10:04 04 Dezember 2020
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    Der Internationale Tag der Kinderrechte findet jedes Jahr am 20. November statt. Wie steht es also mit den Rechten von Kindern und Jugendlichen, wenn Familien dieses Jahr aufgrund der Corona-Pandemie mit Einschränkungen zurechtkommen müssen? Das erklärt der Kinderforscher Michael Klundt im Sputnik-Interview.

    - Herr Klundt, hier in Berlin hat der Oberbürgermeister Michael Müller einen Brief an alle Berlinerinnen und Berliner geschrieben. Darin sagt er, dass man aus dem letzten Lockdown gelernt habe und dass man unbedingt Kitas und Schulen offenhalten will. Wie beurteilen Sie diese Aussage?

    Es ist erstmal ein sinnvoller Hinweis, dass es nicht, wie bei dem Lockdown im Frühjahr, so ablaufen darf, dass auf einen Schlag alle 13 Millionen Minderjährigen in ganz Deutschland von allen Bildungs-, Betreuungs- und Betätigungseinrichtungen ausgesperrt werden. Den Ansatz an sich halte ich erstmal für sinnvoll. Wenn man sich aber etwas genauer damit beschäftigt, welche Auswirkungen das jeweils hat und was da tatsächlich gelernt wurde – wie der Bürgermeister sagt –, dann stellt man relativ schnell fest, dass nicht allzu viel gelernt wurde. Sonst hätte man ja parallel dazu die Bedingungen in den Kitas und auch den Schulen und den außerschulischen Einrichtungen wesentlich verbessern müssen, damit genau dieses Offenhalten von Kitas und Schulen ermöglicht wird.

    - Kinder müssen ja an den allermeisten Schulen zum Beispiel Masken tragen. Wie sehr sind Kinder in Kitas und Schulen von den Corona-Maßnahmen betroffen und beeinträchtigt?

    Im Einzelnen kann ich das nicht beurteilen. Es sind auch ganz unterschiedliche Auswirkungen, die wir da betrachten müssen. Das gilt übrigens auch für den ersten Lockdown. Alle Kinder und Jugendlichen wurden überhaupt nicht beteiligt. Über deren Kopf hinweg wurden Entscheidungen gefällt, und sie wurden gezwungen, zuhause zu bleiben, und von allen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen ausgegrenzt. Aber auf jene, die zuhause verschiedenste Möglichkeiten der Förderung haben – ein großes Haus, einen großen Garten, Pool oder sonstige Möglichkeiten der Betätigung – wirken diese Maßnahmen ganz anders als auf sozial benachteiligte Kinder in einer kleinen Großstadtwohnung, ohne Garten, Möglichkeiten, sich sonst zu beschäftigen, und ohne passende digitale Ausstattung. Für die war dieser Lockdown noch mal eine verstärkte Exklusion, und für die sind auch jetzt noch verschiedenste Maßnahmen wesentlich gravierender als für die Kinder, die sich entsprechend nicht in Armutsnähe befinden.

    - Wenn Sie sagen, diese Kinder seien besonders betroffen: Wie sind da die Zahlen?

    Laut UN-Kinderrechtskonvention rechnet man alle Menschen unter 18 Jahren als Kinder, also auch Jugendliche. Von denen sind es ungefähr 20 Prozent, also jedes fünfte Kind unter 18 Jahren. Bei den jungen Erwachsenen unter 25 Jahren, die das zum großen Teil ja auch immer noch betrifft, also bei den 18 bis 24-jährigen, sind die Armutsquoten noch höher, da liegen sie bei jedem Vierten, also bei etwa 25 Prozent. Die Zahlen haben also doch eine ganz schöne Höhe. Wenn man sich dann noch einmal genauer die Untersuchungen anschaut, die vor der Corona-Krise herausgefunden haben, dass etwa ein Viertel der Kinder in sogenannten Hartz-IV-Haushalten gar keinen Zugang zu internetfähigen Computern hat, dann kann man Eins und Eins zusammenzählen und feststellen, dass Home-Schooling und Digitalisierungsangebote für einen wesentlichen Anteil der Kinder nicht stattgefunden haben, sondern eher die Ausgrenzung im hohen Maße noch verschärft haben.

