18:56 29 November 2020
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    Exklusiv – Ministerpräsident a.D. Sellering: „Deutschland nicht vorschreiben, von wem es Gas kauft“

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    Erwin Sellering hat in seiner Amtszeit Mecklenburg-Vorpommern zum wirtschaftlichen Aufschwung verholfen. Dazu beigetragen haben auch die alten Handelsbeziehungen zu Russland. Im Exklusiv-Interview mit Sputniknews äußert sich der Ministerpräsident a.D. zu Nawalny, Nord Stream 2 und seiner Nachfolgerin Manuela Schwesig.

    Knapp neun Jahre lang war Erwin Sellering Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern und als solcher sehr beliebt. Erst ein Krebsleiden, dass er inzwischen überwunden hat, zwang den Sozialdemokraten 2017 zum Rückzug aus der aktiven Politik. Besonders am Herzen liegen ihm damals wie heute die deutsch-russischen Beziehungen. Als Ministerpräsident initiierte er den Russlandtag, eines der größten deutsch-russischen Wirtschaftstreffen. Seit 2018 leitet er den Verein „Deutsch-Russische Partnerschaft“. Im Exklusiv-Interview mit Sputniknews erklärt Sellering, warum Nord Stream 2 nicht nur für Mecklenburg-Vorpommern, sondern für ganz Europa wichtig ist und warum er keine Angst davor hat, „Putinversteher“ genannt zu werden.

    - Herr Sellering, es ist nicht der beste Moment, um über die deutsch-russischen Beziehungen zu sprechen. Die Vergiftung des russischen Oppositionellen Nawalny vergiftet gerade auch das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen. Können Sie mir erklären, was ein russischer Präsident, dem dies quasi als Auftragsmord unterstellt wird, davon hätte?

    Wir bewegen uns hier bisher völlig im Bereich von Verdächtigungen. Es handelt sich ganz sicher um ein abscheuliches Verbrechen, dass vollständig aufgeklärt werden sollte. Erst das wäre die Voraussetzung, irgendjemanden zu verurteilen. Das ist der einzige Weg. Aufgrund von Mutmaßungen Sanktionen zu verhängen, was ja quasi bereits eine Strafe sein soll – das wäre mit unserem Rechtssystem nicht vereinbar.

    - Die Analyse des Giftes, angeblich der chemische Kampfstoff Nowitschok, war kaum abgeschlossen, da wurde von diversen Politikern auch schon ein Stopp der Gas-Pipeline Nord Stream 2, die von Russland nach Vorpommern führt, gefordert. Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun?

    Alexej Nawalny mit seiner Ehefrau in Berlin
    © REUTERS / Courtesy of Instagram @navalny / Social Media
    Eigentlich gar nichts. Aber Nord Stream 2 wird ja schon lange angefeindet und bekämpft von den USA, aber auch von anderen. Ich befürchte also, dass der Vorfall um Nawalny, auch wenn das zynisch ist, gern als Vorwand genommen wird, um zu sagen: Jetzt muss das gestoppt werden.

    - Wie wird das Ganze ausgehen? Wird die Kanzlerin bei ihrer Position bleiben?

    Das hoffe ich sehr.

    - Wozu braucht Mecklenburg-Vorpommern und letzten Endes ganz Europa Nord Stream 2?

    Darüber kann man natürlich diskutieren. Energiepolitisch ist es in jedem Fall wichtig. Aber inzwischen finde ich es auch prinzipiell wichtig, dass Deutschland klarmacht, dass wir eine souveräne Entscheidung getroffen haben und uns durch Druck, von wem auch immer, davon nicht abbringen lassen. Wir dürfen uns nicht vorschreiben lassen, von wem wir Gas kaufen. Soweit darf eine Abhängigkeit nicht gehen.

    Und außerdem, wenn man sich im Moment die Weltlage anschaut, ist es so, dass die drei Weltmächte sehr aggressiv ihre Rivalität austragen. Meine Empfehlung für Deutschland und Europa wäre, unsere Kraft zu nutzen, eine eigenständige Position zu entwickeln und uns nicht wieder in so etwas wie einen Kalten Krieg hineinziehen zu lassen. Wir sollten die Interessen Europas wahrnehmen und diesen Mächten auf Augenhöhe begegnen.

    - Einen Standpunkt kann man ja entwickeln. Aber wenn eine dieser Weltmächte Ihnen, konkret dem Hafen Mukran, dem Bürgermeister von Saßnitz und damit zum Teil auch dem Land Mecklenburg-Vorpommern mit – ich zitiere – „finanzieller Zerstörung“ droht, für den Fall, dass Nord Stream 2 zu Ende gebaut wird – wie soll man damit umgehen?

