12:45 25 Oktober 2020
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    „Wir tun so, als hätten wir in Deutschland außer dem Coronavirus keine tatsächlichen Probleme“, beklagt Publizist und SPD-Politiker Albrecht Müller im Sputnik-Interview. Darin stellt der frühere Berater von Alt-Kanzler Willy Brandt sowie Planungschef im Kanzleramt sein neues Buch vor. Für ihn ein Appell an Politik und Gesellschaft.

    Im September ist „Die Revolution ist fällig! Aber sie ist verboten“ im Westend Verlag erschienen. Verfasst hat das Buch Albrecht Müller (SPD). Der 1938 in Heidelberg geborene Politiker, Publizist, Autor und frühere Redenschreiber sowie Planungschef im Bundeskanzleramt, unter anderem für Alt-Kanzler Willy Brandt (SPD), saß lange Jahre für seine Partei im Bundestag.

    2003 gründete er die bis heute im deutschen Mediendiskurs einflussreichen „NachDenkSeiten“, für die er als Mitherausgeber aktiv ist.

    „Zu meinem neuen Buch kam es deshalb, weil allenthalben und überall – vor allem von den Regierenden und den ihnen nahestehenden Medien – behauptet wird: Es gehe uns gut und wir hätten eigentlich gar keine Probleme, bis auf Corona.“ Das sagte Albrecht Müller im Sputnik-Interview.

    „Es wird so getan, als hätte dieses Land keine Probleme. Als wäre es eine Demokratie, ein Sozialstaat. Doch das stimmt überhaupt nicht. Ich bin schon lange politisch tätig, war lange im politischen Geschäft. Ich habe damals (um 1990, Anm. d. Red.) persönlich miterlebt, wie Chancen und Angebote zur Wiedervereinigung von der Sowjetunion nicht angenommen, auch kaum diskutiert, ja ausgeschlagen worden sind.“

    „Die Wende war schon 1980“

    Trotz des Kalten Krieges habe es in jener Zeit, auch durch die Ost-Politik von Alt-Kanzler Willy Brandt, Hoffnungsschimmer eines neuen, sozial orientierten Deutschlands gegeben.

    „Als endlich die Konfrontation zwischen Ost und West abgebaut wurde, habe ich erlebt, wie es möglich gemacht wurde, dass in allen Bundesländern auch die Arbeiterkinder eine Chance haben, auf weiterführende Schulen zu gehen. Diese beiden Elemente – soziale Sicherheit und Frieden – waren für mich deutliche Zeichen der Verbesserungen.“

    SPD-Urgestein Müller nannte erste Krisenerscheinungen ab den 1980ern, als „eine Wende rückwärts eingetreten ist. Zufällig habe ich jetzt ein Buch gelesen von dem französischen Ökonomen Thomas Piketty. Er beschreibt, wie sich die Einkommens- und Vermögensverteilung zunächst ab 1950 verbessert habe – und sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verschlechtert. Als Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt konnte ich das um 1980 herum persönlich beobachten.“

    Das genannte Jahr wähle Piketty in seinem Buch auch als Wendepunkt hin zur schlechteren Entwicklung. Da habe die sozial-wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland und Europa begonnen, „rückwärts zu gehen“ und sich deutlich zu verschlechtern. „In meinem Buch schildere ich dieses Abwärts, diese Rückschritte in vielen Bereichen an 19 Beispielen.“

    Warum die Medien Müllers Erfolgsbücher verschweigen

     „Es gibt nicht sehr viele Berichte über meine Bücher“ sagte Müller zu den Mainstream-Medien im Interview. „Das ist das Komische, was ich als Autor erlebe. Schon mein Buch 'Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst.' ist ein Bestseller geworden, ohne dass es in irgendeinem namhaften Medium besprochen worden ist.“

    Genau dies erlebe er jetzt auch mit seinem neuen Buch wieder. „Die etablierten Medien scheuen davor zurück, dieses Buch zu besprechen oder wenigstens vorzustellen. Sie könnten es auch auseinandernehmen und kritisieren, da hätte ich gar nichts dagegen. Aber wir sind mittlerweile so weit – und das ist auch etwas, das ich im Buch schildere: Es gibt im Grunde keine Freiheit der Medien mehr. Diese Medien sind hochkonzentriert, in den Händen von sehr reichen Leuten. Deren Interesse bestimmt die Medienberichterstattung und Kommentierung. Das ist nicht das, was wir uns unter freier, kritischer Debatte und Demokratie vorstellen. Die Demokratie ist am Ende bei uns.“ Sie gehe nicht mehr „vom Volke aus“. Die Meinungsfreiheit sei in Gefahr.

    Allerdings sei das neue Werk trotz „Mainstream-Medien-Boykott“ bereits „in der ersten Woche“ auf der „Spiegel“-Bestseller-Liste Platz 10 im Bereich Paperback gelandet. In den alternativen Medien gebe es jedoch „ein paar wenige Besprechungen“, beispielsweise im „Freitag“.

