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    André Sikojev
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    Allensbach: Christentum versus Kirche

    Die guten Nachrichten der Demoskopen zuerst: rund 55 Prozent der Deutschen bekennen sich heute zum katholischen oder protestantischen Glauben. 32 Prozent aller Deutschen besuchten auch 2017 regelmäßig einen Gottesdienst ihren Gemeinden. Stabile 40 Prozent gehen zumindest zu Weihnachten in eine Kirche. Jeder dritte Deutsche glaubt, dass Gott die Welt geschaffen hat,  ca. jeder Dritte an Engel, jeder zweite an Wunder. Und immerhin 41 Prozent aller Deutschen bekennen Jesus Christus als Sohn Gottes. Soweit die aktuelle Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach.

    Doch diese Zahlen verdeutlichen zugleich den anhaltenden Niedergang der kirchlichen Tradition in Deutschland. Denn die Zahl der Kirchenbesucher hat sich seit den 60er Jahren nahezu halbiert und die Zahl der Katholiken und Protestanten hat sich von über 90 Prozent nach dem 2. Weltkrieg über mehr als 70 Prozent nach der Wiedervereinigung nochmal deutlich gesenkt.

    Was jedoch vor diesem anhaltenden Trend die Demoskopen wie auch die Kommentatoren der deutschen Presse am meisten überraschte, war die Erkenntnis, dass heute 63 Prozent der Befragten eine „Prägung Deutschlands durch das Christentum und christliche Werte“ als „stark oder sehr stark“ anerkannten. 2012 waren es nur 42 Prozent. Nur 28 Prozent finden Religion sei Privatsache oder befürworten christliche Symbole in der Öffentlichkeit zu reduziert. Die Idee einen christlichen Feiertag zu streichen und statt dessen einen islamischen zu etablieren, lehnen 84 Prozent der befragten Deutschen nahezu geschlossen ab. Selbst die FAZ legt nahe, dass dieser deutliche Sinneswandel der Deutschen hinsichtlich der christlichen Wurzeln ihrer Kultur von der unkontrollierten Masseneinwanderung der vergangenen Jahr hervorgerufen worden ist.

    Zugleich wächst in der deutschen Bevölkerung die Sehnsucht nach Spiritualität: jeder zweite Deutsche glaubt an eine überirdische Macht. Die Zahl derer die zu Weihnachten christliche Traditionen pflegen, wächst – 35 Prozent stellen im Haus eine Weihnachtskrippe auf (33% waren es 1991). 17% lesen an Heiligabend zu Hause die Weihnachtsgeschichte nach dem Evangelium (vorher 14%).

    Betrachtet man diese Entwicklung aus christlicher orthodoxer Sicht, so fallen mehrere Dinge auf. Zum einen deckt sich diese Statistik mit der jahrhundertealten Erfahrung der Kirche, dass in Zeiten starker äußerer und innerer Einflüsse, sei es der Verfolgung oder antichristlicher Häresien und Ideologien das kirchliche Leben auf einen harten Kern gläubiger Christen zurückgedrängt wird. Diese Erfahrung teilen nahezu alle orthodoxen christlichen Völker Europas des 16. bis 20. Jahrhunderts.

    Die Frage ist nun, geben die Deutschen ihren Glauben oder ihr Christentum freiwillig auf oder gibt es tiefer liegende Gründe? Nationalismus, Aufklärung, Neoliberale Philosophien und postmoderne Ideologien haben seit Jahrhunderten die Axt gelegt an die Wurzeln des Vatikan, des Katholizismus und seiner Spiegelvariante des Protestantismus. Bürgerkriege, Revolutionen und Weltkriege haben das „Abendland“ ausgelaugt und legen von Spengler über Toynbee bis hin zu modernen Autoren wie David Engels („Le déclin“, 2013) den Untergang Westeuropas und seiner christlichen Religionen nahe. Doch das Schicksal des westeuropäischen Christentums betrifft nicht nur uns Deutsche. Die – oft kritischen — Stimmen orthodoxer Geistlicher, Theologen, Laien, Geopolitiker, Philosophen und Kulturwissenschaftler erheben sich gegenüber Deutschlands Christen weniger zur Mahnung denn zur Frage. Zu Frage nach den deutschen Wurzeln des Glaubens, des Evangeliums und der kirchlichen Spiritualität. Und ihrer Bewahrung!

