02:00 21 April 2018
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    Britische Premierministerin Theresa May

    Danke, Theresa! „Londongrad“ wird von innen zerstört

    © AFP 2018 / Pool/ Stefan Rousseau
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    Maxim Sokolow
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    Die russische Diaspora Londons, die bis zuletzt dachte, die Briten wären Kulturmenschen, ist offenbar in eine schwierige Lage geraten: Niemand weiß, wie weit die Spannungen zwischen Moskau und London noch gehen werden und welche Folgen dies für die Zuwanderer aus Russland haben könnte.

    Die Absicht der britischen Regierung, zu prüfen, ob die reichsten Russen, die aus dem „totalitären Russland“ nach London geflüchtet sind, ihre Gelder ehrlich oder unehrlich verdient haben, erinnert an das alte Gleichnis über den Kaufmann aus Bagdad und dessen Diener:

    In Bagdad hat ein Kaufmann  einmal seinen Diener zum Einkaufen auf den Basar geschickt, und einige Zeit später kam dieser erschrocken zurück. Nach seinen Worten hatte er auf dem Basar den Tod gesehen, der wütend gewesen und auf ihn zugegangen sei.

    Der Diener bat seinen Herren, ihm ein Pferd zu geben, damit er nach Samarra flüchten könnte. Er ritt los, und der Kaufmann beschloss, selbst auf den Basar zu gehen und mit eigenen Augen zu sehen, was da los ist. Dort sah er tatsächlich den Tod und fragte ihn, warum er wütend auf seinen Diener sei. Der Tod erwiderte:

    „Ich war gar nicht wütend – ich wunderte mich nur, ihn hier zu sehen, denn heute Abend müssten wir uns mit ihm in Samarra treffen.“

    Solche Fehler – manchmal wirklich tragische – kommen nicht nur in alten orientalischen Gleichnissen vor, sondern manchmal auch im realen Leben. Man will ein ruhiges und friedliches Leben führen, zieht irgendwohin um, wird aber auch dort mit Problemen konfrontiert. „Aus der Pfanne in das Feuer“ – das ist nicht nur ein Sprichwort, sondern manchmal auch eine ganz genaue Feststellung.

    So flüchteten viele Menschen 1919 aus dem hungernden Petrograd (heutzutage St. Petersburg) in das damals relativ wohlhabende Wolgaland. Und niemand von ihnen konnte wissen, dass dort 1921 eine Hungersnot ausbrechen würde.

    Und im Jahr 1941, als der Große Vaterländische Krieg begann, galten die Region Krasnodar und Stalingrad als passende Orte, wohin man sich evakuieren lassen könnte.

    Niemand glaubte, dass die Wehrmacht diese ziemlich entlegenen Regionen erreichen würde. Auch in Kiew und anderen Großstädten unterschätzten viele Juden die Gefahr, in der sie schwebten. Wenn sie gewusst hätten, was auf sie zukommen würde, wären sie bestimmt in den Osten geflohen. Aber viele dachten angesichts der Erfahrungen mit der deutschen Besatzung von 1918:

    „Was haben wir denn zu befürchten? Die Deutschen sind ja Kulturmenschen.“

    Und jetzt sind die Einwohner Londons, die bis zuletzt dachten, die Briten wären Kulturmenschen, offenbar in eine schwierige Lage geraten. Denn niemand weiß, wie weit die Spannungen zwischen Moskau und London noch gehen werden und welche Folgen dies für die Zuwanderer aus Russland haben könnte.

    Bisher galt quasi, dass auf der Insel Umsiedler aus Ländern (am besten natürlich aus wohlhabenden Ländern) willkommen sind, deren Beziehungen mit dem Vereinigten Königreich nicht gerade ideal sind – das war sehr pragmatisch und nachvollziehbar.

    Es ist immerhin wichtig, eine wohlhabende Diaspora zu kontrollieren und dadurch die Politik des jeweiligen Landes (das nicht gerade ein Freund Großbritanniens ist) zu beeinflussen. Denn was könnte es Besseres für Londons politische Interessen geben als einen russischen Kapitalisten, der aus Russland auf die Insel gezogen ist, oder einen russischen Beamten, der in Moskau arbeitet, dessen Familie aber auf der Insel lebt?

