12:29 03 Dezember 2020
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    Ausgerechnet am Welt-Ballett-Tag wurde klar: Auch das Staatsballett Berlin wird vorerst nicht mehr auftreten. Die für den November von Bund und Ländern beschlossenen Corona-Reglements treffen die Kulturbranche hart. Christiane Theobald erläutert, was sie als Chefin der größten deutschen Ballett-Compagnie von dem neuerlichen Teil-Lockdown hält.

    Mit einer gehörigen Portion Wehmut im Bauch im Wissen um die anstehenden Schließungen von Theatern erfreut sich an der „Staatsoper Unter den Linden“ eine wegen des Hygienekonzepts kleine Zuschauerschar an einer Aufführung. Die Kunst von Iana Salenko und Daniil Simkin im Ballett „Giselle“ lässt für ein paar Stunden Alltag und Sorgen vergessen.

    Iana Salenko von Staatsballett Berlin in GISELLE
    © Foto : Yan Revazov
    Iana Salenko von Staatsballett Berlin in GISELLE

    In die romantischen Sagenwelt der Willis aus „De l’Allemagne“ von Heinrich Heine bricht die Realität herein: Beim Besuch der hochwohlgeborenen Herrschaft und ihres in Brokat gewandeten royalen Gefolges im dörflichen Heim von Giselle herrscht Maskenpflicht. Kein mittelalterlicher Schnabelschutz, sondern Alltagsmaske à la Corona-Herbst 2020: Auf „AHA“ getrimmte Statisten. Auch die Belegschaft in den Foyers wacht mit Argusaugen über Abstände, bedeutet diskret den Weg zum Desinfektionsmittelspender, weist Publikumsströmen sanft die Richtung.

    Das im Saal etliche Meter weit auseinander platzierte, vorab hinreichend belehrte und ob des konstanten Belüftungsstromes leicht fröstelnde, dafür einheitlich mit Masken ausstaffierte Publikum murrt nicht. Das „Kulturvolk“ gilt als diszipliniert. Ihm geht es ganz pragmatisch um die Sache: „The show must go on“. Und nicht nur auf den Bühnen soll der Betrieb weiterlaufen. Die Bereitschaft, Rücksicht zu nehmen, endet sicher nicht, sobald der Vorhang fällt. 

    Doch die Menschen sind verschieden. Die Infektionszahlen schnellen deutschlandweit in die Höhe. Der von Bund und Ländern beschlossene Teil-Lockdown ist nach Ansicht nicht weniger Beobachter Erbe vorangegangener Monate der Sorglosigkeit vieler hinsichtlich des eigenen Infektionspotentials. Er stürzt die Kulturbranche in eine neue Ungewissheit. Zu differenzieren ist sicher der arbeitslose Soloselbständige von dem im Öffentlichen Dienst Angestellten mit Kurzarbeitergeld, wie die staatliche Bühne vom Privattheater. Aber da sind Firmen, die genauso unternehmerisch agieren, wie Autobauer und Luftfahrtbetriebe. Auch sie haben „Zulieferer“, deren Geschäft mit ihnen steht oder eben fällt. 

    Dr. Christiane Theobald, Staatsballett Berlin
    © Foto : YAN REVAZOV
    Dr. Christiane Theobald, Staatsballett Berlin

    Kultur mag als Nahrung für Geist und Seele lebensrelevant sein, ihre Systemrelevanz zeigt sie als Arbeitgeber für 1,2 Millionen in der Kultur- und Kreativwirtschaft Beschäftigte, die mit rund 150 Milliarden Euro Wertschöpfung im Jahr zum Bruttoinlandsprodukt beitragen. Die Maßnahmen zur Pandemieeindämmung rütteln an ihrer Existenz, doch bei den Corona-Hilfen sehen sie sich ins Hintertreffen geraten. Nach vorangegangenen Protesten hat die Regierung nun einen „fiktiven Unternehmerlohn“ für die Betroffenen versprochen.

