19:54 13 November 2018
SNA Radio
    Anti-CETA-Demo in Paris

    Wallonen vergewaltigen Kanada - NEIN zu CETA würgt die Europäische Union

    © AFP 2018 / Francois Guillot
    Kommentare
    Zum Kurzlink
    Uli Gellermann
    491743

    Schwere dicke Tränen rollten ihr die Wangen runter: Der kanadischen Ministerin für internationalen Handel, Chrystia Freeland. Da hatte es so ein europäisches Idiotenland gewagt – klein, hässlich, unbedeutend – und NEIN zum CETA-Abkommen gesagt. Wallo-Was, Wallo-Wer, Wallo-Wie?

    Na warte, da reiste sie ab, oder dann doch nicht, oder wie? Vor laufenden Kameras erlebten wir alle diese Tragödie. Die Wallonie tat Kanada Gewalt an: „Kanada hofft auf Erwachen aus dem CETA-Alptraum“, referierte die TAGESSCHAU beflissen. Und fuhr fort: „Der Tonfall genervt, die Lippen schmal, die Geduld beinahe aufgebraucht. Kanadas Handelsministerin Chrystia Freeland weigert sich aber weiter tapfer, die letzte Hoffnung auf ein Handelsabkommen zwischen Kanada und der Europäischen Union aufzugeben.“ Nicht, dass sich die TAGESSCHAU erneut als schlicht korruptes Regierungsorgan entblößte. Nein! Sie verteidigte nur die Demokratie! 

    Denn immerhin hat Manfred Weber, Vorsitzender der konservativen EVP-Fraktion im Europaparlament, als CSU-Mann ein totaler Demokratie-Experte, gesagt: „Entscheidungen zur Handelspolitik durch 38 Parlamente inklusive einigen Regionalparlamenten haben nichts mit mehr Demokratie oder Transparenz zu tun.“ Ja, wo kommen wir denn da hin, wenn jedes dahergelaufene Parlament in Europa mitreden wollte! Das kann man nur noch Demokratur nennen. Da schiebt der SPIEGEL nach: „Ceta-Veto der Wallonie: Ein Schritt zur Zerstörung der EU“. Bald wird es sie nicht mehr geben, die Europäische Union. Nicht, weil sie unbarmherzig den Flüchtlingen, die sie durch ihre Handelspolitik gegenüber Entwicklungsländern selbst erzeugt hat, die Tür weist. Nicht, weil sie – vom Irak bis Syrien – jeden Dreckskrieg der USA im NATO-Gewand mitgemacht hat. Nein, weil sie, in der schrecklichen Gestalt der Wallonie, die arme Chrystia Freeland und mit ihr das ganze Kanada schwer beleidigt hat.

    Ministerpräsident der Wallonischen Region, Paul Magnette
    © REUTERS / Eric Vidal
    Ministerpräsident der Wallonischen Region, Paul Magnette

    Das ganze Kanada? Tatsächlich gibt es in Kanada Wissenschaftler, die in einem offenen Brief (siehe Link weiter unten) „An das Parlament von Wallonien und die belgischen Wähler“ sich mit den Wallonen solidarisieren. Schlimmer noch, sie wünschen in diesem Brief sogar, den Kanadiern wäre es erlaubt gewesen eine ähnliche Debatte „über eine eingehende und sorgfältige Betrachtung der Fehler, die CETA enthält“ zu führen. Wissenschaftler, kennt man ja. Als ob die was von Wirtschaft verstünden. Von Profit und freiem Handel, von Vorfahrt für Konzern-Interessen und Dauerbremse für Verbraucher-Rechte, vom Recht der Reichen gegen die Armen. Und dann kommen uns diese intellektuellen Wichtigtuer noch mit sowas: „In Kanada hat unsere Demokratie gelitten, weil die Bundesregierung darauf bestanden hat, Vereinbarungen wie NAFTA und CETA durchzudrücken.“

    Na und? So was ist doch Tagesgeschäft in der EU. Als ob ausgerechnet diese Wissenschaftler, die ein Gemeinschaftsgutachten über „Investor-Staat-Streitbeilegung (ISDS)“ verantworten und dort entdeckten, „dass große Unternehmen daran interessiert sind, spezielle Rechte zu erwerben und speziellen Zugriff auf öffentliche Gelder durch ISDS zu erhalten“, als ob die uns dreinreden dürften.

