21:22 23 November 2020
SNA Radio
    Interviews
    Zum Kurzlink
    Von
    33523
    Abonnieren

    Die Diktatur des Proletariats versuchte auch, der kleinen lauten DDR-Punkszene den Takt vorzugeben: Die Außenseiter spürten die volle Härte der Staatsmacht. Henryk Gericke machte damals Musik mit Pionierpauke und Waschschüssel, schrie seine Wut auf das System heraus, erlebte Stasi-Verfolgung. Der Szene hat er nun ein musikalisches Denkmal gesetzt.

    Ihre Bands trugen Namen wie „Rosa Beton“, „Schleimkeim“, „L´Attentat“ oder „Wutanfall“ – mit ihrem schrillen Äußeren und zünftigen Texten beschrieben Ost-Punks ihren Frust über die Gängelungen im Arbeiter- und Bauernstaat, beschrien im Punkrock ihr Anderssein und gerieten ins Visier der Geheimpolizei. Die Verachtung der Ost-Punks richtete sich gegen eine Musterutopie, welche die Zukunft für alle Zeiten festschrieb – ein „Too much future“ (zu Deutsch: „Zuviel Zukunft“) war unerwünscht wie Angst einflößend gleichermaßen.

    Heute ist „Too much future“ Titel eines opulentes musikhistorischen Langzeitprojekts über die Zeit von 1980 bis 1986 mit einer jüngst auf drei Schallplatten erschienenen Kompilation von 38 DDR-Punkrockbands. Alles illegale Bands ohne damalige staatliche Spielerlaubnis, die im Untergund der DDR agiert haben und von der Staatssicherheit verfolgt wurden. Einige von ihnen spielten nie vor Publikum. Für etliche Bands ist es nun Erstveröffentlichung und Denkmal zugleich.

    Sputnik hat mit Autor Henryk Gericke über seine eigene Zeit bei „The Leistungsleichen“ im energiegeladenen Punkrock-Milieu der DDR gesprochen, über Stasi-Schikanen, den Wendefrühling und seine Karriere nach dem Mauerfall: Vom Punker zum Verleger.

    • Henryk von The Leistungsleichen, Fischerinsel, Ostberlin 1982
      Henryk von The Leistungsleichen, Fischerinsel, Ostberlin 1982
      © Foto : Quelle unbekannt
    • Henryk Gericke heute
      Henryk Gericke heute
      © Foto : Julia Schmitz
    1 / 2
    © Foto : Quelle unbekannt
    Henryk von The Leistungsleichen, Fischerinsel, Ostberlin 1982

    Keine Litanei einer Leidensgeschichte

    - Lebt der DDR-Punkrock?

    Der Rückblick ist nicht nostalgisch. Ich wahre Distanz. Mit einem Maß an Ironie, aber auch mit viel Liebe gegenüber den Bands und den Umständen, die ich beschreibe – es gibt krasse wie traurige Geschichten, aber ich wollte keine Litanei einer Leidensgeschichte ausbreiten, sondern auch zeigen, wie großartig die Zeit war, uns geprägt und auch genutzt hat.

    - Wieso eigentlich „Too much future“, also „Zuviel Zukunft“ – der Wahlspruch der West-Punks ist mit „No future“ eigentlich ganz konträr?

    Wir hatten in der DDR keine Angst, keinen Arbeitsplatz zu bekommen, zu verhungern oder keine Karriere machen zu können. Unsere Angst bestand darin, dass unserer Zukunft für alle Zeiten festgelegt war. Wenn du in der DDR aufgewachsen bist, war klar, dass du an der Werkbank endest, an der du deine Lehre begonnen hast. Es gab nicht viele eigene Möglichkeiten, es sei denn, du hast dich dem System extrem angedient. Unsere Angst bestand darin – bei mir ging das schon mit zehn, elf Jahren los – irgendwann einen total fremdbestimmten Lebenslauf „vom Reißbrett“ zu haben. Und das war unser extremer Stress. Der unterschied sich schon von dem im Westen.

    - In der DDR Punk sein – geschah das von heute auf morgen?

