02:50 25 November 2020
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    Politische Agenda prägt auch Geschichtsschreibung. Die deutsch-russische Historikerkommission will die Vergangenheit beider Länder gemeinsam erzählen. Eine drei Jahrhunderte umspannende Trilogie liegt nun komplett vor. Herausgeber Horst Möller beleuchtet die Streitfragen und was sich Politiker aktuell zur Verständigung abschauen könnten.

    „Deutschland – Russland. Stationen gemeinsamer Geschichte – Orte der Erinnerung“ ist ein Projekt der bilateralen Historikerkommission. Sie soll die wissenschaftliche Erforschung der deutsch-russischen Geschichte im 20. Jahrhundert fördern und damit das gegenseitige Vertrauen zwischen Russland und Deutschland festigen.

    Eigentlich hatte die russische Seite ein gemeinsames Schulbuch vorgeschlagen. Da es in Deutschland allerdings schwer ist, Schulbücher zugelassen zu bekommen, verständigte man sich auf ein Geschichtsbuch für Schüler, Studenten und für allgemein an der deutsch-russischen Vergangenheit Interessierte.

    Nach über einem Jahrzehnt gemeinsamer Arbeit ist die Trilogie nun mit dem jüngst erschienenen Band zum 19. Jahrhundert komplett: rund 1200 Seiten, bunt bebildert und identisch in deutscher wie russischer Sprache verlegt. Eine Vielzahl Essays ranken sich um Schlüsselereignisse, die die Verbindungen zwischen den beiden Staaten illustrieren, eingebettet in die europäische Geschichte.

    Professor Dr. Horst Möller hat die Buchreihe mit herausgegeben. Der 77-jährige Historiker war viele Jahre Vorsitzender der Geschichtskommission und rund zwei Dekaden Direktor am Institut für Zeitgeschichte in München. Im Sputnik-Interview erzählt er von der Herausforderung, Geschichte gemeinsam zu erzählen.

     - An der Trilogie wurde über zwölf Jahre geschrieben, Hunderte Briefe und E-Mails gingen zwischen Ost und West hin und her. Ist eine gemeinsame Geschichtsschreibung gelungen?

    Partiell. Die Geschichtsschreibung erfolgte einerseits in gemeinsamer Interpretation, aber auch in Varianten neben oder gegeneinander. Am Projekt waren 80 deutsche und russische Historiker beteiligt. Und wir haben etwas gemacht, was es bisher nicht gibt: Jeweils ein deutscher und ein russischer Kollege mit Expertise in dem jeweiligen Bereich – also nicht nur Mitglieder der Historiker-Kommission – wurden gebeten, gemeinsam ein Thema zu bearbeiten.

    „Deutschland – Russland. Stationen gemeinsamer Geschichte. Orte der Erinnerung“ - das 18. Jahrhundert
    © Foto : De Gruyter/Oldenbourg
    „Deutschland – Russland. Stationen gemeinsamer Geschichte – Orte der Erinnerung. Das 18. Jahrhundert“

    Haben sich die beiden geeinigt, wurde es gedruckt. Wenn nicht, so wurde über einen Konsens diskutiert unter Einbeziehung der Herausgeber und anderer Kollegen. Gelang dieser nicht, erschienen zwei Artikel parallel – der des deutschen sowie der des russischen Autors. Im Band zum 20. Jahrhundert war das bei 30 Artikeln sechs Mal sowie bei den Einführungen der Fall, in den anderen Bänden etwa bei einem Fünftel aller Artikel. Dabei werden die Unterschiede in der Interpretation deutlich. Der mündige Leser kann sich so selbst ein Urteil bilden.

    - Welche Ereignisse sind das zum Beispiel, die unterschiedlich interpretiert werden?

    Zum 18./19. Jahrhundert gibt es wenig gravierende Kontroversen. Meist geht es um die Gewichtung oder Ergänzungen einzelner Aspekte. Im 20. Jahrhundert hingegen sieht es anders aus: Da sind zunächst einmal der Hitler-Stalin-Pakt, die sowjetische Polenpolitik und die sowjetische Besatzungspolitik in Deutschland nach 1945.

    - Diese Themen sind seinerzeit von sowjetischen und ostdeutschen Historikern der DDR unisono betrachtet worden. Gibt es auf deutscher Seite nach der deutschen Einheit nun eine andere Lesart?

