23:56 20 November 2017
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    Sondertruppen der Polizei während G20-Gipfel in Hamburg (Archivbild)

    G20-Gipfel in Hamburg: 153 Hunde als Bodyguards für 20 Führer

    © REUTERS/ Christian Charisius
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    Armin Siebert
    G20-Gipfel in Hamburg (123)
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    19.000 Polizisten, 3000 Einsatzfahrzeuge, 153 Hunde, 62 Pferde und elf Hubschrauber sollen für einen reibungslosen Ablauf des "Festivals der Demokratie" sorgen, wie der Hamburger Innensenator Andy Grote das G20-Treffen nennt. Das Drumherum sorgt schon jetzt für mehr Spektakel als der Gipfel selbst, dessen Themen bisher kaum jemanden interessieren.

    Es ist der größte Polizeieinsatz, den Hamburg je erlebt hat. Im Gespräch ist auch der Einsatz eines Kriegsschiffes im Hafen. Die Hansestadt wird im Ausnahmezustand sein. Grund für diese Maßnahmen ist nicht nur der Schutz der 20 wichtigsten Staatenlenker der Welt, sondern vor allem der erwartete Ansturm linker Revoluzzer aus ganz Europa. Die Schlacht hat bereits begonnen.

    In Hamburg rüsten sich schon seit Wochen zahlreiche Protestgruppen für dieses Antiglobalisierungs-Megaevent. Insgesamt sind 34 Protestzüge angemeldet. Die ersten Demos mit mehreren Tausend Teilnehmern liefen noch weitestgehend friedlich ab. Allerdings gibt es gerichtliches Hickhack um geplante Protestcamps und Zeltgenehmigungen für Protestler. Die staatlichen Vertreter der Exekutive und Legislative hebeln sich hier gegenseitig aus. Es scheint darum zu gehen, diesen Gipfel mit allen Mitteln unter Kontrolle zu halten. Geklagt werden kann hinterher.

    Der Leiter der Polizei auf dem G20-Gipfel, Polizeiführer Hartmut Dudde ist bekannt für seine harte sogenannte „Hamburger Linie“. Dudde war bereits unter Innensenator Ronald Schill als Leiter der Hamburger Bereitschaftspolizei berühmt–berüchtigt für sein hartes Eingreifen, das oft im Nachhinein gerichtlich für rechtswidrig erklärt wurde. Das Lieblingszitat von Herrn Dude ist: „Sie können ja dagegen klagen.“ 

    Den linken gewaltbereiten Protestler aus ganz Europa ist die Personalie Dudde bekannt und dürfte als zusätzlicher Ansporn dienen. Einen ersten Härtetest gilt es für die Polizisten bereits am Donnerstag zu überstehen bei der Demo: „Welcome to hell". Viele linksradikale Gruppen mit Bezug zum legendären Autonomenzentrum Rote Flora werden hier zusammen marschieren. Freitagabend dürfte dann die „Revolutionäre Anti-G20-Demo, G20 entern — Kapitalismus versenken“ besonders attraktiv sein für Kapuzenträger.

    In Hamburg stationierte Soldaten der Bundeswehr dürfen übrigens während des Gipfels in ihrer Freizeit keine Uniform tragen, um die Demonstranten als Vertreter der Staatsmacht nicht zusätzlich zu provozieren. Schon ein Armutszeugnis, wenn der Staat sich im eigenen Land verstecken muss.

    Andere Demos, die zurzeit in Hamburg quasi im Stundentakt stattfinden, dürften weniger Probleme bereiten. Da gibt es eine Nachttanzdemo, ein großes Musikfestival mit internationalen Stars, einen Frauen-Marsch, eine Fahrrad-Demo und natürlich die Gay20. Für Zulauf dürfte auch die Veranstaltung „G20 Bier holen“ der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands sorgen.

    Es dürfte jedenfalls eine große Party der Punks und Autonomen werden. Endlich mal wieder Randale im großen Stil und echter Straßenkampf wie in den guten alten Zeiten. Die Hamburger Spätis sollte das freuen, die Edelboutiquen dürften wohl eher um ihre Schaufenster fürchten.

    Für die 20.000 Polizisten wird es eine eher anstrengende Klassenfahrt werden. Die gegnerische Rugbymannschaft tritt wohl mit ähnlicher Mannstärke an. Es wird mit Sicherheit jede Menge Fouls und Gewalt geben bei diesem Spiel ohne Schiedsrichter und auf Kosten der Steuerzahler. Autos werden brennen und man kann nur hoffen, dass keine Personen ernsthaft zu Schaden kommen werden. Ausreichend Blutkonserven und freie Gefängniszellen sollen bereitstehen.