    Da in der Orthodoxie Glauben und Kirche, Mysterien (v.a. Taufe, Beichte, Hl. Kommunion bzw. Abendmahl, Trauung und Einsegnung) und Spritualität untrennbar verbunden sind – findet ein christliches Leben auch nie außerhalb der Kirche statt. Egal ob in einem prunkvollen Kathedralbau, einem entlegenen Kloster,  in den Katakomben Roms, einer russischen Einsiedelei oder einer Höhlenkapelle Griechenlands. Andererseits ist Kirche weder Organisation noch Staatskirche, weder Verein von unten noch Hierarchie von oben. Kirche ist konziliar und mystisch gesprochen – eine über Generationen gewachsene „Gottmenschliche Persönlichkeit“ (H. Justin Popovic von Celie, Serbien). Kirche ist der „Leib Christi“ mit einem einzigen sichtbar-unsichtbaren Haupt: Jesus Christus. Aus der „Kirche auszutreten“ klingt in orthodoxen Ohren eher wie ein Scherz. Dort sagt man eher: Glaubensverleugnung oder Verirrung. Ein tragischer Umstand, der Empathie verlangt.

    Glauben ohne Werke ist tot, bezeugt einer der Apostel Christi. Luthers sola fidae, sola scriptura erscheint daher aus orthodoxer Sicht nicht als Aufruf zur Askese und Befreiung, sondern zwangsbeschränkend und im Widerspruch zum Evangelium.

    Die neue Allensbach-Studie erfasst Kirchenbesuche, religiöse Überzeugungen und einige christliche Brauchtümer. Was sie nicht in Blick nimmt, sind die zahlreichen Dienste und Hilfsprojekte der Protestanten und Katholiken Deutschlands – nicht nur hier im Land im Dienst für Arme, Kranke, sozial Schwache und Obdachlose. Sondern oft genug auch in der 3. und 4. Welt. Die Rede sei hier nicht von den bekannten steuerfinanzierten Milliardenstrukturen, die in ihrer Anonymität eher zur Teilnahmslosigkeit und dank wuchernder Bürokratie und mangelnder Nachvollziehbarkeit zum erwähnten „Kirchenaustritt“ führen. Die Rede ist von den unzähligen Hilfswilligen und Diensten der Gemeinden und einzelnen Menschen vor Ort. Es sind gerade jene 30% Deutscher die sich an der Basis ihrer protestantischen oder katholischen Ortsgemeinde engagieren – für Menschen in Not und für Christen in der Verfolgung. Die russischen orthodoxen Christen haben von dieser westlichen Tradition seit Generationen gelernt und sich inspirieren lassen: das Leben und Wirken der Hl. Elisabeth von Russland, Prinzessin von Hessen Darmstadt, ist dafür nur eines der leuchtendsten Beispiele.

    Während Westeuropa und mit ihm Deutschland an der Spitze für viele Beobachter scheinbar freiwillig seine christlichen Traditionen schleichend aufgibt, wächst im Nahen Osten und Asien die Christenverfolgung zu nie dagewesener Größe. Das orthodoxe Christentum hat Jahrhunderte des Genozids und der Kirchenverfolgung durchlitten und überstanden. Russlands Kirche und die der Völker Süd- und Osteuropas sind nach Jahrhunderten der islamischen, kommunistischen und nationalistischen Unterdrückung wieder auferstanden.

    Doch wie sieht die Lage heute aus nach 25 Jahren Religionsfreiheit im Osten Europas, selbstkritisch gesprochen? Wenn sich heute laut diverser Befragungen und Statistiken 80 bis 90% aller Einwohner Russlands, Griechenlands oder Serbiens als „orthodox“ also Christen bezeichnen — doch maximal nur jeder 10. von ihnen einmal im Jahr einen Gottesdienst besucht oder an einem kirchlichen Mysterium teilnimmt, dann nehmen sich die deutschen Zahlen gar nicht so pessimistisch aus. Im Gegenteil!

