12:00 28 März 2017
Radio
    Eine Wechselstube in Saudi-Arabien

    Die USA, der IS und Saudi-Arabien

    © REUTERS/ Faisal Al Nasser
    Kommentare
    Zum Kurzlink
    Ernst Wolff
    23163362926

    Wie sein Vorgänger Obama hat auch US-Präsident Trump die Vernichtung des Islamischen Staates (IS) zu einer seiner vordringlichsten Aufgaben erklärt. Die IS-Mitglieder müssten „ausradiert werden und von der Oberfläche der Erde verschwinden“. Ihre Verbrechen seien so schwerwiegend, dass auch der Einsatz von Folter gegen sie gerechtfertigt sei.

    Wie sein Vorgänger Obama hat Präsident Trump weder im Wahlkampf, noch seit seiner Amtseinführung auch nur ein einziges Wort gegen das Herrscherhaus in Saudi-Arabien gerichtet, obwohl dessen systematische Menschenrechtsverletzungen denen des IS in nichts nachstehen. Unter dem Regime des Hauses von Saud sind die Amputation von Gliedmaßen, das Köpfen, das Erhängen und die Steinigung als Strafe für Vergehen gegen die fundamentalistisch ausgelegten Vorschriften der Scharia an der Tagesordnung. 

    Dass der IS und das saudische Königshaus trotz der Übereinstimmung in ihren Grundwerten von den USA unterschiedlich behandelt werden, hat seinen Grund: Saudi-Arabien ist seit Jahrzehnten der engste Verbündete der USA im Nahen Osten und genießt deshalb trotz aller Verbrechen Washingtons uneingeschränkte Solidarität. Der IS dagegen dient den USA als Vorwand für ihre Militäreinsätze im Nahen Osten und wird deswegen zu deren Rechtfertigung ständig als Hort des Bösen angeprangert. 

    Interessant ist neben der doppelten Moral, die sich hinter dieser Politik verbirgt, die Tatsache, dass der IS und Saudi-Arabien außer ihrem religiösen Fanatismus und ihrer Verachtung für die Menschenrechte eine entscheidende Gemeinsamkeit aufweisen: Beide wären ohne das Mitwirken der USA niemals zu dem geworden, was sie sind. Außerdem besteht zwischen beiden eine oft übersehene und sehr aufschlussreiche Wechselbeziehung. 

    Dollar und Euro
    © AFP 2017/ Philippe Huguen

    Saudi-Arabien – Seit Jahrzehnten wichtigste internationale Stütze des US-Dollars 

    Das 1932 gegründete Saudi-Arabien ist nicht nur wegen seiner riesigen Erdölvorkommen einer der weltweit wichtigsten Verbündeten der USA. Es ist seit der Mitte der Siebziger Jahre einer der Eckpfeiler des vom US-Dollar beherrschten globalen Finanzsystems. 

    Nach der Aufhebung der Gold-Dollar-Bindung 1971 und dem Ende der festen Wechselkurse 1973 geriet die Rolle des US-Dollars als Weltwährung Nr. 1 in Gefahr. Zwar hatte er seinen Status als Leitwährung seit der Konferenz von Bretton Woods (1944) bis in die letzten Winkel der Erde durchsetzen können, doch seine Entkoppelung von einem festen Wert – dem Gold – hatte ihn zu einer „Fiatwährung“ (einer ungedeckten Währung) und damit zu einem schwer kalkulierbaren Risiko fürs globale Finanzsystem gemacht. 

    Um diesen Zustand zu beenden, schlossen die USA Mitte der Siebziger Jahre ein historisches Abkommen mit Saudi-Arabien: Dessen Herrscherhaus wurde von den USA verpflichtet, innerhalb der OPEC (Organisation erdölexportierender Länder) dafür zu sorgen, dass Öl – die weltweit meistgehandelte Ware – nur noch in US-Dollar gehandelt wurde (der sogenannte „Petro“-Dollar). Außerdem sollte es die eigenen Dollar-Überschüsse fortan als Staatsanleihen in den USA investieren. Im Gegenzug garantierten die USA dem Herrscherhaus von Saud Schutz vor seinen Feinden (im Ausland insbesondere vor Israel, Syrien und dem Iran, im Inland vor den eigenen Untertanen) und unbegrenzte Waffenlieferungen. 

