17:27 29 September 2020
SNA Radio
    Interviews
    Zum Kurzlink
    Von
    Fall Nawalny: Streit um Vergiftung des Kreml-Kritikers (103)
    7733225
    Abonnieren

    Eine tiefe Auseinandersetzung mit dem Fall Skripal und „Nowitschok“ ermöglichte der Politologin und der ehemaligen EU-Beamten Dr. Petra Erler, der offiziellen Version der britischen Regierung zu widersprechen. In einem Gespräch verzichtet Erler auf Spekulationen im Fall Nawalny und unterstreicht, dass die Aufklärung im Interesse aller liegt.

    Kaum hat die Bundeskanzlerin am Mittwoch den russischen Kreml-Kritiker Alexej Nawalny zum „Opfer eines Verbrechens“ erklärt und Gespräche mit den EU- sowie Nato-Partnern angekündigt, droht die EU Russland nun offen mit Sanktionen. Manche deutschen Politiker wie der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Norbert Röttgen (CDU), gehen allerdings noch weiter und wünschen sich diesbezüglich einen Stopp der Nord Stream 2. Das Medienecho ist so gut wie eindeutig: Putin stecke hinter der Vergiftung, die das Speziallabor der Bundeswehr nun bestätigte. Und zwar mit dem Nervengift Nowitschok - wie im Fall Skripal im englischen Salisbury.

    Dabei wirft die Version der Bundesregierung viele Fragen auf

    Warum etwa hat Putin Nawalny nach Deutschland ausfliegen lassen? Kann man mit Nowitschok die Menschen nur einzeln ausschalten? Warum haben die russischen Ärzte erstmal keine Giftspuren im Blut des Oppositionellen gefunden

    Die Politologin Dr. Petra Erler, mit der Sputnik einmal ausführlich über die Lücken im Skripal-Fall sprach, will sich nicht auf Spekulationen einlassen und schlägt vor, bei den Fakten zu bleiben. Fakt sei etwa, dass Nawalny mit einem Gift der Familie Nowitschok vergiftet wurde und dass eine Zusammenarbeit von Deutschland und  Russland notwendig ist - „weil es sich um einen russischen Staatsbürger handelt, der Opfer einer Straftat wurde“, sagt Erler gegenüber Sputnik.

    Jedoch:

    „Schon Sherlock Holmes hat es gewusst, man soll sich nicht erst eine Schlussfolgerung zurechtlegen und dann die Fakten passend machen.“ Sie warnt davor, Sanktionen zu beschließen, bevor man die Wahrheit kenne. „Ich bin dagegen, einen Vorfall sofort zu nutzen, um politische Konsequenzen in Gang zu bringen, ohne die Einzelheiten und alle Fakten zu kennen.“

    Für die Aufklärung der Wahrheit würden eine Reihe von Umständen stehen, weist die Politologin hin. Man könne am Handeln aller Parteien sehr gut ablesen, ob eine oder beide Seiten an der Aufklärung und der Zuweisung der Verantwortung für die Tat interessiert seien. „Das liegt daran, dass Nervengifte wie Nowitschok  nicht nur Spuren im Blut eines Opfers hinterlassen. Alle Dinge, aber auch Menschen, mit denen der erkrankte Nawalny in Russland in direktem Kontakt war, müssen Kontaminierungsspuren aufweisen.

    „Das spricht immer dafür, dass der Täter...“

    Genau von diesen Kontaminierungsspuren hat man aber in den russischen Medien nichts mitbekommen - darauf wies eben der Omsker Toxikologe Alexander Sabajew hin. Erler zeigt sich aber unbeugsam: „Fest steht, wir wissen es noch nicht, ob es Kontaminierungsspuren gibt. Wir wissen nur, dass es ein Nowitschok-Gift gewesen sein soll und das spricht immer dafür, dass der Täter keine Privatperson war.“

    Nawalny hätte im Vergiftungsfall das Cafe im Flughafen von Tomsk, wo er offenbar Tee getrunken hatte, sowie das Flugzeug, etwa die Flugzeugtoilette und seinen Sitz, kontaminieren müssen. Dazu noch mutmaßlich seinen Reisebegleiter, den Krankenwagen und die Ersthelfer  in Omsk. Erler erinnert daran, dass beim U-Bahn-Anschlag in Tokio mit dem Nervengas Sarin etwa 25 Prozent der Hilfskräfte, die den Opfern zu Hilfe eilten, auch vergiftet wurden. „Wir wissen, das Cafe auf dem Flughafen von Tomsk ist abgesperrt und geschlossen. Aber haben dort Ermittlungen stattgefunden? Was ist mit dem Flugzeug? Fliegt es weiter? Wurde es nach der Nachricht aus Berlin außer Dienst gestellt und untersucht? Wäre letzteres der Fall, kann man nicht von einer Vertuschungsaktion ausgehen“, sagt Erler weiter. 

