11:06 12 Dezember 2017
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    Totengedenken im Bundestag (Archiv)

    It`s Stalingrad, stupid

    © Foto: Deutscher Bundestag / Achim Melde
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    Willy Wimmer
    2930817

    Da hat zum Volkstrauertag ein russischer Schüler im Plenum des Deutschen Bundestages zum deutschen Volk gesprochen. Seine Worte sind heute Gegenstand der Interpretation. Dabei hätte der Schüler Antworten der Regierenden in Berlin und Washington verdient.

    Antworten auf die Fragen danach, warum Deutschland seit dem mörderischen, ordinären Angriffskrieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien aus dem Jahr 1999 nicht mehr seine Verfassung achtet? Darin wird nachdrücklich postuliert, dass Deutschland einen Beitrag zum Frieden in der Welt zu leisten hat und sich nicht an Angriffskriegen beteiligt. Es war der damals verantwortliche Bundeskanzler Gerhard Schröder, der davon sprach, dass er mit dem deutschen Angriffsbefehl gegen Belgrad das Völkerrecht gebrochen habe. Folgen? Natürlich keine, wie die dauernde deutsche Beteiligung an amerikanisch gesteuerten Kriegen zwischen Afghanistan und Mali jeden Tag unter Beweis stellt.

    Was ist deutsche Staatsraison, wenn nicht die unbedingte Achtung der eigenen Verfassung und keinesfalls Rückfall in eine Politik, wie sie bis 1939 zu mörderischen europäischen Kriegen geführt hat.

    Würde der Schüler die Frage danach gestellt haben, warum heute wieder deutsche Panzer im Verbund mit den alten sowjetischen Verbündeten aus dem Zweiten Weltkrieg in der estnischen Stadt Narwa und damit 150 Kilometer von der leidgeprüften Stadt St. Petersburg, dem damaligen Leningrad stehen, er hätte darauf eine Antwort verdient. Diese Antwort müsste die vollkommene Geschichtsvergessenheit der heutigen deutschen und alliierten Politik gegenüber Russland und dem russischen Volk deutlich machen.

    Die deutsche Politik denkt zum Glück an Verantwortlichkeiten.

    Diese Verantwortung wird schal und unglaubwürdig, wenn sie nicht das grenzenlose Leid gerade für die Völker der damaligen Sowjetunion in die heutige Politik einbezieht, wenn es um den Zweiten Weltkrieg und die damit verbundenen Folgen geht. In wenigen Wochen erinnern sich die Menschen und Völker an das Ende der Schlacht von Stalingrad vor 75 Jahren. Lehren für uns in der Nachbarschaft zum russischen Volk? Offenbar keine, wenn man hört, was deutsche Generale beim Nato-Aufmarsch gegen Russland so alles öffentlich von sich geben. Oder will man überhören, wie amerikanische und britische Panzer auf deutschen Autobahnen an die neue Ostfront rollen?

    Wie würde die deutsche Regierungsantwort lauten, wenn der Schüler nach den Konsequenzen aus dem Jahrhundert der Kriege gefragt haben würde. Was führte zum Ersten Weltkrieg und was bewirkte Versailles, dessen Gedenktag sich ebenfalls in den kommenden Monaten nähert? War es nicht die strategische Absicht, jene Staaten, in denen man aus welchen Gründen auch immer Rivalen oder nützliche Instrumente gegen andere Staaten sah, entweder zu beseitigen oder nutzbar zu machen? Warum wurde kein Friede vereinbart, sondern alles unternommen, "politischen Abschaum" in einem anderen Land nach oben zu spülen?

    Wir haben doch hinlänglich Erfahrung mit transatlantischen Volksbeglückern für westeuropäische Nationen. Was muss der Schüler denken, wenn er an den vorgetragenen Dauerwunsch der russischen Regierung denkt, die den Westeuropäern die politische Hand entgegengestreckt hat und nichts anderes will als gute Nachbarschaft? Will der Westen Russland so lange strangulieren, bis in Moskau jene den Kreml bevölkern, gegen die die westliche Öffentlichkeit nach bekanntem Muster instrumentalisiert werden kann?  

    "Christbäume" haben nicht nur alliierte Bombenangriffe gekennzeichnet. Seit Wilhelm II. wissen wir, was Propaganda aus alliierten Kanonen alles bewirken kann. Soll der Westen bei diesem Modell bleiben? Das wird sich nicht nur der Schüler fragen. Aber die deutsche Politik macht eine mögliche Antwort auch so klar. Wo sind die Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher und Helmut Kohl, die sich gegen den aktuellen Wahnsinn der deutschen Politik stemmen?

    Der russische Schüler hat von Soldaten der Wehrmacht gesprochen. Hat er nicht mehr zum Ausdruck gebracht, als man dazu in Deutschland fähig ist? Man muss sich am Stadtrand von Sewastopol nur den deutschen Soldatenfriedhof ansehen. Er liegt auf der paradiesischen Krim in einem Tal von fast überirdischer Schönheit. Die Gedenkstelen geben Aufschluss. Hier fanden mehr als zwanzigtausend Soldaten der Wehrmacht ihre letzte Ruhe. Aber nicht nur das. Sie waren kaum älter als der junge russische Schüler, der im Reichstag sprach.

    Und die deutsche Politik? Deutsche Opfer des Zweiten Weltkrieges, die derzeit wegen einer regen Bautätigkeit auf der Krim geborgen werden, können nicht beigesetzt werden, weil deutsche Behörden jede Zusammenarbeit verweigern. Wendet man sich an den Herrn Bundespräsidenten, bleibt man ohne Antwort. Was soll man von einem Land halten, das seine Toten in fremder Erde unbestattet lässt? 

    Der Schüler könnte die Frage stellen, wie die Rote Armee an die denkt, die als Okkupanten sich über die Sowjetunion hergemacht haben. Es war 1987, als ich bei der sowjetischen Elitedivision "Taman" im Moskauer Umfeld eine Antwort erhielt. Beim ersten Truppenbesuch bei der Roten Armee wurde auch das historische Kabinett gezeigt. Es war eine nüchterne, auf historischen Fakten beruhende Darstellung, beginnend in der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

    Kein Wort des Hasses, der Erniedrigung oder der Verächtlichmachung über den deutschen Kriegsgegner der Zweiten Weltkrieges. Und ein Politoberst, der von seiner Mutter sprach. Sie habe ihm auf den Weg gegeben, dass auch die deutschen Soldaten Söhne ihrer jeweiligen Mutter gewesen seien. Bei der Taman-Division war in der Hoch-Zeit des Kalten Krieges mehr Menschlichkeit zu verspüren, als deutsche Politik sie gegenüber dem russischen Volk derzeit deutlich macht.

    Der russische Schüler könnte zu Recht fragen, warum sich Deutsche gegen sein Volk wieder in Stellung bringen lassen? Am 21. November 1990 postulierte die berühmte "Charta von Paris" ein eindeutiges "nie wieder Krieg in Europa". Bill Clinton und Madelaine Albright haben den Krieg wieder nach Europa zurückgebracht.

    Das heißt noch lange nicht, dass wir ihn führen müssen. Selbst wenn amerikanische "Militärbefehlshaber für Europa" danach rufen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht mit dem Standpunkt der Redaktion übereinstimmen.

     

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    Tags:
    Bundestag, Schüler, Versöhnung, Politik, Konfrontation, Zweiter Weltkrieg, Wehrmacht, NATO, Willy Wimmer, Deutschland, Russland
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