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    Indianerkriege in den USA (Archiv)

    Die Welt des Westens und das transatlantische Bündnis: Wer spuckt auf wessen Werte?

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    Raymond Adam
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    „Putin spuckt auf unsere Werte“ – so lautet ein Artikel von Peter Huth in der „Welt am Sonntag“ vom 13. Mai. Darin kommentiert der Autor das – inzwischen aufgehobene – Einreiseverbot für den deutschen „Doping-Experten“ Hajo Seppelt zur bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft in Russland.

    Höchste Zeit, einmal genauer zu schauen, was sich hinter den Floskeln von „westlichen Werten“ und „transatlantischem Bündnis“ verbirgt, die in Deutschland seit nunmehr 73 Jahren durch die Luft geistern und die von Kanzler oder Kanzlerin abwärts immer dann einem deutschen Politiker entfleuchen, wenn er sich in Erklärungsnotstand zu seinem Handeln befindet.

    Die Theorie von der schönen neuen Welt

    Wir schauen über das große Wasser des Atlantiks hinüber Richtung Westen: Was sehen wir? „Amerika! Amerika! Gott heile all deine Makel, bestärke deine Seele in Selbstbeherrschung, deine Freiheit durch Gesetz!“ (Aus der zweiten Strophe des Liedes „America the Beautiful“)

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    Der Begriff der „Westlichen Wertegemeinschaft“ lässt sich in diesem einen einzigen Satz beschreiben:

    „Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören; dass zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingesetzt werden, die ihre rechtmäßige Zustimmung aus der Zustimmung der Regierten herleiten; dass, wann immer eine Regierungsform sich diesen Zwecken abträglich erweist, es Recht des Volkes ist, sie zu ändern oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen und diese auf solche Grundsätze aufzubauen und ihre Gewalten in der Form zu organisieren, wie es ihm zur Gewährleistung seiner Sicherheit und seines Glücks geboten zu sein scheint.“

    Dieses Zitat stammt aus der Verfassung der USA vom 4. Juli 1776, die maßgeblich von Thomas Jefferson verfasst wurde. Dieser hielt auf seinem Anwesen in Monticello, Virginia, 175 Sklaven, denen er genau jene Menschenrechte vorenthielt, die er in seiner Verfassung verankerte.

    Das ist aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammendes Gedankengut, woran die meisten „westlichen“ Politiker heute noch denken, wenn sie weihevoll von „westlichen Werten“ oder der ominösen „westlichen Wertegemeinschaft“ reden – sofern sie diese historischen Hintergründe überhaupt kennen. Dabei ist diese schöne Theorie heute noch so weit von der Wirklichkeit entfernt wie Pluto von der Sonne. Denn keiner der Gründerväter der USA hatte jemals die Absicht, eine Herrschaft des Volkes zu installieren. Bei allem, was sie taten, ging es von Anfang an nur darum, die kleine Minderheit der Wohlhabenden vor der großen Mehrheit der Armen und Besitzlosen zu schützen – mit welchen Mitteln auch immer.

    „Wer weder Eigentum noch die Hoffnung auf seinen Erwerb hat, kann nicht mit dem Recht auf Eigentum sympathisieren“, schrieb der vierte US-Präsident James Madison.

    Aus Furcht vor wachsender Demokratisierung breiter Bevölkerungsschichten konstruierte er die amerikanische Verfassung und das Wahlrecht dergestalt, dass die politische Macht in den USA immer in den Händen der Reichen bleibt – einerlei, welchem Präsidenten und welcher Partei die Wähler ihre Stimme geben.

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    Bis auf zwei sind alle bisherigen Präsidenten der USA miteinander verwandt und stammen von englischen Königen ab. Das Gleiche gilt übrigens auch für mindestens die Hälfte der Mitglieder im Repräsentantenhaus und im Senat: Sie sind alle Cousins des Präsidenten.