    Sputnik hat Christiane Theobald vom „Staatsballett Berlin“ nach der Bedeutung der Regierungsbeschlüsse für die Szene gefragt. Die promovierte Kulturmanagerin ist die amtierende Intendantin von Deutschlands größtem Ballettensemble. Sie ist für 124 Mitarbeiter verantwortlich; 91 Tänzerinnen und Tänzer sind bei der Compagnie engagiert.

    - Theater und andere Kulturstätten werden beim aktuellen Shutdown im gleichen Atemzug mit Fitnesszentren, Restaurants, gar Bordellen genannt. Musiker Till Brönner hat sich wegen einer die Kultur vernachlässigenden Corona-Politik in der vergangenen Woche medienwirksam Luft gemacht. Werden Branche samt Ballett hintangestellt?

    Wichtig ist mir zu betonen, dass wir größte Solidarität empfinden mit freiberuflichen Tänzerinnen und Tänzern. In diesen Zeiten der Pandemie ist ein festes Engagement viel wert.

    Generell ist es für den Tanz bitter, in die Kategorie Freizeit und Unterhaltung eingestuft zu werden. Für das Ballett und den Tanz gesprochen wäre die Kategorie Spitzensport schon viel näher. Die Kultur ist aktuell einer der ganz großen Verlierer. Man muss sich vergegenwärtigen, dass beim professionellen Bühnentanz nichts dem Zufall überlassen wird. Jeder Schritt und jede Bewegung sind genau festgelegt, wir können also mit Abständen umgehen. Für die ohnehin kurze Laufbahn der Tänzerinnen und Tänzer sind Vorstellungsausfälle katastrophal. Andererseits muss man in der Pandemie Solidarität in jede Richtung üben, also auch gesamtgesellschaftlich denken.

    Polina Semionova (L) und Ksenia Ovsyanick von Staatsballett Berlin im LIB von Alexander Ekman
    © Foto : Jubal Battisti
    Polina Semionova (L) und Ksenia Ovsyanick von Staatsballett Berlin im LIB von Alexander Ekman

    - Wie finden Sie die Aussicht, ab sofort gegebenenfalls permanent im „ON/OFF“- Modus operieren zu müssen, sollten auch künftig weitere Shutdowns ins Haus stehen?

    Für die Körper der Tänzerinnen und Tänzer ist ein „ON/OFF“-Betrieb nicht machbar, für die Zuschauer ist das eine andere Sache. Allerdings haben wir eingehend Konzepte erarbeitet, welche die Sicherheit beim Theaterbesuch gewährleisten, das heißt, ein Betrieb sollte eigentlich möglich sein.

    - Gab es in den vergangenen Monaten bis heute überhaupt Corona-Infektionsfälle wegen des Ballett-Betriebes oder wegen der Aufführungen? 

    Es gab keinen Corona-Infektionsfall wegen des Ballett-Betriebes, aber wir hatten ein Ensemble-Mitglied, das positiv getestet wurde. Dank der Einteilung in feste Trainingsgruppen konnten wir die Person und alle Kontaktpersonen umgehend isolieren und testen, und nachdem alle weiteren Tests negativ waren, durften wir unseren Spielbetrieb aufrechterhalten. Unser Hygienekonzept hat sich also als erfolgreich erwiesen.

    - Wie sieht nun der November beim Staatsballett aus: Bleiben Trainingssäle geöffnet, was ist möglich für Kollegen und Tänzer? 

    Es finden also weiterhin Trainings und Proben statt, nur die Vorstellungen fallen aus. Unsere Probensäle sind trotz der Vorstellungsabsagen ausgelastet, da wir die Trainingsgruppen wieder verkleinert haben, das heißt, es finden mehr Trainingseinheiten statt. Wir bereiten uns auf den Wiedereinstieg im Dezember vor mit einer Wiederaufnahme von SCHWANENSEE in einer adaptierten Fassung und dem Gala-Programm FROM BERLIN WITH LOVE IV.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Lockdown, Coronavirus, Staatsballett Berlin