    Für die Finanzelite der USA war es in dreifacher Hinsicht ein lukrativer Deal: Erstens sorgte die Bindung des Öls an den US-Dollar dafür, dass ihm neben seiner Rolle als globale Leitwährung auch noch die – viel wichtigere — Rolle der globalen Reservewährung zufiel. (Da sämtliche Länder der Erde auf Öl als Energieträger angewiesen sind, müssen seither fast alle über ausreichende US-Dollar-Reserven verfügen.) Zweitens spülten die Käufe von Staatsanleihen durch das Haus von Saud Billionenbeträge in die US-Staatskasse, die zur Führung weiterer Kriege (z.B. in Afghanistan, Pakistan, Somalia, Libyen, Syrien, Jemen) genutzt werden konnten. Und drittens erhielt die US-Rüstungsindustrie durch den Pakt einen ihrer zahlungskräftigsten Dauerkunden.

    Für das Herrscherhaus von Saud hat sich der Deal ebenfalls gelohnt: Bis an die Zähne bewaffnet und mit der stärksten Militärmacht der Erde im Rücken konnte es mit der Ausbeutung von neun Millionen unterbezahlten und zum Teil unter katastrophalen Verhältnissen lebenden Fremdarbeitern weiterhin ungestört sagenhafte Reichtümer anhäufen und gleichzeitig jegliches Aufbegehren gegen die eigene mittelalterliche Herrschaft gewaltsam im Keim ersticken.

    Die Verbindung zwischen den USA und Saudi-Arabien kennt also zwei Gewinner: Die Finanzelite der USA und das Herrscherhaus der wohl rückständigsten absoluten Monarchie auf der Erde.

    Der IS – Vorsätzlich geschaffenes Produkt eines typischen Stellvertreterkrieges

    Der IS, zeitweilig auch als ISIS (Islamischer Staat in Syrien) bekannt, ist nicht, wie von Politik und Mainstream-Medien behauptet, die Folgeerscheinung eines außer Kontrolle geratenen Bürgerkrieges in Syrien. Er ist vielmehr das Produkt eines von den USA geförderten Versuchs des Regime-Wechsels in Damaskus. Zwar hat dessen Geschichte mit inneren Auseinandersetzungen in Syrien begonnen, doch wären diese ohne das Eingreifen der USA und ihrer Verbündeten längst versiegt und versandet.

    Das syrische Assad-Regime ist den USA seit langem ein Dorn im Auge. Als Verbündeter des Iran und der Hisbollah-Bewegung und wegen seiner politischen Nähe zu Russland und China steht es dem Versuch der dauerhaften Unterwerfung des ölreichen Nahen Ostens unter die geo-strategischen Interessen der USA (u.a. dem Bau von Pipelines) im Weg. Aus diesem Grund bemüht sich Washington seit längerem um den Sturz der politischen Führung des Landes.

    So lange aber das Ziel, ein pro-westliches Regime in Damaskus zu installieren, nicht zu erreichen ist, verfolgen die USA ihre seit mehr als einem Jahrhundert bewährte Strategie der Destabilisierung und unternehmen alles, was in ihrer Macht steht, um dem bestehenden Regime zu schaden. Dazu gehört in erster Linie die Förderung all der Kräfte, die gegen Präsident Assad kämpfen.

    Dabei ist es den USA vollkommen gleichgültig, welchen politischen Hintergrund die von ihnen unterstützten Gruppierungen haben. So haben sie neben der Freien Syrischen Armee auch radikal-islamische Gruppierungen wie Al Nusra und den im Irak gegründeten ISIS im ihrem Kampf gegen Assad unterstützt. Und das, obwohl ISIS sich zu Beginn seiner Aktivitäten hauptsächlich aus Mitgliedern der Al Qaida rekrutierte – also der Organisation, die von Washington für die Anschläge vom 11. September verantwortlich gemacht wird und die den USA bis heute als Vorwand für den historischen „Krieg gegen den Terror“ dient.

    Die doppelte Spiel, das die USA in Syrien treiben, hat damit einen Hintergrund, der uns wieder zu ihrem wichtigsten Verbündeten, Saudi-Arabien, führt: Der Krieg, den die Sowjetunion 1979 zur Unterstützung eines ihr gewogenen Regimes in Afghanistan begonnen hatte, führte nämlich dazu, dass sich radikal-islamische Kräfte (Mudschaheddin und Islamische Brigaden Afghanistans) gegen die Angreifer formierten. Diesen Widerstand griffen die USA mit Hilfe der CIA auf und unterstützten die Bildung der Al Qaida, die damals aus genau diesen radikal-islamischen Kräften hervorging. Langjähriger Führer der Al Qaida und Vertrauensmann der USA war ein milliardenschwerer saudi-arabischer Bauunternehmer namens Osama bin Laden…

    Der wahre Grund für die unterschiedlichen Strategien: Geld, Macht und das globale Finanzsystem 

    Nach ideologischen oder gar moralischen Gründen für die Politik der USA und ihrer Verbündeten im Nahen Osten zu suchen, ist also vergebene Mühe. Es geht Washington beim Wechsel zwischen Allianzen und Feindschaften ausschließlich um Geld, Öl und Macht. 

