13:31 25 Oktober 2020
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    Rosen aus dem Osten: Tausende DDR-Bürger haben einst mit zum Freispruch der Afroamerikanerin Angela Davis beigetragen. Bei ihrem Republik-Besuch 1972 wurde die linke US-Bürgerrechtlerin wie ein Popstar empfangen. Auch von BRD-Linken zur Ikone ernannt, erweitert eine neue Ausstellung in Dresden den Blick. Sputnik sprach Kuratorin Kathleen Reinhardt.

    In den 70er Jahren wurde die schwarze „Black Power“-Aktivistin aus dem Bundesstaat Alabama im Süden der Vereinigten Staaten zur Symbolfigur der Bewegung für die Rechte von politischen Gefangenen in den USA, gehörte zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren zu den prominenten Führungsmitgliedern der Kommunistischen Partei der USA. Angela Davis wurde „Terrorismus-Unterstützung“ vorgeworfen, zwischenzeitlich stand sie auf der Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher der USA: Sie war Sinnbild für radikalen schwarzen Widerstand.

    „Eine Million Rosen für Angela“ war in den Jahren 1970-72 das Motto einer Postkartenaktion für die Freilassung der zu diesem Zeitpunkt in den USA wegen Beihilfe zum Mord inhaftierten Bürgerrechtlerin und Philosophin Davis. Im Gefängnis bekam sie säckeweise „Fanpost“ aus der DDR – von Schülern, Studenten, sozialistischen Arbeiterbrigaden. Die staatlich organisierte Solidaritätskampagne trug mit zu ihrer Freilassung bei.

    Nach ihrer Entlassung reiste Angela Davis in die DDR, wo sie am Flughafen Berlin-Schönefeld von Zehntausenden begrüßt wurde. Als sie in Leipzig eintraf, wo ihr die Ehrendoktorwürde verliehen werden sollte, sollen es gar Hunderttausende gewesen sein, die ihr zujubelten: Der Arbeiter-und Bauernstaat hatte seinen eigenen US-Star. Als „Heldin des anderen Amerikas“ stilisierte man sie in der DDR, in Osteuropa und linken Kreisen weltweit in den 1970er-Jahren zur Ikone der Revolution.

    Die DDR und ihr Kampf gegen Rassismus

    Sie war die perfekte Projektionsfläche für das Selbstverständnis der DDR als antiimperialistisch und antirassistisch eingestelltes Land: Mit Vertragsarbeitern aus Schwarzafrika, Studenten aus Angola und Mosambik an den Unis, einem Land, das Werke schwarzer Künstler ausstellte und schwarze Schriftsteller verlegte.

    Angela Davis ihrerseits hoffte auf eine große internationalistische Bewegung für eine sozialistische, feministische und nicht-rassistische Demokratie als Gegenpol zu ihren Erfahrungen der Gewalt und Unterdrückung als schwarze Frau in den USA.

    Diese Momente der politischen Projektion, aber auch der Hoffnung sind historische Ausgangspunkte für eine neue Ausstellung, die ab kommenden Sonnabend in Dresden zu sehen ist. Sie thematisiert die noch immer dringlichen Anliegen der inzwischen emeritierten Professorin Davis, aber auch Fehlstellen und das „uneingelöste Potential“ der ungewöhnlichen Verbindung zwischen Angela Davis und der DDR. Kuratorin Kathleen Reinhardt erläutert für Sputnik die Hintergründe.

    - Wieso hat die DDR Widerstandskämpfer wie Angela Davis unterstützt und wie genau geschah dies?

    Die DDR hat – wie andere Länder des Ostblocks – revolutionäre Kämpfe im Zeichen des Sozialismus sowie Länder, welche zu diesem Zeitpunkt ihre Unabhängigkeit proklamierten und nach neuen Gesellschaftsformen suchten, unterstützt. Die Unterstützung fand vor allem in den Medien statt, die die DDR als sogenannte „Soft Power“-Politik einsetzte, da sie immer noch selbst um offizielle Anerkennung rang und im Machtgefüge des Kalten Krieges keine wirklich aktive Rolle einnehmen konnte zu diesem Zeitpunkt.

    - Solidarität wurde in der DDR groß geschrieben: Im Gedächtnis ist noch wie sich junge Schüler Bücher von Steve Biko besorgten und Wandzeitungen zum Thema Apartheid bastelten, um auf das Schicksal Inhaftierter wie Nelson Mandela aufmerksam zu machen. Es gab in Schulen auch regelmäßig Sammlungen – Soli-Postpackete mit Plüschtieren und Leberwurstdosen wurden für befreundete Nationen geschnürt. Diese Internationale DDR-Soli-Bewegung, war sie staatlich verordnet oder konnte sie genuin wachsen?

