07:28 23 Oktober 2020
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    Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz gilt als DER Experte für die Befindlichkeiten der Ostdeutschen. In seinem neuen Buch „Das gespaltene Land“ warnt Maaz vor einer „Krise der Demokratie“, in der man Angst hat, seine Meinung zu sagen. Im Interview mit Sputniknews fordert der Bestsellerautor einen „gesellschaftlichen Runden Tisch“.

    - Herr Maaz, Ihr neues Buch heißt „Das gespaltene Land“. Welche Spaltung meinen Sie?

    Wir Psychotherapeuten verstehen unter Spaltung einen Abwehrmechanismus, in dem man die Welt in Gut und Böse, Schwarz und Weiß und vor allem in „Ich habe Recht“ und „Die anderen liegen falsch“ unterteilt. Diesen Abwehrmechanismus beobachte ich verstärkt in der Gesellschaft. Wir kennen schon lange Spaltungen, zum Beispiel in arm und reich oder Mann und Frau. Aber jetzt gibt es viele neue Spaltungen, wie Jung und Alt, Stadt und Land oder politisch in AfD oder Grüne oder gesamtgesellschaftlich in Globalisten und Traditionalisten. Das Besondere, was ich nun beobachte, ist, dass diese Spaltungen immer feindseliger zueinander werden. Es gibt keine Verständigung mehr – die einen sind immer nur die Guten und die anderen die Bösen.

    - Vieles was heutzutage als „gut“ gilt, scheint mir nicht unbedingt gut, sondern eher politisch korrekt zu sein.

    Klar, die politisch Korrekten sind die Guten und die anderen die Schlechten. Meist sind dies ja Bilder, die von der Gesellschaft, aber mitunter auch schon von den Eltern vorgegeben wurden. Als Psychotherapeut würde ich hier ansetzen, dass man aufhört, immer nur Feinde und Gegner zu sehen, sondern wieder den Diskurs miteinander zu führen, in jedem Guten auch das Kritische zu sehen und andersherum.

    - Es scheint im Moment ein Problem zu sein, dass es keinen echten Disput gibt zwischen den einzelnen Lagern. Jeder verschanzt sich in seiner Blase. Und hält seine Ansichten für die einzig richtigen und sucht sich Verstärker dafür.

    So ist das leider. Die Ursachen dafür, dass sich die Positionen so verhärten, habe ich versucht, in meinem Buch zu untersuchen. Man will nicht mehr wirklich der anderen Seite zuhören und verstehen. Diese Zuspitzung, diese Spaltung ist meiner Meinung nach ein Symptom einer schweren Gesellschaftskrise.

    - Ist „rechts“ und „links“ eigentlich noch eine passende Einordung dieser Lager, die sich da feindlich gegenüberstehen?

    Diese Einordnung, also vor allem der Kampf gegen rechts als ideologisierte Formulierung wird ja geschürt. Das Besondere hierbei ist, dass man gar nicht mehr hinterfragt, was an dieser Person rechts sei. Man benutzt dann solche Schlagworte nur noch, um zu diffamieren. Das sind für mich auch Symptome einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung.

    - Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Menschen zunehmend Angst hätten, in der Öffentlichkeit ihre wahre Meinung zu äußern, weil sie Angst hätten, dafür abgestraft zu werden. Dies halten Sie für ein „ernstes Zeichen von Demokratieverlust“.  So hoch würden Sie dies ansetzen – eine Gefahr für die Demokratie?

