21:18 21 April 2018
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    Umladung der Rohre im deutschen Hafen Mukran

    USA drängen Europäer in die Armut

    © Foto: Nord Stream 2/ Axel Schmidt
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    Dmitri Lekuch
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    In den US-Medien sind Aufrufe an die Europäer zu hören, Russland wirklich zu bestrafen. In der Praxis hieße das, etwas gegen Gazprom bzw. das Pipeline-Projekt Nord Stream 2 zu unternehmen.

    Die Zeitung „The Daily Beast“ schreibt:

    „Mitte März emittierte Gazprom Eurobonds mit einer Laufzeit von acht Jahren für 750 Millionen Euro. Die russische Botschaft in London teilte mit, dass die Nachfrage höher als das Angebot ist. Das ist das diplomatische Äquivalent des Mittelfingers an Großbritannien. Wenn wir Russland wirklich bestrafen wollen, darf Großbritannien nicht mehr die internationale Geldwaschanlage für korrupte russische Beamte sein.“

    Die Agentur Reuters macht ein Dilemma Dänemarks zum Thema – das Land soll darüber entscheiden, wie es mit der Pipeline Nord Stream 2 nahe seiner Küste weitergehen soll. Man kann natürlich gegen Russland gehen, doch Deutschland setzt sich für die Gaspipeline ein. Man braucht demnach eine konsolidierte gesamteuropäische Position.

    Das alles erfolgt vor dem Hintergrund der andauernden russisch-ukrainischen gerichtlichen Untersuchungen am Stockholmer Schiedsgerichtshof. Gazprom legte in der vergangenen Woche Berufung gegen das Urteil zugunsten Naftogaz ein.

    Bislang gibt es in dieser Angelegenheit noch keine endgültige Lösung, doch bereits jetzt kann man versuchen, die Situation in Ruhe zu analysieren – wer gegen wen kämpft. Und wer reale Interessen hat.

    Wollen wir mit den Partnern aus Übersee beginnen.

    Die Schiefergas-Revolution in den USA begann lange vor dem Auftauchen des aktuellen Präsidenten Donald Trump und seiner Politik der Reindustrialisierung und seines Mottos „Make America great again“. Es gibt das Verständnis davon, dass ohne einen Zugang zu äußeren Märkten, ohne das Exportgeschäft, das mit außenpolitischen Instrumenten unterstützt wird, die ganze Revolution sinnlos ist.

    Zunächst zeigte die US-Schiefergasindustrie kein Interesse an den europäischen Märkten – sie sind zwar dynamisch und schnell wachsend, doch nicht sehr konkurrenzfähig. Gegen russisches, norwegisches bzw. afrikanisches Pipelinegas konnte man nicht konkurrieren. Denn Schiefergas unterscheidet sich nach der Wärmekapazität stark von Erdgas. Zudem ist die Verflüssigung ein teurer Prozess. Deswegen interessierten sich unsere Partner aus Übersee vor allem für die Märkte Südostasiens. Doch dort war der Verbündete Katar bereits Platzhirsch.

    Eine logische Lösung wäre, Katar-Gas auf die konkurrenzfähigen europäischen Märkte zu bringen, um Freiräume auf den asiatischen Märkten zu schaffen. Es gab jedoch Probleme mit der Logistik, beispielsweise Syrien. Man kann nicht unbedingt sagen, dass gerade die Aussicht auf den syrischen Gaskorridor die Hauptursache des Bürgerkrieges in Syrien war, doch wirtschaftliche Interessen spielten im Hintergrund dabei sicher eine Rolle. Niemand verheimlichte dies.

