08:01 27 Oktober 2020
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    Der Cheftoxikologe des Föderalen Bezirks „Sibirien“ sowie des Gebiets Omsk und Abteilungsleiter des Krankenhauses Nr. 1 der Stadt Omsk, Dr. med. Alexander Sabajew, gewährt in einem Interview detaillierte Einblicke in die Behandlung Alexej Nawalnys, bevor der oppositionelle Blogger nach Deutschland ausgeflogen wurde.

    Sabajew betonte, dass sich die Diagnose einer Vergiftung weder unmittelbar nach der Einweisung des Kreml-Kritikers noch bei späteren Untersuchungen bestätigt habe. Bei dem Patienten sei eine Stoffwechselstörung entdeckt worden, die auch behandelt worden sei, und zwar mit Erfolg: Binnen weniger Stunden habe sich Nawalnys Zustand wesentlich verbessert, so der Arzt.

    - Herr Sabajew, Sie waren im Dienst, als Alexej Nawalny in Ihr Krankenhaus gebracht wurde. Litt er wirklich an einer Vergiftung?

    - Das war keine Vergiftung. Eine Vergiftung wurde als einer der Gründe für seinen schlechten Zustand betrachtet. Aber nach den ersten sechs Stunden seines Aufenthalts in unserer Klinik war die Diagnose einer akuten Vergiftung vom Tisch. Mehr noch: Sie konnte weder klinisch noch anamnestisch, noch nach einer chemischen bzw. toxikologischen Untersuchung bestätigt werden. Wir haben also keine Hinweise auf einen Vergiftungsnotfall entdecken können.

    - Inzwischen ist der Begriff „Arztgeheimnis“ so gut wie obsolet, da man ja Putin bereits vorgeworfen hat, er hätte Nawalny vergiften lassen. Zudem wurde erklärt, dass Nawalny vergiftet worden sei, dass man in seinem Organismus etwas entdeckt hätte. Der Fall wurde bereits an die große Glocke gehängt und ist mittlerweile eine große politische Angelegenheit. Was war das denn dann? Was steht auf Nawalnys Krankenschein?

    - Genau, die Diagnose lautet gleich wie im Laufe all dieser Monate: Stoffwechselstörung. Da gibt es nichts zu verbergen – er leidet tatsächlich an einer schweren Stoffwechselerkrankung. Das ist keine akute, durch chemische Einwirkungen verursachte Erkrankung, wie manche Anhänger des Patienten behaupten. Sondern ein Stoffwechselzustand, eine schwere Stoffwechselstörung, die höchstwahrscheinlich einige Stunden oder sogar Tage vor seinem Zusammenbruch an Bord des Flugzeugs eingetreten war.

    Wir mussten diese schwere Stoffwechselstörung beheben. Am Ende seines Aufenthalts in unserer Klinik konnte sie jedenfalls stabilisiert werden, so dass die Dynamik positiv war.

    Ich muss gleich vorwegnehmen: Bei einer schweren, durch chemische Einwirkung verursachten Erkrankung und bei Stoffwechselstörungen handelt es sich um unterschiedliche pathologische Prozesse, die nichts miteinander zu tun haben. Deshalb gab es keine durch chemische Einwirkung verursachte Erkrankung, genauso wie es auch keine Folgen eines chemischen Wirkstoffes geben wird. Es gab Stoffwechselveränderungen. Wir haben diese Syndrome bekämpft und bereits 40, 42 Stunden später war eine positive Dynamik zu beobachten.

    - Und was war der Grund für die schwere Stoffwechselstörung?

    - Dafür gibt es mehrere Gründe. Der alimentäre Faktor (also Ernährungsfaktor bzw. Alkoholkonsum) spielt eine Rolle; der Zustand könnte sich auch auf die Nichteinhaltung bzw. Einhaltung einer bestimmten Diät zurückführen lassen. Normalerweise sind das die zentralsten Gründe. Die Labortests bestätigten eine Stoffwechselstörung. Dies ergaben auch biochemische Tests, wovon wir acht gemacht haben. Es wurden darüber hinaus elf Tests der Magenazidität des Patienten und 25 Tests seines Blutzuckergehalts durchgeführt. Es wurden verschiedene Untersuchungen mithilfe von speziellen Instrumenten vorgenommen – es war also eine komplexe Diagnostik. Alles wurde bestätigt und entsprechend dokumentiert; alles wurde kollegial besprochen – es fanden acht erweiterte Konsilien unter Beteiligung hochqualifizierter Spezialisten statt, unter anderem von Mitarbeitern der Omsker Medizinischen Universität. Deshalb wurde die Diagnose einer Vergiftung ausgeschlossen. Wir einigten uns auf die Diagnose einer Stoffwechselstörung.

    - Und das alles vor dem Hintergrund einer chronischen Pankreatitis, nicht wahr?