    Und so sehen die Bürger Amerikas im Fernsehen Raketen zum Mond fliegen und bejubeln diese immense Verschwendung von Steuergeldern. Sie lassen ihre Kinder in den Krieg ziehen, um eine Freiheit zu verteidigen, die sie selbst nie besessen haben und niemals besitzen dürfen. Die Bürger der Vereinigten Staaten sind desorientiert, manipuliert und werden künstlich dumm gehalten. Dieser Prozess begann bereits bei der Staatsgründung vor 242 Jahren. Und bis heute hat sich daran nichts Wesentliches geändert.

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    Schöne Theorie ist das eine. Aber wie schaut die Praxis aus? Ob alle deutschen Politiker wirklich wissen, welche Werte in den USA gelten und immer gegolten haben? Was macht Kanzlerin Merkel und alle deutschen Kanzler vor ihr zu Leibschüsselträgern einer amerikanischen Politik, die nichts anderes im Sinn hat, als die Welt zu beherrschen?

    1. Massenmord durch Kernwaffen

    Der einzige Staat der Welt, der jemals Atomwaffen in einem Krieg eingesetzt hat, waren die USA. Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima am 6. August 1945 und auf Nagasaki am 9. August 1945 töteten bis Ende 1945 nahezu eine Viertelmillionen Menschen in Japan. In den folgenden Jahrzehnten starben etliche weitere Menschen an den Folgen massiver Strahlenschäden.

    In seiner Rede an das Volk belog US-Präsident Harry Truman die Amerikaner bewusst, indem er die beiden japanischen Städte wider besseres Wissen als Militärbasen bezeichnete. Durch die Atombombenabwürfe kamen in den beiden Großstädten fast nur Zivilisten ums Leben.

    2. Völkermord an den Indianern

    In Nordamerika lebten circa 12 Millionen Indianer, bevor die Weißen das Land besiedelten. Zwischen 1800 und 1900 explodierte die nicht-indianische Bevölkerung auf 75 Millionen Menschen. Die Zahl der indianischen Ureinwohner ging in der gleichen Zeit auf weniger als eine Viertelmillion Menschen zurück. Die meisten Indianerstämme existieren nicht mehr.

    1848 wurde in Kalifornien Gold gefunden. Daraufhin sprach der Gouverneur von Kalifornien von einem notwendigen „Ausrottungskrieg“ gegen die Indianer. Viele Städte setzten Prämien für indianische Köpfe, Ohren und Skalps aus. Weiße Todesschwadronen begingen unzählige regionale Genozide. Zusätzlich schleppten Horden von Goldgräbern und Siedlern Krankheiten wie Pocken, Masern, Typhus, Diphtherie und Grippe ein, unterstützt vom Militär, das auf Geheiß des „großen weißen Vaters in Washington“ pockeninfizierte Wolldecken an die Indianer verteilen ließ. Was hier zum Großteil in staatlichem Auftrag geschah, war nichts anderes als ein gewissenlos geplanter, gewaltiger Genozid.

    3. Rassisch geprägte Sklaverei

    1776, zum Zeitpunkt der Unabhängigkeitserklärung der USA, vegetierten in den Vereinigten Staaten mehr als 460.000 Sklaven, die vielfach nicht anders als Vieh gehalten wurden. Die nördlichen Bundesstaaten schafften die Sklaverei bald ab. Aber in den Südstaaten war die Sklaverei mit der expandierenden Wirtschaft unauflösbar verbunden. Bis 1865 stieg die Anzahl der Sklaven auf weit über vier Millionen Menschen an.

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    Mit der militärischen Niederlage der Südstaaten im Sezessionskrieg wurde die Sklaverei in den USA 1865 offiziell beendet. Der Bedarf an billigen Arbeitskräften bestand aber nach wie vor und ließ sich durch das neu geschaffene „Convict Lease-System“ auffangen, einem einfach gestrickten Modell für Leiharbeiter im Niedrigstlohnbereich. Dadurch blieben die meisten Afroamerikaner bis ins 20. Jahrhundert hinein in einem System staatlich genehmigter Zwangsarbeit gefangen.

