13:00 04 Dezember 2020
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    In den letzten Augusttagen 1994 verließen die russischen Militärs der Westgruppe der Truppen endgültig die Ex-Besatzungszone der Sowjets. Jahrzehnte währte die Stationierung: Allgegenwärtig und doch tabu. Jane Jannke pflegt Gräber auf dem Sowjetischen Garnisonfriedhof Dresden, hilft Hinterbliebenen beim Kampf gegen das Vergessen.

    Jane Jannke bezeichnet sich selbst als „Besatzungskind“, ist 1979 geboren: „Ich habe die sowjetische Besatzung als Kind erlebt. Die Mauern, den Stacheldraht, die Sperrzonen, die allgegenwärtige Präsenz des Militärs – und natürlich auch die Soldaten selbst, an die ich mich als einfache, herzliche und einsame Menschen voller Sehnsucht nach Normalität erinnere.“

    Traumatisch aufgeladene Zeit

    Ihr sei klar, dass die Frage 'Besatzung oder nicht' durchaus politisch umstritten ist. Sie selbst habe die Anwesenheit der Armee als Kind als einschränkend und manchmal auch als bedrohlich wahrgenommen – etwa, wenn nachts geschossen wurde. Auch Kindern sei jenseits des offiziellen Prozederes klar gewesen, dass das deutsch-sowjetische Verhältnis keinesfalls dem entsprochen habe, was man unter Freundschaft verstünde. Es habe vielmehr selbst unter den Jüngsten schon klare Feindbilder gegeben. 

    Nach der Wiedervereinigung seien die Besatzungsjahre sowie deren persönliches Erleben im Grunde ein Tabu gewesen, erzählt Jannke. Abseits unmittelbar präsenter Folgeerscheinungen wie massiver Umweltschäden sei so gut wie nicht darüber gesprochen worden, auch an den Schulen nicht. Bis heute – in Deutschland wie in Russland gleichermaßen. Und das, obwohl diese Ära sowohl in Ostdeutschland, Russland und in anderen postsowjetischen Staaten noch nachwirke:

    „Es ist eine beiderseits traumatisch aufgeladene Zeit: Für Deutschland, weil sie mit dem selbst verursachten totalen Zusammenbruch begann und allgemein eine Zeit der Schwäche markierte; für Russland, weil an ihrem Ende der totale Zusammenbruch eines Reiches stand, dessen Selbstverständnis sich auf das Bild eines großen, unter unermesslichen Opfern erkämpften Sieges gründete.“

    Die 1990er Jahre seien eine schwierige Zeit gewesen, erinnert sich die nunmehr 41-Jährige. Die Sowjetunion war zerbrochen, während Deutschland zusammenwuchs: „Im Land wog die Erfahrung von Repression und Unfreiheit noch zu schwer und nach Außen wollte man keine Kontroversen starten, gerade, nachdem die Sowjetunion die deutsche Einheit maßgeblich mit ermöglicht hatte. Und als sehr junger Mensch trieb man damals nach einem totalen Bruch in der eigenen Biografie ein wenig orientierungslos auf den Wellen der Ereignisse.“

    Ein Spaziergang mit „Erdrutsch-Erlebnis“

    Doch die Vergangenheit habe Jane Jannke irgendwann eingeholt: Im Jahr 2010, bei einem Spaziergang über den Dresdener Sowjetischen Garnisonfriedhof – weit über 20 Jahre, nachdem sie ihn das letzte Mal betreten hatte. Ein „Erdrutscherlebnis“ sei es gewesen.

    Seit 1996 war der Friedhof in Trägerschaft des Freistaates Sachsen, der sich lediglich um die Kriegsgräber kümmerte. Nicht davon erfasst war der Nordflügel mit Gräbern aus den Jahren 1952 bis 1987, dem Beisetzungsort für während der Besatzungszeit verstorbene Soldaten und Offiziere der Sowjetarmee, deren Familienangehörige sowie für Zivilangestellte des Militärs.

