hätte anders machen können.

    - Kommen wir auf die Zeit zu sprechen, wo Sie quasi Geschichte geschrieben haben: Am 5. April 1990 wurden Sie zur Präsidentin der letzten Volkskammer der DDR gewählt. Mit 43 Jahren. Ich kann mich kaum an ein jüngeres Staatsoberhaupt erinnern. Wie hat sich das angefühlt?

    Ich bin da eigentlich zufällig reingerutscht. Ich wollte ja gar nicht in die aktive Politik. Man hat mich überredet zu kandidieren. Und dann hatte ich auch die Illusion, ich kann parallel meinen Job weitermachen. Das wurde aber schnell ein Fulltime-Job. Wir glaubten ja erst, dass die Übergangszeit drei-vier Jahre dauern würde. Aber dann haben sich die Ereignisse so überschlagen, ich wurde auch noch amtierendes Staatsoberhaupt - das war eine riesige Herausforderung. Ich hatte ja keine parlamentarische Erfahrung. Es war so, wie wenn man als Nichtschwimmer ins kalte Wasser geschubst wird und einfach schwimmen muss. 

    Sabine Bergmann-Pohl und Lothar de Maiziere (L) nach seiner Wahl als DDR-Ministerpräsident, 4. April 1990
    © AP Photo / RAINER KLOSTERMEIER
    Sabine Bergmann-Pohl und Lothar de Maiziere (L) nach seiner Wahl als DDR-Ministerpräsident, 4. April 1990

    - Hatten Sie im April 1990 noch die Vorstellung, dass es die DDR weiter geben wird?

    Nein. Das war schon seit den großen Demonstrationen im Herbst klar. Die Leute hatten die Nase voll. Sie wollten mehr Freiheit und Demokratie. Und dann kam ja recht schnell auch der Ruf nach der Einheit. Und wir in der Volkskammer waren ja letzten Endes auch Getriebene der Leute auf der Straße. Es sind ja damals im ersten halben Jahr nach Maueröffnung noch weiter gut ausgebildete Leute aus dem Osten in den Westen gegangen, weil sie nicht sicher waren, ob es mit der DDR nun wirklich vorbei ist. 600.000 waren das wohl noch. Das hat das wirtschaftliche Ende der DDR noch beschleunigt. So gab es für uns letzten Endes keine andere Möglichkeit, als die Wiedervereinigung. Auch wenn es für viele hart war, bin ich auch froh, dass es so schnell ging.

    - Es ging sehr schnell.

    Ja, Aber, schauen Sie, wir haben in dem halben Jahr in der Volkskammer noch 164 Gesetze, 96 Beschlüsse und drei Staatsverträge erarbeitet und verabschiedet. Die Volkskammer war damals wirklich eines der fleißigsten Parlamente der Welt. Wir haben wirklich Tag und Nacht gearbeitet. Spätestens morgens um Acht war ich in der Volkskammer und bin fast nie vor Mitternacht nach Hause gekommen.

    - Gibt es etwas, das Sie im Rückblick bereuen aus der Zeit?

    Bereuen nicht. Allerdings hätten wir in manchen Dingen konsequenter und selbstbewusster gegenüber dem Westen und den Beamten auftreten müssen. Dieses politische Selbstbewusstsein hatten wir einfach noch nicht. Das hat sich auch bei mir erst später im Bundestag entwickelt. Man macht in solchen Zeiten auch Fehler. Aber im Großen und Ganzen können wir zufrieden sein, wie es gelaufen ist. Es musste ja auch sehr schnell gehen.

    - Sie haben am 23. August 1990 den Beschluss der Volkskammer über den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland verlesen. Warum gab es keine Wiedervereinigung auf Augenhöhe?

    Dazu hätte es eine Diskussion über eine neue Verfassung geben müssen. Wenn ich daran denke, wie schwierig es schon war, den Einigungsvertrag zustande zu bringen. Da hat ja nicht nur die Bundesregierung mit der DDR-Regierung verhandelt, sondern auch noch die ganzen Bundesländer. Das zog sich schon alles hin. Bei einer Verfassungsdiskussion wären wir heute noch nicht vereinigt. Hinzu kamen die außenpolitischen Schwierigkeiten. Mitterand hatte Bedenken (Francois Mitterrand, französischer Staatspräsident, 1981 – 1995, Anm. d. Red.), Thatcher wollte die Wiedervereinigung nicht (Margaret Thatcher, britische Premierministerin, 1979 – 1990, Anm. d. Red.). Gorbatschow kriegte Probleme in der Sowjetunion. Das politische Fenster war also hier auch nur kurz einen Spalt offen. Ich glaube, es gab keinen anderen Weg.

    Sabine Bergmann-Pohl (74) war von April bis Oktober 1990 Präsidentin der frei gewählten Volkskammer und – da die Funktion des Staatsrates auf den Volkskammerpräsidenten übertragen wurde – damit das letzte Staatsoberhaupt der DDR. Von 1990 bis 1991 war sie Bundesministerin für besondere Aufgaben und von 1991 bis 1998 Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Gesundheit. 2002 schied sie aus dem Bundestag aus.

    In der DDR war Bergmann-Pohl seit 1979 Fachärztin für Lungenkrankheiten. Von 1980 bis 1985 war sie Ärztliche Leiterin der Poliklinischen Abteilung für Lungenkrankheiten und Tuberkulose in Berlin-Friedrichshain. Von 1985 bis 1990 war sie Ärztliche Direktorin in der Bezirksstelle für Lungenkrankheiten und Tuberkulose in Ost-Berlin.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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