    Für die orthodoxen Kirchen auf deutschem Boden beschreiben diese Zahlen das gewaltige Potential ihrer „inneren Mission“: in Deutschland sind 1/3 der ca. 3 Mio. Russen als russisch orthodox erfasst. Eine riesige Herausforderung auch an die Kinder- und Jugendarbeit hunderter orthodoxer Gemeinden in nahezu allen Städten Deutschland. Jahrzehntelange liturgische, wissenschaftliche, philosophische und literarische Übersetzungsarbeit auch ins Deutsche trifft hier ständig eine eigene neue „Zielgruppe“, denn längst ist die orthodoxe christliche Lehre auch im deutschen Sprachraum angekommen. Spätestens, wenn in der zweiten oder dritten Generation Russisch zur Zweitsprache wird.

    Und darüber hinaus! Die Orthodoxe Kirche kennt ihrer Theologie und Praxis nach nur eine Ökumene – die weltweit gewachsenen orthodoxen Volks- und Landeskirchen. Doch fühlt sie und respektiert sie auch die Lebenswelten anderer christlicher Religionen, so auch in Deutschland traditionell beheimater. In jedem einzelnen Gottesdienst jeder orthodoxen Liturgie beten die Kirchen hundertfach jede Woche auch für „dieses Land“ Deutschland, „die es regieren und beschützen und die Menschen, die hier „mit Gottesfurcht und Frömmigkeit“ leben.

    Jeder Verlust jüdisch-christlichen Herkommens, sei es in Politik und Bildung („Gender Mainstreaming“), sei es in der Rechtsprechung („Ehe für alle“) oder im Friedensdienst (Feinbild Russland) wird hier als Niederlage aller erlebt. Die historischen Verfallsphänomene, die für viele Katholiken und Protestanten zum Stein des Anstoßes werden – könnten zu Brücken auch für Christen in Deutschland werden, sich lebbare und seit Jahrtausenden erfolgreiche, funktionierende Modelle alttestamentlich-jüdische und christlicher orthodoxer Praxis anzueignen: z.B. die (verpflichtende) Ehe und Familiengründung für Priester außerhalb des Mönchtums. Und damit das Zölibat dort zurücklassen, von wo es einst der Vatikankirche Roms aufgezwungen worden war: in der Vergangenheit einer spezifischen Geschichtsepoche mit ihren machtpolitischen Zwängen und ihren rechtlichen Nöten.

    Ist der ideologische und unwissenschaftliche Hintergrund für die Gender-Lehren nur Ignoranten nicht ersichtlich, so offenbart sich bei aktuellen Protestantischen Kirchentage nicht nur ein Ausverkauf der alten Friedensbewegung („Schwerter zu Flugscharen“) sondern gleichsam eine Art moderne Götzenverehrung bei Massenveranstaltungen umjubelter Kriegsherren und atlantischer Drohnen-Mordbuben? Wären nicht das Leid der Syrer und Jeminiten, der Lybier und Iraker, aber auch der Russen in der Ukraine ein Anlaß zu einer neuen (christlichen) Friedensbewegung! Ein Anlaß zur Wiederentdeckung Luthers – als Rebell gegen globalen Ablasshandel und totalitäre Ungerechtigkeit? Motiviert von der Liebe zur eigenen Evangeliums-Tradition, deutscher Kultur und Sprache?

    Das Allensbacher Institut beschreibt in seiner Studie abschließend u.a. auch, wie sich neue Religionsinhalte z.B. „Naturschutz und Ökologie“ als Glaubensgut (Schlagwort „Nachhaltigkeit“) an die Stelle christlicher Ethik schieben. Die Erde verstanden als eine Schöpfung, als ein Planet – wird in seinen Geheimnissen nur erkennbar im Dank an den „Schöpfer des Himmels und der Erde“. Konsequentes christliches, planetarisches Denken hingegen ermöglicht dann auch das friedliche Zusammenleben vieler Kulturen und Völker. Und birgt für die Christenheit in Deutschland eine lebendige Zukunft – jenseits von Öko-Götzen, Mammon-Dienst oder postmodernem Werte-Imperialismus.

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    Meinung, Tradition, Bevölkerung, Christentum, Religion, Deutschland