    Das war ein Prozess. 1978 war ich 13, 14 Jahre alt. Punk war damals einfach das „Gebot der Stunde“. Ich habe es lustigerweise durch die DDR-Presse mitbekommen. Es gab da eine Zeitschrift, die „Trommel“, die kostete 30 Pfennig. Die hatte man im Grunde genommen freiwillig zwangsabonniert, wenn man Jungpionier oder später Thälmannpionier war und nicht einen kirchlichen Background hatte. In der „Trommel“ war ein Beitrag mit einem schwarz-weiß Foto von zwei Punks auf der Londoner King`s Road. Ich bin daran „hängen“ geblieben – bis zu diesem Moment hatte ich keine schöneren Menschen gesehen. Jahre später habe ich das Bild in Farbe wiederentdeckt: Ein Punk mit zurückgegelten orangefarbenen Haaren, mit einer Sicherheitsnadel in der Wange und einer Kette bis zum Ohr. Als Typ ganz grell geschminkt. Und der zieht an einer Leine eine Frau hinter sich her. Ein Punkgirl. Das war so exotisch und bizarr. Bizarr war auch der Text dazu: Punks seien irregeleitete Jugendliche, die sich auf Konzerten gegenseitig umbringen und die Leichen in die Kanalisation schmeißen würden. Nicht, dass ich gerade Lust gehabt hätte, umgebracht und in der Kanalisation zu enden (lacht), aber das war so fremd und in dem Stillstand-Staat DDR mit einer solchen Bewegung behaftet, dass mich das sofort angezogen hat.

    - Und dann ging es los – ein Ost-Punk mit stachelig abstehenden, mit Zuckerwasser hoch gezwirbelten Haaren, Sicherheitsnadeln im Ohr und an der Jacke?

    Die Codes waren noch gar nicht klar definiert und ich hörte auch noch nicht die Sex Pistols, sondern Siouxsie And The Banshees, AC/DC oder David Bowie – das war für uns auch Punkrock. Wir haben da gar nicht groß unterschieden. 1979 habe ich mich dann äußerlich verändert und 1980 bin ich in die kleine Szene hineingeraten, man fand sich schnell: Der Typ mit halblangen Haaren, der sich für Glamrock interessiert und Suzi Quatro, Gary Glitter, Sweet und Slade vollzog mit seinem Äußeren auch einen inneren Wandel. Ich trug die grün gefärbten Haare hochgestylt, hatte Ketten an meiner Jeansjacke voll mit Badges, sah wild aus.

    Wir sind nicht Punks geworden, weil wir politisch waren. Wir waren Kinder, angekotzt, was uns da von der DDR angeboten wurde und was wir mitmachen mussten und teilweise auch schon nicht mehr mitgemacht haben. Auf der „Fischerinsel“ in Berlin-Mitte im Hochhaus im 19. Stock mit der Aussicht auf Kreuzberg samt dem Blick auf Todesstreifen und die Mauer haben wir im Wohnzimmer meines Vaters geprobt mit meiner Band „Notschlachtung“. Später haben wir uns in Anlehnung an einen Songtext in „The Leistungsleichen“ umbenannt. Insbesondere aber auch wegen meiner Erfahrungen, die ich in meiner Lehre als Industriebuchbinder machte – in zwangsverordneter extrem stumpfsinniger Akkordarbeit, der ich mich verweigerte.

    Lustvolles Dagegensein und Kriminalisierung

    - War es denn tatsächlich nur Dagegen-Sein gegen das System, ohne politische Botschaft?

    Auch, aber nicht nur. Es war geradezu ein Befreiungsschlag, Punk zu sein – großartig und mit hohem Lustgewinn verbunden. Man hat sich neu erfunden als Individuum, in einem Staat, in dem man immer nur über das Kollektiv definiert wurde. Natürlich haben wir das am Anfang ausgelebt, dazu gehörte es, Musik zu machen. Ich wollte nicht nur Punk sein, sonder eben auch Punk-Rocker. Die Band selbst war immer politisch.

    Es gibt eine Verfolgungsgeschichte der Punks in der DDR und zuvor schon der Hippies und der Beat-Generation, die „aller-schwerst auf die Mütze“ bekommen hatten. Doch die Punk-Szene wurde am krassesten verfolgt. Die waren in ihrer Ablehnung auch viel radikaler und in der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und dem Staat – was man trennen muss. Die Politisierung und Radikalisierung ging einher mit einer Kriminalisierung. Die„Bullen“ auf der Straße und auch die Bürger haben uns allerdings zunächst noch für West-Berliner Tagesausflügler gehalten.

    - Worum ging es konkret?

