05:16 22 Juli 2018
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    Offiziere der chinesischen Polizei im internationalen Hafen Qingdao

    Krieg zweier Super-Wirtschaftsmächte: Unser ganzes Welthandelssystem auf dem Spiel

    © REUTERS / Stringer
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    Dmitri Kosyrew
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    Der Krieg der zwei größten Wirtschaftsmächte der Welt – Chinas und der USA – gewinnt an Schärfe. Auf dem Spiel stehen Dutzende oder gar Hunderte Milliarden Dollar jährlich – und möglicherweise das Schicksal des gesamten globalen Wirtschaftssystems, schreibt der Experte Dmitri Kosyrew für Sputnik.

    In dieser Geschichte sind vor allem einzelne Details wichtig. Unter anderem sollte man darauf achten, in welchen Bereichen die beiden Supermächte einander schaden wollen – und warum ausgerechnet in diesen. Kurz und knapp: Sie kämpfen um die technologische Überlegenheit und um Investoren, indem sie permanent die Steuern reduzieren.

    Manche hoffen noch, dass die Strafzölle, die Washington und Peking erst angekündigt haben, auf dem Papier bleiben werden und dass es nur darum geht, wer als erster Angst zeigt und Zugeständnisse akzeptiert. Aber die Aktienmärkte, besonders in Amerika, machen sich keine Hoffnungen: Die Geschäftskreise machen sich auf ein schlimmeres Szenario gefasst.

    Zunächst kam die „Aufwärmphase“ (die aber auch Milliarden Dollar kostete): Die USA erhöhten die Importzölle auf Stahl und Aluminium aus China, und die Volksrepublik wehrte sich gegen Schweinefleisch und andere Produkte aus Amerika. Und dann wurden zwei Listen veröffentlicht, und alles wurde auf einmal sehr ernst: Jetzt kommen neue US-Importzölle auf chinesische Waren im Wert von über 60 Milliarden Dollar. Die chinesischen Importzölle auf US-Produkte belaufen sich auf eine vergleichbare Summe.

    Bei der Bestimmung der Produkte, die die Seiten auf dem eigenen Markt nicht sehen wollen, verfolgten sie ihre eigene Logik.

    Washington kämpft quasi gegen das Programm „Made in China 2025“, das Peking 2015 verkündet hatte. Dabei geht es um die Prioritäten der nationalen Wirtschaftsentwicklung, konkret um Bereiche wie Informatik, Maschinen- bzw. Roboterbau, Luft- und Raumfahrt, Schiff- und Automobilbau, Produktion von neuen Stoffen, Biotechnologien usw. 

    All diese Branchen betrachtet man in Washington als Gefahr für seine Interessen.

    „China sagt der ganzen Welt arrogant: Wir werden in jeder neuen Branche der Zukunft dominieren, und deshalb haben eure Wirtschaften keine Zukunft“, sagte der Handelsberater des Weißen Hauses, Peter Navarro, dazu. Ganz offen und ehrlich.

    Deshalb behalten sich die Amerikaner das Recht vor, gegen chinesische Hightech-Produkte zu kämpfen und dabei auf alle möglichen Mittel zurückzugreifen, auch wenn diese den internationalen Handelsregeln widersprechen. Peking erwidert diese Schläge nach dem Prinzip „sofort wehtun“ – vorerst lässt sich nicht absehen, dass es Pläne hätte, der US-Wirtschaft langfristig zu schaden. Aber schmerzhaft wird das für die Amerikaner jedenfalls sein, und vor allem für ihre Agrarproduzenten und Automobilbauer aus den Bundesstaaten, die bei der Präsidentschaftswahl 2016 großenteils ausgerechnet für Donald Trump gestimmt hatten.

    Gleichzeitig erstellt man im Reich der Mitte Listen von Ländern und Unternehmen, die die aktuelle Nische der Amerikaner auf dem chinesischen Markt einnehmen könnten. Solche Länder gibt es viele, und eines von ihnen ist Russland, das in den vergangenen drei, vier Jahren seinen Lebensmittelexport nach China ohnehin wesentlich ausgebaut hat.

    Also sind die Perspektiven des amerikanisch-chinesischen Handelskriegs vorerst nicht ganz klar, aber er könnte zu einer globalen Umverteilung der Absatzmärkte führen.