    Ja, es nimmt zu, dass Menschen sich nicht trauen, ihre Meinung zu sagen. Das erleben wir ja auch in der Öffentlichkeit, wenn Menschen sich beispielsweise für Pegida oder die AfD interessieren oder gegen Migration oder jetzt gegen die Corona-Maßnahmen sind. Das wird ja dann nicht einfach nur zur Kenntnis genommen oder darüber diskutiert, das sind dann gleich ganz böse Menschen. Und diese Menschen erfahren dann auch eine reale Abwertung. Dafür gibt es inzwischen genug Beispiele bis hin zum Jobverlust. Reale Bedrohungen also, die andere dazu bringen, zu denken – das möchte ich nicht für mich. Das ist ja auch existenzbedrohend. Das führt dazu, dass die Menschen sich verschließen, vorsichtig werden und ihre Meinung nicht mehr sagen. Aber wenn das nicht mehr geschieht, kommt es zu keiner Regulierung der unterschiedlichen Positionen mehr – was eine Demokratie ausmacht. Kein Mensch ist im Besitz der ewigen objektiven Wahrheit. Die muss immer wieder situativ erworben werden. Das funktioniert nur, wenn man alle Meinungen in den Austausch einbringt. Nur so findet man allmählich heraus, welche Position der Realität am nächsten kommt und am besten für die Gesellschaft ist.

    - Sie haben ein neues Wort kreiert – „Normopathie“. Was meinen Sie damit?

    Das Gestörte wird für normal erklärt. Das geschieht, wenn eine Mehrheit in gleicher Weise denkt. Solche normopathischen Verhältnisse haben in der Geschichte oft Verbrechen begünstigt, wenn man nur an den Nationalsozialismus oder, in der Form, wie wir es erlebt haben, auch an den Kommunismus denkt. Die Mehrheit war für den Krieg oder für die Judenverfolgung. Man versteckt sich in der Meinung der Mehrheit und hat dann das Gefühl – wenn alle so denken, dann kann es ja nicht falsch sein. Das wird befördert durch das zentrale psychosoziale Grundbedürfnis des Menschen, in einer Gemeinschaft dazuzugehören – in Partnerschaft, Freundschaft, Familie, Arbeit, Religion oder Politik. Entsprechend ist eine der größten Ängste des Menschen, aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden und zu vereinsamen. Damit kann man nicht gut leben. Das erklärt, warum man aus diesem Druck heraus sogar bei absurden oder verbrecherischen Gemeinschaftsaktionen mitmacht.

    - Im Umkehrschluss braucht es Mut, zu seinem Standpunkt zu stehen, wenn dieser gerade nicht „en vogue“ ist. Sie sprechen sogar von „Zivilcourage“. Ich hatte Sie im April zu den psychologischen Auswirkungen der Coronakrise interviewt. Sie hatten damals bereits an einer der ersten kleinen Demos gegen die Einschränkungen der Grundrechte durch die Corona-Maßnahmen teilgenommen. Inzwischen fanden solche Demos in beachtlichen Größenordnungen statt. Und wurden medial und politisch geächtet. Zu Recht?

    Nein, überhaupt nicht. Dass das geächtet wird, ist für mich auch wieder ein Symptom der Krise der Gesellschaft, unserer narzisstischen Normopathie, wie ich es nenne. Es ist doch schlimm, wie so ein Protest diffamiert wird, dass man lügt und heuchelt, die Zahlen fälscht, die Menschen, die dort demonstriert haben, in eine Ecke stellt und als Populisten und Rechtsextremisten beschimpft. Eigentlich müsste man sich doch fragen, warum diese Menschen protestieren und sich mit ihren Positionen auseinandersetzen.

    Manchmal scheint mir, wir bräuchten im Moment einen großen gesellschaftlichen Runden Tisch, an dem alle zu Wort kommen dürfen. 

    Es gibt immer auf beiden Seiten Recht und Unrecht. Wenn man eine Seite als absolut richtig und die andere Seite als absolut falsch darstellt, ist für mich das Ende der Demokratie erreicht. Wenn in einer Gesellschaft so schwerwiegende Gegenpositionen wie jetzt in der Corona-Situation entstehen, ist es notwendig, beide Seiten, also das Für und Wider der Corona-Maßnahmen, auf den Tisch zu legen.

    Das Interview mit Hans-Joachim Maaz zum Nachhören: 

    Das Buch „Das gespaltene Land“ von Hans-Joachim Maaz ist im C-H-Beck-Verlag erschienen.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Ostdeutschland, Hans-Joachim Maaz