16:54 17 Februar 2020
SNA Radio
    Kommentare
    Zum Kurzlink
    Von
    2828824
    Abonnieren

    Vor einigen Tage glänzte die BILD mit der Schlagzeile: „Russenmafia kassiert deutsche Pflegegelder“. Es geht um ein Netzwerk von Pflegediensten, die die Pflegekassen um hohe Summen geprellt haben. Pfleger, Ärzte, Apotheker, aber auch Patienten und deren Angehörige haben gemeinsame Sache gemacht und Leistungen abgerechnet, die nie erbracht wurden.

    Das ist alles ganz furchtbar, soll aber nicht Thema dieses Kommentars sein. Es geht mal wieder um die Russen. An sich. 70 Jahre hat sich ja keiner daran gestört, pauschal alle Sowjetbürger als Russen zu bezeichnen. Seit dem Ende der Sowjetunion bemüht man sich nun, die ganzen Nachfolgestaaten und deren Völker halbwegs richtig zu bezeichnen. Es sei denn, sie haben Mist verzapft. Dann sind es wieder „die Russen“. Das System dieser Pflegemafia basierte wohl auch gerade darauf, dass alle Beteiligten Russisch sprechen — als gemeinsamen Identifikationsfaktor, der ihnen sicher auch half quasi als Geheimsprache, den Behörden so lange verborgen zu bleiben.

    Der eigentliche Punkt an dieser Geschichte ist jedoch ein anderer. Wenn man den internen Bericht des Bundeskriminalamtes und des Landeskriminalamtes NRW zu diesem Pflegeskandal öffnet, dann erfährt man, dass der größte Teil dieser Betrüger aus der Ukraine stammt. Von 30 Artikeln querbeet durch alle großen Mainstream-Medien findet man diese Aussage in einem. In allen anderen Berichten wird von „Russen“ oder, etwas mehr um Korrektheit bemüht, von „russischsprachigen“ oder „russischstämmigen“ Menschen gesprochen.

    Es gibt übrigens auch einen neuen Begriff, der anscheinend jetzt für Menschen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken verwendet wird: russisch-eurasisch. Abgesehen davon, dass bei mir dieser Begriff unwohle Assoziationen mit der braunen Rassenlehre hervorruft, kann man nur darüber spekulieren, ob diese Begriffslancierung nun der Vereinfachung oder der Ausmerzung des gemeinsamen sowjetischen Erbes dieser Menschen dienen soll.

    Aber zurück zum Thema. Die Russen waren es also. Das ist es, was alle schreiben und was bei den Lesern hängenbleiben soll. Wo bleibt der Protestschrei der Ukrainer? Gerade in den letzten Jahren musste man doch fast mit Todesdrohungen rechnen, wenn man Ukrainer als Russen bezeichnet hat. Und gerade die westlichen Medien haben tatkräftig die Mär verbreitet, dass Russen und Ukrainer nun rein gar nichts mehr gemein haben, es nicht Millionen Mischehen und eine fast beispiellose Verschmelzung der russischen und ukrainischen Kulturkreise gibt. Aber auch das ist ein anderes Thema.

    Nun haben also Ukrainer etwas ausgefressen und werden prompt zu Russen gemacht. Es wäre auch unsensibel, gerade jetzt negativ über Ukrainer zu berichten. Gerade erst hat sich für die Ukrainer das Visa-Tor nach Europa geöffnet, wir haben noch die bunten Bilder vom Eurovision Song Contest im Kopf und überhaupt, die armen Ukrainer. Wir lassen uns Minsk II nicht kaputtmachen. Da sind Faschisten im Parlament und die extremste Internetzensur, die Europa je erlebt hat nur local news.

    Übrigens haben die Betrüger, gegen die nun ermittelt wird, alle einen deutschen Pass. Auch dieser Fakt wurde von keinem Medium thematisiert. In Deutschland leben schätzungsweise etwa drei Millionen „Russischsprachige“. Die meisten von ihnen sind prima integriert und eher für ihre Rechtschaffenheit bekannt. Aber Russenmafia klingt so schön gefährlich. Die wurden vom Ausland eingeschleust, das sind gar keine richtigen Deutschen.

    Allerdings muss ich die deutschen Medien etwas in Schutz nehmen. Der Fisch stinkt vom Kopf her. Denn der BKA-Bericht, auf dem die Skandalwelle basiert, nennt sich: „Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen durch russische Pflegedienste”. Wenn selbst das deutsche Bundeskriminalamt, quasi ein offizieller Vertreter der deutschen Bundesregierung, mit solch diskriminierenden Pauschalisierungen arbeitet, dann kann man wohl den Medien keinen Vorwurf machen. Zum Recherchieren und tatsächlichen Lesen von Dokumenten, über die man berichtet, bleibt ja den Journalisten  heutzutage keine Zeit. Und wenn das BKA von „Russen“ spricht, dann darf man das ja wohl auch.

    Das BKA ist also die neue BILD-Zeitung. Gut Nacht, Deutschland. Die Russen kommen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht mit dem Standpunkt der Redaktion übereinstimmen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Brüssel bescheinigt der Ukraine hohes Korruptionsniveau
    Ukrainischer Provider sperrt russische Webseiten auf Krim
    „Christen werden zu Messern greifen“: Ukrainische Katholiken bangen um ihre Kirchen
    Ukraine: Timoschenko hat höchste Popularität unter möglichen Präsidentenkandidaten
    Tags:
    Vorwürfe, Mafia, Versicherungsbetrug, Russophobie, Landeskriminalamt (LKA), Bild-Zeitung, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, Russland, Ukraine