11:20 25 September 2018
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    Europäische Medien: Russland ist die letzte Hoffnung des Westens

    Europäische Medien: Russland ist die letzte Hoffnung des Westens

    © REUTERS / David W. Cerny
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    Viktor Murachowski
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    Selbst in Übersee scheint man einzusehen, dass die Hegemonie der USA so gut wie vorbei ist – allerdings verstehen das noch nicht alle.

    Die Zeitung „Washington Post“ schreibt beispielsweise: „Es wird noch einige Zeit dauern, bis Europa die US-Sanktionen gegen den Iran umgehen wird. Es wird noch einige Zeit dauern, bis arabische Länder verstehen, dass sie sich nicht von den USA beraten lassen müssen, bevor sie in einen neuen Krieg ziehen. Es wird noch einige Zeit dauern, bis die US-Wirtschaftspolitik so erratisch wird, dass andere Länder auf den Dollar als Reservewährung verzichten … Aber früher oder später wird dieser Augenblick kommen.“

    Die Autorin des Beitrags, die „Veteranin“ des Informationskriegs und Pulitzer-Preisträgerin Anne Applebaum, stellte fest, dass die globale Hegemonie der Vereinigten Staaten im historischen Maßstab relativ kurz gewesen sei: Sie habe nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 begonnen und ihren Höhepunkt 2001 erreicht. Dann aber, unter Präsident George Bush Jr. und auch Barack Obama, sei es nur noch abwärts gegangen. Warum das so passiert ist? Weil die Amerikaner in ihre globale Herrschaft „viel zu wenig investiert“ haben. Sie hätten nicht oft genug in anderen Ländern interveniert, haben ihre Anhänger in verschiedenen Ländern mangelhaft unterstützt und zu wenig in die Verwaltung Europas investiert.

    Und Trump habe mit seiner Absicht, „die Hegemonie (der USA) preisgünstig wiederherzustellen“, diesen Prozess nur noch beschleunigt, so die Autorin. Immerhin sei er nicht derjenige gewesen, der diesen Prozess eingeleitet habe – dieser habe schon viel früher begonnen.

    Und jetzt sind die Beweise dafür, dass Washington seine Herrschaft verliert, zutage gekommen. In Europa lässt sich das besonders spüren. Nach dem Ausstieg der Amerikaner aus dem Iran-Deal verlangte der US-Botschafter in Deutschland per Twitter: „Alle deutschen Unternehmen sollten ihre Aktivitäten im Iran unverzüglich einstellen.“ Aber Deutschland und ganz Europa diskutieren auf einmal, wie sie die den Befehl ignorieren könnten. Und einfache Bundesbürger schreiben im Internet Kommentare, die alles andere als schmeichelhaft für den US-Botschafter sind.

    Selbst das „Spiegel“-Magazin, das einst von den britischen Besatzungskräften gegründet wurde und jetzt zu den am meisten proamerikanischen deutschen Medien gehört und jetzt versucht, zwischen zwei Stühlen zu sitzen, warnte jüngst, dass Europa Washington lieber nicht provozieren sollte. Es könnte allerdings dem Iran zeigen, dass es daran interessiert sei, dass der Atom-Deal weiter in Kraft bleibe, und kleinere Unternehmen, die keine US-Kunden haben, zu Geschäften mit dem Iran inspirieren. Es sei wichtig, eine vernünftige Balance zwischen der Konsequenz und dem Taktgefühl zu finden, denn ein Sieg des Antiamerikanismus wäre genauso gefährlich wie eine Kapitulation. Aber selbst die „Spiegel“-Redaktion räumte ein, dass es den Westen aktuell nicht mehr gebe, solange Trump US-Präsident bleibe.

    Doch selbst in Amerika ist man sich nicht sicher, ob die Einheit des Westens nach Trumps Weggang wieder „zusammengenäht“ werden könnte, und zwar eben deswegen, weil Trump nicht derjenige war, der den Zerfall der westlichen Welt ausgelöst hat. Die bereits erwähnte „Washington Post“ hatte schon 2015, also noch vor dem Präsidentschaftswahlsieg Trumps, über die Notwendigkeit der „Nato-Stärkung“ und der „Investitionen in die US-Hegemonie“ (ja, ein und dieselbe Erscheinung wird in den US-Medien als „Hegemonie“ und in den europäischen Medien als „westliche Einheit“ bezeichnet) geschrieben.

    Und inzwischen ist die Frage so akut wie wohl nie zuvor: Was könnte jetzt das westliche Bündnis retten? Und die einzige Antwort, die bisher darauf gegeben wurde, lautet: Russland.

