19:23 15 Dezember 2019
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    Komiker Jan Böhmermann

    Böhmermann is back – Paukenschlag und leise Töne

    © AFP 2019 / Rolf Vennenbernd/DPA
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    Nach einer fünfwöchigen Pause hat sich der Moderator und Satiriker Jan Böhmermann mit seiner Sendung "Neo Magazin Royale" nach seiner Auszeit zurückgemeldet. Die Erwartungen waren hoch und unter den Zuschauern dürften diesmal die einen oder anderen Juristen ein kritisches Auge auf den Inhalt der Show geworfen haben. Auch SPUTNIK hat zugeschaut.

    Vorhang auf für die 45. Ausgabe des „Neo Magazin Royale“. Am Donnerstagabend war er wieder zurück auf dem Bildschirm: Jan Böhmermann, der die Republik zuletzt in zwei Lager gespalten hatte. Diejenigen, die sein Schmähgedicht gegen den türkischen Präsidenten Erdogan für eine gelungene Satire halten und auf der anderen Seite die Kritiker, die das Gedicht als würdelos und abstoßend bezeichnen.

    But the show must go on. Und so startete auch die neueste Ausgabe der Böhmermann-Sendung gewohnt politisch und mit einer Aneinanderreihung verschiedener Gags und Pointen. Der Unterschied: Diesmal ließ der Moderator das Publikum die Witze machen. Zuschauer konnten – so wurde es in der Sendung dargestellt — ihre Gags im Vorfeld einsenden und sollte es ihr Witz in die Show schaffen, gab es als Belohnung 103 Euro Provision. Offensichtlich angelehnt an den Paragraphen 103, aufgrund dessen gegen Böhmermann ermittelt wird. Kostprobe gefällig? Hier ein Gag, der es in die aktuelle Sendung geschafft hat:

    „Lutz Bachmann, Beatrix von Storch und Horst Seehofer kommen in eine Bar. Sagt der Barkeeper: Verpisst euch, ihr Wichser!“ 

    Gut, zwar sicherlich nicht einer der besten Witze, die beim „Neo Magazin Royale“ bisher auf Sendung gewesen sind. Aber durch das Konzept der Zuschauereinsendung dürfte Herr Böhmermann jedenfalls juristisch auf der sicheren Seite sein.

    Nichts desto trotz wartete der gemeine Zuschauer aber wohl auf eine Abrechnung mit dem türkischen Staatspräsident Erdogan. Oder würde der Moderator klein beigeben und die Thematik gänzlich aus seiner Sendung heraushalten? Nein, würde er nicht. Ebenfalls als Zuschauer-Einsendung verpackt ließ sich Jan Böhmermann zu folgenden Zeilen hinreißen:

    "Gewöhnen Sie sich am besten nicht an mich. Weil der Letzte, der wegen eines Gedichts vor Gericht und ins Gefängnis musste, wurde 12 Jahre später türkischer Staatspräsident… (ironisches Gelächter) Vielen Dank an Severin P. für diesen Witz. Scherze über den türkischen Staatspräsidenten finde ich richtig gut, der versteht den Spaß."

    Wird er wahrscheinlich nicht. Aber wen stört‘s? Das Publikum bekam, was es wollte: Erdogan hatte es also doch in die Sendung geschafft. Man wollte fast freudig in die Hände klatschen, wäre der Gag nicht so flach gewesen.

    Wirklich politisch wurde es dann aber beim Studiogast der Sendung, denn dieser war kein Geringerer als LINKE-Urgestein Gregor Gysi. Und während Jan Böhmermann die Thematik rund um sein Schmähgedicht im weiteren Verlauf der Aufzeichnung eigentlich heraushalten wollte, wollte dies der Politiker und Jurist Gysi ganz gewiss nicht — durchaus mit einem kontroversen Statement:

    "Wenn ich ganz kurz etwas dazu sagen darf: Das Gedicht, das Sie gelesen haben, fand ich nicht schön. Weil es bewusst alle Vorurteile bedient, das finde ich nicht gut. Auf der anderen Seite haben Sie völlig Recht. Wir haben nicht nur Meinungsfreiheit, wir haben nicht nur Pressefreiheit, sondern wir haben auch Kunstfreiheit und darüber muss wirklich gestritten werden. Und dann gibt es noch etwas: Der Erdogan ist eben nicht souverän, weil er einen Strafverfolgungsantrag stellt. Wissen Sie, ich bin schon öfter beleidigt worden, nie habe ich einen Strafverfolgungsantrag gestellt. Und dass Sie so viel Zustimmung bekommen, liegt daran, dass der wirklich eine scheiß Politik macht."

    Die gespielte Nervosität Böhmermanns, während sich Gregor Gysi minutenlang über die Politik der Türkei ausließ, nahm man der Moderator aber nur bedingt ab. Wer den für seine Quassel-Attacken bekannten LINKE-Politiker zu sich ins Studio einlädt, muss durchaus damit rechnen. Im Gegenteil, von der Redaktion des „Neo Magazin Royale“ wird dies durchaus gewünscht gewesen sein.

