16:02 18 September 2020
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    Der „oppositionelle“ Bonner Virologe Hendrik Streeck hat sich kürzlich im Umgang mit Covid-19 für einen Strategiewechsel ausgesprochen. Deutschland dürfe sich „nicht allein auf die reinen Infektionszahlen beschränken“, so Streeck. Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, greift in einem Sputnik-Gespräch die Kontroversen auf.

    - Herr Prof. Dr. Montgomery, Ihr Kollege Hendrik Streeck plädiert dafür, die bestehende Corona-Strategie umzudenken. Was halten Sie davon?

    Die Frage ist: Was heißt umdenken? Wir denken täglich unsere Corona-Strategie neu, weil das Virus sich ja auch verändert – nicht virologisch oder chemisch, sondern im Auftreten. Momentan haben wir sehr viele Erkrankungen unter jungen Leuten und erstaunlich wenig Tote, wobei das niemand schlüssig erklären kann. Kann sein, weil wir bei steigenden Infektionszahlen keine steigenden Todeszahlen haben. Kann sein, dass es noch später kommt, aber das wissen wir nicht. Deswegen ist es richtig, immer und regelmäßig darüber nachzudenken, was man bei der Corona-Prävention verbessern kann.

    - Streeck meinte wohl aber, die Todeszahlen in den Vordergrund zu stellen und die Politik etwa nach diesen Zahlen auszurichten. Dagegen scheint  das Team von Christian Drosten von den gesamten Infektionszahlen auszugehen.

    Ich sehe keinen Widerspruch zwischen Drosten und Streeck und würde den auch nicht konstruieren wollen. Mag sein, dass wir in vier Wochen wieder über höhere Todeszahlen reden. Wir müssen also das ganze Infektionsgeschehen im Auge behalten und dabei immer sauber analysieren, in welchen Bevölkerungsgruppen sich das Virus ausbreitet. Ich sehe in Deutschland, dass die älteren Menschen, die Risikogruppen, sehr viel vorsichtiger geworden sind als vor drei Monaten, während die Jugend viel hedonistischer geworden ist und ihren Anspruch auf Partys umsetzen will. Das wird einmal vielleicht wieder umkippen – das weiß keiner. Deshalb müssen wir uns die Zahlen ständig angucken und unsere Schlüsse dann neu ziehen, statt zu sagen, es ist nur die Infiziertenzahl oder die Todeszahl. Es ist immer eine Summe aus allem.

    - Es wird in der deutschen Statistik trotz Forderungen Ihrer Kollegen immer noch nicht zwischen den Infizierten und den Erkrankten unterschieden. Ist es richtig? Streeck meint etwa dazu, Infektionen ohne Symptome seien gesellschaftlich betrachtet nicht schädlich. 

    Warum wir die gesamten Infektionszahlen, diese kumulierten Zahlen immer noch veröffentlichen – das weiß ich selbst nicht. Interessant ist in der Tat die Zahl der aktuell Infizierten. Die Gesamtsumme ist langfristig interessant für die Statistiker, wenn wir mal den Durchseuchungsgrad in der Bevölkerung feststellen oder wissen wollen, wie lange die Immunität andauert und wie hoch der Immunisierungsgrad in der Bevölkerung ist. Aber in der Information für die Öffentlichkeit oder etwa in der Beurteilung der aktuellen Lage finde ich diese Zahl bedeutungslos. Wichtig ist nur: Wie viele sind akut infiziert? Daraus kann man ableiten, wie viele Menschen sich im Moment in Deutschland anstecken können. Aber für die akute epidemiologische Lage ist nur die Zahl der gerade Infizierten, der im Krankenhaus Behandelten und die der Sterbenden wichtig.

    - Aber genau die Zahlen der Menschen auf Intensivstationen und die der Sterbenden sind in Deutschland offenbar gesunken. Wie kann man auf dieser Grundlage etwa vorhersagen, dass die zweite Welle kommt?

    Wir sehen in Italien, Frankreich und Spanien: da ist die zweite Welle schon da. Auch bei denen steigen die Todeszahlen im Moment nicht so stark. Unsere Erklärung reicht nur teilweise, dass es jetzt unter jungen Leuten, die nicht so krank werden, grassiert und die alten Leute sich ausreichend schützen. Das ist ein Teil der Erklärung.

    - Kann es sein, dass das Virus weniger gefährlich geworden ist?

    Nein, in diesem Sinne hat sich das Virus nicht verändert. Aber vielleicht haben mehr Leute unterschwellig Kontakt damit gehabt, damit keine Immunität erzeugt, keine komplette Immunität, aber eine Teilimmunität, so dass sie vielleicht weniger krank werden. Wir werden an diesem Virus noch ganz viel forschen müssen, um das beurteilen zu können. Ich glaube, dass wir jetzt am Anfang der zweiten Welle sind. Ich rede ja deswegen von der Dauerwelle: Wir werden immer wieder damit konfrontiert, solange es keine Impfung gibt und keine vernünftige Therapie. Dass uns bisher gelingt, zu verhindern, dass aus der Dauerwelle eine richtige Zweite Welle wird, mit Brandung, wo die Schaumkronen überschlagen, ist das Ergebnis unserer guten Prävention. Aber das Risiko besteht immer und ich kann den Widerspruch zwischen Drosten und Streeck nicht sehen. Warnung macht auch Streeck davor. Wir müssen aufpassen, dass wir die Kapazitäten und das Gesundheitswesen nicht überlasten, wir müssen uns an die AHA-Regeln halten, also Abstand, Hygiene und Atemschutz. Von einer Überforderung des Gesundheitssystems sind wir aber im Moment noch weit entfernt. 

    - Hängen die steigenden Neuinfektionen aber nicht alleine damit zusammen, dass deutlich mehr getestet wird? Jetzt sind es laut dem Robert Koch-Institut (RKI) fast eine Million pro Woche. 

    Wir hatten ganz am Anfang der Pandemie, als wir nur symptomatische Leute testeten, in den Labors Positivraten zwischen drei und acht Prozent. In der Zeit, als dann alle wahllos zwischendurch testeten, noch vor den Reiserückkehrern, hatten wir nur 0,3 Prozent positive Tests. Im Moment haben wir etwa wieder über ein Prozent positive Tests. Es ist also nicht nur die Zahl der Tests, sondern auch die positive Rate innerhalb der Tests ein bisschen höher. Mit Sicherheit steigt die Gesamtinfiziertenzahl wegen der höheren Tests, aber unter den Getesteten treten auch mehr Kranke auf, und das ist ein deutliches Zeichen, dass es mehr Infektionen in Deutschland gibt als vorher.

    Innerhalb eines Tages haben die Gesundheitsämter in Deutschland nach Angaben des RKI vom frühen Dienstagmorgen 1407 neue Corona-Infektionen gemeldet. Seit Beginn der Corona-Krise haben sich demnach mindestens 261.762 Menschen in Deutschland nachweislich mit dem Virus Sars-CoV-2 infiziert Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion liegt nach RKI-Angaben bei 9362. Seit dem Vortag wurden zwölf Todesfälle mehr gemeldet. Bis Dienstagmorgen hatten etwa 234.600 Menschen die Infektion nach RKI-Schätzungen überstanden.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Christian Drosten, Robert Koch-Institut (RKI), Corona-Impfstoff, Impfstoff, Coronavirus