    • Familienangehörigen von Wassili Nekrassow (verstorben Juni 1946 in Dresden), seine Angehörigen reisten 2019 aus den USA an
      Familienangehörige von Wassili Nekrassow (verstorben Juni 1946 in Dresden), seine Angehörigen reisten 2019 aus den USA an
      © Foto : Jane Jannke
    • Nekrassows Grab konnte Jane Jannke trotz in sämtlichen Dokumentationen verfremdeten Namens ausfindig machen, der Name wurde korrigiert auf Kosten der Stadt Dresden.
      Nekrassows Grab konnte Jane Jannke trotz in sämtlichen Dokumentationen verfremdeten Namens ausfindig machen, der Name wurde korrigiert auf Kosten der Stadt Dresden.
      © Foto : Jane Jannke
    • Jane Jannke bei einer Führung auf dem Nordflügel des Sowjetischen Garnisonfriedhofs
      Jane Jannke bei einer Führung auf dem Nordflügel des Sowjetischen Garnisonfriedhofs
      © Foto : Jane Jannke
    • Besatzungskind Jane auf Spurensuche
      Besatzungskind Jane auf Spurensuche
      © Foto : Jane Jannke
    • Kriegsgräberstätte auf dem Sowjetischen Garnisonfriedhof Dresden
      Kriegsgräberstätte auf dem Sowjetischen Garnisonfriedhof Dresden
      © Foto : Jane Jannke
    • Kriegsgräberstätte auf dem Sowjetischen Garnisonfriedhof Dresden
      Kriegsgräberstätte auf dem Sowjetischen Garnisonfriedhof Dresden
      © Foto : Jane Jannke
    • Kriegsgräberstätte auf dem Sowjetischen Garnisonfriedhof Dresden
      Kriegsgräberstätte auf dem Sowjetischen Garnisonfriedhof Dresden
      © Foto : Jane Jannke
    • Gräber auf dem Sowjetischen Garnisonfriedhof Dresden - Nordflügel
      Gräber auf dem Sowjetischen Garnisonfriedhof Dresden - Nordflügel
      © Foto : Jane Jannke
    • Roter Stern über den Kriegsgräbern vom Sowjetischen Garnisonfriedhof Dresden
      Roter Stern über den Kriegsgräbern vom Sowjetischen Garnisonfriedhof Dresden
      © Foto : Jane Jannke
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    © Foto : Jane Jannke
    Familienangehörige von Wassili Nekrassow (verstorben Juni 1946 in Dresden), seine Angehörigen reisten 2019 aus den USA an

    Dieser Erweiterungsteil mit den Nichtkriegsgräbern war stark verwildert, und so war es reiner Zufall, dass sie diesen überhaupt entdeckte. Aus Kindertagen kannte sie nur die offizielle Kriegsgräberstätte, auf der regelmäßig Paraden zum Tag der Oktoberrevolution stattfanden.

    „Als ich unter viel Wildwuchs die mehr als 400 Gräber entdeckte, viele von sehr jungen Menschen und sogar Kindern, war das ein Schlüsselmoment: Nichts konnte so sehr das Vergessen jener 45 Jahre symbolisieren wie dieser unwürdige Anblick.“

    Als im selben Jahr Pläne des Freistaates bekannt wurden, den Nordflügel des Friedhofes ganz einzuebnen, war ihr Engagement geboren. Gemeinsam mit Dresdner Mitstreitern wurde der nördliche Teil wieder „in Schuss“ gebracht. Nach jahrelangem Kampf gelang es, Abrisspläne zu stoppen und den Friedhof ab 2019 wieder in die Hände der Stadt zu übertragen. Seither wird der Sowjetische Garnisonfriedhof als ganzheitliche Anlage betrachtet und als solche unter Einbindung ehrenamtlicher Kräfte gepflegt.

    Die Schicksale der Toten auf dem Friedhof

    Jane Jannke erforscht die Schicksale der dort beerdigten Menschen. „Ich helfe Angehörigen, die Gräber ihrer Lieben zu finden, denn nicht selten wurden die Hinterbliebenen mit sehr dürftigen Angaben zum Verbleib ihrer in der DDR verstorbenen Söhne oder Brüder ausgestattet.“ Viele würden nur die Todesurkunde besitzen, andere hätten nicht einmal diese. Auch die Enkel-Generation fange mittlerweile an, Fragen zu stellen, erzählt Jannke: „Wo ist dieser Großonkel bloß abgeblieben, dessen Foto in der Küche der Mutter hängt?“ Gerade bei dieser Generation sind die Zweifel an den offiziellen Angaben von damals besonders groß: „Sie wollen wissen, wie ihr Verwandter ‚wirklich‘ starb.“ Andere Familien kennen den Begräbnisort, wünschen sich ein aktuelles Foto vom Grab. Im Gegenzug schicken ihr die Hinterbliebenen Fotos der Toten. Jannke bloggt zu ihren Forschungen. Die Angehörigen würden den Friedhof „zum Leben erwecken“, ihm eine Geschichte und ein Gesicht geben.