    Meine arme Sputnik-Kollegin, die als Außenreporterin von den Demos berichten wird, spielt mit dem Gedanken, sich einen Stahlhelm zu kaufen. Allerdings ist das bei Demos verboten, da dieser als Waffe eingesetzt werden kann. Ich hab es da gefühlt einfacher, als Innenreporter vom Gipfel. Wenngleich, dieser Arbeitsweg wird kein leichter sein… Falls ich es durch alle Security-Schleusen schaffe, erwarten mich drinnen zumindest 12.000 Schokoriegel, die für die Journalisten bereitgestellt werden sollen.

    Die Finanzierung des G20-Gipfels läuft übrigens so, dass die Bundesregierung der Stadt Hamburg im Vorfeld einen Blankoscheck über 50 Millionen Euro überwiesen hat. Hamburg schaut dann mal, wie lang das reicht und schickt Berlin dann später eine Rechnung über die Differenz. Erfahrungen vorheriger Gipfel zeigen, dass die Endsumme sich eher im mittleren dreistelligen Millionenbereich bewegen dürfte. Es ist ein wenig wie bei einer Olympiade, wo man sich heutzutage auch fragt: lohnt sich der ganze Aufwand?

    Hoffentlich geht am Ende das Drinnen nicht unter über das Draußen. Sicher werden auch die höchsten Vertreter der zwanzig mächtigsten Staaten der Welt die selbige nicht retten können in knapp zwei Tagen, aber es ist immer gut sich zu treffen. Für den offiziellen Teil werden die meisten Beschlüsse schon feststehen. Aber hinter den Kulissen wird es mächtig knistern bei bilateralen Treffen, beim Abendessen, der Hafenrundfahrt oder beim Konzert in der Elbphilharmonie. Manche dieser Treffen überschatten in ihrer Bedeutung gar den offiziellen Teil. Eigentlich warten alle vor allem auf den ersten Handshake zwischen Trump und Putin. Und überhaupt Trump. Wird er wieder wie der Elefant im Porzellanladen auftreten wie beim Nato-Gipfel in Brüssel? Wird man versuchen, ihn zu isolieren, wie bei Putin vor drei Jahren? Ergeben sich neue Achsen mit Trump oder gegen Trump? Der amerikanische Präsident reist ja demonstrativ am Donnerstag erst nach Polen, wo es um Fracking-Gas-Deals gehen soll. Trump hält dort auch schon einen kleinen Anti-Gipfel mit zwölf europäischen Regierungshäuptern ab.

    Werden Merkel und Macron als neues Traumpaar Europas gute Gastgeber sein? Das chinesische Staatsoberhaupt wird eh von allen umworben und verbindet seine G-20-Reise mit Abstechern nach Moskau und Berlin.

    Der türkische Präsident ist dagegen im Moment nicht gerade beliebt in Europa. Wird er doch noch eine spontane Rede an seine Landsleute in Deutschland halten? Kurdische Mitmenschen wären sicher begeistert und würden den Eierverkauf in der Hansemetropole ankurbeln.

    Und dann sind da ja noch andere Weltenlenker in Hamburg, die einen nicht geringen Teil der Menschheit repräsentieren. Die Welt dreht sich nicht nur auf der transatlantischen Achse.

    Es gibt also jede Menge Zündstoff auf diesem Gipfel, der wie kein anderer zuvor zum ersten Mal die neue multipolare Ausrichtung der Welt offenlegen könnte. Es ist nur die Frage, ob es knallt oder man sich nur auf Augenhöhe reibt.

    Auf den Straßen rund um das Messegelände wird es mit Sicherheit knallen. So wird es nach dem Gipfel wohl zwei Analysestränge geben: einen über das Drinnen und einen über das Draußen. Drinnen wird hoffentlich große Politik gemacht werden und draußen wird diese hoffentlich nicht wieder kaputt gemacht und die Kluft zwischen Oben und Unten nicht gewaltsam vertieft werden.

    Nach dem G20, wenn die Scherben zusammengekehrt werden, dürfte die Diskussion darüber losgehen, ob man die  Gipfelsause nicht lieber auf Helgoland hätte abhalten sollen, als in unmittelbarer  Nachbarschaft zum Schanzenviertel, Deutschlands Hochburg der linksradikalen Szene.

    Das Einzige, worüber ich hoffentlich nicht berichten muss, ist ein Terroranschlag. Das wäre der Supergau.

    Über eine Sache bin ich jedoch schon jetzt froh: Gott sei Dank findet der Gipfel nicht in Russland statt. Das harte Durchgreifen der Staatsmacht, zu dem es unausweichlich kommen wird, hätte im Falle russischer Polizisten zu einem monatelangen Aufschrei in den hiesigen Medien geführt. Ich seh schon die Überschriften… Da es sich ja aber um demokratische deutsche Polizisten handelt, dürfte sich der Skandal in Grenzen halten.

    Die Meinung des Autors muss nicht mit dem Standpunkt der Redaktion übereinstimmen.

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    Proteste, Sicherheit, Polizei, G20-Gipfel in Hamburg, Armin Siebert, Alexander Merkel, Emmanuel Macron, Deutschland
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