07:27 21 Oktober 2018
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    Ein Obdachloser in Warschauer Gegend (Archivbild)

    Einsam sterben: Wie Osteuropa langsam dahinschwindet

    © AFP 2018 / Janek Skarzynski
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    Igor Gaschkow
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    Die ehemaligen Sowjetrepubliken und einstigen Mitgliedsländer des Warschauer Vertrags verlieren allmählich ihre Bevölkerung. Die Geburtenzahl dort hat sich in den vergangenen Jahren halbiert und damit ein kritisch geringes Niveau erreicht.

    Experten zufolge wird die Bevölkerungszahl solcher Länder wie Lettland, Bulgarien und Moldawien bis 2050 um weitere 25 Prozent schrumpfen.

    Besonders krass ist das Beispiel Lettland: Seit der Errungenschaft der Souveränität im Jahr 1991 hat das Land ein Viertel seiner Bevölkerung verloren. Ein großer Teil entfiel dabei auf ethnische Letten, deren Zahl bei ungefähr einer Million liegt. Falls die Zahl der Menschen einer Nationalität unter die Marke von einer Million rutscht, wird das jeweilige Volk als aussterbend anerkannt.

    Einen wichtigen „Beitrag“ zu diesem negativen Trend leistet der Verfall der sozialen Infrastruktur in Lettland: Anstatt das Gesundheitswesen zu fördern, setzt man in Riga auf rechtsliberale Wirtschaftsrezepte – Offenheit für Unternehmer und niedrige Steuern. Nach der Weltwirtschaftskrise 2008 lässt sich in Lettland zwar wieder ein Wirtschaftswachstum beobachten,  aber die Bevölkerungszahl sinkt weiter und weiter.

    Dem russische Politologen Alexander Nossowitsch zufolge, der sich auf die baltischen Länder spezialisiert, haben sich Lettland und teilweise auch Estland mit dem „Aussterben“ ihrer Bevölkerung quasi abgefunden, auch wenn Politiker dies nie offen zugeben.

    „Das kann man feststellen, wenn man ihre Politik analysiert. In Lettland und Estland kämpft man um die Macht, (…) setzt sich natürlich mit Russland auseinander, tut aber nichts dafür, dass die Bevölkerungszahl wieder wächst. Daraus schließe ich: Ja, man hat sich damit abgefunden“, so der Experte.

    In Moldawien ist die Situation keineswegs besser: Das Land zählt 3,5 Millionen Einwohner, wobei aber mehr als eine Million von ihnen Gastarbeiter in anderen Ländern sind. Natürlich bleiben diese Menschen in den jeweiligen Ländern und wollen auch nicht heimkehren.

    „Das ist eine richtige Tragödie“, sagte der Abgeordnete Vlad Batryncha gegenüber RIA Novosti. „Für eine Zukunft braucht das Land humanes Material. Aber es fehlt, und das ist ein riesiges Hindernis auch aus wirtschaftlicher Sicht: Es müssen Investitionen her, aber ohne Menschen sind sie unmöglich.“

    Die politische Klasse ist hinsichtlich ihrer Einstellung gegenüber Russland gespalten. Viele hoffen, dass Moldawien in die EU aufgenommen wird. Aber dann würde die Auswanderung nur weiter an Intensität gewinnen. Und Programme zur Förderung der Bevölkerungszahl hat Chisinau keine.

    Protestaktion in Chisinau (Archivbild)
    © Sputnik / Miroslaw Rotar

    Im Unterschied zu den ehemaligen Sowjetrepubliken geben die ehemaligen sozialistischen Länder die Entvölkerungsgefahr zu, können das Problem aber auch nicht in den Griff bekommen. Eines der typischen Beispiele ist Bulgarien, wo das Entvölkerungstempo eines der höchsten weltweit ist: 1989 hatten dort etwa neun Millionen Menschen gelebt, 2017 aber nur sieben Millionen. Laut Prognosen könnte die Bevölkerungszahl 2050  nur noch etwa 5,5 Millionen betragen.

    Zwar setzt man in Sofia seit den frühen 2000er-Jahren verschiedene Programme zur Ankurbelung des Bevölkerungswachstums um. So dauert beispielsweise der bezahlte Mutterurlaub ganze 32 Wochen. Kinderreiche Familien bekommen Beihilfen. Aber die Menschen ziehen trotzdem weiterhin in die anderen EU-Länder.

    Pawel Kandel vom russischen Europa-Institut stellte angesichts dessen fest, dass weder der religiöse Faktor (die Aufrufe der Orthodoxen Kirche, „sich zu vermehren“) noch der Nationalismus Bulgarien bei der Lösung des Bevölkerungsproblems helfen können. „Die Bulgaren ziehen ins Ausland und bleiben dort. Eine gemischte Familie zu bilden und in einem anderen Land zu bleiben, gilt als großes Glück. Manche Menschen würden zwar gerne heimkehren, aber wann könnte das passieren?“, so der Politologe.

    Im großen EU-Raum ist das Modell des „Nationalstaates“ ins Stocken geraten, und die Länder, die sich für dieses Modell entschieden haben, können ihre Verpflichtungen, die Bevölkerungszahl, die nationale Kultur sowie den eigenen Status in der internationalen Arena aufrechtzuerhalten, nicht erfüllen.

    Die Situation ist nahezu tragikomisch: Die Osteuropäer wollen keine Flüchtlinge aus dem Nahen Osten aufnehmen, sind aber nicht in der Lage, ihre eigenen Einwohner bleiben zu lassen. Das wurde nach dem Ausbruch der Flüchtlingskrise 2015 besonders offensichtlich.

    * Die Meinung des Autors muss nicht mit der der Redaktion übereinstimmen.

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    Tags:
    Auswanderung, Bevölkerung, Bevölkerungsrückgang, Nationalismus, Warschauer Pakt, UdSSR, Sowjetunion, Russland, Estland, Lettland, Moldawien, Bulgarien, Osteuropa