09:10 24 Juni 2018
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    Menschen beim Siegestag-Fest am 9. Mai in Berlin (Archivbild)

    Die ARD mal wieder: Sämtliche Klischees über Russlanddeutsche in 45 Minuten

    © Sputnik / Zachari Scheuer
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    Andreas Peter
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    Das Erste hat eine neue Reportage über Russlanddeutsche ausgestrahlt. Darin werden alle gängigen Klischees bemüht, um nachzuweisen, dass Russlanddeutsche besonders konservativ sind und nur AfD wählen. Nicht zu vergessen ihr Hang zur Putin-Verehrung. Wer genauer hinsieht und hinhört, wird indes bemerken, dass die Autoren selbst ein Problem haben.

    Reportagen haben – ebenso wie Kommentare – einen gravierenden Nachteil. Sie können immer nur ausschnittsweise Realitäten widerspiegeln. Umso wichtiger ist daher, dass die Autoren keine Vorurteile haben, oder vorgefasste Meinungen, die transportiert werden sollen, denen die Auswahl von Gesprächspartnern, Fakten und Argumenten untergeordnet werden – wobei alles ausgeblendet wird, was die vorgefasste Meinung stört.

    Leider ist die Reportage „Deutschland – Heimat – Fremdes Land“ genau nach diesem Muster gestrickt. Entsprechend bizarr verlaufen die rund 45 Minuten. Und entsprechend vorhersagbar.

    Vom Vorzeige-Einwanderer zum AfD-Wähler?

    Die Reportage beginnt in einem Tonfall und einer Anmutung, als hätten sich die Russlanddeutschen zusammengerottet, um Deutschland politisch nach rechts zu rücken. Auf dramatisch klingendem Musikbett erfahren die Zuschauer: „In Deutschland leben rund 4,5 Millionen Russlanddeutsche. Jahrzehntelang galten sie als unauffällige Vorzeige-Einwanderer. Damit ist jetzt Schluss.“

    In der ersten Minute werden zwei AfD-Politiker und die unvermeidlichen Bilder von den Lisa-Demos des Jahres 2016 in Stellung gebracht. Und wir werden über die Existenz einer „Kreml-Medienmaschine“ belehrt.

    4,5 Millionen als rechtslastig denunziert

    Damit ist die Marschrichtung der kommenden Dreiviertelstunde vorgegeben. Insgesamt fünf AfD-Politiker dürfen auftreten. Als Beleg für die besondere Nähe von Russlanddeutschen zu dieser Partei. Obwohl den Autoren bekannt sein dürfte, dass von den 4,5 Millionen Russlanddeutschen nur 1,5 Millionen wahlberechtigt sind, also zwei Drittel aller Russlanddeutschen überhaupt nicht AfD gewählt haben können. Obwohl es nur Schätzungen sind, die besagen, dass 14% aller Russlanddeutschen AfD wählen, also über 85% aller Russlanddeutschen eben nicht. Obwohl russlanddeutsche Organisationen sich bereits zur Bundestagswahl 2017 dagegen verwahrt haben, dass sie immer wieder als besonders rechtslastig dargestellt werden. Das alles ist den Autoren und den abnehmenden Redakteuren egal.

    Die CDU-Politikerin aus Frankfurt am Main, ihr nahestehende Jugendliche, die sich in der Organisation DJR engagieren und sich der CDU nahestehend fühlen, der junge Russlanddeutsche, der in Nürnberg einen Club betreibt – sie alle wirken leider nur wie Staffage bei dieser Übermacht von AfD und anderen Vertretern des politisch rechten Spektrums.

    Viel Raum für Splitterpartei

    Minutenlang wird auch über Dimitri Rempel, seine Partei „Die Einheit“ und sein mehr oder weniger merkwürdiges Umfeld berichtet. Obwohl den Autoren bekannt sein müsste, dass diese Partei derart wenig Zulauf hat, dass ihre Wahlergebnisse kaum messbar sind. Aber Rempel und seine Partei stehen im Verdacht, besonders kremlfreundlich zu sein. Beleg dafür sollen seine häufigen Moskau-Besuche sein. Für die Autoren und die abnehmenden Redakteure offenbar Grund genug, Rempel eine Relevanz einzuräumen, als wäre er repräsentativ für 4,5 Millionen Russlanddeutsche.

    Interessant ist Rempels prominenter Auftritt in dieser Reportage vor allem deshalb, weil die Autoren auch den Osnabrücker Migrationsforscher Jannis Panagiotidis zur rechtsnationalen Affinität der Russlanddeutschen befragen und er auch brav doziert, dass die ausländerfeindliche und russlandfreundliche Politik der AfD der Grund dafür seien.

    Öffentlich-rechtliche Doppelstandards

    Dass ebenjener Panagiotidis noch drei Tage vor der Bundestagswahl 2017 im „Faktenfinder“ der ARD ganz anders redete, ist den Autoren und den abnehmenden Redakteuren abermals egal. Warum auch sollten sie die Chance nutzen und Panagiotidis zur Relevanz eines Dimitri Rempel befragen, wenn er so schön ins Konzept der Autoren passt? Obwohl Panagiotidis im erwähnten ARD-Faktenfinder vom 21.09.2017 noch verkündete: „Jannis Panagiotidis, Junior-Professor für Russlanddeutsche Migration und Integration an der Universität Osnabrück, sagte dem ARD-Faktenfinder, soweit er es beurteilen könne, ‚spielt die Partei schlicht und ergreifend keine Rolle‘.“

    Es könnte vielleicht nicht schaden, wenn die ARD-Kolleginnen und —Kollegen die Grundsätze beherzigen, die sie anderen gern nahelegen.

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    Tags:
    Russlanddeutsche, Wahl, Klischees, Migranten, Reportage, ARD, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Russland, Deutschland
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