    Wir haben uns allgemein gegen das Spießertum gewandt. Und in unserem Song „Drei Jahre“ geht es darum, dass ich mit 14, 15 oder 16 Jahren immer wieder vor die Musterungskommission der NVA gezerrt wurde und die versucht haben, mich über den Grundwehrdienst von anderthalb Jahren für besagte drei Jahre zu verpflichten. Am besten noch für zehn oder gar „lebenslänglich“ für 25 Jahre. Das habe ich in dem Song verarbeitet: Ein Wutgeheul gegen diesen Druck, gegen den du dich kaum behaupten konntest. Natürlich habe ich versucht, mich herauszuwinden mit der Behauptung, als Buchbinder meinen Meister machen zu wollen und der Ausflucht, erst mit meinem Vater sprechen zu müssen. Der war ein kritischer Parteiangehöriger, der durch die Wolf Biermann-Geschichte geprägt und wie viele seiner Freunde gegen dessen Ausbürgerung war. Er war bei der DEFA als Dramaturg eine große Nummer, geehrt mit dem Nationalpreis in Bronze – der höchsten staatlichen Auszeichnung für Künstler, denn er hatte den einzigen je für einen Oscar nominierten DDR-Film „Jakob, der Lügner“ mitzuverantworten. Und der sagte mir: „Henryk, ich kann dir zu allem nur abraten.“ Aber wir hatten nicht nur mit der Stasi Ärger, sondern auch mit dem braven „aufrechten“ Bürger teils gewalttätige Auseinandersetzungen gehabt.

    - Und das wurde alles in Texten verarbeitet? Welche Entwicklung gab es?

    Wir haben nicht von „MfS – SS“ gesungen und von „Nazis wieder in Ostberlin“. Da gab es viel härtere Bands wie „Namenlos“, „Wutanfall“, „L`Attentat“, „Planlos“ – die waren sehr viel radikaler als wir. Wir waren nur „die höchste Punkband“ der Stadt und der DDR – im Hochhaus mit Blick auf die Mauer. Das ging aber nicht lange gut, denn Beton leitet und unseren Lärm konnte man weit hören: Unsere Waschschüssel, eine elende Gitarre und eine Pionierpauke. Die hatten wir aus einem Musikgeschäft in den Rathauspassagen namens „Guter Ton“, weil es kein Profi-Schlagzeug zu kaufen gab – selbst wenn, dann war es horrend teuer.

    Also zogen wir unter die Gertrauden-Brücke an der Fischinsel und probten dort im Takt des scheppernden Gullydeckels, über den die Autos fuhren. Bis wir von der Wasserpolizei aufgebracht wurden. Die hielten mit ihrem Schnellboot und wollten, dass wir mit unserem Kram dort verschwinden. Dann bleiben nur noch Abrisshäuser. 1983/84 hatten wir uns musikalisch schon eher in Richtung Dark Wave orientiert, weil wir dann von Post-Punk – Joy Division, The Cure und dergleichen – „kontaminiert“ waren. Mit einem Probenraum am Jüdischen Friedhof in Weißensee. Zu dem Zeitpunkt hatten wir uns schon recht ordentliches Equipment zusammengetauscht – wir hatten Verstärker und sogar eine Box. Eines Tages setzte die Stasi den gekachelten Raum komplett unter Wasser. Damit war unsere gesamte Ausrüstung dahin. Und das war im Grunde genommen auch das Ende unserer Band.

    - Wie sah das mit der Verfolgung durch die Stasi aus?

    Es ging eigentlich schon mit der Kripo los, dem normalen „Abschnittsbevollmächtigten“, ABV in der DDR genannt. Der hielt einen ständig auf der Straße an, man musste seinen Ausweis zeigen, wurde mit aufs Revier genommen, musste auch mal eine Nacht dort verbringen und bekam da auch mal „auf die Fresse“. Und das waren erst die Anfänge.