    Ja, das kann man so sagen. Das betrifft auch Themen, die nicht speziell deutsch-russisch sind, wie zum Beispiel die bolschewistische Revolution 1917. Im Falle der deutschen Revolution 1918/19 herrschen im Grunde genommen auch heute noch auf russischer Seite die Lesarten vor, die auch in der DDR üblich waren.

    Dabei geht es weniger um das Bezweifeln von Fakten, sondern um deren Interpretation. Das beginnt schon mit der Sprache: Die damaligen DDR-Historiker und die sowjetischen, später dann russischen Kollegen, sprechen von der „November-Revolution“ – sie reduzieren das Ganze auf diesen einen Monat. Für westliche Historiker hingegen ist klar, dass die Revolution ein Prozess ist und dann endet, wenn eine neue Verfassung verabschiedet ist. Wir sprechen deshalb von der Revolution 1918/19.

    Ein anderes Beispiel: Zwar existiert auch im Westen eine Kontroverse darüber, wie sich die Sozialdemokraten um Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und Gustav Noske verhalten haben, aber auf der russischen Seite wie auch in der DDR seinerzeit war klar: Die Sozialdemokraten haben die Arbeiterbewegung verraten.

    Beim Geschichtsbuch gab es ebenfalls Differenzen zum Thema der Teilung Polens zwischen der nationalsozialistischen und der bolschewistischen Diktatur 1939. In Deutschland wird dies heute eindeutig so interpretiert, dass die beiden Diktatoren – Hitler und Stalin – in einer geheimen Abmachung Ost- und Mitteleuropa zwischen sich in Interessensphären aufgeteilt hätten. Die russische Geschichtsschreibung verneint dies und geht bis heute davon aus, dass der östliche Teil Polens ein Gebiet sei, den die Polen erst 1920 im polnisch-sowjetischen Krieg 1920/21 gewonnen hätten. Dieser Teil sei nicht ursprünglich polnisch und die UdSSR hätten Gebiete zurückerobert, die ohnehin sowjetisch gewesen seien und zu den späteren Sowjetrepubliken gehörten. Ganz falsch ist das insofern nicht, als in diesen Regionen Ukrainer, Litauer, Belarusen und Polen lebten. In Ost-Mitteleuropa gibt es überall nationale Mischgebiete.

    „Deutschland – Russland. Stationen gemeinsamer Geschichte. Orte der Erinnerung“ - das 19. Jahrhundert
    © Foto : De Gruyter/Oldenbourg
    „Deutschland – Russland. Stationen gemeinsamer Geschichte – Orte der Erinnerung. Das 19. Jahrhundert“

    - Hat eine sowjetische Sichtweise denn noch Bestand nach dem Ende der UdSSR?

    Als die deutsch-russische Geschichtskommission 1997 ihre Arbeit aufnahm, gab es sehr viele ältere russische Kollegen, die noch sehr stark in der sowjetischen Sichtweise gefangen waren. Das hat sich inzwischen verändert. Das Problem ist, dass historische Vorgänge an sich nicht bestritten werden, sondern anders gedeutet: Beispielsweise wird die Vergleichbarkeit Stalins und Hitlers bestritten, die in den 1990er Jahren auch in Russland zum Vergleich totalitärer Diktaturen geführt hatte. So kann man nicht nur mit politischen, sondern auch mit Sach-Gründen unterschiedlich interpretieren.

    - Konnten Sie denn bei der Arbeit eine politische Agenda der Kollegen ausmachen?

    Die politische Agenda ist für einige Themen des 20. Jahrhunderts offensichtlich, für andere weniger oder gar nicht: Zum 19. Jahrhundert gibt es etwa unterschiedliche Ansichten zu Bismarcks Rolle 1878 beim Berliner Kongress. Bismarck war der Vermittler, der „ehrliche Makler“, wie er sich selbst bezeichnete. Und das zaristische Russland – mit dem Kaiserreich befreundet und ein Bündnispartner – hatte angenommen, dass Bismarck sich eindeutig auf seine Seite stellen würde. Das hat Bismarck nicht getan, weil er dann nicht mehr „Moderator“ mit Blick auf Österreich oder das Osmanische Reich gewesen wäre. Bismarcks Rolle sehen russische Kollegen also sehr viel kritischer. Damit hätte ein gewisses Zerwürfnis zwischen Deutschland und Russland begonnen.