    Tatsächlich nahm das am 20. August vorerst geschlossene Cafe im Tomsker Flughafen Anfang September laut dessen Besitzer die Arbeit auf. Er gab jedoch nicht bekannt, ob in seiner Einrichtung Kontrollen durchgeführt wurden. Vor diesem Hintergrund müssten sich die russischen Behörden nun dringend auf Spurensuche begeben, meint die Sputnik-Gespächtspartnerin.

    „Leider wurde das im Skripal-Fall nicht gemacht“

    Gleichzeitig komme es auch auf die Bundesregierung an. Sollte die Bundesregierung in dem Fall ein wahres Aufklärungsinteresse haben, müsste sie die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) nach dem Artikel 9 der OPCW-Konvention mit dem Fall des Einsatzes einer verbotenen Chemiewaffe befassen, glaubt Erler. Das würde die Zusammenarbeit mit Russland erzwingen und es der OPCW auch ermöglichen, eine Verdachtsinspektion mit unabhängigen Experten zu machen. Einer solchen Inspektion könnte sich Russland nicht widersetzen. Die Experten könnten Kontaminierungsspuren suchen, aber auch herausfinden, ob betroffene Objekte heimlich dekontaminiert wurden. Das wäre ein anderes Vorgehen, als im Fall Skripal, sagt Erler.

    Die Politologin erinnert daran, wie Großbritannien auf die Kontaminierung im Skripal-Fall reagiert hätte. Die britischen Behörden haben beispielsweise den Tisch verbrannt, an dem die Skripals gegessen hatten, weil er so kontaminiert gewesen sei soll. „Sie haben zwei Dächer erneuert: das Dach des Skripal-Hauses und das der benachbarten Garage, alles nur wegen einer kontaminierten Türklinke.“ 

    Auch im Nawalny-Fall könnten Kontaminierungsspuren an den betroffenen Stellen auch nach Tagen gefunden werden, sollte der Verdacht stimmen, beharrt die Expertin.

    „Solche Gifte sind nach dem Befund von OPCW in der Regel stabil. Die erodieren nicht so einfach. Das ist das Problem an solchen Nervengiften - deren Einsatz wurde so konzipiert, dass sie möglichst nachhaltig vergiften, dass sie die Einsatzkräfte, die  vergifteten Menschen zur Hilfe eilen, vergiften. Das sie die Umwelt vergiften. Das alles macht diese Nervengifte so abscheulich“, sagt Erler abschließend. 

    Am Donnerstagabend zeigte sich die OPCW tief besorgt wegen einer möglichen Vergiftung Nawalnys. Nach der Chemiewaffenkonvention werde die Vergiftung eines Einzelnen mit einem Nervengas als Einsatz von Chemiewaffen bewertet, erklärte der Generaldirektor der OPCW, Fernando Arias, und bot Unterstützung bei der Aufklärung an. Auch der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell rief Russland auf, mit der OPCW zu kooperieren. Die deutsche bzw. die russische Seiten haben sich zu den Aufrufen bisher noch nicht gemeldet.

    Dr. Petra Erler ist Geschäftsführerin der Strategieberatung European Experience Company GmbH. 1990 war sie nach den ersten freien Wahlen in der DDR Staatssekretärin für Europäische Angelegenheiten. Von 2006 bis 2010 war sie die Kabinettschefin von EU-Kommissar Günter Verheugen.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren
    Themen:
    Fall Nawalny: Streit um Vergiftung des Kreml-Kritikers (103)

    Zum Thema:

    Jerewan: Türkisches Kampfflugzeug schießt Su-25 armenischer Luftwaffe ab – Ankara dementiert
    Fall Nawalny: Maas attackiert Russland vor UN-Vollversammlung
    Kreml: Erklärung über militärische Unterstützung für Armenien oder Aserbaidschan befeuert Konflikt
    Tags:
    A-234 "Nowitschok", "Nowitschok", Nowitschok, Alexej Nawalny