    Eine besondere Rolle fällt hierbei den Mainstream-Medien zu, die die Öffentlichkeit immer auf den jeweiligen (und sich oft selbst widersprechenden) Kurs der US-Regierung einschwören müssen. Das geschieht auf mehrere Arten und Weisen: Die häufigsten darunter sind die Unterschlagung von Informationen, das Schüren von Hass durch gezielte Übertreibung oder dreiste Fälschung. 

    Im Fall Saudi-Arabiens wird vor allem mit der ersten Variante gearbeitet: Die Unmenschlichkeit des Herrscherhauses wird nur selten erwähnt, über seine Kriege (wie den gegen den Nachbarstaat Jemen) wird nur spärlich berichtet, und Tatsachen wie die, dass 15 der 18 Terroristen bei den Anschlägen auf das World Trade Center saudi-arabische Staatsbürger waren, werden großzügig übergangen. Aktuellster Beweis für die Sonderbehandlung Saudi-Arabiens: Dass Donald Trumps Einreiseverbot für Muslime neben einigen anderen Staaten ausgerechnet Saudi-Arabien ausnimmt, war keinem Mainstream-Medium auch nur eine Meldung wert. 

    Genau das aber zeigt, worum es beim Einreiseverbot für Muslime und im weiteren Sinne beim gesamten „Krieg gegen den Terror“ geht: Beide dienen nicht der Verhinderung von Anschlägen, sondern tragen dazu bei, ihnen den Boden zu bereiten und helfen so mit, den USA genügend Vorwände zu liefern, um ihre ausschließlich den eigenen Interessen dienende Kriegspolitik im Nahen Osten auch in Zukunft fortzusetzen. 

    Ernst Wolff ist freier Journalist und Autor des Buches „Weltmacht IWF – Chronik eines Raubzugs“, erschienen im Tectum-Verlag, Marburg.

    Zum Thema:

    Saudi-Arabien startet Millionen-Hilfe für Syrer
    Saudi-Arabien: 15 Todesurteile wegen Spionage
    Plötzlicher Winter in der Wüste: Saudi-Arabien unter dichtem Schnee – VIDEO
    Horror-Foto aus Saudi-Arabien: Mutter „drapiert“ Kind über Felsabhang
    Tags:
    US-Dollar, Scharia, Gold, IS, Freie Syrische Armee, Donald Trump, Osama Bin Laden, Baschar al-Assad, Barack Obama, Saudi-Arabien, Syrien, USA
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Alle Kommentare

    • avatar
      Joesi
      Für diesen tollen Artikel, der wieder einem den weiteren Überblick verschafft....tausendfachen Dank dem Sputnik!! ......und einem seiner meist gelesenen Schriftsteller Herrn Wolff!
    • Isnogud
      Wer einmal Bilder von den Gräueltaten im Jemen gesehen hat, macht einen Bogen um jede Amerikanische Firma.
    • avatar
      NilsMuc79
      gut erklärt...
    • zivilist
      flott geschriebener, kompakter Überblick.

      Ein Detail noch dazu aus den 'economic hit man'

      der must $ deal mit den Saudis beinhaltete auch, daß die Hälfte der $- Öl- Einnahmen der Saudis von den USA gleich für sie ausgegeben werden, für die Modernisierung des Landes, von der Müllabfuhr bis zur F-15. Eine feine schwarze Kasse !
    • OBLIVION
      Ein sehr guter Artikel und eine sehr
      anschauliche Zusammenfassung der
      tatsächlichen Fakten!
      Der IS ist in jeder Hinsicht ein Ziehkind
      der USA und ihrer verbrecherischen
      3-Buchstaben-Agenturen!Geschaffen,
      um im Auftrag der USA und ihrer
      Saudischen Helfershelfer Assad in
      Syrien aus dem Weg zu räumen!
      Deswegen ist es wichtig nie aus
      dem Auge zu verlieren WER für
      all die Verbrechen, das sinnlose
      Morden und die hundertausenden
      Tote und Verletzte, sowie ihrer
      Heimat beraubter Flüchtlinge gerade
      im Nahen Osten in erster Linie die
      unauslöschliche Verantwortung trägt!
    • zivilist
      Und soviel ist klar:

      die Politiker in den USA vertstehen nichts und darum erreichen sie nichts.