    Die wohlhabende russische Diaspora dachte offenbar, dass das ewig dauern würde, dass die nächste Generation der russischen Einwanderer sich in die britische Elite integrieren würde – aber inzwischen gibt es den Begriff „unerwünschte Ausländer“. Da hat man allen Grund, nervös zu werden.

    Vorerst zeichnen sich drei mögliche Varianten ab. 

    Die erste wäre, dass nichts wirklich Schlimmes passieren wird. Das von Boris Johnson und Theresa May ausgelöste Aufsehen wird nicht ewig dauern, und die Situation wird sich früher oder später wieder beruhigen. Geld riecht schließlich nicht, und die Briten werden sich auf bzw. über die „russischen Gelder“ auch künftig freuen. Und was das Eigentum der russischen Einwanderer angeht, so werden sie es weiter behalten dürfen. Schließlich würde seine Beschlagnahme nach der „Enteignung des jüdischen Eigentums“ im Dritten Reich aussehen, und die Briten sind immerhin Kulturmenschen.

    Allerdings warnen manche Experten, dass es die Russen teuer zu stehen kommen könnte, die Sauberkeit ihrer Gelder zu beweisen: Rechtsanwälte sind in London richtig teuer. Die reichsten Russen werden danach bestimmt noch etwas auf dem Konto haben, aber viele werden wohl ihre Unschuld beweisen, aber kein Geld mehr haben, um weiter in London zu bleiben.

    Das zweite Szenario könnte „Weg mit Euch!“ heißen. Die Briten sind ein traditionsreiches Volk, und im Jahr 1290 hatte König Edward I. den Juden verboten, in England zu leben, und ihr Eigentum wurde beschlagnahmt. Sie durften nur ihr Bargeld und ihre persönlichen Sachen mitnehmen.

    700 Jahre später würde man bestimmt einen zivilisierteren Weg finden, aber im Allgemeinen würde dieselbe Situation entstehen: Viele Russen müssten die Insel verlassen und heimkehren – oder eine neue Wahlheimat finden.

    Bei dem dritten – und wohl schlimmsten – Szenario würde man die Russen zwingen, einander quasi zu denunzieren. Es ist unwahrscheinlich, dass alle Mitglieder der russischen Diaspora solidarisch miteinander sind, und das britische Finanzamt (wie auch seine Kollegen aus allen anderen Ländern) hätte nichts dagegen, „nützliche“ Informationen von Menschen zu erfahren, die über diese Informationen verfügen und sich in einer schwierigen Lage befinden. Viele Russen, die auf der Insel ansässig sind, sind nicht gerade sündenfrei und haben ihr Eigentum möglicherweise nicht ganz fair in Besitz bekommen. Und sie könnten Informationen über ihre reichen Landsleute kennen, die für die Behörden wichtig sein könnten.

    Das wäre wohl anders als 1942 in Paris, als die Gestapo die Annahme von Anzeigen einstellen musste, weil sie einfach nicht in der Lage war, sie alle zu bearbeiten. Aber im Allgemeinen könnte ein solches Verhalten der britischen Behörden zu Spannungen innerhalb der russischen Diaspora führen. Und das würde London nicht mehr so attraktiv für die Russen machen.

    Diese Russen haben ihr Schicksal selbst bestimmt – und Russland sind ihre potenziellen Schwierigkeiten auf der Insel mehr oder weniger egal. Man sollte keine Schadenfreude haben – das wäre wohl nicht ganz richtig. Aber man sollte sich auch nicht zu viel Sorgen machen über die Probleme der Menschen, die ihre Heimat freiwillig verlassen haben.

    Aber natürlich sollte man immer daran denken, dass ein Treffen in Samarra (gegebenenfalls in London) ein Ding ist, gegen das man nie ganz versichert sein kann. Ganz sichere Fluchtburgen gibt es wohl einfach nicht.

    * Die Meinung des Autors muss nicht mit der der Redaktion übereinstimmen.

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    Tags:
    Oligarchen, Eigentum, Sperrung, Der Zweite Weltkrieg, Sergej Skripal, Theresa May, Sowjetunion, Großbritannien, Russland