17:41 13 Dezember 2017
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    CDU-Werbematerialien mit Angela Merkels Porträts (Archiv)

    Wer streitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist Frau Merkel, die Zeit verrinnt …

    © AFP 2017/ Axel Schmidt
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    Marcel Joppa
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    Während Niedersachsen in nur wenigen Wochen eine neue Regierung gemeistert hat, wird in Berlin weiter verbissen sondiert, gestritten und geschachert. Ist das alles nur ein groß inszeniertes Schauspiel auf der bundesdeutschen Bühne? Ein Drama in mehreren Akten, bei dem das Ende schon lange geschrieben steht? Eine Ballade von Leid und Missgunst?

    Zugegeben, das ist vielleicht etwas dick aufgetragen. Doch so dick und übertrieben, wie es die möglichen Jamaika-Koalitionäre seit Wochen in Berlin und zeitgleich in den bundesdeutschen Medien tun, bekommen auch wir von Sputnik das nicht hin.

    „Ich glaube, es kann gelingen“, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel vor der letzten Runde der Sondierungen am Donnerstagmorgen. Die übrigen potentiellen Koalitionäre werden jedoch nicht müde, vor den Kameras von ARD, ZDF und Co genau das Gegenteil zu propagieren. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter spricht von einem „harten Ringen“, seine Parteikollegin Claudia Roth von „schweren Kompromissen“. FDP-Vize Wolfgang Kubicki wird noch dramatischer, er verkündet: "Ich würde sagen, es zieht gerade ein Hurrikan auf über Jamaika."

    Angela Merkel bei Koalitionsverhandlungen in Berlin
    © REUTERS/ Hannibal Hanschke
    Wäre man ein Drehbuchautor in Hollywood, man hätte seine Freude an dem aktuellen Geschehen in Berlin. Wohl wissend, dass nach all der künstlich aufgebauten Spannung am Ende wohl das „Happy End“ folgen mag – zumindest aus Sicht von Union, FDP und Grünen. Natürlich gibt es zahlreiche Streitthemen zwischen den Parteien, wie etwa die Klima- und Flüchtlingspolitik. Aber was ist die Alternative zu einer Einigung? Natürlich Neuwahlen. Und wie wir es aus den großen Hollywood-Blockbustern kennen: Fortsetzungen kommen an den Kinokassen meist nie so gut an wie das Original. Den vier Parteien würden also die Wähler hinfortschwinden.

    In einem aktuellen Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit" analysiert Altkanzler Gerhard Schröder die Sondierungen erfrischend nüchtern. Er ist sicher, dass es zu einer schwarz-gelb-grünen Regierungskoalition kommen wird. Das Bündnis wird seiner Meinung nach aber nicht lange halten:

    „Interessant wird es im Herbst 2018. Wenn Jamaika dazu führt, dass die CSU bei der Landtagswahl in Bayern die Mehrheit verliert, wird sie die Koalition sprengen. Dann werden wir 2019 sehr interessante Neuwahlen haben.“

    Und auch dies ist ein wichtiger Punkt: Die Rolle der CSU in den Sondierungsgesprächen. Im Gegensatz zu den übrigens Parteien wurde die Christlich Soziale Union in den vergangenen Tagen nicht müde, sich mit FDP und Grünen bei kleinsten Formulierungen zu duellieren. CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt etwa gab vor den Fernsehkameras die Rolle des polternden Rumpelstilzchens. Auch CSU-Chef Horst Seehofer könnte es derzeit verbal locker mit Mephisto oder Lord Voldemort aufnehmen.

    Doch am Ende werden sie sich gegenseitig auf die Schultern klopfen, Königin Angie, der Horstl aus Bayern, der grüne Cem und der Wirtschafts-Christian. Denn um nichts in der Welt möchten sie ihre Machtoptionen einfach verstreichen lassen. Bei einer möglichen Neuwahl wären wohl AfD und Linke die strahlenden Helden der Geschichte, die schwarz-gelb-grüne Flagge über dem Reichstag würde dagegen auf Halbmast wehen. Dieser Gedanke gruselt die etablierten Parteien derart, dass sie in den nächsten Tagen noch über viele ihrer Schatten springen werden.

    Wenn es bei alledem nicht um die Zukunft Deutschlands gehen würde, man könnte es sich mit einer großen Packung Popcorn im Fernsehsessel gemütlich machen und sich an dem dargebotenen Schauspiel erfreuen. Wenn einem dann aber bewusst wird, dass in der künftigen Regierung der Neoliberalismus Staatsreligion sein wird, der Sozialsektor weiter brachliegt und das Königreich Merkel die Steuerschatzkammer massenweise für Militär und Rüstung leeren will, wird das Schauspiel schnell zur tränenreichen Tragödie. Frei nach dem Erlkönig:

    Dem Volke grauset’s, doch es war blind,

    Es spürt an den Armen nun Gegenwind,

    Und erreicht es die Neuwahl mit Müh und Not,

    in seinen Armen der Sozialstaat war tot.

    Ok, nun haben wir doch sehr dick aufgetragen – fast schon so dick wie das Berliner Politikensemble.

    *Die Meinung des Autors muss nicht mit dem Standpunkt der Redaktion übereinstimmen.

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    Tags:
    FDP, Horst Seehofer, Angela Merkel, Deutschland
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