    Und damit nicht genug: Gysi, der neben seiner Karriere als Bundestagsabgeordneter weiterhin praktizierender Anwalt ist, wetterte munter weiter in Richtung Erdogan und gegen den Paragraphen 103, der Ermittlungen auf Grund von "Majestätsbeleidigung" überhaupt erst zulässt:

    "Ich halte diesen ganzen Paragraphen für grundgesetzwidrig. Wieso ist die Beleidigung dieses Mannes schwerwiegender, als die Beleidigung von Ihnen oder von mir? Das ist doch auch nicht in Ordnung. Und der letzte Satz, dann sind Sie das Thema bei mir los: Also intern würde ich Ihnen meine Meinung geigen, da kämen Sie gar nicht gut weg. Und nach außen, wenn ich Ihr Anwalt wäre, würde ich den Freispruch fordern — mit guter Begründung."

    Die Sympathien des Publikums dürften Gregor Gysi damit sicher gewesen sein. Denn nicht zuletzt war er es, der das Thema Erdogan gekonnt und wie erwartet in Szene gesetzt hat. Jan Böhmermann degradierte sich währenddessen gewollt zum Statisten seiner eigenen Sendung und begibt sich damit — ebenfalls gewollt — weit aus dem Schussfeld möglicher juristischer Konsequenzen.

    Das eigentliche Highlight der jüngsten Ausgabe der Böhmermann-Show war allerdings gänzlich unpolitisch, dennoch nicht weniger brisant: In dieser Woche legte sich die Redaktion des „Neo Magazin Royale“ nicht mit Politikern und Staatsoberhäuptern an, sondern mit dem Sender RTL, genauer mit der RTL-Sendung "Schwiegertochter gesucht", moderiert von RTL-Veteranin Vera Int-Veen. Abgespielt wurde nun ein Film, der den "schüchternen Schildkrötensammler Robin" als Kandidaten der RTL-Sendung vorstellt. Ein 21-jähriger, sozial und intellektuell eher benachteiligter junger Mann aus dem Ruhrgebiet. Die neue Staffel der RTL-Serie war jüngst gestartet und Robin erhielt als Kandidat laut Senderangaben bereits eine Menge Zuschriften interessierter Damen. Jan Böhmermann kommentierte den Einspieler nun folgendermaßen:

    "Wer hat nicht Lust, mit Robin auf Wolke 7 zu schweben, nach diesem Film? Aber wer hat denn den Robin bei "Schwiegertochter gesucht" angemeldet? Kann es sein, dass jemand einen gefälschten Kandidaten bei "Schwiegertochter gesucht" eingeschmuggelt hat, nur um zu dokumentieren, was RTL und Vera Int-Veen seit 10 Jahren für eine Scheiße mit Menschen abziehen, die sich nicht wehren können? Ich meine, das wäre ja mega aufwendig! Da müsste man ja unglaublich viel Energie reinstecken, wer macht denn sowas?

    Und in der Tat: Böhmermanns Team hatte eine Wohnung in Duisburg angemietet und diese möglichst verwahrlost ausgestattet, wie man es aus den vielen Reality-Sendungen von RTL kennt. Mit versteckter Kamera hat das Team festgehalten, wie eine Redakteurin von Schwiegertochter gesucht mit dem von Böhmermann engagierten Schauspieler „Robin“ einen Vertrag aufsetzt und unter eidesstattlicher Versicherung, ohne Überprüfung der Personalien, unterschreiben lässt, dass er keine geistige Behinderung hat.

    Vielen Dank, Herr Böhmermann, für dieses kleine Meisterstück. Jedem normal denkenden Menschen sollte zwar schon vorher klar gewesen sein, dass es in der RTL-Sendung rund um eine Handvoll debil wirkender Protagonisten nicht mit rechten Dingen zugehen mag. Doch tatsächlich einen Kandidaten dort einzuschleusen, bedarf schon einer ordentlichen Portion Abgebrühtheit. Unter dem Hashtag #verafake brodelte im Anschluss an die Böhmermann-Sendung das Netz. Auch eine Reaktion von RTL ließ nicht lange auf sich warten:

    "Wir schauen uns #verafake an und sprechen mit dem Produzenten von #Schwiegertochtergesucht Update folgt!" hieß es auf Twitter kurz und knapp.

    Das Fazit der jüngsten Sendung des Satirikers Böhmermann lautet also: Viele Gags — vor allem zu Beginn der Show — waren zwar recht flach und eher bedeutungslos, doch die Mischung zwischen Polit- und Gesellschaftssatire war ausgewogen und gut gewählt. Und wieder einmal hat es Böhmermann geschafft, dass man auch noch Tage nach der Ausstrahlung des „Neo Magazin Royale“ über ihn reden wird. Diesmal allerdings nicht im Bundestag. Und das ist auch gut so.

    Die Meinung des Autors muss nicht mit dem Standpunkt der Redaktion übereinstimmen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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