    - Ja, genau. Die Funktion der Bauchspeicheldrüse ist bei dem Patienten mangelhaft, wovon auch unsere Tests zeugten. Also war das ein ganzer Komplex von Symptomen, der die Funktion der Pankreasdrüse charakterisiert – da gab es Zeichen von pathologischen Veränderungen.

    - Kann man daran sterben?

    - Natürlich. Die Hauptversion lautete „Funktionsstörung der Bauchspeicheldrüse“, die bei dem Patienten enorme Blutzuckerschwankungen – von sehr niedrigem (3 mmol/Liter) bis zu sehr hohem (mehr als 20 mmol/Liter) Niveau – provozierte. Wenn die Blutzuckerschwankungen so groß sind, ist das sehr gefährlich. Unsere Aufgabe war, den Blutzuckerspiegel in einem normalen Bereich zu stabilisieren, und wir haben diese Aufgabe schon zwölf oder 14 Stunden nach der Einlieferung des Patienten gelöst.

    In den ersten zwölf Stunden beobachteten wir einen richtigen „Sturm“, wobei der Blutzuckerspiegel sich von zehn auf 20 erhöhte. Mit Insulintherapiemitteln ließ er sich nicht korrigieren.

    - Kann man sagen, dass Sie Nawalny das Leben gerettet haben?

    - Natürlich. Zum Verlauf der Krankheit kann ich sagen, dass der Zustand des Patienten um 01.00 Uhr in der Nacht auf den 21. August besonders kritisch war, als der Laktatspiegel in seinem Blut auf zwölf stieg und damit kritisch hoch wurde (im Normalzustand soll er bei höchstens zwei liegen). In diesem Moment durchlebte sein Organismus wohl die schlimmsten Erschütterungen. In solchen Situationen kann das Scheitern von Kompensationsmöglichkeiten des Organismus zu einem Multiorganversagen führen.  Zur Krise kam es also nicht an Bord und auch nicht bei der Krankenhauseinweisung des Patienten, sondern etwa 14 Stunden später. Zwischen 01.00 und 09.00 Uhr wurde sie beseitigt – also sieben bis acht Stunden später. In dieser Zeit mussten wir mit einem Multiorganversagen rechnen, das innerhalb nur eines Tages zum Tod des Patienten hätte führen können – definitiv.

    - Wie haben Sie das verhindert? Was haben Sie unternommen?

    - Das war eine Intensivbehandlung; dem Patienten wurde kurzfristig Insulin zugeführt; wir haben eine angemessene neurovegetative Korrektur vorgenommen und ihn in einen normalen Schlafzustand versetzt. Ich muss natürlich auch sagen, dass der Patient ein junger Mann mit normalen Reserven war und keine vernachlässigten chronischen Krankheiten hatte. Aber das war eine intensive Arbeit.

    - Welche Ergebnisse konnten Sie erzielen? Wie schätzen Sie die Dynamik ein?

    - Am Ende des Aufenthalts des Patienten in unserer Klinik, also etwa 44 Stunden nach seiner Einlieferung, konnten wir seinen Blutzuckerspiegel auf 3,3 bis 5,5 stabilisieren: Es gab keine größeren Schwankungen. Der Patient hatte keine Azetonämie mehr - also sein Organismus produzierte kein Aceton mehr. Das war sehr wichtig: Die Übersäuerung des Organismus wurde gestoppt. Der Patient hatte keine Laktatazidose mehr; die enorme Milchsäureproduktion wegen der Kohlenhydratstoffwechselstörung wurde unterbunden. Der Patient konnte wieder enteral ernährt werden, und das war ein sehr positiver Moment – er bekam also spezielle Speise-Mischungen für Patienten auf Intensivtherapie. Sein Organismus verwertete wieder Glukose, und das war am wichtigsten. Denn wenn Glukose nicht verwertet wird, ist das Todesrisiko ziemlich hoch. Und darum geht es im Grunde in den ersten Stunden: das Leben des Patienten muss gerettet werden.

    - Aber der Patient blieb weiter im Koma.

    - Ja, aber das Koma war oberflächlich. Das Koma kann tief oder oberflächlich sein. Bei einem Intensivpatienten ist das schon eine gute Dynamik. In diesen 44 Stunden tendierte das Koma zum Positiven, und das war sehr gut – aber es kostete uns sehr viel Kraft. Das war ein sehr guter Beweis für die richtige Therapie.

    Wir folgten nicht dem Behandlungsstandard bei durch Chemikalien verursachten Krankheiten, wobei ganz andere Technologien eingesetzt werden. Wir folgten dem Behandlungsstandard bei Stoffwechselkomas, bei schweren Stoffwechselstörungen, die unter Umständen fatale Folgen haben können. Deshalb haben wir ziemlich positive Ergebnisse erreicht – sowohl labormäßig als auch klinisch.