    „Wenn man erlebt hat, dass es einmal einen einigermaßen kritischen 'Spiegel' sowie einen aufmüpfigen 'Stern' und obendrein eine einigermaßen aufgeklärte 'Tagesschau' gegeben hat, dann empfindet man das jetzige Einheitsbrei-Versagen der etablierten Medien als besonders gravierend“, schreibt Müller in seinem Buch.

    Dies sei eine mehr als traurige Entwicklung, ergänzte er im Sputnik-Gespräch und kritisierte die Anpassung der meisten Medien an die pro-transatlantische und den USA hörige Berichterstattung.

    Was Willy Brandt besser gemacht hat...

    Heutige Probleme – darunter eine „dramatisch wachsende Ungleichheit“, der Krieg „als Fortsetzung der Politik“, neue Feindschaften des Westens mit Russland und China, die Abhängigkeit von der Rüstungsindustrie, eine „privatisierte Wirtschaft“ oder auch der drohende „Ruin der Demokratie“ – schildert er in seinem aktuellen Werk. Das Versagen liege auch in der „heutigen SPD, die mit der damaligen SPD nichts mehr zu tun hat“, kritisierte der Sozialdemokrat. 

    „Schauen Sie“, erläuterte Müller: „Es gab einen Bundeskanzler, der fünf Wochen vor einem wichtigen Wahltermin, nämlich dem 19. November 1972 – damals ging es um die Bestätigung der Ost-Politik und der Gesellschaftspolitik von Willy Brandt – eine Rede gehalten hatte. Diese lautete übersetzt: Wir sollten mit anderen Menschen mitdenken. Wir sollten sogar mitzuleiden vermögen. Der Überbegriff Solidarität wurde von ihm hervorgehoben. Die Mehrheit der Deutschen haben damals SPD gewählt.“

    Heute regiere „seit 1982“ der Neoliberalismus unter dem Motto „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Doch die Zeit damals biete auch Optimismus für die Gegenwart. „Man kann die Hoffnung haben, denn die Mehrheit der Menschen ist nicht so egoistisch.“

    Politiker hätten eigentlich die Aufgabe, Menschen zurück auf diesen Pfad zu führen. Es gebe ein viel besseres Konzept des Zusammenlebens, bestehend aus Solidarität und Menschlichkeit, betonte SPD-Politiker Müller. Heutzutage würden stattdessen „Milliardäre und schwerreiche Leute“ indirekte und direkte Macht ausüben und die Gesellschaft ökonomisieren sowie umformen, auf Kosten der einfachen Menschen. Die Aktivitäten und der Einfluss des US-Finanzkonzerns „Blackrock“ auch auf Entscheidungen der Europäischen Union (EU) im Bereich der Altersvorsorge seien dafür klassische Beispiele.

    Wie einst '68: Was Hoffnung für die Zukunft gibt

    Der Autor erinnerte an die linke und gesellschaftskritische Protest-Bewegung der „68er“, unter anderem vorangetrieben durch Rudi Dutschke. Die damalige Studentenbewegung könnte Vorbild für die heutige Jugend sein.

    „Ich hoffe darauf, dass sich so etwas wiederholt. Das habe ich persönlich erlebt, dies hatte eine große Wirkung auf die innerparteiliche Debatte in der SPD.“ Auch konservative Parteien seien damals durch den Protest beeinflusst worden. „Wir brauchen massive Änderungen der Gesellschaft. Gruppen und Menschen müssen Verantwortung und die geistige Führung übernehmen.“

    Doch Müller warnte auch: „Die Macht, die man hat, wird mit Gewalt verteidigt.“ Der staatliche Widerstand in Frankreich gegen die Gelbwesten oder auch die verletzten Demonstranten bei Protesten gegen „Stuttgart 21“ etwa durch Gummigeschosse seien dafür erschütternde Beispiele.

    Der Sozialdemokrat wünsche sich letztlich „eine geistige und machtpolitische Veränderung“ hin zum Guten für Deutschland, Europa und die Welt. Vielleicht entwickle sich etwas aus der heutigen Jugend. Denn eine wahre Revolution der gesellschaftlichen Ordnung sei mehr als fällig.

    Albrecht Müller: „Die Revolution ist fällig: Aber sie ist verboten“, Westend Verlag, 1. Auflage, September 2020, 192 Seiten, etwa 16 Euro. Das Buch ist überall im Handel erhältlich.

    Erfahren Sie mehr zum neuen Buch im zweiten Teil.

    Das Radio-Interview mit Albrecht Müller (SPD) zum Nachhören:

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Krise, Revolution, Buch, SPD, Pandemie, Coronavirus, Albrecht Müller, Deutschland