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    SPUTNIK-LESER WISSEN MEHR – Beste Bücher 12/2017

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    André Sikojev
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    Es gibt Bücher, die auch nach Jahren noch wirken und an Bedeutung sogar gewinnen. Es gibt Bücher, die man sofort lesen sollte. Es gibt Bücher, die man mehr als einmal liest. Und Bücher, die vergriffen sind, die nicht nachgedruckt wurden. Und es gibt Bücher, über die man ewig reden möchte. Hier eine Auswahl zum Jahreswechsel.

    ZEITGESCHICHTE

    Karl Schlögel: „Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt“

    Seit sich der große Osteuropa-Historiker mit „Das Russische Berlin“ vor Jahrzehnten auch über die Fachwelt hinaus einen Namen gemacht hat, gehören seine Bücher über die Geschichte und Soziologie Russlands und der Sowjetunion gleichsam zur Klassik der modernen Geschichtswissenschaft. Möge sich niemand von Schlögels kürzlich gegebenem Spiegel-Interview abschrecken lassen! Das Buch ist um Welten besser und vor allem bedeutsamer, als es Schlögels verbiesterte Auslassungen zum heutigen Russland, zu Putin (Darth Vader im Kreml) und zur Russischen Orthodoxen Kirche (ein lebensfeindlicher, ungastlich Planet) vermuten lassen. Denn Karl Schlögel ist es in seinem epochalen Buch gelungen, das Porträt eines Imperiums zu schreiben, welches sowohl dessen Herkommen liebevoll im Blick behält, das in Weltkrieg und Revolution untergegangene Russland der Bauern, Kirchen und Zaren – wie auch das Russland heute, wieder geboren aus Diktatur, Verfall und Bürgerkrieg. Schlögel gelingt es, sowohl Methodik und Grauen des Gulag (Solovki, Weißmeer-Ostseekanal) wie auch die epochale sowjetische Industrialisierung (Magnitogorsk) in den Blick zu bekommen, vor allem zu erzählen. Sein Kapitel zur Alltagskultur, von der sowjetischen Wohnungsnot (Kommunalka) bis zur modernen Neubausiedlung, ist ebenso profund und respektvoll erzählt wie sein Miniatur-Porträt der sowjetischen Verpackungskultur. Voller Liebe zum Detail und lebensweiser Ironie. Ein Kritiker jubelte zu Recht: Schlögel legte mit diesem Werk gleichsam die Grundlage für ein Museum der Sowjetepoche. Was Chanels Erfolgsgeheimnis des berühmten Parfüm Nr. 5 mit dem Zarenhaus, russischen Emigranten nach 1917 und den Damen der Sowjet-Nomenklatura zu tun hat, sei an dieser Stelle noch nicht verraten. Schlögel lesen bildet!

    C.H. Beck, 38,00 Euro

    LITERATUR

    Natascha Wodin: „Sie kam aus Mariupol“

    Ein Roman, der mit dem Alfred-Döblin Preis ausgezeichnet wurde und 2017 den Leipziger Buchpreis für Belletristik bekam. Ein Buch, das seitdem seine Leser berührt und erschüttert. Natascha Wodins Roman ist sowohl eine autobiographische Erzählung, die gleichsam wie durch schmerzhafte Geburtswehen hindurch das Leben ihrer verstorbenen Mutter zur Erinnerung führt. Und zugleich ein Jahrhundertporträt, beginnend in einer südlichen Hafenstadt Russlands vor Revolution über den Fleischwolf der Revolution und das Grauen des Gulag hinein in die Vernichtungsmaschinerie Deutschlands und seine Zwangsarbeitslager, die von 1941 bis 1945 eine Million von insgesamt zwei Millionen sowjetischen Zwangsarbeitern auf deutschem Boden das Leben gekostet hat. Und 200.000 zu Tode gekommene Kinder, die meist in jenen deutschen Lagern geboren wurden und nie eine Chance auf eine Zukunft bekommen sollten: ein vergessenes Anhängsel des Holocaust. Seine poetische Stimme und literarische Kraft gewinnt der Roman aus der nüchternen und nahezu beherrschten Stimme der Autorin, die gleichsam ihr Refugium an einem Märchensee der Mark Brandenburg scheinbar nie verlässt, um dem Geheimnis einer Mutter nachzuspüren, die am Ende ihres Leidensweges in einem Lager für „Displaced Person“ keine Kraft mehr übrig hat, um nach dem Überleben weiter zu leben. Natascha Wodin schreibt in ihrer Muttersprache, auf Deutsch. Auch dies ein Wunder.