    Zwischen 1945 und 1994 haben unzählige Soldaten und Zivilpersonen in den sowjetischen Garnisonen in Ostdeutschland ihr Leben verloren: Offiziell sind rund 18.000 Tote allein für die 20 großen Standortfriedhöfe überliefert. Jannkes Recherchen zum Dresdner Friedhof hätten jedoch gezeigt, dass es weitere gibt, deren Namen auf Grabsteinen oder manchen Listen gar nicht auftauchen. Ab 1967 seien viele zudem gar nicht mehr in Deutschland beigesetzt, sondern in der Heimat beerdigt worden, auch weil sie bei Kriegseinsätzen andernorts ums Leben kamen.

    Geheimnisse und Fälschungen

    Sie interessiere der Stellenwert des Menschen im nach innen wie außen geschlossenen System Sowjetarmee: „Das war eine Institution, die sich ungern von außen in die Karten schauen ließ.“ Wenn Soldaten auf unnatürliche Weise zu Tode kamen, etwa durch interne Gewaltakte oder Militärjustiz, sei das Interesse an einer Auseinandersetzung mit Angehörigen ebenso gering gewesen wie das Interesse, die Angelegenheit so schnell als möglich zu „beerdigen“, groß gewesen sei. Angehörige berichteten, dass sie vom Militärgeheimdienst unter Druck gesetzt wurden, wenn sie Nachforschungen hinsichtlich der Todesumstände anstellen wollten. Manche erfuhren erst von heimkehrenden Kameraden vom Tod ihres Sohnes.

    Eine Untersuchung von Totenscheinen durch eine Armeekommission aus dem Jahr 1990 sei zu dem Ergebnis gekommen, dass bei mehr als der Hälfte der militärischen Todesfälle falsche Angaben zur Todesursache gemacht sowie Anfragen von Angehörigen dazu nie beantwortet worden seien, berichtet sie. Erstaunlich häufig fänden sich auf offiziellen Verlustlisten wie auf Grabmalen in den betreffenden Fällen fehlende Lebensdaten oder stark verfremdete Familiennamen. Das erschwere bis heute die Suche der Angehörigen nach dem Verbleib ihrer Toten über öffentlich zugängliche Recherche-Systeme. Und so suchten viele Angehörige über Jahre ergebnislos, da auch die russische Botschaft in Berlin vorrangig mit diesen Quellen arbeite. Hinzu komme, dass die interne Dokumentation der Einheiten aus den Besatzungsjahren bis heute nicht öffentlich zugänglich sei.

    In den 90er-Jahren hat die Berliner Robert-Havemann-Gesellschaft mit dem Matthias Domaschk-Archiv ermittelt, dass 3000 bis 4000 Soldaten pro Jahr in der DDR ihr Leben verloren – „in Friedenszeiten“, unterstreicht Jannke.

    Schussverletzungen und Alkoholvergiftungen – Suizide und Unfälle

    Allein 1954 wurden auf den beiden Dresdner Friedhöfen weit über 130 Soldaten und Zivilisten beerdigt. Viele seien an Krankheiten aufgrund der desolaten Lebensverhältnisse in den Kasernen und der allgemeinen Versorgungskrise in den Nachkriegsjahren gestorben, zudem soll es eine hohe Zahl an Suiziden gegeben haben.

    Zumindest für die Nachkriegszeit der Jahre 1945 bis 1948, für die Archivmaterial freigegeben sei, hätten das Jannkes Recherchen bestätigt. Aber auch letale Unfälle mit militärischem Gerät, todbringende Alkoholvergiftungen und Schussverletzungen seien häufig überliefert.

    Für die Jahre ab 1951 und mit Beginn der Institutionalisierung des Besatzungsstatus' seien alle Daten bis heute unter Verschluss, berichtet sie. Dennoch sei es ihr gelungen, die Todesumstände von acht Menschen aufzuklären, die zwischen 1953 und 1967 zu Tode gekommen seien: Vier offiziell als Suizid eingestufte, ein ertrunkenes Kind, ein an einer Infektion verstorbenes Baby sowie zwei Unfälle, von denen einer nie den Eltern mitgeteilt wurde und der andere zu Tode kam, weil er sich nicht von hinzueilenden Deutschen habe helfen lassen wollen.