    Des Weiteren sind Steuern an der Reihe. Diese Geschichte ist nicht so auffallend wie die um die Zölle. Aber sie zeugt ebenfalls davon, dass es bei dem US-Druck auf China um keine Improvisation geht, sondern um eine gut bedachte Politik, die nicht nur die bilateralen Beziehungen der zwei größten Wirtschaften der Welt betrifft. Die Steuern machen einen anderen Aspekt des US-Kampfes um die globale Führung aus – genauso wie die Aktion „China die Schlinge zuziehen“.

    Die US-amerikanische Online-Zeitung „Daily Signal“ führte unlängst an, dass die US-Geschäftskreise vor Trumps Amtsantritt Steuern in Höhe von nahezu 39 Prozent gezahlt hatten, wobei die globale Durchschnittszahl bei 23 Prozent liegen soll. Und Trumps Reformen sehen vor, dass die Steuern auf etwas weniger als 25 Prozent gesenkt werden, was weniger als beispielsweise in Deutschland oder Mexiko wäre. Daraus kann man durchaus schließen, dass die US-Unternehmen noch konkurrenzfähiger werden.

    In China liegen die Steuern ebenfalls bei 25 Prozent – also gleichen die Amerikaner ihre Steuern den chinesischen an. Aber Chinas Premier Li Keqiang erklärte seinerseits neulich im Parlament, dass in diesem Jahr die Steuern um insgesamt 126 Milliarden Dollar reduziert werden sollten. Also ist auch auf diesem Gebiet ein verbissener Kampf zwischen den Amerikanern und Chinesen zu sehen.

    In dem erwähnten Beitrag teilte „Daily Signal“ mit Stolz mit: Dank der Steuerinitiative von Präsident Trump werde der Konzern Fiat-Chrysler seine Fahrzeuge wieder in Detroit bauen, bis zu einer Milliarde Dollar in Michigan („Trumps“ Bundesstaat) investieren und 2500 Arbeitsplätze schaffen. Das dürfte aber eine Lappalie im Vergleich zu den Absichten des Computerriesen Apple sein (Investitionen von 360 Milliarden Dollar und 20.000 Arbeitsplätze im Laufe von fünf Jahren). Diese Zahlen erscheinen kaum glaubwürdig, aber der Umfang der Aktivitäten ist im Allgemeinen klar.

    Der Handelskrieg gegen China hat eigentlich noch das Ziel, Investoren (insbesondere amerikanische) davon zu überzeugen, ihre Gelder aus dem Reich der Mitte zu ziehen. Die Ergebnisse des „Steuer-Wettbewerbs“ sollten dieselben wie die des Handelskriegs werden: Amerika würde seine Führungsrolle in der Weltwirtschaft zurückgewinnen, die jetzt China spielt.

    Und jetzt zu den Schlussfolgerungen. Da gibt es mehrere: Erstens ist das nicht nur ein Krieg zwischen Washington und Peking – die USA wollen auch andere Konkurrenten wie Deutschland eindämmen. Zweitens ist mit der Importbeschränkung ein politischer Moment verbunden: Die Importzölle für Metalle führen die Amerikaner zwar für alle ein, aber ihre Verbündeten dürften mit gewissen „Ausnahmen“ rechnen. Das erinnert an Washingtons Versuch, den Europäern das teurere US-Flüssiggas statt des günstigen russischen Erdgases aufzuzwingen – dabei geht es gleichermaßen um Politik und Wirtschaft.

    Und drittens lässt sich durchaus feststellen, dass es inzwischen keine Regeln (beispielsweise WTO-Regeln) mehr gibt. Denn bei diesen Regeln ist bzw. war China der Profiteur, und die Amerikaner lassen sich das nicht gefallen.

    Letztendlich lässt sich vermuten, dass in diesen „Schlagabtausch“ die ganze Welt sukzessive verwickelt wird. Es werden diverse – manchmal sehr überraschende – Bündnisse entstehen, und es steht noch in den Sternen, wer dann gewinnen wird. Aber leiden werden offenbar alle – das steht so gut wie fest. Allerdings könnten unter solchen Umständen auch spontane Möglichkeiten entstehen, unter anderem für Russland, das bekanntlich zu den führenden Wirtschaften der Welt gehört.

    * Die Meinung des Autors muss nicht mit dem Standpunkt der Redaktion übereinstimmen.

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    Tags:
    Beschränkungen, Aluminium, Zölle, Stahl, Handelskrieg, Metall, Metallindustrie, Stahlindustrie, Import, WTO, Donald Trump, USA, China
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