    Ich muss noch ein paar Worte zum Koma hinzufügen. Als der Patient zu uns gebracht wurde, wurde sein Koma auf fünf geschätzt, und vor seinem Abtransport zum Flughafen schon auf neun, also war es nicht mehr so tief. Bei neun kann der Patient im Prinzip schon die Augen öffnen, diese kurzfristigen Erscheinungen hatten wir bereits registriert.

    - Fünf Punkte – was ist das eigentlich? Wie sieht der Patient aus? Wie fühlt er sich dabei?

    - Bei fünf Punkten bleibt der Patient im Koma, ist ohnmächtig und reagiert nicht auf äußere Störungen, Stimmen, Berührungen, Bewegungen. Er kann noch selbstständig atmen, aber Atemstörungen lassen sich bereits beobachten. Bei so einem Koma muss der Patient unverzüglich reanimiert werden; unter anderem braucht er ein Beatmungsgerät und eine Intensivtherapie. Wir hatten einen Verdacht auf Vergiftung und schauten uns die Ergebnisse von allen möglichen Analysen an, die von einem chemischen Einfluss zeugen könnten. Denn auf Giftstoffe im Organismus verweisen nicht nur chemische bzw. toxikologische Untersuchungen, sondern auch die Reaktionen des Organismus auf Giftstoffe. Wir achteten auf die Reaktion der Nieren, der Leber und der Lungen – der Organe, die als erste auf Vergiftungen reagieren. Und während des Aufenthalts des Patienten bei uns veränderte sich keiner der Marker dieser Organe – alles war absolut sauber. Ihre Funktion war ungestört und es gab keine Schädigungen, was für durch Chemikalien verursachte Erkrankungen eher untypisch ist.

    - Also meine Sie, dass es bei durch Chemikalien verursachten Erkrankungen um so etwas wie ein chemisches Trauma geht?

    - Ja, genau – diese Begriffe sind identisch. Beim Trauma geht es um eine chemische Verletzung. Sie ist immer chemisch und lässt sich auf einen äußeren Einfluss zurückführen. Das ist der erste Punkt. Der zweite Punkt ist: Das ist ein grober äußerer Einfluss auf die menschlichen Organe, und er kann zum Tod eines lebendigen, biologischen Objekts führen. Darin besteht eben das Trauma.

    - Und innerhalb welcher Zeit kann man von einer Vergiftung sprechen?

    - Der Begriff bzw. die Diagnose einer Vergiftung gilt in den ersten sechs Stunden, egal wo das passiert sein soll: im Flugzeug, im Hotel, im Krankenhaus. Und wenn man die Vergiftung bestätigt, dann ist eine Entgiftung nötig, und zwar eine Ultra-Hämofiltration. Bei der Ultra-Hämofiltration können Giftstoffe extrakorporal aus dem Organismus gefiltert werden, also ohne natürliche Intoxikationswege (Leber, Nieren). Das Blut wird durch spezielle Membranen gereinigt.

    - Also wird das Blut aus dem Körper gepumpt, in diesem Gerät gereinigt und gelangt danach wieder in den Körper?

    - Genau – das geschieht mithilfe spezieller „Pufferlösungen“, wobei alle lebenswichtigen Funktionen unterhalten werden. Das nennt sich „extrakorporale Detoxikation“.

    - Haben Sie das gemacht?

    - Nein, das war nicht nötig – alle Organe funktionierten ohne Störungen. Nur die Bauchspeicheldrüse machte Probleme. Da gab es Hinweise auf eine Krankheit. Ansonsten blieb alles innerhalb der Norm. Ja, die Bauchspeicheldrüse und alles, was mit ihr verbunden ist: Laktatazidose, Hyperglykämie, Ketonämie, Ketonurie – alles, was um die Bauchspeicheldrüse passiert und mit ihrer Funktion verbunden ist. Alle anderen Organe blieben in Ordnung und funktionierten normal. Im Falle einer durch Chemikalien verursachten Erkrankung bleibt die Bauchspeicheldrüse verschont und wird sekundär, also erst einige Tage später, beschädigt.

    - Was passiert bei einem chemischen Trauma?

    - Bei einem chemischen Trauma leiden fünf Systeme: Nieren, Leber, Lungen, Herz und Gehirn. Warum man fälschlicherweise von einer Vergiftung ausging? Weil man nur auf einen Symptom-Komplex achtete – darauf, dass der Patient ohnmächtig war. Aber für Ohnmacht bzw. für ein Koma kann es ja fast 1000 verschiedene Gründe geben – von Infektionserkrankungen bis hin zu ganz banalen Verletzungen, Kopfverletzungen, Schlaganfällen usw. Und Vergiftungen gehören da übrigens auch dazu.

    Fortsetzung folgt...

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Nowitschok, Vergiftung, Alexej Nawalny