07:25 23 Oktober 2020
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    Das Blackfacing-Dilemma zieht Kreise. Der Israelin Gal Gadot schlägt ob ihres neuen Engagements als ägyptische Königin Kleopatra ein Shitstorm entgegen, Startenor Piotr Beczala erntet Kritik, als der Pole bekundet, zur Rolle als Otello gehöre schwarze Schminke. Kritiker Ulrich Ruhnke hält rein ethniengerechte Rollenbesetzungen für grundfalsch.

    Der Pole Piotr Beczala gehört zu den besten Tenören der Welt, er singt in München, Wien, Berlin und andernorts. In diesen Tagen steht er eher bei Konzerten auf dem Bühnenparkett, denn weltweit sind traditionelle Aufführungen mit Set und in Kostüm wie Make-up coronabedingt noch weitgehend abgesagt. Seine aktuelle CD „Vincerò!“ mit Arien von Puccini verheißt künftig womöglich eine Rolle als Giuseppe Verdis „Otello“, dem „Mohren von Venedig“ nach William Shakespeare. Es reize ihn, denn die Rolle sei stimmlich und psychologisch hochinteressant, so der Sänger in der Luzerner Zeitung. Mit der ganzen Rassismus-Diskussion sei es allerdings kompliziert geworden, Otello heute aufzuführen: Tenor:

    Piotr Beczala
    © Foto : Johannes Ifkovitsv/vPiotr Beczala
    Piotr Beczala
    „Es ist lächerlich, dass man sich nicht mehr vorstellen kann, Otello in einem Theater schwarz zu schminken. Jemandem verbieten, sich schwarz anzumalen, wenn er Otello singt? Verbieten, einer Butterfly Schlitzaugen zu malen? Das ist schwach, selbst wenn es Gründe dafür gibt“, so Piotr Beczala.

    Er würde sich entsprechend schminken lassen unterstreicht der 53-Jährige. Für ihn sei ein „Otello“ im grauen Anzug statt schwarz geschminkt, selbst von intellektueller Seite betrachtet, nicht reizvoll. Verdis Musik bleibe, aber für ihn bestehe Oper nicht nur aus Musik, und auch nicht nur aus Schauspiel. „Es gibt visuelle Reize, die aufs Publikum wirken, sie verdreifachen den Effekt. Dazu gehört die schwarze Haut Otellos. Das Visuelle entfacht den Zauber der Emotionen“. Opernstar Placido Domingo habe sich zu Beginn seiner Karriere nicht sehr dunkel schminken lassen, dann aber doch bemerkt, dass die Tragik dieser Figur in der Farbe seiner Haut liege -  gerade sie macht ihn zum Außenseiter. Beczala moniert, „die Leute vergessen immer die Vorgeschichte: Warum wurde Otello zu einem solchen Menschen? Er musste drei Mal so viel schuften, weil er schwarz war“. Heute würde alles viel zu direkt, viel zu einfach umgesetzt. Das sei „schade“. Oper sei schließlich ein Gesamtkunstwerk und jedes Element zähle – auch der schwarze Titelheld. 

    Diskriminierende Theaterschminke

    In den sozialen Medien folgte diesen Aussagen Beczalas zum „Blackfacing“ deutlicher Widerstand. Es gäbe reichlich farbige Konkurrenz, er möge sich zudem einer ernsthaften Selbstbetrachtung unterziehen, wenn er etwa die Komplexität der Rolle nicht vermitteln könne, ohne schwarze „Schuhcreme“ aufzutragen, hieß es. Schwappt die Welle des politisch Korrekten in die Theaterszene und hinterlässt ungesundes Brackwasser? Opernexperte, Theaterkritiker und Herausgeber Ulrich Ruhnke ordnet das „Blackfacing“ an den Bühnen ein:

    - Gibt es nicht genug schwarze Tenöre, die den Otello singen könnten? Allein in Deutschland gibt es über 80 Opernhäuser, von den „normalen“ Theatern einmal abgesehen – was wäre, wenn mehreren Bühnen zugleich der Sinn nach Shakespeares „Mohren von Venedig“ stünde?

    Ruhnke: „Schwarze Tenöre, die den Otello singen können, gibt es. Ob es „genügend“ schwarze Tenöre gibt, wage ich zu bezweifeln. Ich sehe allerdings auch keinen Grund, diese Partie ausschließlich mit schwarzen Sängern zu besetzen.“

    - Im Schauspiel ist es eigentlich üblich, sich für Rollen zu schminken, und Oper ist Musiktheater - da gibt es die Japanerin Cio-Cio San in Puccinis „Madame Butterfly“ oder „Turandot“, die Chinesin. Ist es nicht das gebot der Stunde und politisch korrekt diese Rollen nur noch an jeweilige Nationalitäten zu vergeben? 

    „Die Besetzung von Partien wie zum Beispiel Otello, Madama Butterfly oder Turandot nur mit Sängerinnen und Sängern der entsprechenden Ethnie, halte ich für grundfalsch. Es ist die allererste Übereinkunft im Theater, daß eine Person A eine Person B spielt während Person C zusieht.“

    - Wie schwer wiegt das Thema „Blackfacing“ in der Opernwelt - gibt es Unterschiede in den USA und Europa?

    „In den USA ist das Thema „Blackfacing“ noch stärker aufgeladen, weil der Anteil der schwarzen Bevölkerung dort größer ist als in Europa. „

    - Eigentlich sollte doch die Qualität der Stimme und die Bühnenpräsenz im Vordergrund stehen… An der Deutschen Oper Berlin sang zum Beispiel zuletzt die Rolle der „Fanciulla del West“, ein „Indianer-Mädchen“, eine Afroamerikanerin - es scheint, niemand störte sich daran, auch weil sie eine schöne Gesangsstimme hat. Brechen nun andere Zeiten an, wie ist die Aussicht für den Kulturbetrieb - kommen nun Zeiten mit Ethik-Kommissionen oder dergleichen? Worum sollte sich die Diskussion vielmehr drehen (um mehr Stipendien für Minderheiten, gleiche Bezahlung, was sollte Priorität haben und würde der Sache „Antidiskriminierung“ mehr dienen)?

    „Die aktuelle Debatte ist richtig und notwendig, denn sie bringt uns zum Nachdenken und zwingt uns zur Positionierung. Wir werden in der Diskussion einen Schritt weiterkommen und mit dem Thema künftig sensibler umgehen. Denn ein unreflektiertes, bedenkenloses Blackfacing wie es früher gab, ist heute in der Tat so nicht mehr möglich“, sagt der Theaterkritiker Ruhnke.

    Und die Debatte zieht weitere Kreise: Ein Viertel der Mitarbeiter der Pariser Oper – rund 400 Personen – haben ein Manifest vorgelegt, in dem sie die Institution auffordern, die Charakterisierung von Sängern und Tänzern bei der Interpretation Schwarzer entsprechend den Zeichen der Zeit zu prüfen: Sie erstreben ein Verbot des Blackfacings, also die generelle Abschaffung von Theater-Make-up, um die Haut zu verdunkeln. Zudem eine Anpassung des Farbtones der Strumpfhosen und der Spitzentanzschuhe des Balletts entsprechend der tatsächlichen Hautfarbe ihres Trägers. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Theaterchef Alexander Neef eine Untersuchung eingeleitet hat, deren Ergebnis im Dezember vorliegen soll.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Schminke, Theater, Rassismus, Ballett, Ulrich Ruhnke, Otello (Oper), Othello (Drama), Oper, Blackfacing, Black Lives matter (BLM)