12:44 21 Juni 2018
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    Vorbereitung zur Fußball-Weltmeisterschaft in Moskau

    Wenn „Anne Will“ will, aber nicht kann: Bizarre Diskussion über Fußball-WM

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    Andreas Peter
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    „Putins WM – Die Welt zu Gast bei Ex-Freunden?“, so der Titel der ARD-Sendung „Anne Will“ vom Sonntag. Nicht nur die Formulierung des Themas, auch die Auswahl der Gäste ist einmal mehr Anlass, an der selbstpostulierten Objektivität des wichtigsten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanbieters zu zweifeln. Ein Kommentar.

    So richtig klar ist immer noch nicht, ob eine echte journalistische Redaktion die Fäden bei der letzten „Anne Will“-Sendung in der Hand hatte oder eine Art morbide Wette am Laufen war, die auf eine gewisse kreative Anarchie setzte. Dass zu einer Sendung, die das heutige Russland behandelt, gern auch mal kein Vertreter dieses Landes eingeladen wird, war schon fast vorhersehbar. Auch der Titel der Sendung „Putins WM – Die Welt zu Gast bei Ex-Freunden?“ ist ein Beispiel für die vorurteilsfreie, objektive Berichterstattung über Russland, wie sie von der ARD sattsam bekannt ist und auf die sie so stolz ist, dass sie gern andere über Qualitätsjournalismus belehrt.

    „Das ist nicht Putins WM!“

    Vielleicht war es aber auch einfach nur eine Sendung, in der gelangweilte Redakteure austesten wollten, wie eine Gesprächsrunde endet, zu der mehrheitlich Gäste eingeladen werden, die bei allem gebührenden Respekt höchstens wissen, dass ein Fußball mit Luft gefüllt wird, ansonsten aber nichts weiter zum Thema beizutragen haben. Es wäre dennoch extrem unsportlich, den Auftritt von Ex-Nationalspieler Arne Friedrich nicht als bemerkenswert zu bezeichnen. Er war es ganz einfach. Nach seinem Einwurf: „Das ist nicht Putins WM, sondern die WM von uns Menschen!“, hätte die Sendung eigentlich schließen können. Doch Friedrich hoffte noch auf etwas, was sicherlich auch viele Zuschauerinnen und Zuschauer gern erlebt hätten: Ein paar ernste Worte zur gesellschaftspolitischen Verantwortung von Sport im Allgemeinen und dem Massensport Fußball im Besonderen.

    Was 1978 so alles ging …

    Dabei wäre ein interessanter Gesprächspartner auch ein Veteran wie Paul Breitner gewesen, der 1978 seinen Spielerkollegen auf den Weg nach Argentinien die Bitte mitgab, Militärjunta-Chef Jorge Videla den Handschlag zu verweigern, sollte es die Mannschaft ins Endspiel schaffen, um den Millionen Fans nicht die Freude an diesem Sport zu vermiesen, aber auch, um ein Zeichen zu setzen. Ob die Redaktion nicht wenigstens versucht hat, Paul Breitner oder einen anderen der noch lebenden Spieler von 1978 einzuladen, bleibt ihr Geheimnis.

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    Vielleicht war da auch die Angst, dass im Zweifel vor einem Millionenpublikum weniger über Putin und Russland geredet worden wäre. Vielleicht wäre stattdessen noch einmal zur Sprache gekommen, dass seinerzeit die deutsche Mannschaft Besuch von einem gewissen Hans-Ulrich Rudel erhielt. Der ehemalige Offizier der Nazi-Luftwaffe nutzte den Fluchthelferdienst für Nazi-Kriegsverbrecher, die sogenannte Rattenlinie, um 1948 mit gefälschten Papieren als „Emilio Meier“ nach Argentinien zu fliehen. Dort gründete er ein Netzwerk für andere Alt-Nazis und sorgte mit dafür, dass der Massenmörder von Auschwitz, Josef Mengele, sich seiner gerechten Bestrafung entziehen konnte.

    Vielleicht wäre vor einem Millionen-Publikum noch einmal daran erinnert worden, dass der seinerzeitige DFB-Präsident Hermann Neuberger den Besuch Rudels im deutschen Mannschaftsquartier in Ascochinga allen Ernstes und wortwörtlich mit den Worten verteidigte, Kritik an diesem Besuch käme „einer Beleidigung aller deutschen Soldaten gleich“. Natürlich hatte diese Entgleisung Neubergers, genauso wie die Einladung eines Alt-Nazis in das deutsche Mannschaftsquartier, keinerlei Folgen.

    Instrumentalisierung der Fußball-WM

    Da ist Russland doch ein viel besseres Thema, an dem man sich abarbeiten kann. Und natürlich durfte Rebecca Harms, die für die Grünen im Europa-Parlament sitzt, mal wieder mit anklagendem Tonfall darüber schwadronieren, Putin würde die WM innenpolitisch instrumentalisieren, ohne dass sie befürchten musste, gefragt zu werden, warum sie wiederum diese WM für ihre politisch motivierten Tiraden gegen Russland nutzt.

    Über die gesellschaftspolitische Rolle des Sportes, über die besondere Bedeutung des Fußballs für Millionen Menschen, über die Frage, ob wenigsten der Sport eine Chance ist, Menschen zu verbinden, statt zu entzweien, wurde nicht mehr geredet. Wozu auch. Offenbar war das gar nicht das Ziel dieser konfusen Sendung. Wer die anfangs erwähnte vermutete Wette in der Redaktion gewonnen hat, ist nicht bekannt.

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    Tags:
    Diskussion, Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland, ARD, Wladimir Putin, Deutschland, Russland
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