    - Inwiefern wird das Covid-19 Virus denn durch Kinder verbreitet? Sind die Einschränkungen den Infektionsschutz nicht wert?

    Das ist eine besonders schwierige Frage. Es gibt ja weltweit viele unterschiedliche Studien, die in alle möglichen Richtungen gehen. Heute Morgen erst hat sich das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, Unicef, noch einmal mit weltweiten Studien dazu geäußert. Da sagen sie: Kinder können zwar das Virus untereinander und auf Erwachsene übertragen, aber es gibt starke Belege dafür, dass bei Beachtung grundlegender Sicherheitsmaßnahmen die Vorteile, Schulen geöffnet zu halten, die Nachteile von Schulschließungen mehr als aufwiegen. Schulen sind in den Gemeinden nicht die Haupttreiber einer Verbreitung des Virus. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder sich anstecken, ist außerhalb schulischer Zusammenhänge höher. Wenn wir jetzt über Maskenpflicht und alle möglichen Strukturen in Kitas und Schulen reden, was alles getan werden kann – getrennte Klassen, Wechselunterricht und so weiter –, aber jeden Morgen und jeden Mittag die Schulkinder alle zusammen in volle Schulbusse gezwängt werden, völlig ohne Schulklassenunterschiede und Ähnliches, dann ist das natürlich absurd. Vor allem dann – Stichwort Infektionsschutz –, wenn nebenher die Reisebusse überall herum mangels Kundschaft leer stehen und eigentlich genutzt werden könnten. Die Politik hätte in den letzten acht Monaten an so einer sensiblen Stelle wirklich etwas für den Infektionsschutz tun können, hat es aber nicht getan.

    - Nun wurde gestern das neue Infektionsschutzgesetz von Regierung und Parlament beschlossen. Der Punkt wurde darin nicht aufgenommen, aber zumindest Angela Merkel soll das in dem Zusammenhang angedacht haben, und zwar Kinder und Jugendliche dazu anzuhalten, sich nur noch mit einem festen Freund in der Freizeit zu treffen. Auch wird ja schon empfohlen, man solle auf freizeitbezogene Aktivitäten und Besuche in Bereichen mit Publikumsverkehr sowie auf nicht notwendige private Reisen und touristische Tagestouren verzichten. Was bedeutet dies für die Kinder?

    Ja, die Kinderschutzverbände haben sich dazu ja auch schon kritisch geäußert, und ich kann mich da auch nur anschließen. Soziale Interaktion ist für Kinder und Jugendliche lebenswichtig. Kinder und Jugendliche brauchen ihre Peergroup. Das ist ein zentrales Entwicklungsmoment. An diesen Stellen muss man wirklich sehr vorsichtig sein und darf nicht einfach nur faktisch Kontaktverbote aussprechen. Der Deutsche Kinderschutzbund hat dazu die Frage gestellt: Wenn sich das Kind nur einen Kontakt auswählen darf, wer wird dann ausgewählt, und was passiert mit den Kindern, die nicht ausgewählt werden? Genau diese Ausgrenzungen hatten wir gerade bei den besonders vulnerablen Gruppen während des ersten Lockdowns: bei den Kindern in Armut, bei den Flüchtlingskindern oder bei den Kindern mit Behinderung. Was passiert mit diesen ausgegrenzten, den schwächeren Kindern in solchen Momenten? Das ist nicht genügend durchdacht worden. Es reicht dann auch nicht, wenn die Familienministerin nur darauf antwortet, es sei ja nur die Freizeit betroffen, die könnten ja ansonsten digital miteinander kommunizieren; wenn genau in den Bereichen eine Benachteiligung da ist – gerade in der digitalen Ausstattung. Man muss vorsichtig sein, welche Ausgrenzung und welche Kindeswohlgefahren wir damit neu heraufbeschwören. Ich finde übrigens sehr wichtig, und das ist auch im Rahmen der WHO-Charta festgelegt, dass die Gesundheit von Kindern nicht nur die Abwesenheit von Krankheit ist. Das Recht auf Gesundheit für alle Menschen, aber insbesondere auch für Kinder, ist ein umfassendes Recht, welches die Beteiligung von Kindern mit beinhaltet, den Kontakt mit anderen Kindern, Netzwerke, die Möglichkeit, sich miteinander auszutauschen, auch Bildung zu erhalten. Das ist wesentlich umfangreicher gedacht, als es in den letzten Monaten meist öffentlich kommuniziert wurde.

