15:54 11 Dezember 2017
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    Bundeskanzlerin vor dem Gemälde „Herbst in Jeufosse“ von Claude Monet

    Deutschland im Herbst – 2017

    © AP Photo/ Bernd von Jutrczenka/Pool Photo
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    Karl-Jürgen Müller
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    Was ist auch zu sagen über Deutschland im späten Herbst 2017? «An einem bestimmten Punkt der Grausamkeit angekommen, ist es schon gleich, wer sie begangen hat: sie soll nur aufhören.»

    Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff, Alexander Kluge und 8 weitere Regisseure des sogenannten Neuen Deutschen Films produzierten im Frühjahr 1978 eine Collage zum Thema RAF und Deutschland im Herbst 1977, nannten ihren Film «Deutschland im Herbst» und stellten diesen Satz an den Anfang und ans Ende.

    Seit Mitte der 60er Jahre hatte es laute Proteste gegen den deutschen Staat, gegen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik gegeben. Aus dieser Protestbewegung heraus entstand die «Rote Armee Fraktion» (RAF). 1977 und in den Jahren zuvor hatte die RAF namhafte Persönlichkeiten des deutschen öffentlichen Lebens entführt oder ermordet. Auch der damalige Arbeitgeberpräsident war entführt worden, im September 1977, um in Haft sitzende Anführer der RAF freizupressen. Auch ein Passagierflugzeug der Lufthansa wurde entführt. Die Erpressungsversuche scheiterten. Haftinsassen der RAF starben. Der entführte Arbeitgeberpräsident wurde ermordet.

    Der Film war umstritten. Noch umstrittener war die Äußerung von Volker Schlöndorff: «Nach so einer Arbeit mit diesem Film, nach den Erfahrungen, die man dabei macht, fragt man sich nicht mehr, warum gibt es sogenannte Terroristen, sondern wie kommt es, dass es nicht viel mehr gibt. Wie kommt es, dass nicht alle um sich schlagen?»

    Was heißt Opposition?

    Seitdem sind 40 Jahre vergangen. Vieles hat sich verändert. Allerdings … In Leipzig kamen am 24. November 2017 mehrere hundert Menschen aus ganz Deutschland zu einer «Konferenz» zusammen. Das Thema: «Opposition heißt Widerstand». «Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung [des Artikels 20 Grundgesetz, also Demokratieprinzip, Rechtsstaatsprinzip, Sozialstaatsprinzip, Bundesstaatsprinzip und Gewaltenteilung] zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.» Das ist Artikel 20, Absatz 4.

    Hier in Leipzig gibt es keinerlei Aufrufe zur Gewalt. Mit den Demonstranten und den Terroristen der 60er und 70er Jahre gibt es wohl kaum Gemeinsamkeiten. Aber hier gibt es einen Einblick in die Gemütslage vieler Deutscher. Rund 5 Millionen Deutsche haben am 24. September AfD gewählt. Die Politiker der AfD und ihres Umfeldes, die an diesem Samstag in Leipzig reden, finden stehenden Applaus. Der Applaus gilt einer Politik und Politikern, die sich, durchaus auch radikal, gegen den «Mainstream» stellen: gegen den «Mainstream» in der Politik (das «Kartell der Altparteien»), in den Medien (die «Lückenpresse») und auch sonst. Klassische «Aussteiger» sind die Gäste in Leipzig nicht. Ein Teilnehmer der «Konferenz» ist Berufsbegleiter aus Bayern. Er hat Erfahrungen gemacht mit jungen Migranten. Schlechte Erfahrungen, sehr schlechte Erfahrungen. Er ist sachlich in seinen Schilderungen, differenziert und genau. Vor und nach dem Gespräch steht auch er auf, wenn es «standing ovations» gibt.

    Was ist los an den Finanzmärkten?

    Am Montag, den 27. November 2017, ist im Wirtschaftsteil der «Neuen Zürcher Zeitung» zu lesen: «Es herrscht trügerische Ruhe. Zahlreiche rote Warnlampen kündigen den nahenden Sturm an». Der Artikel berichtet über verschiedene gewichtige Stellungnahmen über die Situation an den «internationalen Finanzmärkten». Die Europäische Zentralbank habe mit ihrer «sehr exzessiven Geldpolitik die Märkte ruhiggestellt und die Investoren eingeschläfert». Aber die «Zeichen einer gefährlichen Marktentwicklung» seien unübersehbar. Es gäbe viele «Absurditäten» auf den Finanzmärkten. Dann ist zu lesen: «Man könne sicher sein, dass man sich in späteren Zeiten fragen werde, ‹was hat man sich damals bloß gedacht?›». Weiter: Es gebe eine Vielzahl von «Fehlinvestitionen», die man derzeit noch gar nicht überschauen könne. «Anders als frühere technische Revolutionen habe die digitale nicht zu einer breiten Erhöhung des Wohlstands geführt.» «Die Lebensstandards stagnierten und seien gesunken – außer in den obersten Einkommensschichten.»