    Rowohlt, 19,95 Euro

    GESCHICHTE

    Dominic Lieven: „Russland gegen Napoleon…

    … Die Schlacht um Europa“. Der englische Originaltitel lautet „Russia Against Napoleon: The Battle for Europe, 1807 to 1814“. In der deutschen Fassung erschienen 2011, und ein Schelm, der Böses vermutet, dass man das Buch heute nur noch im Online-Kaufhaus findet. Ein brillantes und epochales Werk, das erstmalig in einer Monographie die Rolle Russlands bei der Befreiung vom Napoleonischen Imperium 1812-1814 erzählt. Wissenschaftlich fundiert, in großer Tiefe und erzählerischer Wucht. Ein anglosächsischer Fachbuch-Thriller, mit zahlreichen Einzelporträts, militärischen, diplomatischen und sozialen Tiefenpanoramen und – auf keiner Seite langweilig. Das Werk ist eine Hommage an das russische Volk und seinen Opfermut, an Zar, Adel, Armee, Kirche und Heer. An die ruhmreichen Marschälle Russlands und die einfachen Fußsoldaten. An die Helden der Etappe und die „Pferdeflüsterer“ der Kavallerie, an geniale Spione und verwegene Kosaken und Partisanen. Es ist ein Porträt Russlands und Europas des 19. Jahrhunderts, in welchem die geopolitischen Achsen des 21. Jahrhunderts mehr als nur symbolisch aufleuchten. Unbedingt lesen!

    C. Bertelsmann, deutsche Ausgabe in jedem Online-Bücherhandel | English: Penguin books, UK ca. 12,00 Euro.

     

    BELLETRISTIK | BESTSELLER

    Bischof Tichon (Schewkunow): „Heilige des Alltags“

    Im Original klingt der Titel dieses in Russland millionenfach (!) verkauften Buches gleich viel witziger und verrät so einiges mehr über den Kammerton dieser autobiographischen Memoiren und seiner unbekannten und zum Teil auch berühmten Helden des kirchlichen Alltags, der Mönche, Pilger, Freunde, Bekannten und Verwandten im Umfeld eines der letzten in der Sowjetepoche nicht geschlossenen Kloster Russlands, des Höhlenklosters von Pskow im äußersten Westen des Imperiums. In „Unheilige Heilige“ (so das Original) erleben wir den Autor und seine Freunde auf der Suche nach Wahrheit, Liebe, Glück und Lebenssinn. Sie treffen alte und junge Ritter der Wirklichkeit im untergehenden Perestrojka-Reich, Einsiedler und Asketen, Narren in Christus und Helden des Alltags. Es sind Erinnerungen und Berichte über die Begegnung mit der Ewigkeit und im steten Widerstand gegen die Versuchungen von allmächtigem Atheismus, aufkeimender neoliberaler Korruption, Dummheit und den ganz alltäglichen Schwächen jedes Einzelnen. Literarisch steht das Buch in der großen lächelnden Tradition eines Nikolaj Gogol (Tote Seelen) oder Fasil Iskander (Sandro von Tschegem). In der Tradition der Orthodoxen Kirche lässt dieses Werk am Ende doch die „heiligen Heiligen“ hervortreten und vor unseren Augen lebendig werden. Unvergessen, wie der „Große Abt“ des Klosters den Abgesandten Chruschtschows Paroli bietet und mit dem Widerstand der Kriegsveteranen und Ordensträger der Mönchsbruderschaft die Klosterschließung abwandte. Wie der alte Mönchpriester und Ökonom (Kassenwart) der Bruderschaft sich bei minus 20 Grad im Schnee zu einem Schläfchen niederlegt. Und Tränen lacht der Leser nicht nur bei der Erinnerung des Autors an die „Verhaftung“ eines Hochstaplers und Betrügers, den er von Moskau bis München „jagte“. Das Buch ist ein Requiem an die großen russischen Starzen in der Sowjetepoche wie Priestermönch Ioann (Krestjankin), die das geistige Herz Russlands durch Kirchenverfolgung und Krieg, durch Verfall und Perestrojka gerettet haben, getreu dem Motto des Hl. Seraphim von Sarov: „Rette dich selbst, und Tausende werden mit Dir gerettet werden.“ Ein Buch wie Glockenklang, unvergesslich und unüberhörbar. Und es ist zugleich ein Lebensbericht, ein biographischer Entwicklungsroman voller Dramatik und Humor. Das Porträt einer Epoche.
    eos Verlag, 19,95 Euro

