20:39 24 November 2020
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    Der islamistische Anschlag in Wien hat Österreich am Montagabend ins Herz getroffen. Der Täter, der mehrere Menschen getötet und etliche verletzt hat, ist nicht mehr am Leben. Doch wie konnte sich der Mann so radikalisieren und was bedeutet der Vorfall für Europa?

    Sputnik hat mit dem Terrorismus-Experten Nicolas Stockhammer darüber gesprochen.

    Herr Stockhammer, in Wien kam es gestern Abend zu einem Terroranschlag mit Toten und Verletzten. Da an verschiedenen Tatorten gleichzeitig operiert worden sein soll, war die Rede von einem komplexen Anschlag. Gleichzeitig ist bislang nur von einem Täter die Rede. Wie schätzen Sie diesen Anschlag in Wien ein? Und war das ein Einzeltäter oder mehrere?

    Das ist eben zur Stunde die Frage, der die Sicherheitsbehörden nachgehen. Jetzt gab es schon eine vorsichtige Entwarnung, dass es sich nur um einen Einzeltäter handeln solle. Die Art und Weise wie dieser Anschlag jedoch vorgetragen wurde, veranlasst mich zur Überlegung, dass es sich zumindest um einen Anschlag der Kategorie „Einzeltäter+“ gehandelt haben könnte, das heißt ein Einzeltäter, der Anleihen gezogen hat, der inspiriert wurde, der auch eine logistische Unterstützung erhalten hat. Es ist auf jeden Fall davon auszugehen, dass diese Person, die hier gestern in einem Schusswechsel mit der Polizei ums Leben gekommen ist, nicht der alleinige Drahtzieher dieses Anschlags gewesen sein dürfte.

    Nun soll der getötete IS*-Sympathisant für die Bildung einer terroristischen Vereinigung bereits eine Gefängnisstrafe im Vorfeld abgesessen haben und dann wieder entlassen worden sein. Inwiefern ist hier auch ein Justizproblem vorhanden oder ein Problem der Überwachung solcher Gefährder?

    Hier kommen mehrere Effekte gleichzeitig zum Tragen. Das eine ist, dass der Verdächtige es offenbar geschafft hat, in der Anhörung zu einer möglichen vorzeitigen Entlassung die Behörden zu täuschen, und sich als Lamm dargestellt haben soll, resozialisiert und deradikalisiert. Das bedeutet, dass man hier einem Betrüger aufgesessen ist. Und das zweite ist der strukturelle Faktor, dass sich Personen im Gefängnis radikalisieren und man nur sehr schwer diesem Problem beikommt und diese Personen im Nachgang nur über einen gewissen Zeitraum hinweg überwachen kann aufgrund von eingeschränkten Ressourcen, sowohl personell als auch finanziell.

    Ist diese Radikalisierung des Täters im Gefängnis fortgeschritten oder war sie schon gegeben, bevor er ins Gefängnis kam? Und ist das ein häufig vertretener Typus unter den Gefährdern?

    Die Radikalisierung war sicher bereits im Vorfeld gegeben. Nach dem derzeitigen Ermittlungsstand geht man davon aus, dass das Gefängnis einen zusätzlichen Input gegeben hat. Auf der anderen Seite ist auch davon auszugehen, dass im Nachgang an diese Gefängnisentlassung diese Person eine Wandlung durchgemacht haben muss, eine noch stärkere, zum Radikalen und hinter dem Schleier der Corona-Pandemie noch weiter radikalisiert wurde.

    Spielt bei der Netzwerkbildung das Gefängnis eine verstärkende Rolle?

    Das ist durchaus möglich, aber der primäre Hort der Radikalisierung ist das Internet. Während der Corona-Pandemie hat man ein sprunghaftes Anwachsen von Radikalisierungsverläufen im Internet gesehen. Das bedeutet, dass das Gefängnis ein Trichter war, aber das Internet dürfte dieser Person den Rest gegeben haben.

    Derzeit laufen ja Ermittlungen und Durchsuchungen, es kam auch zu weiteren Festnahmen. Inwiefern sind solche Maßnahmen geeignet, um ein Netzwerk auszuheben, vor allem wenn es sich durch das Internet über Ländergrenzen hinaus erstreckt?

    Terrorismusbekämpfung ist mittlerweile eine transnationale Angelegenheit, es bedarf der übergreifenden Kooperation, der Ergänzungsfähigkeit. Man muss transnational agieren, Partner ins Boot holen und gemeinschaftlich dieses übergreifende Problem angehen. Wobei ich persönlich meine Zweifel hege, zumal Terrorismusabwehr natürlich auch eine nationalstaatlich fundierte Geschichte ist – und das hat man in den letzten Jahren sehr stark beobachten können.

    Der Täter soll nordmazedonischer Albaner sein. Wie schätzen Sie die Gefahr durch nordmazedonische, kosovarische oder tschetschenische Terror-Zellen in Österreich ein?