    Das sagte beispielsweise am vergangenen Freitag in einem Interview für den polnischen Sender TVN24 General Ben Hodges, der bis zuletzt Kommandeur der US-Truppen in Europa gewesen war und inzwischen das US-amerikanische Center for European Policy Analysis leitet. Er erwiderte dies auf die Frage des Moderators, worauf sich das westliche Bündnis stützen könnte: „Russland bleibt die einzige Großmacht, die die USA und ihre Verbündeten vernichten könnte, und damit die Gefahr Nummer eins. Jedenfalls traue ich den Russen nicht, und zwar nicht nur wegen ihrer aggressiven Politik und Undurchsichtigkeit, sondern auch angesichts der Geschichte Russlands. Es verstieß gegen alle Verträge, die es irgendwann unterzeichnet hatte.“

    Es gibt aber einen interessanten Aspekt: „Aggressives Russland“ ist ein Begriff, den es nur im „amerikanischen“ Weltmodell gibt. Das „aggressive Russland“ hat dabei ganz klare Funktionen: vor allem um die europäischen Zahlungen an die USA und die Einrichtung von neuen US-Militärstützpunkten in Europa  zu rechtfertigen.

    Dabei hatte es bis zuletzt gleichzeitig mit diesem „ausgedachten“ Russland auch die Vorstellung vom realen Russland gegeben, das stark ist, aber auch viele eigene Probleme hat, und das mit Europa handeln, aber keineswegs gegen Europa kämpfen will.

    Dieses parallele Bestehen von zwei Russland-„Versionen“ hat im Westen zu einer merkwürdigen Schizophrenie geführt: Die Europäer nahmen zwar regelmäßig an verschiedenen „Festspielen“ unter dem Motto „Wir müssen der russischen Gefahr widerstehen“ teil, bauten aber gleichzeitig von Jahr zu Jahr ihre Wirtschaftskooperation mit Russland aus. Und wer diesen politischen Russlandhass viel zu ernst nahm, ist als „Mega-Verlierer“ in die Geschichte eingegangen. Vor allem gilt das für zwei Länder: Zunächst lehnte Bulgarien das von Russland initiierte Pipeline-Projekt South Stream ab und verzichtete dadurch auf rund 400 Millionen Dollar pro Jahr (später wurde klar, dass dieses Geld jetzt die Türkei und Deutschland verdienen werden). Und dann zeichnete sich der französische Ex-Präsident Francois Hollande aus, der den Vertrag mit Russland zum Bau von zwei Hubschrauberträgern des Typs „Mistral“ außer Kraft setzte. Fazit: Russland bekam damals ausführliche Informationen über die französischen Hubschrauberträger, eine Milliarde Euro Abfindung und eine weitere Milliarde Euro von Ägypten, dem neuen Besitzer der beiden Schiffe. Und Frankreich musste logischerweise finanzielle Verluste und Imageschäden hinnehmen.

    Aber jetzt ist die Situation anders: Die Amerikaner verlangen inzwischen, dass ganz Europa die damalige Rolle Bulgariens und Hollandes spielt. Vor dem Hintergrund der antieuropäischen Sanktionen (sie werden zwar nicht als solche bezeichnet, aber das ist im Grunde ihr einziger Unterschied von den antirussischen Restriktionen), der frechen Forderungen amerikanischer Botschafter zur „unverzüglichen Einstellung“ der Wirtschaftskooperation mit anderen Ländern (konkret mit dem Iran), der Aufrufe zum Verzicht auf die Nord-Stream-2-Pipeline sowie zu Zahlungen an Amerika in Milliardenhöhe für den angeblichen „Schutz“ wird die Alte Welt quasi gezwungen, sich das alles gefallen zu lassen, „weil das aggressive Russland eben aggressiv ist – das werft Ihr ihm doch selbst ständig vor“.

    Für die europäischen Politiker ist das ein schwieriger Moment. Denn es ist eine Sache, von der angeblichen „russischen Gefahr“ zu reden, während Amerika alle Kosten übernimmt. Eine ganz andere Sache ist es aber, wenn sich die Amerikaner weigern, die Kosten zu übernehmen, und die Europäer zur Kasse bitten und zudem zur Ergebenheit zwingen.

    Natürlich sollte man nicht erwarten, dass sich die europäischen Eliten, die einst in der Welt der „amerikanischen Hegemonie“ erzogen wurden, so einfach eine neue Weltanschauung ausdenken werden. Nein, sie werden wohl ihre Rhetorik im Sinne der bisherigen Ideologie fortsetzen, aber diese Rhetorik allmählich der Realität anpassen.

    Es werden wohl auch weiter Aufrufe zu hören sein, sich angesichts der „russischen Gefahr“ zusammenzuschließen – und durchzuhalten, bis Trump irgendwann das Weiße Haus verlässt.

    Aber zwischen dem Beginn der „Perestroika“ in der Sowjetunion und dem Zerfall des Warschauer Vertrags war auch nicht bloß ein Tag vergangen. Zunächst hatten die sozialistischen Länder von der Notwendigkeit geredet, einen Sozialismus „mit einem menschlichen Antlitz“ aufzubauen.

    Und jetzt sind schon lange Aufrufe zum Aufbau eines neuen Westens – „mit europäischem Antlitz“ – zu vernehmen.

    *Die Meinung des Autors muss nicht mit der der Redaktion übereinstimmen.

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