    Sehr wahrscheinlich lesen die meisten Teilnehmer der Konferenz in Leipzig den Wirtschaftsteil der «Neuen Zürcher Zeitung» nicht. Aber sie nehmen wahr, was hier (nur) in einem Ausschnitt deutlich wird: Die ganze Richtung stimmt nicht. Unsere Welt tanzt auf einem Vulkan. Opfer gibt es schon jetzt genug.

    Praktischer Realitätsverlust in Politik, Finanzwelt und Medien

    Der praktische Realitätsverlust in Politik, Finanzwelt und Medien ist groß. Man merkt es in einem Gespräch mit einem altgedienten Mainstream-Journalisten. Man schreibe ja nur, was die Mehrheit lesen wolle. Eigentlich sei alles in bester Ordnung. Man habe schon alles im Griff.

    Frau Merkel sieht nach den Wahlen keinen Grund, ihre bisherige Politik zu hinterfragen.

    Die Teilnehmer der «Konferenz» in Leipzig würden mit rufen, wenn es heißen würde: «Wir sind das Volk!» Selbstverständlich haben die Rufer empirisch Unrecht. Sie sind nur eine Minderheit. Die Mehrheit des Volkes grenzt sich ab. Über die AfD und ihr Umfeld darf geschimpft werden. Da kann man der «bessere» Deutsche sein. Und sagt vielleicht auch gar nicht immer etwas Falsches mit seiner «Kritik».

    Aber wo werden wir landen, wenn wir so weiter machen wie in den letzten Jahrzehnten?

    In Berlin gehen die «Gespräche» über eine neue Regierungsbildung weiter. Wie das Kaninchen vor der Schlange sollen die Deutschen auf Ergebnisse warten. Die Nachrichten beginnen schon früh am Morgen damit. Als gehe es um eine Königswahl. Selbstverständlich wollen die Deutschen regiert werden – heißt es. Es müsse nur noch geklärt werden, von wem. Von der Idee, «Regierungen» als Diener des Volkes, als Diener der Bürger zu betrachten, ist keine Rede. Direkte Demokratie – Fehlanzeige. In den Wirrnissen der heutigen Welt brauche das Land eine «starke» Regierung, die sich im schwierigen Umfeld auf eine Mehrheit im Parlament verlassen können müsse … und so weiter und so fort.

    Wieviel Erde braucht der Mensch?

    Vor 40 Jahren war die große Mehrheit der Bürger gegen die paar wenigen «Terroristen». Mit allem Recht! Diese Menschen hatten sich verrannt, total verrannt. Das Leben ein Irrweg. Einige von ihnen waren zuerst wohl Idealisten, radikalisierten sich, wurden kriminell, gewalttätig und mordeten. Am Ende standen der Tod, langjährige Haft und eine aufgewühlte deutsche Gesellschaft.

    Aber musste es soweit kommen? Was wäre heute zu dem zu sagen, was Volker Schlöndorff 1977 sagte? Warum ist es so schwer, das Zusammenleben so zu gestalten, dass alle Menschen Gerechtigkeit empfinden und in Frieden zusammenleben wollen? Dass niemand mit Verstand noch einmal «um sich schlagen» will?

    Wo stehen wir heute, 40 Jahre später? Wenn man im Herbst 2017 nach Deutschland blickt, hat man den Eindruck, dass Lokomotiven aufeinander zu fahren. Und das Tempo beschleunigt sich. Die Folgen könnten schlimmer werden als 1977. Viele sprechen von «Polarisierung». Ein Buch hatte vor ein paar Jahren den Titel «Vorsicht Bürgerkrieg! Was lange gärt, wird endlich Wut».

    Wo sind die Stimmen der Menschlichkeit? Im Alltag gibt es sie, vielfach und immer wieder. Stimmen sind es weniger, es sind vor allem Taten, Akte der Menschlichkeit. Aber wie sieht es in der praktischen Politik aus, wie in der öffentlichen Auseinandersetzung? Wie in unserem «Mainstream»? Sollen denn nur noch Phrasen und Grobheit dominieren?

    Warum ist es so schwer zu vermitteln, dass ein «Weiter so» nicht funktionieren kann, dass Machtstreben und Gier schließlich auch sich selbst auffressen. Warum nicht auch in Deutschland ernstnehmen, was der große russische Dichter Leo Tolstoi schon vor mehr als 130 Jahren geschrieben hat? «Wieviel Erde braucht der Mensch?» Der Bauer Pachom wurde maßlos in seiner Gier. Sie kostete ihm sein Leben.

    * Die Meinung des Autors muss nicht mit dem Standpunkt der Redaktion übereinstimmen.

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    Tags:
    Medien, Finanzen, Opposition, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Deutschland
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