    Das Thema der Verursachung des Zweiten Weltkrieges ist Ausfluss einer politischen Agenda. Für uns unbestreitbar ist, dass Hitler den Krieg gewollt, bewusst getrieben und auch entfesselt hat. Aber bei uns ist auch klar, dass Hitler 1939 keinen Zwei-Frontenkrieg gebrauchen konnte und deswegen die geheime Verständigung mit Stalin für ihn wesentlich war. Die russischen Kollegen hingegen sagen, Stalin hätte kaum eine Wahl besessen, er hätte immer wieder versucht, mit den Westmächten eine Kooperation zu erreichen, sie hätten ihn aber im Stich gelassen – schon beginnend mit der Münchener Konferenz 1938. Während die offizielle russische Politik und viele russische Historiker (nicht alle!) Stalin in einer Zwangslage sehen, bestreiten dies westliche und ostmitteleuropäische Historiker. Sie halten bei Stalin ausschließlich das Machtkalkül und die Chance auf territoriale Annexionen für das ausschlaggebende Motiv. In den Artikeln in unserem Buch sind die Ansichten nebeneinander dargestellt, auch beispielsweise der Massenmord des NKWD an etwa 25.000 polnischen Offizieren und anderen Angehörigen der polnischen Elite bei Katyn und an anderen Orten.

    - Russland verwahrt sich gegen vermeintliche Geschichtsumschreibungen. Wladimir Putin sah sich gar vor dem Hintergrund des 75. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges genötigt, den russischen Standpunkt darzulegen. Es gibt auch eine entsprechende Erklärung des OSZE-Außenministerrats zum Thema.

    Wissenschaftlich arbeitende Historiker leugnen keine Fakten, aber auch im Westen gibt es unterschiedliche Interpretationen. Es wird die Frage gestellt: Welche Bedeutung hatte das Faktum in einen bestimmten komplexen Kontext? Hier wird in allen freien Wissenschaften fortwährend geforscht. So kommen neue Quellen und damit auch neue Fragen ans Licht. Aber es kann keine Rede davon sein, den Zweiten Weltkrieg oder die Verursachung geschichtlich umschreiben zu wollen. Unter den ernstzunehmenden Historikern gibt es niemanden, der etwa die Hauptverantwortung von Hitler leugnen würde. Insofern ist diese Vermutung geschichtswissenschaftlich völlig unbegründet, auch gibt es keinen bekannten westlichen Politiker, der die Geschichte des II. Weltkriegs „umschreiben“ will. Abgesehen davon, würde ihm auch kein Historiker bei uns folgen.

    - Der Band zum 20. Jahrhundert erschien bereits im Jahr 2013. Bestünde denn Bedarf an Aktualisierung?

    Die würden wir nicht vornehmen, wenn nicht wirklich neue Erkenntnisse vorliegen. Für den Zweiten Weltkrieg besteht überhaupt kein Anlass, so eine Debatte zu führen. Vielleicht zum Ersten Weltkrieg: Da gibt es zur Verursachung und zum Friedensschluss anlässlich des 100. Jahrestages sehr viele Neuerscheinungen auf dem Markt, die Manches neu beleuchten. Allerdings ist der Erste Weltkrieg im gerade erst erschienenen Band II behandelt, also aktuell.

    - Was kann man denn aus der gemeinsamen Geschichte lernen aus heutiger Sicht?

    Die Auseinandersetzungen im Ersten, Zweiten oder im Kalten Krieg stellen in den hier behandelten 300 Jahren nicht den Normalfall der deutsch-russischen Geschichte dar. Das ist entscheidend.

    Im 18./19. Jahrhundert lag ein Fokus auf der Kultur. Es gibt weitgehende gemeinsame kulturelle Traditionen, was etwa das literarische oder das wissenschaftliche Leben angeht. Es hatte in der Vergangenheit außerordentlich enge Beziehungen gegeben, im 19 Jahrhundert waren sie zeitweise sogar exzellent und in der Weimarer Republik keineswegs so schlecht, wie man denken möchte. Da gab es etwa 1922 den Vertrag von Rapallo.

    Der ursprüngliche Gedanke der Historikerkommission war, dass Quellen zugänglich sein müssen, damit Geschichtswissenschaft vernünftig betrieben werden kann. Die politischen Beziehungen sind schließlich auch davon abhängig, wie groß das Verständnis für die historische Spezifik des jeweils anderen Landes ist.