    Dem muss man klar begegnen. Da muss man ganz klar Nein sagen. Das Verhältnis zu den USA ist ja deutlich schlechter geworden. Umso mehr sollten wir eine klare Haltung einnehmen. Und es wäre sehr zu wünschen, wenn es Deutschland als einem der stärksten Länder in Europa gelingen würde, so eine einheitliche Linie für die europäischen Länder zu entwickeln.

    - Sollte man da nicht abwägen – ist nicht das Verhältnis zu den USA als wichtigstem Handelspartner wichtiger als eine mögliche Investruine auf dem Grund der Ostsee?

    Ich finde, man sollte mit allen Partnern fair und vernünftig umgehen. Aber wir sollten uns von keinem Partner irgendetwas vorschreiben lassen.

    - Sie raten also der deutschen Regierung dazu, standhaft zu bleiben?

    Ich sitze ja hier als Vorsitzender des Vereins „Deutsch-Russische Partnerschaft“ Mecklenburg-Vorpommern. Und wir haben ein großes Interesse daran, gerade in diesen schwierigen politischen Zeiten dafür zu sorgen, dass der Kontakt zwischen den Menschen nicht abreißt. Der Kalte Krieg sitzt ja noch immer in den Köpfen einiger Menschen – vor allem in Westdeutschland. Um dem entgegenzuwirken, muss man dafür sorgen, dass die Menschen sich kennenlernen, dass sie Vorurteile abbauen, dass Freundschaften entstehen. Unsere Aufgabe ist es also nicht, den Regierungen zu sagen, was sie tun sollen. Aber natürlich sind auch wir durch diese Diskussion betroffen.

    - Sie sagen, vor allem in Westdeutschland ist noch ein wenig Kalter Krieg in den Köpfen. Wie ist das in Ostdeutschland? Wie ist hier die Einstellung zu Russland?

    Völlig anders. Es ist nun einmal so, dass Westdeutschland Teil des westlichen Blocks war, und man hat ohne viel Nachdenken die Gegenseite verteufelt. Das war übrigens umgekehrt genauso. Dieser unterschiedliche Hintergrund ist ja auch das Besondere zwischen Ost- und Westdeutschland. Natürlich hat auch Ostdeutschland mit der Sowjetunion als Besatzungsmacht nicht immer die besten Erfahrungen gemacht, aber es kam zu menschlichen Begegnungen.

    So blieben die Russen kein abstrakter Feind, wie im Westen, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Und daran muss man anknüpfen. Und daran lag mir besonders in meiner Zeit als Ministerpräsident. Eine meiner wichtigsten Aufgaben war ja, den wirtschaftlichen Aufholprozess voranzutreiben. Da hatten wir viele Nachteile. Aber unser großer Vorteil waren die exklusiven Handelsbeziehungen nach Osteuropa. Daran haben wir angeknüpft, und das dürfen wir uns auch nicht kaputtmachen lassen.

    - Wieviel ist davon dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung noch übrig?

    Ich war ja in meiner Zeit als Ministerpräsident häufiger mit Wirtschaftsdelegationen in Russland. Die ostdeutschen Unternehmer konnten dann ihr Russisch wieder mal anwenden. So kam es schnell wieder zu menschlichem Kontakt. Das sind gute Voraussetzungen, auf die wir aufbauen konnten. Und dann haben wir den Russlandtag durchgeführt, wo sich die Wirtschaft der beiden Länder und vor allem unserer Partnerregionen treffen konnten. Und daraus ist Vieles entstanden. 

    - Noch einmal zu Nord Stream – von dem es ja bereits einen fertigen Strang gibt – was bedeutet dies für die Region?

    Ich glaube, insgesamt für die Energieversorgung ist klar, dass wir noch Gas brauchen. Nach meiner Erfahrung haben wir da mit Russland einen zuverlässigen Partner. Da hat es nie Probleme gegeben. Deshalb glaube ich, dass der zweite Strang gut für uns, aber auch für Europa, für die Gasversorgung Europas, ist. Und es gibt uns als Region eine gewisse Bedeutung. Das finde ich insgesamt gut.

    - Und noch einmal zum Russlandtag: Welche Bedeutung hat dieser inzwischen?