    Teils, teils. Aufgrund offizieller staatlicher Kampagnen bekamen die Themen Aufmerksamkeit und wurden im üblichen ‚freiwilligen Zwang‘ absolviert, es gab jedoch auch ‚echte‘ Verbundenheit mit den Freiheitskämpfen dieser Personen und eben Engagement, so wie Sie es beschrieben haben.
    Leider verpasste es die DDR und andere Staaten des Ostblocks, aber auch allgemein weiße Mehrheitsgesellschaften des Westens durch diese Vorlagen das Thema Rassismus tatsächlich anzugehen und aufzuarbeiten, da sich die DDR ja von vornherein als antirassistisch und antifaschistisch verstand. Die über Jahrhunderte gewachsene und tief verankerte rassistische Sozialisierung weißer Mehrheitsgesellschaften wurde nicht erkannt. Das ist etwas, wo wir in Europa ja allgemein sehr hinterherhinken und was eigentlich erst durch die Aufmerksamkeit zu den Aktionen der „Black Lives Matter“-Bewegung 2020 endlich auch hier mal im größeren Umfang zum Thema wurde.

    - Wieso ausgerechnet Angela Davis seinerzeit?

    Das war Zufall, aber es passten auch alle Koordinaten – Angela Davis war offiziell Mitglied der Kommunistischen Partei der USA (CPUSA), sie sprach als Philosophin fließend Deutsch und hatte somit eine viel internationalere Strahlkraft als andere Schwarze FreiheitskämpferInnen vor ihr. Paul Robeson wäre eine vergleichbare Figur. Aber das Timing war auch extrem wichtig – wir befinden uns zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch ein einer Art Schockstarre der Ereignisse des Prager Frühlings von `68 und so musste die Regierung gerade die jungen Leute, die sich vermehrt abwandten vom System, wieder begeistern. Das gelang ja auch bis eben zu Biermann 1976 – dem Anfang vom Ende wenn man so will.

    - War die Zuneigung bilateral? Konnte bzw. kann Davis dem sozialistischen Staat, der sich für ihre Belange einsetzte, etwas abgewinnen?

    Selbstverständlich. Zu dieser Zeit standen die Staaten des Ostblocks ja (trotz Prag 1968) immer noch für ein alternatives Modell zum westlichen Kapitalismus. Es waren antiimperialistische und (oberflächlich) antirassistische Modelle, die selbstverständlich im politischen Möglichkeitsspektrum für – wie Frantz Fanon es beschrieb – „Die Verdammten dieser Erde“ lagen. Gerade für die Unabhängigkeitsbewegungen im sogenannten „Globalen Süden“ war der Sozialismus ja durchaus vielversprechender als das Alternativmodell, welches Profiteur und Nachfolger des Kolonialismus war.

    - Welchen Einfluss hatte Davis‘ Engagement in den USA auf etwaige Oppositionsbewegungen in der DDR – haben Sie dafür Anhaltspunkte und Beispiele?

    In der Ausstellung wird es eine Arbeit von Elske Rosenfeld geben, die ein Foto performativ analysiert, auf welchem Erika Berthold (eine junge Reformerin, die sich schon ‘68 auf die Seite der tschechoslowakischen Dissidenten stellte und die mit Frank Havemann, der ebenfalls Teil dieser Gruppe war, verheiratet war) Angela Davis ungeplant bei deren Staatsbesuch umarmt. Dieses Foto steht genau für diesen Raum, den Angela Davis besetzte zwischen staatlicher Aneignung und echter Hoffnung für Reformen im Sozialismus, den ja diese Zeit, der „Angela-Mania“ 1970-1973 (nach dem Schock 1968 und der Biermann-Ausbürgerung 1976) einnahm.

    - Wie steht Angela Davis heute zu der Zeit? Es gab ja seinerzeit auch kritische Stimmen, die Davis Untätigkeit vorwarfen, was die Unterstützung der Oppositionsarbeit in den sozialistischen Ländern selbst anbelangte.

    In ihrem Interview, welches im Rahmen der Ausstellungsvorbereitung entstanden ist und welches wir als Film zeigen, aber auch im Katalog abdrucken, sagt sie, dass es einerseits klar war, dass es tiefe Probleme in dem gab, was damals als real existierender Sozialismus bezeichnet wurde. Aber ist eben auch besorgt, dass wir das Kind mit dem Bade ausschütten und dass einige die Errungenschaften der DDR, der Sowjetunion vergessen, wie zum Beispiel die kostenlose Gesundheitsversorgung, erschwinglicher Wohnraum und Bildung. Ihre Sorge ist, dass die Menschen den Fall der Berliner Mauer als den Beginn des Endes des Sozialismus feiern, aber nicht fragen, was der Kapitalismus zu bieten hat. Sie fragen nicht danach, wie seit dieser Zeit und dem Aufstieg des globalen Kapitalismus die Konzentration des Reichtums in den Händen einiger weniger viel größer geworden ist. Oder nach der Art und Weise, wie die Strukturanpassung im globalen Süden zur Verarmung von Bevölkerungen geführt hat, die zuvor ein gewisses Maß an Sozialleistungen und sozialer Entlastung hatten. Sie betont, dass es sehr wichtig ist, nicht davon auszugehen, dass der Kapitalismus der einzige Weg ist und dass der Kapitalismus die Zukunft ist. Sie sagt, wenn der Kapitalismus die Zukunft des Planeten darstellt, werden wir keinen Planeten mehr haben.