    Dann begann sich die Stasi für einen zu interessieren. Wenn man etwa auch Konzerte ging, wurde man schon erwartet auf den S- und U-Bahn-Höfen, wurde kontrolliert oder gleich „weggefangen“ und kam gar nicht mehr durch zum Konzert – dünn gesäte, rare Ereignisse. Die Konzerte waren teilweise als Gottesdienste getarnt, fanden meist in Wohnzimmern statt. Die Stasi wusste aber immer Bescheid. Ganz selten spielten Bands im öffentlichen Raum. Etwa getarnt als „Einstufung“ zur Erlangung einer staatlichen Spielerlaubnis, obgleich von vornherein deren Aussichtslosigkeit feststand: Die Texte gingen gar nicht und die Musik nur „Lärm und Krieg“. Viele Konzerte fanden in Räumen der evangelischen Kirche statt, die ihre Tore öffnete für sogenannte „randständige Jugendliche“, für Freaks, „Kunden“, Hippies“ und natürlich auch für Punks. Auf dem Gebiet der Kirche konnte die Stasi Konzerte nicht auflösen. Da wurde eben versucht, der Leute im räumlichen Vorfeld habhaft zu werden. Und es war mitnichten so, dass die unerkannt bleiben wollten – du hast den „Stasi-Chic“ auch erkannt.

    „Ich war kein Sonntags-Punk“

    - Aussehen und Verhalten anzupassen, etwa um Schwierigkeiten zu umgehen, kam nicht in Frage?

    Ich war kein Sonntagspunk. Ich habe Punk gelebt und habe mich nicht etwa verkleidet. Ich hatte deswegen auch immer Ärger. In der Schule und vor allem in der Lehre. Wenn man auf Konzerte ging, war man sehr gespalten: Einerseits wollte man mit seinen Kumpels das Erlebnis teilen und Präsenz zeigen. Aber man hatte auch die Scheu vor der Stasi abgelegt – trotz Angst und aller Vorsicht – und setzte sich verbal mit denen auseinander. Als ich mal „weggefangen“ wurde, sollte ich ein Protokoll unterschreiben, dass ich gut behandelt wurde. Obgleich ich eine ganze Nacht lang einbehalten, angeschrien und verhört worden war. Man würde mich wegschließen, verweigerte ich mich, hieß es, als ich nicht unterschreiben wollte. Ich war 17, hatte eine Riesenangst, war aber rotzfrech. Ich war privilegiert, hatte diesen Vater, der total auf meiner Seite stand. Der war mit Punk zwar nicht einverstanden, für ihn war es das „Ende der Zivilisation“ was ich da trieb, denn er selbst hörte Klassik und war, was man einen „Bildungsbürger“ nennt. Trotzdem konnte ich mich immer auf ihn verlassen, er hat mich rausgehauen aus solchen „Situationen“.

    - Was wollten die Stasi-Leute? Minderjährige rekrutieren?

    Rekrutierungsversuche gab es bei mir keine – oder ich habe sie nicht erkannt (lacht). Die wollten Informationen haben – wieso siehst du so aus, wie heißen die anderen, wo trefft ihr euch. Aber ich habe keine Auskunft gegeben, da waren die nicht so zufrieden.

    - Und welche Konsequenzen hatte das Verhalten?

    Mein „Style“ war in der Berufschule nicht so gefragt, immer gab es Probleme – ich dürfte so nicht kommen. Man hatte mich ständig auf dem „Kieker“ und hat mich oft in das „Traditionszimmer“ verschleppt, wo FDJ-Wimpel und dergleichen hingen, mich andauernd verhört. In meinem Lehrbetrieb zeigte mit der Meister, der gar nicht verhehlte, bei der bei der Stasi zu sein, wie sehr er mich hasste – wir hatten ein von gegenseitiger Verachtung geprägtes Verhältnis.

    - Auswandern aus der DDR, war das eine Option?

    Das war eine Volkskrankheit gewissermaßen – die Idee und die Sehnsucht, in den Westen zu gehen. Ich wollte diesen Staat unbedingt verlassen und hatte 1987 einen Ausreiseantrag gestellt, aber nach zwei Wochen zurückgezogen, weil ich mich verliebt hatte. Heute bin ich dankbar, dass ich in der DDR geblieben bin: Mal zu erleben, wie ein System „krachen“ geht, ein System, dem man soviel Verachtung entgegen geschleudert hat – wozu man vielleicht einen minimalen Beitrag geleistet hat, erfüllt mich mit einem großen Gefühl der Befriedigung.

    - Gab es den Traum von einer Weltkarriere mit der Musik, den Ehrgeiz, etwa in New York oder London aufzutreten?