    So ein Unsinn, wenn Leute was von Wirtschaft verstehen, dann sitzen sie im SPIEGEL, dort schreibt man: „Die Wallonen sind derzeit die Helden der Globalisierungsgegner. Doch der Widerstand der belgischen Regionalregierung gegen Ceta ist nicht heldenhaft — er ist egoistisch, anmaßend und schädlich für die Demokratie.“ Oder in der SÜDDEUTSCHEN: „Europas Politiker müssen kämpfen wie die Wallonen“, für CETA, versteht sich. Und die FAZ weiß „Europa im Würgegriff der Wallonen“. Hier liest man die ganze Kompetenz der Anzeigenkunden! Nur die TAGESSCHAU macht es mal wieder für umsonst: „CETA könnte eine Erfolgsgeschichte sein. Wohl gemerkt: könnte. Dass es bislang jedoch nicht danach aussieht, ist typisch für Europa“. Das darf dort ein Sebastian Schöbel ablassen. „Nur die Europäer schaffen es, ein so vorbildliches Abkommen gemeinschaftlich in den Sand zu setzen.“ Was braucht einer Sachverstand oder Argumente, wenn er nur von der guten Sache der Wirtschafts-Oligarchen überzeugt ist?!

    Völlig leichtfertig dagegen diese kanadischen Wissenschaftler: „Es ist uns bewusst, dass viele Kanadier ihre tiefe Besorgnis über das ausländische Investoren-Schutzsystem ausgedrückt haben. Aufgrund von Kanadas Experiment mit einem ähnlichen System mit dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen (NAFTA).“ Und dann behaupten sie auch noch, solch ein segensreiches Freihandelsabkommen mit den USA wie NAFTA habe für Kanada zu mehr ausländischen Anlegeransprüchen geführt als jemals zuvor. Ja wollen die denn auch die arme Chrystia Freeland zum Weinen bringen? Und der Europäischen Union den Todesstoß versetzen?

    Wenn der völlig unabhängige DEUTSCHLANDFUNK mitteilt: "Natürlich wird das als eine Blamage für die EU gewertet“ und der total autonome TAGESSPIEGEL schreibt „Schlimmer wird´s nimmer“, um dann von der absolut überparteilichen WELT rechts überholt zu werden: „Europa hat sich lächerlich gemacht“, dann weiß man: Der Europäischen Union läutet die Totenglocke. Denn falls sich tatsächlich Demokratie gegen Bürokratie durchsetzen sollte, wenn die Mehrheitsmeinung aus den Umfragen als Volkswille akzeptiert würde und nicht die Meinung der Konzerne, wenn also der Menschenverstand über den Kapitalverstand siegen sollte, dann wäre dies das Ende der EU. Doch diese ignoranten kanadischen Wissenschaftler, die schreiben auch noch den Wallonen: „Sie haben großen Mut gezeigt, sich CETA zu widersetzen und, basierend auf unseren Beobachtungen, wie das Investorenschutzprogramm bei den Kanadiern durchgedrückt wurde, möchten wir Ihnen unsere Unterstützung für Ihre demokratischen Entscheidungen ausdrücken.“ Das geht entschieden zu weit!

    Der Link zum offenen Brief der kanadischen Wissenschafter:

    https://www.mehr-demokratie.de/fileadmin/pdf/2016-19-17_canadian-academics-open-letter.pdf

    Quelle: rationalgalerie.de

    Die Meinung des Autors muss nicht mit dem Standpunkt der Redaktion übereinstimmen.
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Trotz EU-Ultimatum: Selbst Brüssel gegen CETA
    Wallonien lehnt EU-Ultimatum zu CETA ab - Was wird mit EU-Kanada-Gipfel?
    Staatsrechtler zu CETA: „rechtsstaatliche und demokratische Defizite in Konstruktion“
    Kanadische Ministerin: Derzeit keine Chance für Ceta
    Tags:
    Nordamerikanisches Freihandelsabkommen Nafta, CETA, EU, Chrystia Freeland, Kanada