    Doch das Projekt stolperte. Russland festigte seine Positionen in Syrien. Assad blieb an der Macht. Die Türkei, in der die Araber ihren Öl- und Gashub sahen, wechselte zur anderen Seite. Danach kam in den USA Trump an die Macht. Nach seinem Amtsantritt wurde mit der Reindustrialisierung der USA begonnen, das Thema billiges Gas für Europa wurde weniger aktuell. Aus wirtschaftlicher Sicht wird das alte, industriell entwickelte Kontinentaleuropa jetzt eher nicht als Partner, sondern als Konkurrent betrachtet. In dieser Situation geht es deshalb nicht darum, Europa mit US-Flüssiggas zu beliefern, sondern zu verhindern, dass billige Energieträger nach Europa gelangen – egal ob russisches, algerisches, libysches oder katarisches Gas. Das spielt keine Rolle mehr.

    Nur Flüssiggas. Vor dem Hintergrund der kontinuierlichen Umsetzung der Steuerreform Trumps und des billigeren US-Arbeitsmarktes verlieren die europäischen Waren an Konkurrenzfähigkeit.

    Bei Deutschland und Österreich geht es nicht einfach um die Erstickung der Wirtschaft und Erhöhung der Gaspreise für Verbraucher. Die deutschen Haushalte zahlen ohnehin 40 Prozent mehr für Gas als das restliche Europa. Es geht auch um den Niedergang mehrerer Industriebranchen – Chemie, Elektrotechnik, teilweise auch des deutschen Maschinenbaus. Es geht auch um potentielle Massenarbeitslosigkeit und Aufstände der Arbeiter. Und eine garantierte Machtübernahme durch die AfD.

    Eine solche Entwicklung würde auch Russland nicht gefallen.

    Für uns gibt es keine großen Probleme bei der Umwandlung von Gas in Flüssiggas, wie die Erfahrungen des Förderers Novatek auf Jamal zeigen. Doch die Probleme in der deutschen Industrie sind für uns vor allem der Verlust eines großen Absatzmarktes. Deswegen sind wir bereit, den Deutschen selbst bei hohen Nebenkosten zu helfen. Gerade deswegen zeigen russische und deutsche Behörden diese Geschlossenheit bezüglich der Nord-Stream-Pipelines. Die Deutschen können den südlichen Gaskorridor aufgeben, wie sie es bereits bei South Stream taten. Doch um die Nord-Stream-Pipelines werden sie bis zum Ende kämpfen. Das bedeutet aber überhaupt nicht, dass sie uns mit dem südlichen Korridor bzw. dem Stockholmer Schiedsgericht helfen werden. Bei Nord Stream und Nord Stream 2 spielen wir in einem Team, bei anderen Fragen jeder für sich.

    Andererseits gefällt den Deutschen und Österreichern nicht unsere Gas-Liaison mit China, aus der bereits die Pipeline „Kraft Sibiriens” entstanden ist – die Chinesen, die ohnehin konkurrenzfähig sind, werden mit billigem Rohrgas ihre Positionen deutlich festigen.

    Es gibt noch die Koreaner. Falls es aber zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Südkorea und Nordkorea kommt, wird erneut die Idee des koreanischen Gaskorridors über Nordkorea aktuell werden. Es gibt sogar das Projekt des „Fernöstlichen Energie-Superringes“, an dem auch Japaner sich beteiligen können. Zudem darf man auch die Projekte des russischen Flüssiggases auf Jamal (Novatek gewann vor wenigen Tagen die Ausschreibung für das Projekt Arctic LNG-2), im Ochotskischen Meer und auf Sachalin nicht vergessen. Russland will auf diese Vorhaben nicht verzichten.

    So sieht das Bild der großen Gaskriege aus, an denen sowohl Hersteller als auch Verbraucher teilnehmen.

    Deswegen entscheiden die großen und reichen europäischen Länder jetzt nicht zwischen billiger Energie und Energieunabhängigkeit, sondern zwischen dem Überleben ihrer Wirtschaften und der Gehorsamkeit gegenüber dem Großen Bruder.

    * Die Meinung des Autors muss nicht mit der der Redaktion übereinstimmen.

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    Tags:
    Forderung, Einstellung, Gaspipeline, Gaslieferungen, Nord Stream 2, Jamal-SPG, EU, Naftogaz, Gazprom, Donald Trump, Koreanische Halbinsel, Europa, USA, Russland
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