    Das war uns vollkommen fremd, wir waren im toten Winkel der Welt. Wenn wir – ganz selten – mal vom Westradio wahrgenommen wurden, wie die Bands „Restbestand“ oder „Müllstation“, dann war das schon ein „großes Ding“. Und die, die eine Karriere wollten, haben sich dann irgendwann dem Staat angedient, haben eine staatliche Spielerlaubnis gemacht und „FDJ-Punk“ gespielt. Zum Beispiel „Die Skeptiker“, die hatten einen FDJ-Fördervertrag, das waren Systemkinder. Noch im Juni 1989 hatten die in Brandenburg einen Auftritt mit der Band „Herbst in Peking“, die ob des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens eine Schweigeminute einlegen wollte – „Die Skeptiker haben sich in den Backstage-Bereich zurückgezogen. Die Anarcho-Clowns von „Feeling B“ hatten auch eine Spielerlaubnis, aber das war für die mehr ein „Jagdschein“, die haben die Grenzen des Staates ausgetestet. Wir haben die nicht respektiert, die wollten aber auch nicht unseren Respekt.

    Vom Punker zum Verleger

    - Brachte der Wendefrühling das Gefühl, befreit leben und spielen zu können?

    Für mich war Punk ein Transitraum und als Akt der Selbstbefreiung wichtig, zu schauen, wo meine Interessen und Talente liegen. Ich wurde Teil einer Oppositionsbewegung, denn ich war sehr politisch, bin aus der Punk-Szene in die DDR-Oppositionsszene geraten – um die „Initiative für Frieden und Menschenrechte“. Ich habe dann für Blätter im Samisdat (russisch für Selbstverlag) wie den „Grenzfall“ politische Artikel geschrieben, auch für die Band hatte ich ja die Texte verfasst, war der „Schreiberling“.

    Und bin so in die Künstler- und Literatenszene im Stadtteil Prenzlauer Berg gekommen, habe Leute wie den Schriftsteller Detlef Opitz, die Lyriker Rainer Schedlinsky und Bert Papenfuß-Gorek kennengelernt, begann selbst literarisch zu arbeiten. Bald darauf publizierte ich in Zeitschriften wie der „Ariadnefabrik“, dem „Anschlag“ aus Leipzig, begann in „Verwendung“ zu veröffentlichen und selbst Zeitschriften in Kleinstauflage herauszugeben. Meine am Surrealismus orientierte Zeitschrift hieß „Caligo“ – nach dem Urnebel, aus dem auch nach der griechischen Mythologie das Chaos entstand. Die hatte ich mit Ronald Lippok, den ich aus der Punkszene kannte, denn der war Schlagzeuger bei „Rosa Extra“, bis er „Ornament & Verbrechen“ gründete.

    - Und die Wende selbst, die Wiedervereinigung?

    Die Wende war ein Einschnitt, dem der Begriff Zäsur kaum gerecht wird. Wir standen vor dem Nichts und meine Arbeit in Kleinstauflagen vor dem Aus. Ich wusste zunächst nicht, wie weiter, dachte auch daran, Berlin zu verlassen Richtung Hamburg, denn dort hatte ich Verwandtschaft. Doch dann kam der Ruf aus der Verlegerszene: Verleger, die in der DDR illegale Zeitschriften vertrieben hatten, vornehmlich in Ostberlin: „Komm, wir gründen einen Verlag“. Das war das Druckhaus „Galrev“, das Standbein, mit dem wir unsere Lyrik-Produktion finanzieren wollten in der Wendezeit 1990. Das lief besser, als man seinerzeit erwarten konnte. Ich war einer von sieben Gesellschaftern und in dem Moment, wo unsere Elterngeneration arbeitslos wurde, stand ich seit Jahren das erste mal wieder in Lohn und Brot. In der DDR hatte ich von der Hand in den Mund gelebt, plötzlich wurde ich Unternehmer und arbeitete bis zu 16 Stunden am Tag.

    Diskriminierung und Entwertung von Ost-Biographien – Stasi-Enttarnungen

    Gleichzeitig erfolgte eine Diskriminierung und Entwertung unserer Ost-Biographien. Das haben alle erlebt, ob es nun jemand war, der am Fließband stand oder künstlerisch tätig war. Im westdeutschen Literaturbetrieb etwa waren wir gar nicht bekannt. Wir waren für die eine neue Konkurrenz, drängten in die Stipendien, haben uns vor Jurys beworben. Aber Preise bekommen? Bis heute schwierig - bis auf Ausnahmen wie Katja Lange-Müller oder Jan Faktor.

