21:35 16 Dezember 2017
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    Entnahmebeutel mit Kurier-Zeitung in Wien (Archivbild)

    Fake-News an der Newa – Geografiekurs auf österreichisch

    CC BY-SA 3.0 / Gryffindor / "Sonntagsstandln", Entnahmebeuteln für Sonntagszeitungen auf Straßen und Gehsteigen
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    Armin Siebert
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    In der Online-Ausgabe einer der größten österreichischen Tageszeitungen ist ein Artikel über russische Fake-News erschienen. Allerdings steckt der Artikel selbst voller Fake-News. So werden wir, Sputnik, nach St. Petersburg verortet. Und natürlich machen wir von früh bis spät Propaganda.

    Sie kennen das vielleicht: manche Menschen haben zu allem eine Meinung, auch wenn sie keine Ahnung haben. Im Privaten ist das nur nervig, im öffentlichen Raum fahrlässig. Nun schwingt sich ein Autor der großen österreichischen Tageszeitung Kurier in einem Artikel auf, über Medien und Propaganda in Osteuropa zu berichten. Der Autor Mag. (!) Konrad Kramar wird im Profil auf der Kurier-Website folgendermaßen beschrieben: „Er hat die USA von den schwarzen Ghettos in LA bis zu den Villenvierteln in Boston bereist, US-Eliteunis und Armeebasen von innen kennen gelernt: Die USA sind für Auslandsreporter Konrad Kramar immer noch ein Land, an das er sein Herz verlieren kann…“.

    Ghetto-Experte Kramar soll also nun über Osteuropa schreiben. Das wäre so, als wenn ich mich zu Astrophysik äußern würde. Wie also umgehen mit Fake News über angebliche Fake News? Ignorieren? Sich aufregen? Sich verteidigen?

    Vor Gericht stellt sich immer die Frage nach der Absicht dahinter. Ich unterstelle dem Autor in diesem Fall einmal wohlwollend Inkompetenz. Für seine transatlantische Brille mit alten Feindbildern kann er sicher auch nichts. In einer der größten österreichischen Zeitungen ist so ein Artikel allerdings mehr als bedenklich.

    Auf der anderen Seite – es ist nur ein kleiner, dahingeschluderter Online-Bericht. Sputnik muss sich immer mal wieder gegen den Propaganda-Vorwurf wehren. Meist wird pauschal ausgeteilt, es werden keine Beispiele gebracht außer natürlich dem „Fall Lisa“, der nun seit fast zwei Jahren immer noch als einziges Beispiel aus der Mottenkiste geholt wird. Erstaunlich bei Dutzenden neuen Artikeln, die Sputnik Deutschland täglich veröffentlicht. Und selbst beim „Fall Lisa“ haben wir korrekt berichtet. Mal sind wir AfD-Unterstützer, mal Propaganda-Trolle. Ich habe mich bereits ausführlich zum Thema Sputnik und Propaganda geäußert.

    In seinem Kurier-Artikel verortet Herr Kramar das Media-Holding, also das Mutterhaus von Sputnik, wie der Springer-Verlag beim Spiegel, nach St. Petersburg und nicht nach Moskau, wo es tatsächlich sitzt. Und natürlich schreibt er den Namen von Rossiya Segodnya falsch. Bei Herrn Kramar wird also die böse Propaganda in der Stadt an der Newa produziert. Warum sitzt unsere Redaktion von Sputnik Deutschland dann an der Spree? Mit einfachster Recherche hätte der Autor rausfinden können, dass Sputnik in über 30 Ländern Redaktionen hat.

    Was würde es für einen Aufschrei geben, wenn wir die Nachrichtenagentur Reuters als Fake News bezeichnen würden oder die Deutsche Welle als Propaganda? Dabei machen wir nichts anderes: wir arbeiten als Nachrichtenagentur und Medium im Ausland.

    In dem Artikel geht es um die Arbeit einer Anti-Fake-Behörde der EU. Die “East Stratcom Task Force” wurde vor zwei Jahren gegründet, um russische Propaganda aufzudecken und dem entgegenzuwirken. Ein Team von 14  Leuten sitzt dafür in Brüssel und durchforstet täglich „prorussische“ Medien in Europa. Die gefundenen „Fake News“, die sie in einem wöchentlichen Newsletter präsentieren, sind meist von obskuren, marginalen Websites und tatsächlich teilweise haarsträubend. Seit Monaten warte ich nun darauf, dass Sputnik Deutschland am Task-Force-Pranger auftaucht. Vergeblich. Gern würde die Task Force, wie auch jetzt der Autor des Kuriers russische Nachrichtenagenturen mit in den Fake-News-Topf werfen, um allem Prorussischen per se etwas Anrüchiges zu verpassen. Wie der Leser Eis Tea in einem Kommentar unter dem Kurier-Artikel schreibt:

    "Immer schön alle in einen Topf und kräftig umrühren, dass man schon hetzen kann und sich um keinen mehr scheren muss, der Hilfe braucht."

    Gelingt nur leider nicht. Mal schauen, wie lange sich die EU diese Abteilung noch leistet, die bisher kaum etwas gefunden hat, geschweige denn dem entgegenwirkt.

    Vielleicht sollte Herr Kramar sich zum Thema Propaganda beim nächsten Mal besser in den Vereinigten Staaten erkundigen. Die USA haben die Propaganda erfunden und sind Weltmeister darin. Es gibt unzählige amerikanische Think Tanks und NGOs, die weltweit agieren und gezielt, auch über Medien, die Politik anderer Länder beeinflussen. Vom Geheimdienst ganz zu schweigen. CIA und Pentagon schreiben selbst an den Drehbüchern von Hollywoodfilmen mit, die weltweit geschaut werden. Die gesamte Spitze der deutschen „Leitmedien“ ist transatlantisch geschult. Diese Einflussnahme wird unkritisch hingenommen. Diese Medien werden vom Großteil der Bevölkerung konsumiert und beeinflussen nachhaltig die öffentliche Meinung. Für die Bekämpfung von Websites obskurer Russlandfans wird dagegen bei der EU eine eigene Task-Force gegründet. Mit Kanonen auf Spatzen…

    Falls Herr Kramar seinen Horizont mal zur Abwechslung gen Osten erweitern möchte, kann er uns übrigens auch gern besuchen kommen oder zumindest einmal anrufen, um sich Klarheit zu verschaffen, bevor er in die Tasten haut.

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    Tags:
    Fake-News, Vorwürfe, Kommentar, Sputnik, Österreich, Deutschland, Russland
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