21:12 23 November 2020
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    Russland und der Westen sprechen wieder miteinander. Der Nato-Russland-Rat nimmt seine Arbeit auf, der Petersburger Dialog tagt wieder intensiv, und auch das Deutsch-Russische Forum spürt weniger Gegenwind für seine rege gesellschaftliche Projektarbeit als noch vor einem Jahr.

    Ist dieser Dialog nun nach der demonstrativen Eiszeit in der Folge des Ukraine-Konflikts ein Zeichen für mehr Verständigung zwischen den erstarrten Fronten in Ost und West?

    Zweifel seien erlaubt. Die Lage ist doch eher ernüchternd. Der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger spricht von der militärisch gefährlichsten Situation nach dem Fall der Mauer. In der Ukraine sind beide Seiten Lichtjahre von der Umsetzung des Minsk II- Abkommens entfernt. Dementsprechend gibt es keine Bewegung bei den Sanktionen. Mehr noch: An der Ostgrenze lässt die Nato energisch ihre Muskeln spielen. Die kürzlich in Betrieb genommene Raketenbasis in Rumänien wird die Ost-West-Konfrontation ganz gewiss aufs Neue befeuern.

    „Mehr abschrecken, mehr reden“ – die Spiegel Online-Überschrift zum Nato-Gipfel in Warschau bringt die Misere auf den Punkt. Ja, man redet, doch ohne konstruktive Zielführung. Dialog als Placebo, und garantiert ohne Effekt. Sicher, es ginge auch anders. Man könnte an gemeinsam getane Schritte anknüpfen, etwa an das insgesamt koordinierte und konzertierte Agieren mit Russland bei den Iran-Verhandlungen oder im Syrien-Konflikt. Aber all das bleibt – rätselhaft genug – ohne Auswirkungen auf die aktuelle bilaterale Kommunikation, die als selbstgenügsames Ost-West-Palaver vor sich hin plätschert.

    Die Potsdamer Begegnungen, die in diesem Jahr Ende Mai tagen, verfolgen ein anderes Konzept. Hier spricht man miteinander, weil man gemeinsam etwas bewegen will. Jeweils 20 deutsche und russische Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Think Tanks kommen zusammen und behalten dabei ein Ziel klar im Auge: Neue Brücken bauen, Voraussetzungen schaffen für gemeinsames Handeln, sodass Zusammenarbeit, wenn auch nur in sehr kleinen Schritten, wieder konkret erfahrbar wird. Ganz bewusst richtet sich der Vortrag von Außenminister Frank-Walter Steinmeier am 30. Mai im Rahmen der Potsdamer Begegnungen an ein Publikum, das im Alltag – im wirtschaftlichen, kommunalen oder gesellschaftlichen Kontext – Zusammenarbeit praktiziert und um deren Chancen weiß.

    Die Potsdamer Begegnungen wollen zeigen, dass Kommunikation in einem ersten Schritt bedeutet, auch kontrovers zu diskutieren und das Trennende zwischen Ost und West zu erkennen und klar zu benennen. Der Meinungsaustausch im Dialogforum Russlandkontovers.de demonstriert, wie konstruktiv Kontroverse sein kann, wenn sie mit Sachverstand und Kompetenz geführt wird, wenn Diskussion nicht Selbstzweck ist und nicht dazu dient, bestehende Stereotypen zu verhärten. Die sachliche und genaue Erfassung der beiderseitigen Probleme ist Voraussetzung für eine produktive Wende in den Beziehungen.

    Das ist auch die besondere Herausforderung für die Potsdamer Begegnungen. Ein Dialog bedarf – im Kleinen wie im Großen – sichtbarer Zeichen, einer Inter-Aktion im wahrsten Wortsinn: Gespräche, Symbole und Projekte, wie zum Beispiel der gemeinsame Raum von Lissabon bis Wladiwostok eines sein könnte. Beide Parteien müssen bereit sein, über den eigenen Schatten zu springen, vielleicht einseitig den ersten Schritt zu wagen und in Vorleistung zu gehen.

    Nur auf diese Weise kann Vertrauensbildung gelingen. Das Warten auf ein Wunder, auf jenen fernen Tag, an dem Minsk II vielleicht einmal umgesetzt sein wird, baut im Gegenteil nur immer mehr Druck auf und wird keine positive Bewegung bringen. Genau diese Bewegung aufeinander zu aber brauchen wir jetzt. In den Potsdamer Begegnungen, beim Petersburger Dialog, aber auch in der Diplomatie und hohen Politik. Sprachlosigkeit und Misstrauen lassen sich in gefährlichen Zeiten wie den unseren nur durch einen Dialog, der greifbare Ergebnisse hervorbringt, in eine Chance für den Frieden und die Partnerschaft in Europa wandeln.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Petersburger Dialog, Deutschland, Russland