    4. Die Annexion von Hawaii

    Am 7. Juli 1898 beschlossen Senat und Repräsentantenhaus der USA die Annexion des Hawaii-Territoriums im Pazifik – aus geopolitischen Gründen. Diese gewaltsame, militärische Besetzung fand ohne Berücksichtigung der Interessen der eingeborenen Bevölkerung Hawaiis statt und dauert bis zum 21. August 1959. Dann, nach mehr als 60 Jahren Besatzung, wurde die Inselgruppe zum 50. Staat der USA – nachdem die Bewohner Hawaiis zu über 90 Prozent aus US-Bürgern bestanden, von denen die meisten in den USA geboren waren.

    5. Die Todesstrafe in den USA

    Sowohl die Verhängung als auch die Vollstreckung der Todesstrafe obliegt in den allermeisten Fällen den Bundesstaaten, da der Bund nur in Fragen der Militärgerichtsbarkeit sowie in wenigen Strafangelegenheiten nach Bundesrecht über strafrechtliche Kompetenzen in den Einzelstaaten verfügt. Aus diesem Grund existieren „Bundesstaaten ohne Todesstrafe“ in den USA de facto nicht.

    Zwischen 1967 und 1976 wurden zwar keine Hinrichtungen vorgenommen, aber nach eigenen Auswertungen der Zahlen von der Seite deathpenaltyusa.org fanden zwischen 1945 und 2017 insgesamt 3.012 Hinrichtungen statt. Das ist ein hingerichteter Mensch alle neun Tage – 72 Jahre lang ohne Unterbrechung: aufgehängt, erschossen, auf dem elektrischen Stuhl qualvoll verbrannt oder durch Chemikalien vergiftet, die von den selben Herstellern stammten, die einst die Gifte zur Ermordung von Millionen Juden in deutschen KZs produziert hatten. America the Beautiful?

    6. Ferngesteuertes Töten

    Seit dem Jahr 2011 ist die amerikanische Flugleitzentrale „Ramstein Air Base“ bei Kaiserslautern Dreh- und Angelpunkt für völkerrechtswidrige Drohneneinsätze der USA in Afrika und dem Nahen Osten. Satellitendaten amerikanischer Drohnen werden auf diesem in Deutschland gelegenen Stützpunkt empfangen und an die steuernden Drohnenpiloten in den USA übertragen, etwa auf die „Holloman Air Force Base“ in New Mexico.

    Zumeist von den USA aus tötet dann ein Militärangehöriger die ausgemachten Verdächtigen per Drohnenangriff. Wenn die Mobilfunknummer eines Verdächtigen bekannt ist, nutzt das US-Militär das Gilgamesh-System, das, an Drohnen montiert, ähnlich wie ein mobiler Handymast funktioniert. Es kann alle Mobiltelefone in seiner Umgebung bis auf einen Meter genau orten.

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    Mit Generalvollmacht der deutschen Bundesregierung gibt der BND, die Spionageabwehr der BRD, Handynummern an seine Kameraden vom US-Geheimdienst weiter, wobei die deutsche Regierung bisher die sonderbare Auffassung vertritt, mit dieser Technik wäre die gezielte Tötung eines Menschen nicht möglich.

    Kein Ende

    Es gäbe noch viel mehr darüber zu sagen, was alles im Paket der „westlichen Werte“ enthalten ist: das grauenhaft schlechte amerikanische Schul-, Ausbildungs- und Hochschulsystem für das Volk; die sozialen Folgen des ungesteuerten, amerikanischen Kapitalismus; die brutalen imperialistischen Bestrebungen der USA und vieles mehr. Ich höre bewusst an dieser Stelle auf, sonst wird mein Artikel nie fertig.

    Auf jeden Fall stellt ein Wert nur einen Wert dar, wenn er für alle Menschen gleichermaßen wertvoll ist. In diesem Sinne und zum Schluss zurück zum Anfang und Peter Huths Artikel. „Putin spuckt auf unsere Werte“, heißt es dort. Recht so – ich schließe mich ihm an.

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    Tags:
    Werte, Ramstein, Massaker, Atomwaffen, Kernwaffen, Krieg, Krise, Indianer, Zweiter Weltkrieg, Harry Truman, Hawaii, Westen, Russland, USA, Deutschland
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