    Die Geschichte, wie diese Idee der Kontaktbeschränkung für Kinder entstanden ist und dass auch die Ministerpräsidenten jetzt sagen, sie möchten nicht mehr mit dieser Tischvorlagenmanier Entscheidungen durchgedrückt bekommen, die dann auch Notstandsgesetze, beziehungsweise -verordnungen mit sich bringen, zeigt mir, dass man tatsächlich auch hier genau demokratietheoretisch schauen muss, dass sich hier jetzt nicht autoritäre Tendenzen durchsetzen. Denn die betreffen nicht nur Kinder, sondern alle Menschen.

    - Nun ist es ja so, dass wir uns in einer Pandemie befinden. Die Regierung will und muss reagieren und die Bürger müssen sich wohl oder übel auch einschränken. Wie könnte man einerseits versuchen Covid-19 in den Griff zu bekommen, aber andererseits die Rechte von Kindern und Jugendlichen besser im Blick behalten?

    Genau das finde ich einen sehr wichtigen Punkt und darauf muss genauer geachtet werden. Als erstes müssten Kinderrechtsorganisationen und Jugendverbände miteinbezogen, befragt, informiert und konsultiert werden. Mit ihnen müsste gemeinsam überlegt werde, wie wir in Kitas, Schulen, außerschulischen Bildungs- und Betätigungsbereichen diese Pandemie gemeinsam bekämpfen können. Nicht über deren Köpfe hinweg. Das finde ich einen ganz wichtigen Hinweis. Ich kann auch den RKI-Chef Lothar Wiehler zitieren: Kinder sind, anders als bei Influenza, keine Treiber der Pandemie. Andere Studien haben sogar festgestellt, dass die Wiederöffnung der Schulen nach den Sommerferien das Infektionsgeschehen nicht angeheizt haben. Im Gegenteil, sie hätten den Anstieg der Infektionen sogar abgebremst. Man muss praktisch an diesen Stellen etwas für den Infektionsschutz tun, wenn aber, wie gesagt, Bundes- und Landesregierung es zulassen, dass jeden Tag Kinder in volle Schulbusse gezwängt werden, während nebenan massenhaft Reisebusse ungenutzt herumstehen, so ist das aus meiner Sicht kein Infektionsschutz.

    Wenn dann der Bundesgesundheitsminister uns ständig mit Charaktertest und Charakterfragen erziehen möchte, aber selber anscheinend nicht einmal selber den „Charakter“ hat, das Restaurant zu informieren, in dem er drei Tage vor seiner Positivtestung gesessen hat, wäre auch das kein besonders charaktervoller Infektionsschutz. Und auch seine Quarantäne in einer Dahlemer Millionenvilla sah sicherlich obendrein etwas komfortabler aus als die von betroffenen Kindern in engen Hochhaussiedlungen von Marzahn oder Wedding. Auch das sollte nicht ignoriert werden. Wir sollten in all diesen Fragen die soziale Ungleichheit und die soziale Frage nicht vergessen. Unterschiedliche Maßnahmen wirken auf unterschiedliche Gruppen auch unterschiedlich.

    Michael Klundt ist Professor für Kinderpolitik an der Hochschule Magdeburg-Stendal und hat im September bei einer öffentlichen Sitzung der Kinderkommission des Deutschen Bundestages zum Thema Kinderrechte in der Corona-Krise gesprochen.

    Das komplette Interview mit Professor Michael Klundt gibt es hier zum Nachhören:

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Infektionskette, Infektionen, Lockdown, Jens Spahn, deutsche Bundesregierung, Rechte, Covid-19, Coronavirus, Kinderarmut, Schulkinder, Kinder