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    „Technologie ist zur Religion geworden, die niemand kritisieren darf.“ Davor warnt der US-russische Autor Dmitry Orlov in seinem neuen Buch. Im zweiten Teil des Sputnik-Interviews nennt er positive Seiten von Technologie im Welthandel und bei Atom-Reaktoren. Spannendes aus medizinisch-technischer Sicht sagt er zum russischen Impfstoff „Sputnik V“.

    Für den US-russischen Autor und IT-Spezialisten Dmitry Orlov stellt die Digitalisierung die größte „Jahrhundert-Herausforderung“ der Menschheit dar. In seinem neuen Buch warnt er vor negativen Entwicklungen und Folgen von „Technologie-Gläubigkeit“. Dies machte er im Sputnik-Interview konkreter:

    „Technologie wurde zu einer Art Religion, die niemand anzweifeln darf. Ein Dogma darin heißt: Moderne Technik ist stets besser als veraltete Technologie. Ein weiteres Glaubens-Dogma heißt: Mehr Technologie ist immer besser als weniger Technik. Und: Jedes Problem muss auch technologisch gelöst werden können. Falls nicht – dann muss das Problem ‚technisiert‘ werden. Es gibt eine niemals endende Debatte darüber, ob wir Technologie in dieser Form überhaupt brauchen.“

    Jahrhunderte, gar Jahrtausende habe die Menschheit schließlich auch ohne überlebt. „Es gibt natürlich alte technische Geräte wie Messer oder Hämmer aus jener Zeit, die wir immer noch nutzen. Aber die moderne Technologie in dieser Form ist neu in der Geschichte, sie ist noch nicht durch-getestet – und sie könnte noch sehr gefährlich und unberechenbar für uns werden. Sogar tödlich.“

    Das „sowjetische Erbe“ hinter dem Impfstoff „Sputnik V“

    „Wir müssen die Digitalisierung meistern, also den Einstieg ins zweite Maschinenzeitalter, in dem die Menschheit es mehr und mehr mit Maschinen zu tun haben wird und bei denen die Automation selbst automatisiert ist“, forderte Orlov. Dass Technologie dabei der Menschheit auch gute Dienste leisten könne, zeige der Bereich der Medizin. Bezugnehmend auf den neuen, in Russland entwickelten Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus, „Sputnik V“, blickte Orlov in die Geschichte der UdSSR zurück.

    „Die Sowjetunion hatte damals riesige Mengen Geld in die Medizin (und Virologie, Anm. d. Red.) investiert. Das Erbe davon ist heute noch zu sehen. Die Impfstoffe, die in sowjetischer Zeit entwickelt worden sind, werden heutzutage immer noch genutzt, um Menschen zu impfen und so gegen Krankheiten zu schützen.“

    Ein wichtiges aktuelles Beispiel ist der neue russische Impfstoff „Sputnik V“ gegen das Coronavirus. „Dessen Grundlagen wurden bereits von der Sowjetunion in den 1980er entwickelt. All das wurde nun neu aufgelegt, mit einem größeren Budget. Um der Weltgemeinschaft gegen Corona zu helfen. Technologie kann auch immer genutzt werden, um Menschenleben zu retten. Ein großer Teil davon wird in der allgemeinen Medizin, als Teil der öffentlichen Gesundheits-Politik Russlands, genutzt. Im Gegensatz zum privatisierten Medizin-System in den USA, das nicht so erfolgreich dasteht.“

    Die darauf basierende Technik wurde bereits in sowjetischer Zeit entwickelt. „Der Impfstoff nutzt eine nicht replikationsfähige, modifizierte Adenovirus-Variante, also ein nicht vermehrungsfähiges harmloses Schnupfenvirus. Dieses wird als Vehikel, also als Träger für den Impfstoff genutzt. Diese Technik ist bereits lange geprüft und getestet. Die Nutzlast besteht aus einem kleinen Teil des Genoms vom neuen Coronavirus, das herausgeschnitten wurde und bestimmte Proteine trägt, die es dem Coronavirus erlauben, in Körperzellen einzudringen.“

    Beim Impfen passiere folgendes: „Das Adenovirus wird im Körper injiziert und wirft in den Zellen diese Nutzlast ab. Diese Zellen produzieren daraufhin Proteine, die dann wiederum das Immunsystem aktivieren. Anti-Körper werden produziert. Und da sich das Adenovirus als Träger nicht reproduziert und sich nicht vermehrt, wird es wieder ausgeschieden. Es ist nicht toxisch oder gefährlich.“ Dies sei der Grund, warum es Russland so schnell und so erfolgreich gelang, diesen neuen Corona-Impfstoff herzustellen. „Wegen dieser leichten Modifizierung einer bereits bestehenden, älteren Technik aus der Sowjetunion.“