    Das ist gewachsen. 2014 war ein sehr umstrittener Russlandtag, weil da gerade die Geschichte in der Ukraine passiert war. Wir haben dann trotzdem an dem Russlandtag festgehalten, weil wir der Überzeugung waren, wir müssen den Gesprächskanal offenhalten. Aus meiner Sicht hat sich gezeigt, dass das richtig war. Seitdem haben wir sowohl von deutscher als auch von russischer Seite große Teilnehmerzahlen und ich glaube, da ist auch Einiges in Gang gekommen.

    - Die Wirtschaftswelt tickt da etwas anders, oder?

    Ja. Zumal gerade diese Gaskonflikte und hier vor allem die Intervention der USA hochgradig wirtschaftlich motiviert sind. Deshalb noch einmal: Deutschland darf sich nicht vorschreiben lassen, von wem es Gas kauft.

    - Wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit Ihrer Nachfolgerin, Manuela Schwesig? Auch ihr scheint ein gutes Verhältnis zu Russland wichtig zu sein.

    Ich bin sehr zufrieden mit ihrer Arbeit in jeder Hinsicht, aber auch in diesen Fragen, wie sie sich zu den aktuellen Problemen geäußert hat, wie sie zu Nord Stream steht. Das finde ich sehr überzeugend und richtig.

    Ich treffe sie ab und zu, wir führen nette Gespräche. Das freut mich sehr. Aber ich würde niemals irgendwelche Tipps aus dem Off geben oder, wie andere, sich auf der Bundesebene kritisch äußern, um ihre eigene Bedeutung noch einmal irgendwie nach vorn zu bringen – das ist unsinnig.

    - Trotzdem fanden Sie es notwendig, sich jetzt im „Nordkurier“ zu Nawalny und Nord Stream 2 zu äußern.

    Ja, und das ist ein schwieriger Balanceakt für mich. Ich spreche da als Vorsitzender der „Deutsch-Russischen Partnerschaft“. Ich enthalte mich zwar einer politischen Bewertung, aber ich melde mich da zu Wort, weil unsere Arbeit als Verein massiv betroffen ist, wenn das Klima so vereist. Das möchten wir nicht, und deshalb habe ich mich da geäußert. Die Mitglieder des Vereins standen da übrigens geschlossen hinter mir.

    - Und wie war außerhalb des Vereins das Feedback?

    Bisher nur positiv.

    - Herr Sellering, als Westdeutscher, als gebürtiger Nordrhein-Westfale, wurde Ihnen ein Verhältnis zu Russland, welcher Art auch immer, nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Woher rührt Ihr Engagement in dieser Richtung?

    Das hängt wirklich einzig und allein mit Meck-Pomm zusammen. Ich wurde Ministerpräsident eines ostdeutschen Bundeslandes, und da war völlig klar, dass wir die guten Bindungen zu Russland dringend brauchen. Deshalb habe ich das, vor allem auch aus wirtschaftlichen Gründen, als Ministerpräsident gefördert. So bekam ich viel Kontakt nach Russland. Ich habe ein gutes persönliches Verhältnis zu dem Gouverneur unserer Partnerregion, des Leningrader Oblast, entwickelt. Das war dann später auch meine Motivation, den Verein zu gründen, damit wir nicht nur ein gutes Verhältnis der Wirtschaft und der Regierung, sondern auch der Menschen haben.

    - Wenn man die deutschen Medien liest, ist deutsch-russische Freundschaft gerade nicht besonders angesagt. Da ist Russland ja wieder das Reich des Bösen.

    Gerade deshalb ist es umso wichtiger, auf zivilgesellschaftlicher Ebene wieder zusammenzukommen. Das wirkt zumindest langfristig einer Verhärtung entgegen. Die Vorstellung „Russland gleich Böse“ kommt ja meist daher, dass man dort keinen kennt. So finde ich es sehr gut, wenn Menschen aller Länder sich austauschen und wir von dieser Konfrontation wegkommen.

    - Es gibt ja auch einen Trend des öffentlichen Diffamierens. Haben Sie keine Angst, als „Putinversteher“ verschrien zu sein?

    Versteher zu sein, halte ich ganz gut aus. Wenn man das tut, wovon man überzeugt ist, dann kann man auch Kritik ganz gut aushalten. Das, was Sie ansprechen, ist etwas, was aus meiner Sicht in den letzten Jahren zugenommen hat, dass Menschen an der Wahrheit wenig Interesse haben und eher ihre Wahrheit suchen. Wenn irgendetwas passiert und man weiß noch nicht genau, was da los war, passt man das in sein Weltbild ein. Je schwieriger das Einpassen ist, desto lauter verteidigt man das dann. Das ist nicht gut.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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