    - „Eine Million Rosen für Angela“ weitet den Blickwinkel auch auf die Gegenwart, auch mit Gegenwartskunst. Welche Botschaften hallen noch nach?

    Die Ausstellung ist heute sicher aktueller als ich es während der Vorbereitungen dazu in den letzten zwei Jahren erwartet hatte. Sie sollte ja am 1. Mai eröffnen und ist nun coronabedingt in den Herbst verschoben worden. Was in der Zwischenzeit passiert ist, hat auch mich überrascht, denn vor den „Black Lives Matter“-Protesten im Juni wurde in Deutschland noch nie wirklich ernsthaft und in einer großen Öffentlichkeit über Rassismus diskutiert. Die Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und den Auswirkungen des globalen Neoliberalismus hat Angela Davis seit Jahrzehnten thematisiert und das läuft wie ein roter Faden durch ihre intellektuelle Biografie. Dieses Zusammendenken ist gerade heute wichtig und viele KünstlerInnen der Ausstellung nehmen diese großen Themen in ihren Arbeiten auf. Aber vor allem unser Vermittlungsprogramm wird einen besonderen Fokus auf antirassistische Sensibilisierung legen.

    Generell geht die Ausstellung, wenn sie von Angela Davis handelt, ja von einem starken antirassistischen Standpunkt aus – dieser spiegelt sich in allen gezeigten Arbeiten und dem begleitenden Reader, welcher bei „Mousse Publishing“ erscheinen wird. Im Archivteil der Ausstellung wird auch Wert auf eine kritische Betrachtung der damaligen Aneignung von Angela Davis gelegt, da sie ja wie ein Popstar gefeiert wurde und damit einher gingen eben auch Vereinfachungen und oft auch exotisierende Tendenzen, die einen rassistischen Unterbau haben. Die problematische Sprache der Kampagne ist hier vor allem zu nennen und der Ausgangspunkt einer unkritischen weißen Grundhaltung – etwas, was ja nach wie vor aktuell ist. Die Wissenschaftlerin Peggy Piesche, die auch für den Katalog geschrieben hat, bezeichnete den Sozialismus der DDR als „Differenzsozialismus“ der andere nur als externe BesucherInnen anerkannte.

    - Wie sieht das Vermittlungsprogramm zur antirassistischen Sensibilisierung konkret aus?

    Es wird Workshops für Schüler ab Klassenstufe 8 geben: Seit fast 50 Jahren inspiriert Angela Davis mit ihrem Kampf gegen soziale Ungleichheit und Diskriminierung weltweit zahllose Menschen, darunter viele bildende KünstlerInnen. Im Workshop fragen wir nicht nur, wieso Angela Davis eine solche Berühmtheit erlangt hat, sondern auch, mit welchen Themen sie sich beschäftigt und warum diese nach wie vor hoch aktuell sind. Dabei werden auch Begriffe wie Rassismus, Kolonialismus oder Sexismus und deren Gegenentwürfe Antirassismus, Dekolonialismus und Feminismus gemeinsam definiert und besprochen. Anhand eigener Erfahrungen und im Dialog mit ausgewählten Kunstwerken denken wir darüber nach, in welcher Welt wir leben wollen und was alles dazugehört. Aktuelle politische Bewegungen wie „Black Lives Matter“ werden dabei im Mittelpunkt stehen.

    - Welche herausragenden Ausstellungsstücke konnten Sie zusammentragen?

    In der Ausstellung werden wir vier Neuproduktionen sehen können, die für die Ausstellung entstanden sind – von Angela Ferreira, Elske Rosenfeld, Steffanie Jemison und Justin Hicks, und Lewis Watts. Außerdem gibt es Werke von KünstlerInnen wie Julie Mehretu oder Jean-Michel Basquiat aus der Sammlung Hoffmann, die als Schenkung an die Staatlichen Kunstsammlungen kamen. Auch Arbeiten aus der Sammlung des Albertinum sind dabei mit „Slavs and Tatars“ und Yael Bartana. Internationale Leihgaben kommen beispielsweise aus den USA, wie eine Arbeit des „Goldener Löwe“-Preisträgers der vergangenen Venedig-Biennale, Arthur Jafa. Das Kollektiv „CHTO DELAT?“ (deutsch: „Was tun?“) aus Russland wird mit seinen „Learning Flags“ (in etwa: Lernflaggen) ebenfalls ausgestellt. Es ist eine sehr große Ausstellung die Archivmaterialien mit historischen Arbeiten und Gegenwartskunst vereint.

    Ausstellungsort: Dresden, Kunsthalle im Lipsiusbau, Laufzeit 10.10.2020— 24.01.2021

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    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Rassismus, Black Lives matter (BLM), DDR