    Warum russische Nuklear-Technologie USA und Großbritannien überholt hat

    „Es gibt beispielsweise die Nuklear-Technologie in den USA mit etwa 100 Kernkraftwerken“, sagte Orlov, angesprochen auf die Weltlage im Bereich der Nuklear- und Atomar-Technik. „Einige davon noch in Betrieb, viele davon schon sehr alt. Die USA verfügen derzeit nicht über die Technologie, um diese mit garantierter Sicherheit abzubauen bzw. zu vermanteln. Die USA verfügen kaum noch über die dazugehörige Expertise. Der letzte Versuch, ein US-Kernkraftwerk hochzuziehen, scheiterte in einem riesigen Fiasko.“

    Er nannte ein anderes Beispiel: „Wenn Sie sich den russischen Atom-Konzern ‚Rosatom', ‘anschauen, dann ist dieses Unternehmen auf dem besten Wege, einen neuen nuklearen Zyklus technisch möglich zu machen, bei dem kaum noch hochradioaktiver Abfall der Reaktoren übrigbleibt. Das wird es profitabel machen. Darüber hinaus kann das Unternehmen Uranium-238 als Treibstoff nutzen. Bisher galt das als abgereichertes Uran. Abgereichertes Uran ist nur zur Herstellung von panzerbrechenden Projektilen nützlich. Es ist für die Herstellung von Atomwaffen nicht von Nutzen.“

    Russland nutze momentan „dieses Uran als Treibstoff, das könnte die Energiefrage der Zukunft lösen. Auch andere Länder wie der Iran oder Ägypten sind Kunden der russischen AtomkraftDie Chinesen werden dabei vermutlich die russische Erfindung für sich lizenzieren und nutzbar machen. Alle anderen Staaten verlieren gewissermaßen in diesem nuklearen Wettbewerb. Russland und China sind vorne – Frankreich hat sicherlich auch noch ein paar gute Kapazitäten. Aber sicherlich nicht die Vereinigten Staaten. Deutschland hat ja entschieden, sich aus der Nuklear-Energie zurückzuziehen und auf erneuerbare Energien zu setzen. Strom ist aufgrund erneuerbarer Energien in Deutschland sechsmal teurer als in Russland, was Deutschland industriell nicht wettbewerbsfähig macht. Ägypten könnte auch das russische Nuklear-Programm per Lizenz erwerben. Andere Länder wie Großbritannien, die Moskau (außenpolitisch eher, Anm. d. Red.) feindlich gesinnt sind, haben diese Option nicht.“

    Welthandel, Weltwirtschaft und Technologie

    Auch im Welthandel spiele Technologie „eine riesige Rolle“, betonte Orlov. „Auch, weil es aktuell wenig wirtschaftliche Aktivitäten in der Corona-Krise gibt. Außerdem läuft nichts ohne Produkte aus Rohöl, zum Beispiel Benzin. Das ist die Situation: Die Techno-Sphäre ist richtig nach oben gegangen, nachdem fossile Brennstoffe gefunden und Öl zum Motor der Weltwirtschaft wurde. Kohle, Öl, Erdgase: Wir beuten diese Rohstoffe vermutlich so lange aus, wie es geht.“

    Und nun, in einer Zeit, in der die fossilen Brennstoffe langsam ausgehen, verschanze sich die Techno-Sphäre sozusagen und wartet in vielversprechenden Zukunfts-Sparten darauf, erneut loszulegen:

    „Wenn Sie sich den aktuellen Welthandel anschauen: Der wird in Zukunft vor allem zwischen den Welt-Regionen ablaufen, die bereits technologisch sehr weit entwickelt sind. Es gibt darüber hinaus genug Regionen der Erde, die für die Techno-Sphäre nicht sehr interessant sind, weil eben technologisch unterentwickelt. Jene könnten vom Welthandel künftig übergangen werden.“

    Dmitry Orlov: „Shrinking the Technosphere: Getting a Grip on Technologies that Limit our Autonomy, Self-Sufficiency and Freedom“, New Society Publishers, 1. Auflage 2016, etwa 12 US-Dollar. Das Buch wird vermutlich bald auf dem deutschsprachigen Büchermarkt erscheinen.

    Das komplette Radio-Interview mit Dmitry Orlov zum Nachhören:

    Das komplette Original-Interview mit Dmitry Orlov (englisch) zum Nachhören:

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    USA, Russland, Warnung, Nuklearmacht, Technologie