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    Die Satelliten-Sendeantenne des MDR (Archivbild)

    Worüber man nicht spricht – „Neger“-Skandal beim MDR

    CC BY-SA 3.0 / Tilo Mittelstraß / Die Satelliten-Sendeantenne des MDR in Leipzig im Jahre 2005
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    Ilona Pfeffer
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    Politisch korrekt sein, nicht anecken und aus Versehen jemanden beleidigen – in unseren sprachlichen Äußerungen haben wir es uns zur Gewohnheit gemacht, das Minenfeld der potentiellen Fettnäpfchen gekonnt zu umschiffen. Doch was ist political correctness heute? Ein Skandal um den MDR Sachsen wirft neue Fragen auf.

    „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger!“ – mit dieser Grußformel, die Bundespräsident Heinrich Lübke 1962 bei seinem Staatsbesuch in Liberia verwendet haben soll, hat er sich ins Kollektivgedächtnis der Deutschen eingebrannt als jemand, der im Umgang mit anderen, ihm fremden Kulturen kein Fettnäpfchen ausließ. Vermutlich wollte Lübke, wenn er es denn tatsächlich so formuliert hatte, damit seine afrikanischen Gastgeber nicht düpieren, sondern, im Gegenteil, ihnen mit der extra Erwähnung Respekt zollen.

    Liest man Archivmaterialien zu dem damaligen Afrika-Besuch Lübkes, der als erster bundesdeutscher Präsident den Kontinent bereiste, so scheint die kolonial geprägte Formulierung damals, Anfang der 60er Jahre, noch durchaus salonfähig gewesen zu sein. So schreibt der Spiegel in seinem Artikel vom 17.01.1962 vom „Neger-Freund Lübke“ und von „Worten der Verbundenheit zwischen Negern und Deutschen“.

    Heute, über ein halbes Jahrhundert später, sieht die sprachliche Realität in Deutschland anders aus. „Darf man heute noch ‚Neger‘ sagen?“ wollte der MDR Sachsen auf Twitter wissen. Was als provokanter Teaser für eine für Dienstag geplante Diskussionsrunde über political correctness dienen sollte, ging mächtig nach hinten los. Ursprünglich sollten die ehemalige AfD-Politikerin Frauke Petry, Autor und ZDF-Mann Peter Hahne, Linken-Politikerin Kerstin Köditz und Soziologe Robert Feustel die prominente Runde im MDR besetzen. Doch nach der Ankündigung durch den MDR Sachsen folgte ein regelrechter Shitstorm, und Köditz und Feustel zogen in einer gemeinsamen Erklärung, ebenfalls über Twitter, ihre Teilnahme zurück. „Das Thema wurde bei einer kurzfristigen Sendungsankündigung mittlerweile in eine Richtung gedreht, die vollends indiskutabel ist“, teilten sie mit, und fragten, „warum keine Menschen eingeladen wurden, die selbst von Rassismus betroffen sind“.

    Dem MDR blieb nichts anderes übrig als die Sendung zu canceln und sich öffentlich für die „rhetorisch gemeinte Einstiegsfrage“ des Tweets zu entschuldigen. „Wir haben mit der Überspitzung die Gefühle vieler verletzt.“

    Konsequent und richtig so? Oder rückgratloser vorauseilender Gehorsam? Im Kern geht es hier nicht um die Frage, ob man heute noch genauso unbedarft „Neger“ sagen darf wie in den 60er Jahren. Seit den 70er Jahren finden sich in deutschen Wörterbüchern Hinweise darauf, dass der Begriff eine diskriminierende Konnotation hat. Und in der aktuellen Online-Ausgabe des Duden steht (seit 2013) unmissverständlich: „Die Bezeichnung Neger gilt im öffentlichen Sprachgebrauch als stark diskriminierend und wird deshalb meist vermieden. Als alternative Bezeichnungen fungieren Farbige(r) sowie Schwarze(r). […] In Deutschland lebende Menschen dunkler Hautfarbe haben die Ausweichbezeichnung Afrodeutsche(r) vorgeschlagen. Dies setzt sich immer mehr durch.“

    Worum es eigentlich wirklich geht, ist die Frage: Darf über unser Verständnis von political correctness diskutiert werden? Ist es für uns denkbar und auch öffentlich zulässig, verschiedene Ansichten darüber zu vertreten, was sprachlich geht und was nicht? Können wir den Gedanken zulassen, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft (Alter, Geschlecht, gesellschaftliche Schicht oder ethnische Zugehörigkeit betreffend) unterschiedliche Konzepte dessen haben, was diskriminierend und was politisch korrekt ist? Dass der gesellschaftliche Konsens sich innerhalb relativ kurzer Zeit wandeln kann, belegt nicht zuletzt das Beispiel Lübkes.

    In einem Artikel im Tagesspiegel (17.01.2017) fragt der Heidelberger Linguist Prof. Dr. Ekkehard Felder zu Recht, warum wir neuerdings politisch korrekt „Geflüchtete“ statt „Flüchtlinge“ sagen: „Weitaus komplexer ist es, wenn behauptet wird, dass das Wort Flüchtling (im Gegensatz zu Geflüchtete) durch seine Nachsilbe (Suffix) —ling Menschen herabwürdige, weil der Wortbaustein —ling auf Grund seines Vorkommens in Wörtern wie Häftling oder Sträfling negative Assoziationen hervorrufe. Darf ich nun ein Neugeborenes nicht mehr Säugling nennen und im Frühling nicht zu meinem Liebling? Wer bestimmt über das Assoziationspotential des —ling-Suffixes?”

    Genauso trefflich lässt sich über gendergerechte Sprache streiten. Als selbstbewusste moderne Frau sage ich: Um mich miteinbezogen zu fühlen, brauche ich keine Extra-Nennung, keine Binnen-„I“s, keine bemühten Konstruktionen a la „Studierende“. Das heißt nicht, dass andere Frauen nicht genauso Recht damit haben, dass sie sich ohne diese Begriffe diskriminiert fühlen. Aber darüber muss man eben streiten können!

    Ob Frauke Petry eine gute Kandidatin in einer Debatte über politisch korrekte Sprache gewesen wäre, sei dahingestellt. Und ob eine Diskussion über das Wort „Neger“ wertvolle neue Erkenntnisse gebracht hätte, ist auch fraglich. Was wir aber definitiv brauchen, ist die ständige Auseinandersetzung über unsere Werte und unsere Sprache. Wenn wir nicht wollen, dass Teile unserer Gesellschaft diskriminiert, beschimpft und ins Abseits gedrängt werden, müssen wir uns öffentlich damit auseinandersetzen und unsere Werte täglich neu auf den Prüfstand stellen. Es ist bedauerlich, dass der MDR sich der öffentlichen Entrüstung gebeugt hat.

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    Tags:
    Fernsehen, TV-Sender, Rassismus, Diskussion, Neger, Twitter, Partei Alternative für Deutschland (AfD), ZDF, MDR, Peter Hahne, Deutschland