    Die zweite schwere Zäsur war dann 1992 die Stasi-Enttarnung von Sascha Anderson und Rainer Schedlinsky, die wesentlich für das Druckhaus waren. Auf einmal schlug die Stasi-Debatte in die Szene ein, wodurch eine ganze Dichtergeneration schwer beschädigt wurde und bis heute im Feuilleton als generell mit einem Stasi-Verdacht behaftet ist, was eine „Schweinerei“ ist. Das geht vor allem von Wolf Biermann aus, der uns als große Konkurrenz betrachtet, es geht hier auch um einen Generationenkonflikt.

    Bei unserem Verlag dachte ich, ich bin angekommen – hinsichtlich meiner Lyrik und meines Auskommens. Und auf einmal ist das alles zusammengebrochen: Banken haben Kredite versagt, Autoren haben ihre Zusammenarbeit aufgekündigt. Eine furchtbare Zeit.

    Der Mitherausgeber von „Too much future“, Maik Reichenbach, war seinerzeit Bassist bei „L`Attentat“, der legendären Leipziger Anarcho-Punk-Kapelle. Er musste feststellen, dass der Gitarrist, Imad, seine eigenen Leute aus der Band für Geld verraten und in den Knast gebracht hatte. Die Punkszene war durchsetzt von Stasi-Spitzeln – mal mehr der weniger verlässlich, wie die Zuträger, die die Szene ans Messer geliefert haben.

    - Gibt es heute noch Punkrock wie seinerzeit?

    Das Genre hat sich eher aufgelöst. Ost oder West spielt da nicht mehr so eine Rolle. Im Osten gibt es ihn eher noch. Das Irre ist, dass heute im Prinzip der Nazi-Rock das Erbe des DDR-Punkrock mitangetreten hat. Die spielen heute illegal und auf konspirativen Treffen. Und die Punks haben sich mit der ganzen Nazi-Unkultur in der Provinz auseinanderzusetzen. Noch viel stärker als die im Westen.

    - Bedeutet denn Punk sein, links zu sein?

    Das hat es ursprünglich einmal bedeutet. Die Rechte hat sich, wie das Palästinenser-Tuch und auch „Ton, Steine, Scherben“ aus der linken Szene, den Style angeeignet. Die Nazis sehen heute nicht mehr so aus wie in den 90er Jahren mit Bomberjacke und so. Die laufen heute in einem kaum noch von der linken Szene zu unterscheidenden Look herum. Und so haben sie sich auch irgendwann Punkrock zu eigen gemacht – wegen seines aggressiven Elements. Das kommt deren aggressiver Haltung zupass. Was dort an Punkrock stattfindet hat nichts mehr mit den „Sex Pistols“ zu tun, es ist ein Zerrbild von Punkrock, auch musikalisch: Ganz schlechter „Metal“.

    Projekt „Too much future“ (zu Deutsch: „Zuviel Zukunft“)
    © Foto : Too much future
    Projekt „Too much future“ (zu Deutsch: „Zuviel Zukunft“)

    Aber Punk an sich als „Style“ ist für mich durchdekliniert und interessiert mich nicht mehr; heute würde ich mir den „Iro“ abrasieren und Streetart-Künstler werden. Punks sind doch heute eher die, die den ganzen Tag im Hippiegestus des Schneidersitzes vor Supermärkten die Leute anbetteln, die sie dafür verachten, dass sie dort hineingehen. Punk war wie Dada ein Intensivkurs, aber irgendwann hat es sich erschöpft. Man kann sich nicht ewig verweigern. Punk-Rock hingegen war für mich immer Selbstermächtigung, also Dinge zu tun, ohne zu fragen. Wir sind damals losgezogen, haben Musik gemacht, haben Fanzines herausgebracht, aber diese indifferente Haltung heute geht gar nicht: Bewegung als solche war im Punk immer enthalten.

    „Too much future – Punkrock GDR“, drei Vinyl-Alben samt 80-seitigem Booklet erschienen bei Major Label, Albumvorstellung und Lesung am 5. November in der „Stasi-Zentrale – Campus für Demokratie“.

    ba

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Russland droht bei Weitergabe von Kontrollflug-Informationen an USA mit „harter Antwort“
    Nasa unterbricht Live-Stream: Was taucht hier vor ISS auf? – Video
    Waffenschmuggel vermutet: Ankara stoppt Bundeswehreinsatz auf türkischem Frachter
    Tags:
    Kultur, Musiker, Underground, DDR