    In der Geschichte selbst hat immer wieder nationalistische Propaganda eine große Rolle gespielt. Man hat sich überhaupt nicht über historische Gemeinsamkeiten verständigt. Heute sehen wir das an den deutsch-polnischen Beziehungen, wenn immer wieder unter Rückgriff auf die Geschichte mit zum Teil absonderlichen Interpretationen Beziehungen gestört werden und eine bewusst falsche, meist nationalistische Erklärung der Geschichte die Politik beeinflussen.

    Ohne eine gemeinsame Verständigung über historische Grundlagen wird man auch in der Gegenwart keine Probleme lösen können.

    Und das kann man anhand unserer drei Bände gut erkennen; sie sind ein Beispiel dafür, wie man bei Kontroversen konstruktiv miteinander umgeht: Wesentlich ist, dass sich Fachleute zusammengesetzt haben. Wir sind einander mit einer gehörigen Portion Wohlwollen begegnet, und Sachkontroversen haben eine kollegiale oder gar freundschaftliche Zusammenarbeit nicht gestört. Zwei Meinungen unter einem Dach, ohne dass man sich in die Haare gerät:  Entscheidend ist es, bei unterschiedlichen Interpretationen aufeinander zuzugehen und Kontroversen über unterschiedliche Interpretationen nicht in Form nationaler Auseinandersetzungen zu führen.

    „Deutschland – Russland. Stationen gemeinsamer Geschichte. Orte der Erinnerung“ - das 20. Jahrhundert
    © Foto : De Gruyter/Oldenbourg
    „Deutschland – Russland. Stationen gemeinsamer Geschichte – Orte der Erinnerung. Das 20. Jahrhundert“

    - Gibt es im Zusammenhang der aktuellen Spannungen Grund zur Sorge für eine Entfremdung beider Länder?

    Der Fall Nawalny, die Politik in Syrien, Belarus oder die Ukraine-Politik mit der Annexion der Krim stellen insgesamt eine starke Belastung der deutsch-russischen Beziehungen dar. Politisch gesehen sind diese sehr viel schlechter, als sie es bis 2014 waren.

    Das liegt an der russischen, aber auch an der westlichen Politik: Man ging auch vor 2014 nicht immer kooperativ auf russische Vorschläge ein, wie es ursprünglich geplant war. Das hat schon in der Jelzin-Zeit begonnen und zu bestimmten Frustrationen auf russischer Seite geführt. Wenn etwa die Nato immer dichter an Russland heranrückt, ist die Irritation auf russischer Seite verständlich. Was die Krim anbelangt, kann man durchaus historisch argumentieren. Mit der Begründung, dass das Gebiet der Ukraine zugeschlagen wurde, als diese Teil der Sowjetunion war. Doch ändert dies nichts daran, dass die Annexion völkerrechtswidrig war und übrigens auch gegen die seinerzeit von der Sowjetunion unterzeichneten KSZE-Verträge verstößt.

    Es geht hier also nicht nur um Geschichtsinterpretationen, sondern ebenso um völkerrechtliche und rechtsstaatliche Prinzipien, um die Verbindlichkeit von Werten und Verträgen.

    Gerade in Zeiten, wo die politischen Beziehungen schlecht sind, wie es jetzt der Fall ist, sollten wir uns sehr bemühen, die zwischenmenschlichen und zivilgesellschaftlichen Verbindungen zu pflegen – die Beziehungen zwischen kulturellen Einrichtungen, Wissenschaftlern und der Wirtschaft. Wenn man diese jetzt auch noch stört, dann dauert es gegebenenfalls Jahrzehnte, bis wieder das Niveau erreicht ist, das man schon einmal hatte. Alles, was auf unterschiedlichen Ebenen organisiert und an Kontaktpflege gemacht werden kann, sollte realisiert werden.

    Wenn die Historiker ihre Zusammenarbeit aufgeben, wird der Fall Nawalny – und andere Fälle –nicht besser, zumal die Historiker auch keine Verantwortung dafür tragen.

    Ich bin überzeugt, dass eine enge Kooperation zwischen Russland, Deutschland und der EU insgesamt mittel- und langfristig politisch, ökonomisch und kulturell im beiderseitigen Interesse liegt und deshalb von beiden Seiten alles getan werden muss, sie zu erreichen.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Otto von Bismarck, Josef Stalin, Hitler, Zweiter Weltkrieg, Russland, Deutschland, Geschichte