    Russische Familien am Grab vermisster Angehöriger – heilsame Erfahrungen

    In zehn Fällen konnte Jane Jannke Familien erfolgreich zum Grab eines vermissten Angehörigen auf dem Garnisonfriedhof führen, bei weiteren Anfragen die letzte Ruhestätte auf anderen Friedhofsanlagen ermitteln. Sehr berührend seien die Momente, wenn die Angehörigen nach Dresden kämen.

    Der rege Austausch, der sich im Zuge ihrer Recherchen mit ehemaligen Soldaten ergebe, bedeute ihr sehr viel.

    „Für diese Menschen endete die Welt damals genauso abrupt wie für viele Deutsche. Gemeinsam noch einmal in die Zeit einzutauchen, als wir quasi Nachbarn waren, mit etwas Abstand die Perspektive des jeweils anderen einzunehmen, ist für beide Seiten wichtig, finde ich. Ich habe das als extrem heilsam empfunden.“

    Den Familien könne sie helfen und von ihnen bekomme sie Anerkennung für ihre Arbeit: „Sie unterstützen mich moralisch – selbst über grundsätzliche politische Differenzen hinaus. Und das ist sehr viel wert in heutigen Zeiten.“

    „Opferkult“ - nicht unumstrittenes Engagement

    Die Aufklärung der Toten-Schicksale ist allerdings in ihrer Heimatstadt nicht unumstritten. Jane Jannke würde einen „Opferkult“ betreiben, so der Vorwurf. „Solche Stimmen kommen traditionell aus Kreisen, die den alten Denkmustern des Kalten Krieges verhaftet geblieben sind“, so die junge Dresdnerin.

    Aussöhnung im Dialog und mangelndes Interesse

    Sie wolle die Aussöhnung zwischen Deutschen und den Menschen in den postsowjetischen Staaten voranbringen: „Das geht nur, indem man miteinander in Dialog tritt und signalisiert: Ich interessiere mich für deine Perspektive auf die Vergangenheit, die ja auch eine gemeinsame war. Denn Fakt ist: Millionen Sowjetbürger haben in der DDR über Jahre mit uns Tür an Tür gelebt, mit wechselseitigem Einfluss auf Kultur und Mentalität. Der Kalte Krieg hat sowohl in der DDR als auch in der Sowjetunion viel Leid erzeugt, doch auf beiden Seiten wurde das längst nicht immer gleich empfunden.“

    Mehrfach habe sie für den Erhalt des Nordflügels des Garnisonfriedhofes Unterstützung der russischen Seite erbeten, wurde aber mehr oder weniger ignoriert. Das habe sie betroffen gemacht:

    „Wir wollten die Erinnerung an Menschen lebendig halten, die zum großen Teil ethnische Russen waren und im Dienst für ihr Vaterland umkamen. Doch Moskau stimmte den sächsischen Abrissplänen damals unter Auflagen zu. Mein Eindruck damals war, dass es der russischen Regierung nicht wirklich recht war, dass sich in Deutschland jemand für die sowjetische Militärpräsenz in der DDR interessierte.“

    Und das, obgleich ihr Interesse explizit kein politisches, sondern ein historisches und humanistisches sei.

    Hier möge eine Rolle spielen, dass viele der alten Strukturen den Zerfall der Sowjetunion überdauert hätten, so Jannke: „Dieselben Leute sitzen teils noch immer in einflussreichen Positionen.“ Der letzte Kommandeur der in Dresden dislozierten 1. Gardepanzerarmee, Leonti Schewzow, schaffte es beispielsweise bis zum stellvertretenden russischen Innenminister. „Es gibt nach meiner Einschätzung von diesen Stellen aus wenig Interesse, Wesen und Rolle der Armee während der Besatzungsjahre einem offenen, pluralistischen Diskurs zuzuführen.“ Jane Jannke wünscht sich auf beiden Seiten mehr Offenheit und Interesse für diese fast 50-jährige Epoche gemeinsamer Geschichte.

    ba

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Geschichte, Sowjetunion, UdSSR, Erinnerungskultur, Truppenabzug, Dresden, DDR, Sowjetische Besatzungszone (SBZ)