    Im Hinblick auf Terrorzellen ist es wirklich schwer zu sagen, weil ich denke, dass die Sicherheitsbehörden mit absoluter Akribie darauf bedacht sind, eine Zellenbindung zu unterbinden. Auf der anderen Seite gibt es solche „Cluster“, wie ich sie nennen würde, und gerade in diesen ethnischen Gruppierungen ist der Verdacht naheliegend, dass man sich hier terroristisch verschwört oder zumindest dem Dschihadismus frönt.

    Der Täter soll auch Kontakte zu deutschen Islamisten und internationalen Netzwerken gehabt haben. Drohen solche Ereignisse vor dem Hintergrund auch in Deutschland oder ist die Lage hier anders einzuschätzen?

    Ich sehe bei dschihadistischen Anschlägen stets den transnationalen Kontext. Es gibt sicher eine Ausstrahlung in andere Länder, zumal in Nachbarländer. Ich muss aber sagen, der vorliegende Fall dürfte eine österreichische Grundierung haben, zumal der Attentäter hier aufgewachsen, hier geboren ist und sich eigentlich nie integriert hat und integrieren wollte oder zumindest nicht ausreichend integrieren wollte. Er wollte sogar ins Kalifat, in den Dschihad nach Syrien ziehen. Das wurde unterbunden durch die Sicherheitsbehörden, aber man hat dann wahrscheinlich aufgrund dieser Metamorphose nach der Gefängnisentlassung gedacht, diese Person sei keine Gefahr für die Gesellschaft mehr.

    Gibt es davon abgesehen einen spezifisch österreichischen Kontext? Österreich ist ja nicht in kriegerische Konflikte verwickelt.

    Der österreichische Kontext ist, dass diese Person hier aufgewachsen ist, hier sozialisert ist und hier aufgrund des „Heimvorteils“ sehr leicht zur Tat schreiten konnte. Der zweite österreichische Kontext ist die ethnische Herkunft aus dem Balkan. Österreich und konkret Wien sind die Einfallstore in den Balkan, das heißt, das Geschehen am Balkan beeinflusst das Geschehen in Wien, vor allem in der dschihadistischen Szene wie auch vice versa.

    Spielen auch Ereignisse wie jetzt in Frankreich oder der Konfrontationskurs der Türkei in so etwas mit rein?

    Die Charlie-Hebdo-Geschichte würde ich auf der Meta-Ebene sehen. Der Attentäter hatte direkt eine Referenz zu diesen Charlie-Hebdo-Anschlägen abgegeben. Die Geschichte rund um Macron und Erdogan würde ich jetzt als für den österreichischen Fall nicht primär relevant ansehen.

    Der vorliegende Täter ist zwar ein einzelner Radikalisierter, aber besteht dieses Potenzial weiterhin für Wien und Österreich?

    Das Potenzial besteht weiterhin in ganz Europa. Es wäre ein Trugschluss, anzunehmen, dass das jetzt in Österreich passiert ist und damit ist diese Geschichte erledigt. Das wird uns weiter beschäftigen und ich denke, dass jetzt die Corona-Pandemie gewissermaßen das Geschehen übertünchen wird, vielleicht das Geschehen nach hinten hinauszögern wird, aber die Büchse der Pandora ist geöffnet, der Esprit ist da, und wir werden weiterhin Terrorattacken in Europa sehen – vor allem islamistisch grundierte. Es besteht zudem noch die Gefahr, dass dies auch im rechtsextremistischen Spektrum zu Gegenreaktionen führen wird.

    Das Ereignis hatte ja vor einer Wiener Synagoge stattgefunden, sodass auch ein antisemitischer Hintergrund im Raum stand. Wie ist es darum bestellt?

    Das ist noch Gegenstand der Ermittlungen. Ich kann mir das sehr gut vorstellen, dass es einen antisemitischen Hintergrund gegeben hat und dass dann der Verdächtige – als er gesehen hat, dass er unmittelbar dort nicht zum Zug kommt – sein Geschehen ausgeweitet hat.

    Zum Abschluss noch die Frage: Wie sollte die Kurz-Regierung auf diesen Anschlag reagieren und was wären geeignete Maßnahmen?

    Ich bin der Meinung, dass man zuerst auswerten sollte, was hier geschehen ist, was man hätte besser tun können, und auf Basis dieser Matrix dann zu Entscheidungen kommt, was man für die Zukunft anstrebt. Es ist noch nicht einmal die ganze Sachlage bis ins letzte Detail aufgeklärt, um jetzt schon Schritte zu setzen. Was natürlich unmittelbar passieren wird, ist eine Verstärkung der Sicherheitskräfte, eine Verstärkung bereits bestehender Maßnahmen, eine Intensivierung der Nachrichtendienst- und Verfassungsschutz-Komponente. Aber es wird natürlich ganz evident davon abhängen, welche Schlüsse man aus den Geschehnissen ziehen wird.

    * Terrororganisation, in Deutschland und Russland verboten.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Islamisten, Terroranschlag, Wien, Österreich