21:24 18 Dezember 2017
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    Anton Schipulin gewinnt Biathlon-Wettkämpfe während Olympischen Spielen in Sotschi (Archivbild)

    IOC-Entscheidung: Die wahren Verlierer sind die Fans

    © Sputnik/ Konstantin Tschalabow
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    Ilona Pfeffer
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    Mit der Entscheidung, russische Athleten nur unter neutraler Flagge bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang antreten zu lassen, bestraft das IOC nicht nur abstrakt „das Land“, sondern vor allem unschuldige Sportler und Fans. Eine Entscheidung zum Wohle der Zuschauer sähe anders aus.

    Nach mehreren Untersuchungskommissionen und langen Beratungen ist das Internationale Olympische Komitee am Dienstag zu dem Schluss gekommen, russische Athleten zwar zu den Spielen in Südkorea zuzulassen, jedoch unter neutraler olympischer Flagge und ohne Nationalhymne. Ein fairer Kompromiss? Schon die Erklärung, man wolle das System bestrafen, nicht die (sauberen) Sportler, klingt wie Hohn und Spott. Ja, es mag das kleinere Übel für den einzelnen Athleten sein, unter einer neutralen Flagge anzutreten statt komplett auf die Olympischen Spiele, worauf er oder sie vier Jahre lang hingearbeitet hat, zu verzichten. Und ja, eine Medaille bleibt eine Medaille – die kann man sich auch als neutraler Athlet um den Hals hängen und stolz darauf sein.

    Aber wenn der Sportler im Fahnenmeer des Fanblocks vertraute Farben entdeckt, wenn er im Schlussspurt seinem Sieg entgegenläuft und auf den letzten Metern von einem Fan eine Flagge – seine Flagge – in die Hand gedrückt bekommt, wenn er schließlich bei der Siegerehrung die eigene Hymne hört – lässt ihn das tatsächlich kalt? Haben die Freudentränen, die der ein oder andere in diesen Momenten verdrückt, wirklich nichts damit zu tun? Das fällt schwer zu glauben, Nationalstolz hin oder her.

    Alle diese Momente, diese Erinnerungen sollen Sportlern, gegen die noch nicht einmal ein Anfangsverdacht des Dopings vorliegt, genommen werden, um ihr Land zu bestrafen. Doch bestraft werden nicht nur Sportler und Funktionäre — auf dem Altar des IOC werden auch die Träume und Hoffnungen von Millionen von Wintersportfans geopfert. Vielleicht sind gerade die Fans die wahren Leidtragenden der Entscheidung in Lausanne.

    Der wahre Fan verfolgt die Wettkämpfe in seinem Lieblingssport seit vielen Jahren, verpasst keine Übertragung im Fernsehen und schätzt sich glücklich, wenn er live im Stadion oder an der Strecke sein kann, um seine Favoriten anzufeuern – selbst um den Preis von langen Wartezeiten und kalten Füßen. Der wahre Fan ist auch bestens ausgerüstet: Neben wetterfesten, warmen Sachen, Tröten, Rasseln und auffälligen Hüten darf vor allem Eines nicht fehlen – die Nationalflagge. Stolz schwenkt er sie von links nach rechts, selbst wenn „seine“ Sportler im Rennen zurückliegen. Er freut sich, wenn er für einen Moment sein Gesicht im TV-Livebild auf der Stadionleinwand entdeckt und schwenkt seine Flagge umso eifriger. Textsicher und nicht minder beseelt singt er die Zeilen der Hymne mit, wenn „sein“ Athlet auf dem Treppchen ganz oben steht. Für ihn ist es eben nicht nur sportliches Interesse und Leistungsschau, für ihn ist es Liebe. Dieses Gefühl bringt er meist nicht nur einzelnen Athleten, sondern einem ganzen Land entgegen, als dessen Teil er sich fühlt. Abends wird er zuhause stolz sagen: „WIR haben gewonnen“.

    Es heißt, man schulde gerade den treuen Fans saubere, faire Spiele. Gewinnen soll, wer sich durch eigene Leistung und den nötigen Kampfgeist durchsetzt und nicht auf verbotene Substanzen zurückgreift. Schön, gegen sauberen Sport sagt ja auch keiner was. Aber weshalb, fragt sich der russische Wintersportfan, begnügt sich das IOC nicht damit, diejenigen Sportler zu sperren, die zweifelsfrei des Dopings überführt sind? Weshalb werden positive Proben auf Ritalin bei der amerikanischen Turnerin Simone Biles mit notwendiger Medikation wegen gesundheitlichen Leiden (ADHS) gerechtfertigt? Warum darf Tennis-Star Serena Williams mit Zustimmung der WADA Oxycodon, Hydromorphon, Prednison, Prednisolonum und Methylprednisolon einnehmen? Und warum darf er, der russische Fan, den verbliebenen zugelassenen Athleten seines Landes nicht zujubeln wie alle anderen auch?

    So oder so ähnlich könnten die Fragen aussehen, die sich der ratlose russische Fan stellt. Eine logische Antwort darauf wird er zumindest in den Ausführungen von IOC-Präsident Thomas Bach nicht gefunden haben.

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    Tags:
    Fans, Folgen, Ausschluss, Verbot, Teilnahme, Olympische Winterspiele 2018 in Pyeongchang, IOC, Russland
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