06:44 21 September 2018
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    Kruzifixe bald auch an Pissoirs? Öffentliche Toiletten im Fadenkreuz des Glaubens

    CC BY 3.0 / T.Voekler / Pissoir auf dem Hauptbahnhof Leipzig in den frühen 1990er Jahren
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    Wladimir W. Wahnowitz
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    Noch hängen kaum Kruzifixe in bayerischen Behörden, da kommt schon der nächste Vorschlag in die Debatte: Kreuze sollen jetzt auch in öffentlichen Toiletten prangen. Sie sollen nur der Konzentration dienen und nichts mit religiösen Symbolen zu tun haben. Reinigungskräfte sind begeistert, die Kirche zeigt sich etwas skeptisch. (Glosse)

    Die deutsche öffentliche Toilette stinkt zum Himmel. Verstopfte Klos mit verdächtig braungesprenkelten Brillen, Urzeit-Schichten aus Urinstein an Kacheln um die Urinale und schimmernde Lachen darunter. Argwöhnische Blicke nach links und nach rechts, Gliedvergleiche und die quälende Bitte, dass der Strahl endlich kommen möge. Wogegen man machtlos ist, darüber schweigt man. Oder?

    „Es kam einfach nichts“: Ein Minister packt aus

    Nicht so ein bayerischer Minister, der diese Zustände am eigenen Leib erfahren musste. „Was soll ich sagen? Ich war dort“, schreibt er in einem öffentlichen Statement, „und es stinkt wie Hölle“. Er stand in der Reihe, einer von vielen, mit Blick auf das monotone Weiß des Pissoirs. Männer kamen und gingen, er aber stand und staunte: „Es kam einfach nichts.“

    Er habe sich „einfach nicht zuhause gefühlt“, bemängelt der Politiker. Nichts habe den suchenden Blick auf sich gezogen, nichts von der Peinlichkeit der ganzen Angelegenheit erlöst. Da kam die Erleuchtung über ihn: Schnell packte er das mitgeführte kleine Goldkruzifix aus seiner Krokodilledertasche und befestigte es „notdürftig“ im Pissoir. Ein konzentriert-andächtiger Blick, und plötzlich lief alles wie von Geisterhand.

    „Hat nichts mit Religion zu tun“

    So wie dem Minister gehe es Millionen Männern in Deutschland. Sie suchen und finden nichts, was sie ihre Lage für Augenblicke vergessen lässt. Deswegen hat das Kabinett beschlossen, dass bis zum 22. September (Beginn des Oktoberfestes, Anm. d. Red.) alle öffentlichen Toiletten über solche Kreuze verfügen sollen – „natürlich nicht aus Gold“, wie der Minister lachend hervorhebt.

    Dabei darf man die Kreuze – die vorher von eingelernten Aushilfsbischöfen geweiht werden – nicht etwa mit religiösen Symbolen verwechseln. Sie sind lediglich Mittel zum Zweck einer gesteigerten Konzentration. Von der mancherorts aufgeklebten Fliege hält der erfahrene Staatsmann dagegen nichts: „Wir sind ja keine Philister!“, sagt er.

    Begeisterte Putzfrau: „Ein Zeichen für mehr Hygiene“

    „Gott ist mir schnuppe“, bekennt die Reinigungskraft Silke Wusching freimütig. „Aber wer einmal da drin sauber machen musste, weiß, was für Zustände dort herrschen.“ Die fokussierende Wirkung der angebrachten Kreuze kann sie bestätigen: „Die Menschen werden ruhiger und irgendwie gesitteter. Zum Jux die Wand vollmachen ist da nicht mehr“, schildert sie den wundersamen Wandel der Klobesucher. Und das Beste: „Viele drehen beim Anblick des Kreuzes einfach um. Das bedeutet natürlich noch weniger Arbeit.“ Das Kreuz ist für sie „ein Zeichen für mehr Hygiene, für eine bewusstere Toiletten-Kultur“.

    Auch der Stupidologe Eckard Schwantzmesser steht dieser Entwicklung positiv gegenüber: „Das Kreuz sind im Grunde nur zwei Linien, die sich in einem Punkt schneiden. Was ist daran bitteschön Religion?“, fragt er. „Schließlich setzen wir auch bei Wahlen unser Kreuz auf den Zettel, aber niemand denkt deswegen gleich an den Heiland.“

    Kirche skeptisch: „Hoffentlich nicht nur zum Pissen gedacht“

    Die Kirche steht der neuen Idee allerdings gespalten gegenüber. „Grundsätzlich finden wir es natürlich schön, dass das Kreuz wieder auf dem Vormarsch ist“, antwortet etwa Erzbischof Reinhard Knabenhold vom Bistum Unterhosingen. „Und eine intimere Beziehung zu Gott oder seinen Vertretern ist auch ein Schritt in die richtige Richtung. Aber“, fügt er schwer atmend hinzu, „wir hoffen inständig, dass hier das Kreuz nicht missbraucht wird, nur damit die Herren besser pissen können.“

    Muslim-Verbände empört: „Wo bleiben unsere Symbole?“

    Doch der progressive Kloreform-Minister bleibt nicht auf halbem Wege stehen. Auch für das Klo hat er eine Idee: Kleine Stoffkuppeln könnten dafür sorgen, dass das Wasser nicht mehr zurückspritzt, erklärt er mit leuchtenden Augen. Er betont aber sogleich, dass diese Vorrichtungen nicht mit Kippas verwechselt werden sollten. Zwar stehle er sie nächtlich aus Synagogen. Danach jedoch seien sie selbstverständlich jeder religiösen Bedeutung beraubt.

    Auf Unverständnis stößt er dabei bei den Muslimen in Deutschland: „Auf Kreuze pissen, auf Kippas scheißen, aber auf uns pfeifen – das ist mal wieder typisch!“, kritisiert Ahmed Radsch-Müller den Vorstoß und fordert, dass wenigstens die Klorollen von einer Hand der Fatima gehalten werden könnten.

    Beim Urinal-Minister stößt er damit jedoch auf taube Ohren: „Religion ist Privatsache“, antwortet dieser unnachgiebig, wäscht sich die Hände mit Weihwasser und wankt zurück zur Bierbank.

    * Die Meinung des Autors muss nicht mit dem Standpunkt der Redaktion übereinstimmen.

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    Tags:
    Debatte, Kruzifix, Bischof, Toilette, Christen, Kreuz, Religionsfreiheit, Muslime, Meinungsfreiheit, Juden, Religion, Islam, Oktoberfest, Bayern