      Saud und IS sind die beiden Hälften EINER Gesellschaft und wenn wir die Bereicherung weiter so fördern, wie bisher, brauchen wir keinen IS zu importieren, wir machen damit unseren eigenen, 'Christistischen' IS.
    • avatar
      Kongdeepattarasak
      Ja das ist wirklich pervers.Wer die Saudis unterstützt ,der unterstützt auch den IS.
      Weder USA und auch nicht Russland gehen da mit gutem Beispiel voran.
      Geld stinkt halt nicht,weder in West und auch nicht in Ost.
    • ElitenSchreck
      Setzt man die beiden Buchstaben I + S übereinander entsteht das Dollarzeichen. Und genau für das wurde der IS geschaffen, um den USA und Saudi-Arabien mehr Dollars zu bescheren.
    • avatar
      Ostwall1
      Man sollte die Saudi Elite inkl. König verjagen und damit die Ami auch ! Darum rüsten die Perser (Iraner) schon heimlich sie sind die einzigen dort die den Müll mit Russland im Rücken beseitigen könnte. Die Juden und die Türken würden sich hüten vor Einmischung und auch Sadat undn die Palästinenser würden mitmischen. Ja die haben mittlerweile moderne Raketen mit der sie locker bis nach Riyad oder Tel Aviv schiessen könnten. Und ausserdem gut versteckte und versteckte Bunkeranlagen . Die Ami müssten mit Bodentruppen rein und würden sich eine blutige Nase holen wie in Vietnam . Der IS das sind Statisten aber mit gut ausgebildete Soldaten hatten die Ami immer den kürzeren gezogen.
    • avatar
      rkunz
      Gut geschriebener Artikel, der sehr viel Wahres enthält. Dennoch ein paar Ergänzungen:

      - Das Saud Regime wurde von den Briten installiert

      - Die Sauds und "ISrael" stehen sich gar nicht so feindlich gegenüber wie das behauptet wird.

      - Würde es gelingen, das Saud Regime gegen den Willen der Angelsachsen zu kippen, ginge es mit der Vorherrschaft des US-Dollars zu Ende...
    • avatar
      rkunzAntwort anOstwall1(Kommentar anzeigenKommentar ausblenden)
      Ostwall1, momentan sind es vor allem die jemenitischen Volksmilizen, die den Sauds das Leben schwer machen. Doch haben sie wohl leider nicht die Kapazitäten, das Riader Regime Platt zu machen...
    • Iswall65
      Dieser tolle und hervorragende Artikel war sehr aufschlussreich.
      Danke dafür.
      Zeigt er doch auch, das mancher von uns den richtigen Durchblick hat.

      Wäre mal etwas für´s Kanzleramt......, oder?
    • Iswall65Antwort anOstwall1(Kommentar anzeigenKommentar ausblenden)
      Ostwall1,
      .....und die Region um Syrien und Irak weiterhin zu destabilisieren.
    • Карл-Хайнц
      Der Artikel von Ernst Wolff ist sehr gut recherchiert und informativ. Die Aussage jedoch, Trump hätte Suadia-Arabien ausgenommen von der Liste der Länder, die mit einem Einreiseverbot belegt wurden, ist falsch.

      In Trumps Executive Order werden - von Syrien abgesehen - gar keine Länder aufgeführt. Trumps Order setzt einen Einreisebann in Kraft, dessen Liste der davon betreffenden Länder noch unter Obama vom Kongress und dem US State Department erstellt wurde. Aller Wahrscheinlichkeit nach will Trump damit erreichen, dass die Diskussion um die sieben Länder, aus denen kein Terror exportiert wird, ganz deutlich zeigt, dass die falschen Länder auf der Liste stehen.

      Warten wir es ab, die Falle, die Trump den Neocons und den von ihnen beherrschten Massenmedien gestellt hat, hat noch nicht zur Gänze zugeschlagen, aber die Neocons sind bereits darin gefangen. Da kommt noch was nach, definitiv.

      Herr Wolff schätzt den Präsidenten Trump m.E. völlig falsch ein (und das auch nicht zum ersten Mal).
    • Politikscanner
      Ein brillanter Beitrag. Sehr gut die Zusammenhänge erklärt.

      Mfg
    • avatar
      hihardt
      Wer nach diesem großartigen und leicht verständlichen Artikel die Zusammenhänge immer noch nicht begriffen hat, dem ist nicht mehr zu helfen!
      Besten Dank, Herr Wolff und ich würde mich über weitere Beiträge von Ihnen sehr freuen!
      Beste Grüße!
    neue Kommentare anzeigen (0)