05:31 23 Oktober 2018
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    Soldaten der syrischen Regierungsarmee nahe Damaskus

    Wie Trump in Syrien kapitulierte

    © REUTERS / Omar Sanadiki
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    Iwan Danilow
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    Im Kontext der sich zuspitzenden Beziehungen zwischen Russland und dem transatlantischen Duo Großbritannien und USA glauben Experten, dass nun eine lange und harte Konfrontation in Syrien bevorsteht.

    Es bestehe sogar das Risiko, dass Trumps Falken darauf beharren würden, Assad mithilfe der US Army zu stürzen, weil das mit den Händen des IS* nicht gelungen ist.

    Die momentane Lage zeigt vielfach, dass ein solches Szenario ziemlich real ist – der kollektive Westen hatte eine weitere Provokation vorbereitet, die mit dem Einsatz von Chemiewaffen verbunden war – diesmal in Ost-Ghuta. Das Schema war einfach und zuverlässig – der syrischen Armee einen weiteren C-Waffen-Einsatz vorwerfen und anschließend könnte man angesichts des Skandals und der Hysterie um „die Vergiftung Skripals“ sogar versuchen, Russland die Lieferung von Chemiewaffen an die Assad-Regierung vorwerfen. Es ist sinnlos, hervorzuheben, dass es bei solchen Vorwürfen keine Logik gibt, doch sie schufen einen perfekten Informations- und politischen Hintergrund für die Begründung des Beschlusses über eine direkte militärische Intervention in Syrien.

    Alles oben Dargelegte ist keine Verschwörungstheorie, das stützt sich auf eine Erklärung des Verteidigungsministeriums Russlands:

    „Wir haben glaubwürdige Informationen über die Vorbereitung einer Inszenierung der Anwendung von C-Waffen durch Regierungstruppen gegen die friedliche Bevölkerung, einer Inszenierung durch Extremisten. Dazu soll in einigen Gebieten von Ost-Ghuta eine Massenszene aus Frauen, Kindern und Alten inszeniert werden, die Opfer des C-Waffen-Einsatzes darstellen sollen. Dort befinden sich bereits Aktivisten der Weißhelme und Drehteams mit Technik für Satelliten-Verbindung“.

    „Washington beabsichtigt, einen Raketen- und Bombenangriff gegen die Regierungsviertel von Damaskus zu versetzen“, betonte der Generalstabschef der russischen Streitkräfte, Waleri Gerassimow.

    Doch statt einer Eskalation des Konfliktes erklärte US-Präsident Donald Trump (unerwartet selbst für die US-amerikanische politische Elite), dass die USA bald aus Syrien abziehen werden.

    Voice of America berichtet ohne Begeisterung über die Position Trumps:

    Beim Auftritt am vergangenen Donnerstag in Richfield sagte Präsident Trump, dass für die USA die Zeit gekommen sei, Syrien zu verlassen.

    „Sollen sich damit andere Menschen befassen“, sagte Trump „Sehr bald werden wir weggehen. Wir werden in unser Land zurückkehren, dorthin, wo wir sein wollen“, sagte Trump.

    Zudem soll hervorgehoben werden, dass diese unerwartete Verkündigung Trumps mit dessen Beschluss zeitlich zusammenfiel, die Bereitstellung von 200 Millionen Dollar für den „Wiederaufbau Syriens“ in den Gebieten, die von proamerikanischen Gruppierungen kontrolliert werden, aufzuheben. Darüber berichteten Reuters und „The Wall Street Journal“. Das weist daraufhin, dass der US-Präsident tatsächlich beschlossen hat, den Weg des Abbaus der US-Präsenz in der Region zu gehen.

    In russischen Medien wurde auf die Verkündigung Trumps kaum eingegangen.  Doch seine amerikanischen politischen Opponenten reagierten sehr hart. Laut dem einflussreichen republikanischen Senator Lindsey Graham wird der Abzug der US-Truppen aus Syrien zum „Erstarken der Positionen des IS* und zur Festigung des Einflusses Irans auf die syrische Regierung in Damaskus führen“. Er sagte in einem Interview für „Fox News“, dass das die schlimmste Lösung sein würde, die der Präsident treffen könne. „The Washington Post“ äußerte sich noch härter. Es erschien ein Artikel unter dem Titel „Wir nahmen in Syrien Öl, jetzt will Trump es dem Iran übergeben“. Der Schwerpunkt auf dem iranischen Einfluss, der von Kritikern Trumps hervorgehoben wird, ist damit verbunden, dass Trump den Atom-Deal mit dem Iran torpedieren und neue Sanktionen gegen Teheran einführen will. Zudem werden dem Iran die Unterstützung des Terrorismus und der Wunsch vorgeworfen, vollwertige Atomwaffen zu schaffen. Gerade deswegen zielen Kritiker auf den iranischen Aspekt – jetzt kann ein solches Herangehen Trump einen maximalen Image-Schaden bringen. Doch die Zeitschrift „Newsweek“ hob bereits hervor, dass die Verkündigung des baldigen Abzuges der US-Truppen durch Trump gleichzeitig mit der Verkündigung des Außenministeriums Russlands geschah, dass die Antiterroroperation in Syrien zu Ende geht. Demnächst sollte man Informationsattacken erwarten, dass Trump seine Beschlüsse mit dem Kreml koordiniere. Das ist fast schon unvermeidlich.

    Vor unseren Augen entwickelt sich de facto die amerikanische Kapitulation in Syrien – nach der alten Hollywood-Tradition wird sie als entschlossener, heldenhafter und eindeutiger Sieg der USA und des Präsidenten persönlich dargestellt.