    PHILOSOPHIE

    Iwan Iljin: „Über den gewaltsamen Widerstand gegen das Böse“

    Es ist der Verdienst des kleinen Hagia-Sophia-Verlags, neben so herausragenden und epochalen Autoren wie Pavel Florenski sich nunmehr auch Erbe und Wiederentdeckung Iwan Iljins (1883—1954) im deutschen Sprachraum zu widmen. Nach „Wesen und Eigenart der russischen Kultur“ folgt nun in einer umfänglichen und wissenschaftlich anspruchsvollen deutschen Erstausgabe der bis heute hochaktuelle und moderne Beitrag Ilijns zur Frage des Bösen in der Welt. Und den menschlichen Möglichkeiten zu gewaltsamem Widerstand. Prof. Iwan Iljin gehörte zu den wichtigsten philosophischen Stimmen der Epoche nach 1917, ein christlicher Denker, der den Bolschewisten ebenso verhasst war wie den Nazis, vor denen er sich in letzter Minute in die Schweiz retten konnte. Seine Bücher zur Rechtsphilosophie und Politischen Ethik gehören heute in Russland zum Rüstzeug multipolaren Denkens und eurasischer Geopolitik. Sein Buch „Über den Widerstand gegen das Böse“ erschien 1925 erstmals auf Russisch. Auf der Grundlage christlicher orthodoxer Spiritualität entwickelt Iljin das Recht und die Pflicht des Bürgers auf gewaltsamen Widerstand in Abgrenzung zum Pazifismus, der nach ihm stets Gefahr läuft, zum Verrat an Schwachen und Teilhabe am Bösen zu verfallen. Und liefert zugleich das Bollwerk gegen jede Form der Selbstgerechtigkeit im Widerstand. Denn Gewalt ist nie „gerecht“, bestenfalls notwendig. Sie entlässt den Menschen nicht aus der Schuld seiner Taten, eine Wahrheit, die nur so die seelische Wiedergenesung des „traumatisierten“ Kriegsteilnehmers zulässt. Gegen die westliche Lehre vom „Gerechten Krieg“ zeigt Iljin eine Handlungsnotwendigkeit auf, die vor der Hybris der Auserwähltheit schützt und zugleich die Heilung des Einzelnen wie auch der Gesellschaft als eigentliches Ziel verteidigt.

    Edition Hagia Sophia, 27,50 Euro

    ROMAN

    Andrzej Stasiuk: „Hinter der Blechwand“

    Jack Keruac veröffentlichte seinen Klassiker „On the Road“ 1957, Andrzej Stasiuk wurde 1960 in Polen geboren und schrieb seinen dritten Roman 2009. Vier Jahre später erschien die deutsche Übersetzung. Wer Filme von Kusturica gesehen hat, wird Stasiuk lieben. Dieses großartige Buch macht einfach nur Spaß. Es ist melancholisch und wild, völlig phlegmatisch und geht dennoch ab wie Ost-Punk. Es ist die Geschichte von Pawel und seinem Kumpel Wladek, die im armen Wilden Osten der Wendezeit sich mit einem alten Auto (Blechwand, sic!) und dem Handel von Billig-Klamotten im Handelsgefälle Osteuropas durchschlagen. Die Preise verfallen, die Chinesen kommen, und die Zigeuner hatten es eh schon immer besser drauf. Die Grenzen im alten armen Osten sind so löchrig wie alte Landsersocken, Rhythmus und Gewinn bestimmen nur noch die Verluste durch die Bestechungstarife an den diversen Grenzen quer durch Europa und – das Umsatztempo der skrupellosen Auftraggeber. Vor dem Hintergrund einer aussichtslosen Liebesbeziehung gerät Pawel trotz aller Überlebenskunst nicht zuletzt dank seiner charakterlichen Grundphlegmatik in die Machenschaften krimineller Menschenschmuggler. Wer sich heute fragt, welche Erfahrungen Polen, Ungarn, Ukrainer und Tschechen in den Jahren vor und nach der Osterweiterung der EU durchlebt haben, möge in Stasiuks stets kontrollierten, melancholischen und stilistisch gefeilten Sprachrausch eintauchen. Auf Stasiuks schelmischen Doppelknoten des polnischen Originaltitels „Taksim“ haben die deutschen Übersetzer verzichtet. Die Beskiden lassen grüßen!

    Suhrkamp tb, 10,00 Euro

    REPORTAGE | REISEN

    Frank Böttcher / Cornelia Clauß (Hg.): „Unerkannt durch Freundesland. Illegale reisen durch das Sowjetreich“.

    Nomen est omen, und der Buchtitel sagt eigentlich genug. Da jedoch die wenigsten die außergewöhnliche Ausstellung gleichen Namens gesehen haben, auf der dieses Buch beruht, soll diese Empfehlung so eindeutig wie knapp werden. Das Buch sammelt Reiseerinnerungen meist junger DDR-Bürger aus den 70er und 80er Jahren, die entweder mit Transitvisa oder auf anderem Wege die wenigen offiziellen und vorgezeichneten Trampelpfade der DDR-Reisekultur verlassen haben und sich aufmachten in die Sowjetunion, Land, Völker und Natur selber zu entdecken. Diese Reisen führten diese „Illegalen“ zum Teil bis weit nach Sibirien, über den Kaukasus bis nach Georgien, Armenien oder Tadschikistan. Spannende und unglaubliche Geschichten aus einer versunkenen Welt. Erinnerungen von Menschen, die bis heute mitten im Leben stehen.
    Ein ungewöhnliches Reisebuch mit ungewöhnlichen Tagebüchern und Berichten. 500 wunderbare Seiten mit 110 Farb- und 211 Schwarzweißabbildungen.

    Lukas Verlag, 26,90 Euro

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