    Zu einem ähnlichen politischen Trick griff vor kurzem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der Frankreich den Sieg über den IS* zugeschrieben hat, obwohl das eindeutig absurd klang. Im Fall Trumps funktioniert die politische Zweckmäßigkeit ähnlich. In der heutigen Welt der gewonnenen politischen Postmoderne interessiert die objektive Realität kaum jemanden. Aus der Sicht vieler Politiker zählt wohl nur das Medienbild. Also wer gewonnen und wer verloren hat, wird nicht durch die Zahl der Leichen und Beutestücke, sondern durch die Zahl der Likes und positiven Kommentare in den sozialen Netzwerken bestimmt. Die Anhänger Trumps reagierten übrigens sehr positiv auf seine Verkündigung, diese Reaktionen ruhten vorwiegend auf zwei einfachen Thesen. Erste These: Amerika besiegte erneut alle und Trump ist geil. Zweite These: Da Amerika erneut alle besiegt hat, soll man nicht mehr Geld für den Nahen Osten ausgeben und es endlich für die USA ausgeben, um Amerika „great again“ zu machen.

    Auffallend ist, dass das offizielle amerikanische Bild der Welt, das allen Wählern und einem bedeutenden Teil der Expertengemeinschaft beigebracht wurde, den Politikern gar nicht ermöglicht, daran Zweifel zu äußern, dass „die USA alle besiegt haben“. Selbst Trumps Kritiker müssen das zugeben. Ein solches Herangehen an die öffentliche und politische Diskussion gilt kaum als konstruktiv und ergiebig, vor allem für die USA selbst. Gleichzeitig ist ein solches Herangehen sehr vorteilhaft für uns. Denn die Bereitschaft Washingtons, in jeder Niederlage seinen klaren Sieg zu sehen, der der amerikanischen politischen Elite ermöglicht, das Gesicht zu wahren, reduziert das Risiko für undurchdachte emotionale Handlungen der Atommacht. Unter diesen Bedingungen besteht für Russland nur ein einziges ernsthaftes Risiko. Ein bedeutender Teil der russischen Gesellschaft kann wirklich den künftigen Hollywood-Blockbustern glauben, in denen gezeigt wird, dass die USA in Syrien gewonnen hätten und das rückständige autoritäre Russland eine beschämende Niederlage erlitten habe.

    Zudem gibt es das Risiko, dass Trump seinen Beschluss ändert. Doch bislang entwickelt sich die Situation in Syrien in eine für uns notwendige Richtung. Die Ursachen des Beschlusses Trumps müssen nicht in den politischen Verhältnissen innerhalb der USA, sondern in Russland gesucht werden. Die offizielle Verkündigung des Verteidigungsministeriums Russlands, dass die Streitkräfte Russlands im Falle einer Bedrohung für das Leben der russischen Militärs Gegenmaßnahmen sowohl gegen Raketen als auch gegen deren Träger treffen werden. Das wurde wohl zum Faktor, der Trump zum Verzicht auf Eskalation und Plan B bewegte.

    Doch in dieser Kapitulation gibt es nicht nur das Verdienst russischer Militärs, sondern auch der ganzen russischen Gesellschaft, die anschaulich ihre Bereitschaft zeigte, den Präsidenten und die Armee beim Schutz und der Förderung der russischen nationalen Interessen bis zum Ende zu unterstützen. Würde es keine solche Unterstützung geben, könnten die Amerikaner wohl riskieren. In der Hoffnung, dass Syrien für das heutige Russland eine ebensolche Katastrophe wird, wie die Intervention in Afghanistan für die Sowjetunion.

    USS Porter im Mittelmeer (Archiv)
    © AP Photo / Mass Communication Specialist 3rd Class Ford Williams/U.S. Navy
    Um die ganze Bedeutung des syrischen Erfolges zu verstehen, muss man die Situation von der Seite betrachten. Seit vielen Jahren ist eines der Hauptthemen, die von chinesischen Russland-Experten besprochen werden, das Thema des Verfalls und Zusammenbruchs der Sowjetunion. Zu diesem Thema wurden in China hunderte Artikel, Bücher, Berichte und andere wissenschaftliche Artikel geschrieben. Chinesen analysierten die Fehler, die von der Sowjetunion bei der Operation in Afghanistan gemacht wurden, besonders aus der Sicht von Wirtschaft, Diplomatie und Propaganda. Wir waren ein anschauliches negatives Beispiel. Jetzt berichten US-Medien erschrocken darüber, dass chinesische Experten die positiven Erfahrungen des russischen Eingreifens in Syrien analysieren. In einer Studie der chinesischen Akademie für Gesellschaftswissenschaften heißt es, dass die russische Operation einen bedeutenden Nutzen gebracht und Russland ermöglicht habe, die Initiative beim Kampf mit dem Westen zu übernehmen und die Hegemonie des Westens in der Region zu brechen. In diesem Kontext befürchten einige US-Experten, dass China beschließt, das russische Herangehen bei der Konfrontation mit den USA nachzuahmen. Zum ersten Mal seit 30 Jahren hat man erneut etwas, was man bei uns lernen kann. Wir kehrten in die höchste Liga der Geopolitik zurück. Und dieser Fakt wird nicht durch die Siegesrelationen Trumps geändert.

    * IS – eine in Russland verbotene Terrororganisation

    ** Die Meinung des Autors muss nicht mit der der Redaktion übereinstimmen.

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    Tags:
    Niederlage, Einsatz, Terrormiliz Daesh, Donald Trump, Ost-Ghuta, Syrien, USA, Russland, China